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Ernst Karl Winter: Mythos und Staat. #

Der 25. Juli — Persönliche Erinnerungen — Die „Aktion Winter" — Das Vermächtnis des toten Kanzlers#

Wiener Politische Blätter

Mythos und Gegenmythos #

1. Kein Staat kann ohne Mythos leben. Es sind die konservativen Kräfte eines Volkes, die den Mythos erzeugen; in ihnen lebt der Glaube des Volkes an sich selbst, der den Staat trägt. Freilich, der Mythos fordert immer auch den Gegenmythos heraus und die Kräfte, die den Mythos erzeugen, bedürfen der kritischen Gegenkräfte, die über dem dialektischen Spiel, das Mythos und Gegenmythos in der Geschichte aufführen, die Idee des Staates nicht aus dem Auge verlieren. Denn der Staat, das ist Mythos und Gegenmythos in einem.

In meinen gesellschaftskritischen Arbeiten bin ich der Funktion des Mythos im Staate immer wieder nachgegangen. Ich gebe zu, dass dabei vielleicht die Neigung zutage tritt, den Mythos in der Geschichte zu überschätzen, den Mythos in der Gegenwart des Staates aber zu unterschätzen. Diese doppelte Fehlerquelle mögen meine Kritiker beachten; vielleicht ist sie schuld daran, dass Ferdinand II. und Dominicus a Jesu Maria, Leopold I. und Marco d'Aviano in meinen Schriften positiver gewürdigt werden als der Lueger-Mythos, der Seipel-Mythos und — der Dollfuß-Mythos. Die Gegenwart des Staates ist eben immer wichtiger als seine Vergangenheit. Die Gegenwart aber bedarf der kritischen Gegenkräfte, die den Mythos durchdringen. Es mag eine Position sein, die nicht beneidenswert ist, wenn nach dem persönlichen Geschmack gefragt wird; ich würde sie trotzdem um nichts in der Welt feil halten, solange mein Gewissen mir gebietet, in ihr auszuharren.

Gegen Dollfuß gegründet#

Der tragische Tod des Mannes, Engelbert Dollfuß, gegen dessen Experiment vom 7. März 1933 diese Blätter gegründet worden sind und für dessen Programm sie sich nichts desto weniger nach dem 12. Februar 1934 eingesetzt haben, hat einen Mythos entstehen lassen, den kritisch zu untersuchen nicht nur eine Forderung der Wahrhaftigkeit gerade im Totendienst ist, sondern auch eine politische Aufgabe, vor der sich am allerwenigsten derjenige dispensieren kann, der zuerst gegen Dollfuß und dann durch Dollfuß aus der Wissenschaft in die Politik kam. Wenn dies erst ein halbes Jahr nach der Tragödie geschieht, so war wohl die politische Aufgabe, die der Verstorbene mir hinterlassen hat, hiefür die äußere Ursache — ein letzter Grund wird aber wohl auch das Bedürfnis nach dem nötigen Abstand von den Ereignissen gewesen sein. Viele Gedanken, die dieser Nachruf enthält, sollten ursprünglich, noch vor dem 12. Februar, als eine kritische Stellungnahme zu Dollfuß und seinem Werk anläßlich des Jahrestages der Parlamentsausschaltung erscheinen; sie gliedern sich überdies, gewissermaßen als ein Epilog, meinem noch nicht publizierten „Seipel" ein. Wenn ich sie heute publiziere, so möchte ich, im Bewusstsein der Verantwortung, die dem Versuch einer wissenschaftlichen Durchdringung politischer Bereiche auferlegt ist, mich nicht vor dem Bekenntnis scheuen, dass der tragische Tod des Kanzlers meine kritische Überzeugung von der intellektuellen und moralischen Untragbarkeit seines Unterfangens vom 7. März 1933 aufs Neue bestätigt hat. Ich sehe im 25. Juli die Sühne für den Weg vom 7. März 1933 bis zum 12. Februar 1934. Dies schließt nicht aus, dass der Kanzler, wie ich von allem Anfang an hier behauptet habe, aus einer tiefen Gewissensüberzeugung gehandelt hat, dass es wohl die Gnade war, die ihn, wer es fassen kann, der fasse es, blind sein ließ für die Untragbarkeit des Weges, den er einschlug, und taub für die Mahnung zur Verständigung, dass in diese Gnade aber auch eingeschlossen war die Sühne für den Weg, den er ging. Nichts von dem, was diese Blätter in den Verfassungskämpfen 1933 gesagt haben, kann heute zurückgenommen werden. Im Gegenteil, der 25. Juli hat es erst ganz erhärtet, dass unsere Mahnungen und Ratschläge tief berechtigt waren. Hätte Dollfuß (und hätten mehr noch seine Freunde selbst gegen seinen Willen!) auf uns gehört und unsere Vorschläge zur Lösung der Verfassungskrise angenommen, es wären diesem Lande die beiden Katastrophen vom 12. Februar und vom 25. Juli erspart geblieben und der Kanzler wäre noch, wenn auch vielleicht nur als Landwirtschaftsminister in einem (vom Parlament tolerierten) autoritären Kabinett, am Leben. Wir haben immer den Standpunkt vertreten, dass der Abwehrkampf Österreichs gegen den Nationalsozialismus viel wirkungsvoller und erfolgreicher durch die Verständigung der Staatsführung mit der linken Opposition auf dem Boden der Verfassung hätte geführt und durchgehalten werden können. Nur Verblendung kann heute noch das Gegenteil behaupten und noch immer an der Auffassung festhalten, dass es ohne den Zweifrontenkrieg der Staatsführung schlimmer gekommen wäre. Trotzdem ist es wahr: Dollfuß hat, wenn auch mit falschen Mitteln, aber dennoch mit dem positiven Ergebnis, das einer reinen Entscheidung aus dem Gewissen immer entspricht, diesem Lande etwas gegeben, was wie ein Wunder anmutet: das österreichische Selbstbewusstsein. Seiner inneren Stimme hingegeben bis zum Tode hat der Kanzler durch diese Treue, mit der er seinem Volk und Vaterland am besten zu dienen glaubte, Österreich wiedererweckt.

