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Getanzt wird, nicht gemalt#

Die Ausstellung im Belvedere zum Wiener Kongress hat Defizite - sie sind themenbedingt.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 20. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Wiener Kongress Redoute. Darstellung von Johann Nepomuk Höchle
Waren die Künstler schuld, dass man sagte: "Der Kongress tanzt"? Redouten, wie auf diesem Bild von Johann Nepomuk Höchle, und andere Festivitäten finden sich jedenfalls eher dargestellt als die politischen Verhandlungen.
© Österreichische Nationalbibliothek

Man muss sich das, auf unsere Zeit übertragen, so vorstellen: Neo Rauch malt Angela Merkel und Werner Faymann beim Gespräch über das weitere Griechenland-Procedere in Brüssel. Oder Hermann Nitsch schüttet die letzten Koalitionsverhandlungen, braucht die rote und schwarze Farbe ganz auf, die grüne immerhin zur Hälfte (und die blaue vertrocknet im Kübel).

Oder doch nicht ganz. Und das ist die Crux an der Ausstellung "Europa in Wien - Der Wiener Kongress 1814/15" im Unteren Belvedere und der Orangerie. Nämlich: Wie soll man etwas breit in Form von Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Grafiken darstellen, zu dem man so wenige Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken hat?

Natürlich - das Porträt Klemens Lothar Wenzel Fürst von Metternichs, um 1815 von Thomas Lawrence gemalt: Entspannt und zufrieden schaut er aus, der Fürst der europäischen Stabilisierungspolitik. Er hat was von einem Kater, dem die Maus eben ausgezeichnet geschmeckt hat. Vielleicht konnte er eben ein paar Quadratmeilen mehr für Österreich ergattern. Aber über den Kongress selbst, über die Verhandlungen, gibt das Bild keine Auskunft. Eine Epoche wird lebendig

Um wie viel lieber hätte man, dass Johann Nepomuk Höchle ein Feilschen zwischen Mecklenburg, Preußen und Frankreich dargestellt hätte als ein Militärfest vom 18. Oktober 1814, oder dass Josef Schütz lieber ein Tauziehen zwischen Vertretern von Russland und Schweden dargestellt hätte mit Mienen, die eher Minen sind und nur auf ein Staubkorn warten, um, von ihm unbotmäßig berührt, in die Luft zu gehen. Der Kongress tanzt, aber er wird nicht gemalt. Zumindest nicht bei den Verhandlungen. Die Maler waren keine Bildreporter, und auch heute werden Fotografen zu zeremoniellen Unterzeichnungen gebeten, kaum je aber zu den Verhandlungen. Gerade darin aber hätte die Chance der Malerei gelegen: In der Vorstellungskraft nämlich, in der Darstellung, wie es hätte sein können, zum Beispiel dieses Gespräch, das Metternich diesen überlegen zufriedenen Ausdruck ins Gesicht zauberte. Legitim wäre es gewesen, schließlich waren die Maler ja auch nicht bei allen Schlachten persönlich zugegen, die sie dargestellt haben.

"Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren", sagt das Sprichwort. Umso höher ist es der Kuratorin Sabine Grabner anzurechnen, wie brillant sie getrickst hat. Gibt es wenige Bilder zum politischen Geschäft des Kongresses direkt, so doch einiges aus dem Umfeld: Porträts der Verhandler etwa, Schlachtenbilder, Siegesmeldungen, Bilder von Festen und Redouten, Landschaftsbilder, einige Schriftstücke, etwa die Schlussakte des Kongresses und Ludwig van Beethovens "Eroica"-Partitur mit der ausgestrichenen Widmung an Napoleon. In 290 Exponaten wird eine Zeit erfahrbar gemacht. Und das im Ausstellungsteil in der Orangerie sogar noch eher, wenn es um die Vergnügungen der Kongressteilnehmer geht.

Die Schau ist ein wohlkalkulierter Anschlag auf die Sinne. Auch Musik, die mit dem Wiener Kongress verbunden ist, kann gehört werden, und einige Dokumente wurden zur akustischen Wiedergabe eingelesen. Reizvoller Gedanke: Wurde so gesprochen oder nur so geschrieben? Wie weit war wohl das eine vom anderen entfernt?

Die zweite Säule der Schau ist der gewichtige Katalog, der weniger erklärende Auflistung der Exponate ist, sondern, und da haben wir’s dann endlich doch, die historisch-kritische Aufarbeitung dieses Wiener Kongresses, der das erste große europäische Friedenswerk der Geschichte war. So bekommt auch die Schau doch noch Sinn: sozusagen als Live-Bebilderung einer historischen Abhandlung. Darauf muss man sich einlassen. Wer nur die Ausstellung durcheilt, weiß, dass Geschichte schön sein kann. Wer zusätzlich den Katalog zu Rate zieht, begreift, wie spannend sie ist.

Wiener Zeitung, Freitag, 20. Februar 2015