Ds österreichische Wunder#

Denn, erinnern wir uns recht, diese Wiedererweckung Österreichs vollzog sich eigentlich schier wider Willen. Nur in allmählicher Ablösung von der deutschen Orientierung ergab sich der österreichische Kurs. Ein Mann wie Dollfuß war selbst ein Symbol dieser Entwicklung. Das autoritäre Regime begann als ein antimarxistisches und philonationalsozialistisches. Die Verständigung mit dem Nationalsozialismus lag dutzende Male auf seiner Straße. Und, wenn man ehrlich sein will, so scheiterte diese Verständigung weniger an der mangelnden Bereitschaft des österreichischen Regimes, als an der Verbohrtheit des deutschen Regimes, das heißt am Österreichkomplex Hitlers. Das Wiedererwachen Österreichs war also faktisch ein Wunder, das österreichische Wunder, das Dollfuß in der reinen Hingabe an seine Berufung ausgelöst hat. Ich trage ihm um dessetwillen alles andere nicht mehr nach. Denn er hat, wo er schuldig war, gesühnt; sein Erbe aber ist uns übergeben, damit wir es so betreuen, dass die positiven Werte, die österreichische Wiedergeburt und das österreichische Selbstbewusstsein, erhalten bleiben und befestigt werden, die negativen Beimischungen aber, die Politik der Nichtverständigung und des negativen Antimarxismus vom 7. März bis zum 12. Februar, Schritt für Schritt überwunden werden.

Auf dem rechten Auge blind#

2. Dass der 25. Juli möglich war, ist vielen noch immer ein Rätsel. Und doch liegen die Ursachen klar zutage. Der Schuldtragende ist derselbe antimarxistische Komplex, der den 7. März und den 12. Februar mitbewirkt hat. Im Falle des 25. Juli kann man diese Ursächlichkeit im einzelnen nachweisen. Monatelang hatten wir uns um die Generalliquidierung des 12. Februar bemüht und nahezu nichts selbst in der Richtung einer etappenweisen Liquidierung erreicht. Weniger infolge grundsätzlicher Ablehnung dieser Vorschläge durch die Staatsführung, als infolge der Auflehnung des Apparates gegen die Verständigungsparole überhaupt. Der 25. Juli brachte es an an den Tag, dass dieser Apparat bedenkliche Stellen aufwies und dass die Vermutung, es stünden hinter seiner primitiv antimarxistischen Reaktion nicht selten sehr massive nationalsozialistische Tendenzen, nicht unberechtigt war. Gerade deshalb blickte dieser Apparat auch wie hypnotisiert auf die läppischen Unternehmungen der linken Illegalen und verlor die ernsten Vorbereitungen der rechten Illegalen dabei aus dem Auge. Noch um die Mitternachtsstunde des letzten Tages, ehe der Kanzler starb (und ich bei ihm weilte), beschäftigten er und der Apparat sich ernsthaft mit der Meldung über einen für den nächsten Tag angesagten sozialistischen Putsch in Floridsdorf. Wenige Tage vorher waren in ganz Österreich zum 1. August die harmlosesten sozialdemokratischen Vertrauensleute von ehedem in Präventivhaft genommen worden. Am Vortag des 25. Juli war noch ein ehemaliger Schutzbündler hingerichtet worden, den der antimarxistische Apparat sogleich apportiert hatte, wogegen Hunderte und Tausende von gemeingefährlichen nationalsozialistischen Terroristen nicht zu finden waren. Der Kanzler selbst hatte sich noch ein letztes Mal, obwohl ich ihn zu informieren suchte, mit diesem Apparat solidarisch erklärt und es abgelehnt, den ersten sozialdemokratischen Terroristen zur Begnadigung empfehlen zu lassen. Am nächsten Tag wurde er von der andern Seite, der hier ein Alibi geschaffen worden war, gemeuchelt.

Niemals hätte dem Staate ebensoviel Schaden zugefügt werden können, wenn unsere seinerzeitige Parole der Generalliquidierung des 12. Februar restlos durchgeführt worden wäre. Der 25. Juli als Gegenstück zum 12. Februar bot eine neue Gelegenheit, diese Parole aufzugreifen und wahrzumachen. Die neue Staatsführung war frei von der Mitverantwortung für den 7. März und für den 12. Februar, wenn sie nur frei sein wollte. Man hat hier offenbare Gelegenheiten, die nicht | wiederkehren, versäumt. Heute ist die Generalamnestie, die trotzdem einmal kommen muss, längst keine politische, sondern eben nur mehr eine rein menschliche Angelegenheit.

Bedeutsamer ist, dass die ganze Welt den 30. Juni und den 25. Juli, den Nachzügler des ersten Datums, registriert hat. Die geistigen Klammern um ein Deutschland des Nationalsozialismus schließen sich enger und enger. Für die europäische Politik ist der 25. Juli der Anfang einer neuen Epoche. Immer klarer heben sich vom politischen Horizont die pathologischen Faktoren ab, die eine neue Weltkriegskatastrophe in ihr irres Kalkül ziehen. Immer sicherer aber schließt sich um sie der Ring aller anderen, die noch gesund sind. Nur dieser Ring kann Europa noch vor der Katastrophe bewahren. Wenn er zustandekommt, so hat ihn der 25. Juli erkauft. Der machtpolitische Ring allein freilich genügt nicht, so notwendig er geworden ist. In der Front der europäischen Völker gegen ein Deutschland, das sich in den Bluttagen des Juni und Juli sichtbar ausgeschlossen hat aus der Kulturgemeinsahaft der Völker, muss der Kitt der beiden zeitoffensten und zukunftsreichsten Gruppen, die es unter diesen Völkern gibt, in Erscheinung treten: des sozialreforma-torischen Konservativismus (und insbesondere des Katholizismus) und des staatsbewussten Sozialismus, der sich überall aus den Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung emporringt. Die Kooperation dieser beiden Gruppen in einer gemeinsamen politischen Aktion geht, soweit Österreich in Frage steht, auf Dollfuß zurück und hat, soweit das Schicksal Österreichs fruchtbar und vorbildlich werden kann für Europa durch den 25. Juli einen europäischen Rahmen gewonnen. Als der verstorbene Kanzler mich nach den Februartagen zum Treuhänder der österreichischen Arbeiterschaft berief (und mir später hiezu auch eine offizielle Funktion als Vizebürgermeister der Stadt Wien gab), da trieb ihn wie immer in seiner Politik ein tiefer Instinkt: das Gefühl, am 12. Februar vielleicht zu viel gesiegt zu haben. Eine klare Vorstellung freilich, wohin diese Bestellung eines theoretischen Soziologen, den schon deshalb die Antiintellektuellen einen „Marxisten" schimpfen, zu einer gut gemeinten, aber gewiss nicht gerade als staatskonstruktiv gedachten Verständigungsaktion führen würde, lag diesem Beginnen sicher nicht zugrunde. Absichtlich wurde die Arbeiterschaft als analoge Organisationseinheit wie die Bauernschaft oder das Bürgertum (Industrie und Gewerbe) bei der Neugestaltung der Verhältnisse übersehen und nur Schritt für Schritt können wir den gegenteiligen Standpunkt, begünstigt durch die sich aufdrängenden Tatsachen, durchsetzen.

Die "Aktion Winter" #

Daher wurde in Österreich auch kein „Führer der Arbeiterschaft" ernannt wie anderswo und wie für andere soziale Schichten auch in Österreich, sondern es wurde mehreren Konzepten freie Bahn gelassen und auch demjenigen, den sich die Staatsführung vielleicht gelegentlich am ehesten als diesen Führer wünschte, statt der eindeutigen Autorisierung und Legitimierung bestenfalls die Chance der Selbstdurchsetzung geboten. Wenn trotzdem diese Aktion, die von einer persönlichen Beglaubigung ausging, sich immer mehr durchgesetzt hat, sowohl innerpolitisch, als auch, was noch viel entscheidender ist, in weit stärkeren Ausmaßen außenpolitisch, so dass, was einmal vorhanden ist, nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann —, so war es nichts anderes als diese Selbstdurchsetzung, die uns Schritt für Schritt weitergeführt hat. Dass diese Selbstdurchsetzung aber möglich war, ist das historische Verdienst des verstorbenen Kanzlers, der, auch wo er nicht ganz einverstanden war, mit dem, was ich tat und sprach, es dennoch tolerierte. Wenn demnach heute unsere politische Aktion, die „Aktion Winter", wie sie genannt wird, in der die beiden Gruppen des „linken Konservativismus" und des „rechten Sozialismus" kooperieren, von Österreich aus in andere Länder übergreift und wir für diese Länder etwas Vorbildliches schaffen, dann sind auch für diese Leistung, ebenso wie für die Entdeckung Österreichs, Dollfuß und der 25. Juli das Symbol. Das ist die letzte und tiefste Schichte in dem Mythos Dollfuß, die wir bedingungslos bejahen. Mögen sich auch alle Einzelheiten des politischen Weges, den dieser Mann ging, einmal als Irrtum erweisen, — der tiefe Instinkt aus der Bodenverbundenheit des österreichischen Bauerntums im Verein mit der Gewissenhaftigkeit, die ihn antrieb, haben ihn als den reinen Toren handeln lassen, der die Wiedergeburt Österreichs aus den Säften des Bauerntums und der Arbeiterschaft, den beiden wurzelechten Urschichten des Volkes, grundgelegt hat.

Zwei Kriegskameraden oder die Dialektik des modernen Katholizismus#

3. Die wissenschaftliche Analyse eines politischen Komplexes, den man selbst miterlebt hat, trägt ihre Schwierigkeiten in sich. Dieselben vervielfältigen sich, wenn überdies noch ein persönliches Moment hinzutritt. Die politische Persönlichkeit, deren kritisches Porträt diese Blätter festhalten wollen, ist nicht nur die eines Zeitgenossen, dessen Aktionen uns alle betroffen haben und dessen tragischer Ausgang uns alle erschüttert hat, sondern auch die eines Freundes.

Heuer im Oktober wären es zwanzig Jahre gewesen, dass diese Freundschaft zwischen uns beiden geschlossen wurde. Da es mir nicht ums Erzählen geht, breite ich diese persönlichen Erinnerungen keineswegs um ihrer selbst willen aus; es handelt sich vielmehr um den typischen Gehalt, der in ihnen liegt. Die persönliche Entwicklung, die Dollfuß und ich in diesen zwei Jahrzehnten durchlaufen haben, und das Verhältnis dieser beiden Entwicklungsbahnen zueinander, um das es hier geht, offenbaren eine Dialektik des modernen Katholizismus, von der zu sprechen allein der tiefere Sinn dieser Darlegungen sein kann... Es war im Oktober 1914 in der Einjährigen-Freiwilligen-Abteilung des Landesschützen-Regiments Nr. II in Bozen. Die eingerückten Einjährigen lagen in einem großen Mannschaftszimmer auf Stroh. In der Mehrzahl waren es Lehrer aus den Alpen- und Sudetenländern, überwiegend deutschnational; man würde heute sagen: nationalsozialistisch. Vom ersten Tag an waren die bewusst österreichischen Elemente in der Minderheit. Sehr bald flogen politische Diskussionen auf. Alle waren unbedingt für Deutschland und nur bedingt auch für Österreich. Eines Abends, es war nach der Retraite und wir lagen im Dunkel auf unseren erst halbgefüllten Strohsäcken, tauchte die Frage auf, wer eigentlich in der Schlacht bei Leipzig gesiegt hat. Ich vertrat die österreichische Auffassung. Die anderen waren gegen mich. Da sekundierte mir aus der anderen Ecke des großen Zimmers eine energische Stimme: Dollfuß. Am nächsten Morgen schlossen wir Freundschaft. Die weitere Entwicklung trennte uns wieder. Wir kamen in zwei verschiedene Kurse der Reserveoffiziersschule. Ich hielt auch hier an meiner politischen Linie fest. Die Folge davon waren ständige Reibereien. Es kam zu einer Ehrenaffäre mit einem enragierten Deutschnationalen; er hatte einen tschechischen Namen und war in Berlin zu Hause. Keiner Klärung ausweichend, brannte ich darauf, bei dieser Gelegenheit meine religiös begründete Auffassung vom geltenden Ehrenkodex des Offizierkorps zu bekennen. Ich lehnte es ab, auch nur den leisesten Schein einer Bejahung des Duellstandpunktes zu erwecken. So geschah es, dass ich trotz vierjähriger, ununterbrochener Kriegsdienstleistung, trotz der Bewährung im Zugskommando und trotz des Erwerbes von Dekorationen vor dem Feind (ich wurde nach der Einnahme des Dnjestr-Brückenkopfes von Zaleszczyki im Mai 1915, für die Major Robert Prochaska später den Maria-Theresien-Orden erhielt, und nach der unmittelbar darauffolgenden Einnahme der Schanze von Mahala bei Czernowitz für die „Goldene" eingegeben!) niemals Reserveoffizier wurde, sondern Oberjäger blieb. Auch das Duellverbot des Kaisers änderte daran nichts. Das Offizierskorps des Regiments, die Reserveoffiziere miteingschlossen und in der Mehrheit, sabotierten den kaiserlichen Befehl. Ein Majestätsgesuch bekam ich acht Tage vor dem Zusammenbruch mit der lakonischen Erledigung zurück: Wird nicht vorgelegt! Erst der verbannte Monarch kam in die Lage, mir mündlich darauf zu antworten. Diese vier Jahre Militärdienst in der Mitte zwischen Offiziers- und Mannschaftsstand, die erste schmerzliche Erfahrung in einem für das Vaterland erglühenden Leben, die ich von der Schulbank weg machte, haben aus mir gemacht, was ich heute noch bin. Wenn ich heute, das erstemal seit zwanzig Jahren, davon erzähle, so deshalb, um meinen Freunden diese vielleicht tiefste Schichte meiner Entwicklung zu erklären (und nebenbei auch darauf hinzuweisen, warum ich niemals Uniform, Dekorationen und andere Abzeichen trage). Dollfuß traf ich im Feld einige Male. Er war längst Oberleutnant, überdies ein guter Kerl; er schenkte mir einmal, der ich nur 60 Heller Tageslöhnung bezog, 20 Kronen. Mehr wagte niemand vom Reserveoffizierkorps für mich zu tun. Auch von den katholischen Politikern in den beiden Häusern des Reichstages wollte niemand sich an diesem Fall die Finger verbrennen. Ich erlebte das erstemal, wie es in Wirklichkeit mit der katholischen Solidarität bestellt ist. Eigenartig war, dass meine konservative Staatsauffassung durch dieses Erlebnis — die Begegnung mit dem Deutschnationalismus des österreichischen Offizierskorps — nicht wankend wurde. Es vollzog sich vielmehr das Paradoxon, dass ich, der Unteroffizier, der in seinem Rucksack die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster und Karl Kraus von einem Schützengraben zum andern mitschleppte, dennoch bis zum letzten Augenblick, und zwar in vielen Diskussionen mit seinen eigenen Offizieren, ein leidenschaftlicher Bekenner des monarchischen Gedankens blieb. Als das Offizierkorps der alten Armee später abtreten musste und beschimpft wurde, habe ich es in der Öffentlichkeit verteidigt. Von Dollfuß hörte ich später selbst, dass er schon damals, als er noch des Kaisers Rock trug, überzeugter Republikaner gewesen war. Es war nur logisch, dass sich die beiden Heimkehrer, wenn auch in eine gemeinsame Weltanschauungsfront, so doch in zwei verschiedene politische Fronten einordneten. Dies kam naturgemäß auch in der Weltanschauungsfront zum Ausdruck. Die beiden Korporationen des CV, die in diesen Jahren von uns beiden geistig beeinflusst wurden, waren im studentischen Rahmen die Repräsentanten dieses geistigen Gegensatzes innerhalb des österreichischen Katholizismus. Ich war schon vor dem Kriege in der Jugendbewegung um Anton Orel und im „Vogelsang-Bund" tätig gewesen. Nunmehr arbeitete ich wieder in dieser katholisch-sozialen Bewegung. Dollfuß bekannte sich von allem Anfang an zu Ignaz Seipel. Es gab in dieser Zeit, in der wir oft zusammenkamen, Diskussionen bis tief in die Nacht hinein zwischen uns. Einige politische Aufsätze, die ich damals schrieb, tragen deren Spuren. Ich war konservativ, für die Monarchie, für den alten Staat, daher antidemokratisch und antisozialistisch. Dollfuß hingegen war durchaus aufgeschlossen für das Neue, für die Republik, für den neuen Staat, daher demokratisch und selbst in gewissen Fragen sozialistisch. Es war die Zeit, da Seipel auf akademischem Boden für die Sozialisierung eintrat. Eben weil ich in diesen Jahren von Seipel und seinem Anhang lebendig erfuhr, wie stark sie von links her argumentierten, habe ich den späteren Weg Seipels nach rechts immer anders beurteilt als sonst üblich. Blickt man heute zurück auf diese Jahre, so könnte man fast sagen: Dollfuß vertrat später, was ich damals vertreten habe, ich umgekehrt damals, was er später vertrat. In der letzten Nacht, in der wir miteinander Zwiesprache hielten, haben wir uns eigentümlicherweise auch über diesen zwanzigjährigen Entwicklungsweg von uns beiden, von links nach rechts und von rechts nach links, um in Abkürzungen zu sprechen, verständigt. Wir haben beide damals diese beiderseitige Entwicklung festgestellt, aber gleichzeitig auch, dass wir trotzdem beide unseren ursprünglichen Ausgangspunkt in entscheidenden Fragen niemals verlassen haben. Dollfuß ist trotz aller Wandlungen in seiner Struktur ebenso immer ein Demokrat geblieben, wie ich selbst ein Konservativer bleibe. Dies halbe ich hier nicht zu verteidigen, sondern nur die innere Entwicklung zweier katholischer Menschen zu analysieren, die beide, soweit ich sie zu kennen glaube, immer aus ihrem Gewissen heraus gehandelt und dennoch in entscheidenden Situationen konträre Bahnen eingeschlagen haben; sie verkörpern die Dialektik zweier Typen des modernen Katholizismus.

Dollfuß als Nachfolger Seipels#

Für den einen Entwicklungstypus ist Ignaz Seipel repräsentativ. Dollfuß ist der Nachfolger Seipels. Deutlich heben sich in dem Entwicklungsgange Seipels zwei Entwicklungsschichten ab. Seipel kam von links und entwickelte sich nach rechts. Er selbst hat diese Entwicklung niemals zugegeben. Er hat sich — ebenso wie seine Gegner ihn — immer als denselben empfunden. In einer letzten Substanz blieb er es auch. Daher war seine Entwicklung auch ein langsamer Prozess. Allmählich wandelten sich seine Sympathien und Antipathien. Es waren die Wandlungen der Epoche selbst, die sich in seiner priesterlichen Seele, die sich feinfühlig dem Neuen anzupassen wusste, spiegelten. Bei Dollfuß und vielen anderen war es anders. Sie standen dem Seipel der zweiten Phase lange Zeit noch sehr skeptisch gegenüber. Die Wandlung kam hier als ein Erlebnis, ein Damaskus, fast als eine Umwendung. Daher der Vorwurf der Gesinnungslosigkeit, der dieser Wendung gemacht wurde. Diesem Entwicklungstypus gegenüber, der repräsentativ ist für den offiziellen Katholizismus, habe ich meine gegenteilige eigene Entwicklung zu schildern. Dies geschieht aus kritischen Motiven und sonst aus keinem Grund. Nur dieses Einbekenntnis der eigenen Voraussetzungen macht eine kritische Nachprüfung ihrer Ergebnisse möglich. Darüber hinaus bestimmt mich ein typologisches Interesse. Die Antithektik des modernen Katholizismus ist von größerer Bedeutung als das davon betroffene individuelle Schicksal. Es ist sehr naheliegend, eine geistige Entwicklung wie die meine als Gegentypus zum Architypus zu begreifen. Ich halte diese Auffassung für falsch. Gewiss ist meine Entwicklung angeregt durch den kritischen Gegensatz zu repräsentativen Figuren des modernen Katholizismus, ihre letzte Orientierung erschöpft sich darin aber keineswegs. Ohne Ressentiment, vielmehr aus einem sehr gesunden Verhalten, habe ich nach 1918 die Priesterpolitiker Seipel, Hauser, Schaurhofer kritisiert. Hätte der Katholizismus als solcher sich damals in der gleichen Weise orientiert, es wäre vermutlich mehr von, den Traditionswerten und Organisationselementen des alten Staates erhalten geblieben und es hätte dann wohl auch die Reaktion des Katholikentums gegen seine eigene Charakterschwäche und Gesinnungslosigkeit nicht über das Ziel geschossen. Schon damals erkannte ich, dass meine tief und bewusst katholisch empfundene Aufgabe im Staate eine völlig andere wäre als die des offiziellen politischen und sozialen Katholizismus. Später fand ich in einer schon mehr wissenschaftlichen Phase meiner Entwicklung denselben methodischen Gegensatz zweier innerkatholischer Denkweisen in der Sozialauffassung des deutschen Katholizismus bei Karl Vogelsang und Heinrich Pesch, dem konservativen Sozialpolitiker und dem nationalökonomischen Theoretiker aus der Gesellschaft Jesu. Seipel und Pesch wurden für mich Repräsentanten einer bestimmten Form des Katholizismus, die ich nunmehr auch wissenschaftlich ablehnte. Der Politik selbst hatte ich seit dem Tode des Kaisers, der den Schlusspunkt setzte hinter die realpolitischen Bemühungen um die Restauration der Dynastie, abgesagt. Gleichzeitig hatte ich mich immer mehr aus dem Jugendbewegtum, dem ich bis dahin anhing, herausentwickelt. Diese geistige Umstellung offenbart zuerst die Sammelpublikation „Die österreichische Aktion" (1927), in der bereits klar der Dualismus zweier Aufgabenbereiche, eines staatlichen und eines kirchlichen, erkannt und in dem Motto „rechts stehen und links denken" die Verbindung von Konservativismus und moderner Denkart ausgesprochen wurde. So sehr diese Publikation auch eine politische Vision umriss, sie war bewusst keine realpolitische, sondern eine ideenpolitische Zielsetzung. Meine wissenschaftlichen Untersuchungen führten mich zu den Problemen der Methodologie und der Erkenntniskritik. Ich begann den Schulstreit im Katholizismus in einem neuen Licht zu sehen. Ich stieß auf die geistesgeschichtlichen Wurzeln der katholisch-sozialen und katholisch-politischen Haltung, die in der Scholastik und im Aristotelismus vorliegen. So entstand meine erste wissenschaftliche Publikation: „Die Sozialmetaphysik der Scholastik" (1929), in der ich den politischen und sozialen Katholizismus als von der Scholastik her bestimmt erkannte und innerhalb des katholischen Weltbildes einen zweiten geistesgeschichtlichen Traditionsstamm, den platonisch-augustinischen, konstatierte, dem ich alsbald mein zweites wissenschaftliches Werk: „Das Soziologische in Platons Ideenlehre" (1930) widmete.

Neben diesen ideologiegeschichtlichen Untersuchungen blieb ich für die Fragen der Sozialpolitik aufgeschlossen. Dies führte mich zum Studium der Wiener Kommunalpolitik, über die ich in katholischen Zeitschriften des Auslandes in positiver Weise schrieb. Erst auf diesem Wege kam ich wieder zur Politik, in der ich aufs neue Seipel zu beobachten begann. Ich erkannte um so besser, dass er ein anderer geworden war, als ich seine Entwicklung jahrelang nicht mehr verfolgt hatte. Aber ich sah auch, wie diese Veränderung keinesfalls so einfach lag, dass es erlaubt wäre zu sagen, er habe nunmehr meine frühere geistige Position inne und ich die seine. Denn gerade meine religiöse und konservative Weltanschauung hatte mich zur Verneinung der Scholastik und ihres Akkomodationsprinzips und zur Bejahung des platonisch-augustinischen Standpunktes innerhalb des Katholizismus und damit gleichzeitig zu einer ebenso konkreten als konstruktiven, einer ebenso kritischen als religiösen Auffassung der Wirklichkeit und des Lebens geführt und mir von dieser Seite her den Zugang zuerst zu den Leistungen des Wiener Kommunalsozialismus und schließlich auch zur Funktion des Marxismus in der Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erschlossen. Alsbald sah ich auch in Seipel wieder trotz seiner beiden Entwicklungsphasen ein und denselben, der er immer war, weil ich selbst mich trotz meiner allmählich ausreifenden Entwicklung von rechts nach links als denselben erkannte. Als Seipel starb, war ich so weit, um in ihm den Schulfall des scholastischen Katholizismus in der Politik zu sehen, dessen systematische Untersuchung mich im Nachhange zu meinen ideologiegeschichtlichen Forschungen lockte. Nunmehr studierte ich als Historiker die Geschichte der letzten fünfzehn Jahre, die ich teilweise wenigstens nur als der in Bücher vergrabene Zeitgenosse miterlebt hatte. Dabei stieß ich auf Seipels Gegenspieler: Otto Bauer. Ich konstatierte als Historiker und Soziologe, nicht als Politiker, welche Summe von Geist der Austromarxismus zum Einsatz brachte, welche konkrete Sorge um einen Staat er betätigte, dessen Metaphysik die Denkform des Marxismus gleichwohl verneinte. Ich sah ursprünglich die Tragik dieses Verhaltens nur von der einen Seite, indem ich die Ignoranz der anderen erkannte, die allzu viel Begabung fürchteten und daher geistige Hilfe abwiesen, weil sie mit der Prätension der Vorherrschaft auftrat. Obwohl für den Staatsmythos in der Geschichte nicht blind, vielmehr seiner Erforschung stets liebevoll hingegeben, kam ich erst aus dem Stoff meines „Seipel" allmählich dahin, die Tragik dieses Verhaltens auch von der anderen Seite her zu verstehen, das heißt die Erkenntnis heimzubringen, dass die metaphysische Bejahung des österreichischen Staates durch Seipel bei allem Dilettantismus in seiner konkreten politischen und sozialen Betreuung alle sachliche Hingabe der anderen, die Österreich nicht kennen wollten, aufwog. Ich war schier soweit, diese Zusammenhänge darzustellen, als die „nationale Revolution" in Deutschland ausbrach. Die Welle schlug nach Österreich und hob hier den autoritären Kurs empor. In dieser historischen Stunde erachtete ich mich in meinem Gewissen aufgerufen, die wissenschaftlichen Arbeiten zurückzustellen. Die beiden offenen Briefe an den Bundespräsidenten vom 10. März und 1. April 1933 griffen in den Verfassungskampf ein. Daran schlossen sich die „Wiener Politischen Blätter", die sich gegen das Experiment vom 7. März wandten. Damals hörten die beiden Freunde vom Kaiserschützen-Regiment Nr. II auf, einander zu verstehen. Wir hatten uns in den vorhergehenden Jahren, in denen ich der Wissenschaft lebte, Dollfuß aber von der Landwirtschaftskammer über das Landwirtschaftsministerium zur Bundeskanzlerschaft emporstieg, aus den Augen verloren und nur gelegentlich gesehen. Nunmehr trat ich als einziger Katholik ihm, der den Gipfel erreicht hatte, entgegen; er hat es mir später gesagt, wie sehr ihn dies innerlich enttäuschte. Die Verfassungskämpfe 1933 sahen mich bis zuletzt in öffentlicher Gegnerschaft zum Regime des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes. Etliche Versuche, in dieser Zeit bis an Dollfuß heranzukommen, um ihm die Notwendigkeit einer österreichischen Verständigung von rechts bis links gegen den Nationalsozialismus zu demonstrieren, scheiterten; die alte Freundschaft schien nicht mehr zu bestehen.

Der 12. Februar 1934 #

Februar 1934
Februar 1934 - Bild: IMAGNO
Mit dem 12. Februar veränderte sich mit einem Schlage die Situation. Wenige Tage nach der Katastrophe kam es zu einer eingehenden Aussprache, in der Dollfuß mir seine Überzeugung von der Schicksalshaftigkeit der eingetretenen Ereignisse kundgab, in die er auch mein Eintreten für die Sozialdemokratie nunmehr sinnvoll einbezogen sah. Dies war seine Art, alles Geschehen auf Gott zu beziehen, seine Aufgabe als übertragenes Amt zu betrachten und auf diesem Hintergrund schließlich auch Vorgänge, an denen er ursprünglich keine Freude hatte, zu verstehen, sobald sie seiner Aufgabe nützlich wurden. Darin lag die Stärke seines Wollens und das Geheimnis seines Erfolges, gleichzeitig freilich auch im Keim bereits der letzte Zoll, den er zu leisten hatte. Diese Struktur brachte es auch mit sich, dass er den Gegensatz zwischen uns, so unangenehm er ihm anfangs war, nach der Beilegung des menschlichen Missverständnisses überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nahm und daher auch in mir mehr den Menschen sah, den er beim Regiment als auf seiner Gesinnung beharrend kennengelernt hatte und, wenn schon, den Politiker, so eben den von ehedem, der seiner eigenen Position von heute näherstand. Paradoxerweise hatte ich meine Berufung zu einem öffentlichen Amt fünfzehn Jahre nach Kriegsende nicht meinen wissenschaftlichen Leistungen zu danken, denen ich das beste Jahrzehnt meines Lebens gewidmet hatte, sondern dem Umstand, dass ich den Ehrenkodex des altösterreichischen Offizierkorps aus religiösen Motiven nicht anerkennen wollte und dass ich heimkehrend vom Felde dennoch an meiner altösterreichischen Gesinnung festgehalten hatte.

Versöhnung mit der Arbeiterschaft#

4. Auf dieser Grundlage persönlichen Vertrauens und persönlicher Beglaubigung und keineswegs immer auch sachlicher Übereinstimmung in allen Fragen vollzog sich in den Monaten nach dem Februar bis zum Juli der Aufbau der politischen Aktion, die heute im Inland und Ausland unter meinem Namen (als „Aktion Winter") bekannt ist. Vielleicht hatte man sich diese Aktion wirklich anfangs lediglich als eine Versöhnungsaktion gedacht. Es ist auch unleugbar, dass unsere Bemühungen gerade in den ersten Monaten wesentlich zur allgemeinen Beruhigung beitrugen. Die Hoffnung auf die Generalliquidierung des 12. Februar, die wir zum 1. Mai vorschlugen, war groß, die Enttäuschung und der Rückschlag daher nicht minder.

Die politische Arbeit, die wir auf Grund der Legitimation durch die Staatsführung auf uns nahmen, bestand in der publizistischen Tätigkeit in den Spalten des „Arbeiter-Sonntag" und in einer Versammlungstätigkeit vor allem in den Wiener Volksbildungshäusern, wo wir regelmäßige Arbeiterdiskussionsabende durchführten. Die erste Phase dieser Tätigkeit kommt in den gesammelten Aufsätzen, Reden und Briefen in dem Buch „Arbeiterschaft und Staat" (Reinhold-Verlag) zum Ausdruck. Wie aus den Darlegungen in dieser Schrift erhellt, vertraten wir vom ersten Auftreten an nicht etwa nur die Linie der Versöhnung, sondern darüber hinaus einen konstruktiven Gedanken: die Eingliederung der Arbeiterschaft in den neuen Staat zum Zwecke ihres politischen Einsatzes im Staate. Dieser Gedanke setzte die Anerkennung des sozialen, kulturellen und politischen Begriffes „Arbeiterschaft" voraus. Von diesem Ausgangspunkte her vertraten wir den Standpunkt des nicht bloß provisorischen, sondern definitiven Charakters der Gewerkschaftsfront, — ferner der Reorganisation der Arbeiterkulturverbände im Rahmen dieser Gewerkschaftsfront , — endlich der Schaffung einer neuen politischen Arbeiterbewegung von unten her. In allen diesen Fragen hat Dollfuß mich gewähren lassen, er hat auch in vielen Gesprächen zugestimmt, in seiner entscheidenden Substanz aber hat er wohl eher den berufsständischen Gedanken als eine Form der Überwindung einer einheitlichen sozialen, kulturellen und politischen Organisationsform „Arbeiterschaft" angesehen. Noch mehr naturgemäß blieb der gesamte Apparat auf diese letztere Formel eingestellt. Nur allmählich konnten wir mit unserer gegenteiligen Auffassung uns bemerkbar machen und nur schrittweise uns durchsetzen. Die überflüssigsten Diskussionen über das rein akademische Problem, ob es nach Aufbau der Berufsstände noch Gewerkschaften geben würde, flog auf und störte die Organisationsarbeit im Gewerkschaftsbund. Nur unter unendlichen Mühen war ferner die Frage der Arbeiterkulturorganisationen voranzutreiben. Von der politischen Arbeiterbewegung endlich wollte niemand etwas wissen, praktisch hingegen wurde sie von drei Seiten in Angriff genommen, der christlichen Arbeiterbewegung, der Heimatschutzbewegung und unserer Aktion, die grundsätzlich in dem Gegensatz von Schwarz und Grün nicht Partei ergreift, sondern die einheitlich österreichische Arbeiterbewegung propagiert. Alle diese Probleme sind auch seither noch keineswegs geklärt, vielmehr stehen auch heute noch beide Auffassungen einander gegenüber: die realistische, die das Dasein von Arbeiterorganisationen sozialer, kultureller und politischer Art bedingt sieht durch die arbeitsteilige moderne Industriegesellschaft, die der Korporativismus organisieren, aber nicht abschaffen kann, und die romantisch-ideologische, die eine Vision der berufsständischen Gesellschaft, eine Zukunftsidee, zu der nur ein allmählicher Entwicklungsprozess hinführen kann, mit der Wirklichkeit verwechselt. Am Grunde geht es um ein erkenntniskritisches Problem in allen diesen Fragen; denn entweder wird erkannt, dass die Idee, die das letzte Ziel aufstellt, und der Begriff, der das Werkzeug der Gegenwarts- und Wirklichkeitsbearbeitung ist, zwei verschiedene Dinge sind, oder aber es werden beide Sphären verwechselt und konfundiert. Diese letztere Haltung ist immer eine anarchische, auch wenn ihr Gehalt der konservativste wäre, den es gibt. Dazu kommt ein geschichtsmetaphysisches Problem. Wie wir die Gegenwart organisatorisch gestalten, ist in unsere Hand gegeben.

Fortführung unter Schuschnigg#

Die berufsständische Organisation und die Entproletarisierung des Proletariats als Gegenwartsprobleme sind Angelegenheiten, die auf dem Boden der gegebenen sozialen, kulturellen und politischen Ordnung nur unter Mitarbeit der sozialen Gruppe „Arbeiterschaft" gelingen kann, ob man sie als „Stand" oder als „Klasse" bezeichnet. Auf einem anderen Blatt liegt es, ob die Dekomposition des modernen Industrialismus, die durch die Weltwirtschaftskrise begonnen hat, in einen allgemeinen Rückbildungsprozeß sich ausgliedern wird, in der die Aussiedlung und der Abbau der Großstädte und Industriegebiete tatsächlich auch ökonomisch eine Rückverwandlung breiter Industriearbeiterschichten in halb-bäuerliche und mittelständisch-selbständige Existenz auf verringertem Lebensraume bedeutet. In diesem letzteren Falle gäbe es wirklich eine strukturelle Entproletarisierung des Proletariats, durch welche die Kategorie „Arbeiterschaft" von anderen sozialen Schichten absorbiert würde. Die politische Klärung dieser soziologischen Zusammenhänge ist bisher eindeutig weder unter der Regierung Dollfuß, noch unter der Regierung Schuschnigg erfolgt. Richtig ist, dass Dollfuß mir freie Hand in der Vertretung meiner Gedanken und Pläne gab und dass der neue Kanzler diese Legitimation erneuert und verstärkt hat. Auf meinen Vorschlag wurde noch unter Dollfuß (im Rahmen der „Vaterländischen Front") ein Arbeiteraktionskomitee und im Anschluss daran ein Siedlungsaktionskomitee geschaffen, um der österreichischen Arbeiterpolitik einen Mittelpunkt zu geben. Die Regierung Schuschnigg hat sodann das Arbeiterstaatssekretariat ins Leben gerufen und dadurch der Arbeiterschaft eine legitime Vertretung in der Regierung gegeben. In einer seiner ersten Erklärungen als Bundeskanzler bekannte sich Schuschnigg überdies zum „Staat der Arbeiter, Bauern und Bürger". Die Linie der „Aktion Winter" in dieser Frage ist eindeutig und klar. Wir haben in unserem Wochenblatt „A k t i o n" (seit September) in zehn Punkten ein politisches Programm für eine neue Arbeiterbewegung publiziert und betrachten unsere politische Aktion als den Vortrupp dieser neuen Arbeiterbewegung, deren gegenwärtige Aufgabe es ist, in ganz Österreich ein Vertrauensmännernetz aufzubauen, und zwar auf dem Aus1eseprinzip. Grundsätzlich stellt sich diese politische Aktion auf den Standpunkt der Zusammenfassung aller Weltanschauungsgruppen der Arbeiterschaft zu einer einheitlich österreichischen Arbeiterbewegung, in der die früheren sozialdemokratischen und christlichsozialen Arbeiter nebeneinander Platz haben und in die auch die religiöse christliche Arbeiterbewegung und die militante Heimatschutzbewegung in ihrer politischen Auswirkung Platz finden müssen. Auf dem Boden des Korporativismus, oder besser im Geltungsbereiche der nunmehrigen österreichischen Bundesverfassung, sowie der Gesetze über die „Vaterländische Front" und den Gewerkschaftsbund ist eine Organisationseinheit „Österreichische Arbeiterschaft" im sozialen, kulturellen und politischen Sinne nur durch Ausbau des Gewerkschaftsbundes (im Rahmen der „Vaterländischen Front") zu schaffen. Im korporativen Staat muss der Gewerkschaftsbund neben der wirtschaftlichen Interessenvertretung der Arbeiterschaft deren kulturelle Interessenvertretung übernehmen und außerdem ein politischer Körper werden, der im Rahmen der „Vaterländischen Front", wie dies für Bauernschaft und Gewerbe bereits angebahnt ist, der politische Willens träger der österreichischen Arbeiterschaft ist. Hiezu ist es im autoritären Staate notwendig, dass, wenn aus inneren Gründen nicht ein „Führer" der Arbeiterschaft bestellt werden kann, wie dies in Landwirtschaft und Gewerbe geschehen ist, eben eine Führergruppe, ein Arbeiteraktionskomitee, autorisiert wird, die österreichische Arbeiterschaft offiziell zu vertreten.

Keine Gleichberechtigung der Arbeiterschaft#

Solange diese entscheidende Organisationsmaßnahme nicht gesetzt wird, kann von einer Gleichberechtigung der Arbeiterschaft im Staat ernsthaft nicht die Rede sein, weil ja der Begriff „Arbeiterschaft" als solcher nicht Geltung hat. Der politischen Aktion, die ich ins Leben gerufen habe, ist durch die Staatsführung eine historische Chance gegeben, sonst ist sie toleriert, auch legitimiert, aber nicht autorisiert in den Ausmaßen, wie dies im autoritären Staate naheliegend wäre. Das hat seine Vorteile und Nachteile. Der Vorteil liegt darin, dass durch die damit ausgedrückte Distanz zum System der Aufbau einer Arbeiterbewegung von unten her leichter möglich wird und das Misstrauen der Arbeiterschaft, in einer von der Regierung selbst veranstalteten Aktion bloß eingefangen zu werden, leichter überwunden werden kann. Der Nachteil aber liegt auf der Seite des Staates, der sich der historischen Möglichkeit einer einheitlichen Erfassung der Arbeiterschaft begibt und die positive Wirkungen, die heute in der internationalen Resonanz diese politische Verständigungsaktion in Österreich auslöst, immer wieder durch die mangels klarer Autorisierung entfesselte Kritik ins Gegenteil umbiegt. Diese Kritik bald von christlichsozialer, bald von Heimwehr-Seite begann nach dem Tod des Kanzlers einzusetzen, vor allem seit wir von der Diskussion zur Organisation übergegangen sind und von Wien aus auch in die Provinz hinauswirken. Literarisch schließt die Polemik gegen uns vielfach an die allerersten Publikationen an, in denen auch in positiver Weise vom Austromarxismus und seinen Führern die Rede ist; die damals dargelegten Gedanken beginnen allmählich auch in diejenigen Kreise einzudringen, die sonst nicht sehr viel lesen. Der Höhepunkt der Pressekampagne gegen uns fiel gerade in die Wochen meiner längeren Abwesenheit von Österreich, während ich Vorträge in der Schweiz und in Italien hielt. Es war freilich ein Zeichen der Stärke unserer Aktion, das man gerade in dem Augenblick gegen sie losgehen zu können glaubte, als ich selbst abwesend war, aber auch dass alle diese Angriffe ohne das geringste Zutun von mir in sich zusammenbrachen.

Versuch der Internationalisierung #

Die „Aktion Winter" ist längst eine internationale Angelegenheit geworden, deren Liquidierung kein ausschließlich innerpolitisches Problem wäre. Was wir seit Monaten tun, das gilt dem Ausland als ein Symbol und eine Garantie für die Entwicklung in Österreich. Niemand, der außenpolitisches Verantwortungsbewusstsein hat, kann es heute wagen, diesen Wiederhall unserer Aktion im Ausland leicht zu nehmen. Dazu kommt, dass die grundlegenden Gedanken der Verständigung des sozialreformatorischen Konservativismus und des staatsbewussten Sozialismus, die wir vertreten und praktisch in der Zusammenarbeit von Menschen aus beiden alten Lagern in unseren Reihen verwirklichen, heute in ganz Europa überaus aktuell sind und dass sich in den verschiedensten Ländern Ansatzpunkte in dieser Richtung zeigen. Man kann damit rechnen, dass es auch in Bälde zu einer internationalen Verständigung dieser neokonservativen und neosozialistischen Gruppen kommen wird, für die dann unsere Vorarbeit in Österreich von grundlegender Bedeutung sein muss. Nur diese Zusammenarbeit einer sozialpolitischen Rechten mit einer staatspolitischen Linken kann den europäischen Kontinent davor bewahren, dass die Pathologiker des deutschen Nationalsozialismus ihm den sichern Untergang bereiten. Eingeschlossen in diese Begegnung der europäischen Rechten mit der europäischen Linken gegen den Nationalsozialismus, die wir propagieren, ist die Rückwendung des italienischen Faschismus nach Europa, die aus verschiedenen Symptomen zu schließen ist, ebenso wie der Eintritt des russischen Bolschewismus in die europäische Gesellschaft, von dem einerseits eine soziale Auflockerung Europas, andererseits eine Europäisierung des Bolschewismus erwartet werden kann. Auch die Rückkehr Italiens nach Europa wird nicht geschehen, ohne dass das demokratische Europa einiges vom Korporativismus des faschistischen Italien aufnimmt. Nur auf dem Boden Europas können schließlich auch der faschistische und der bolschewistische Erneuerungswille einander begegnen und im Verein mit den Kräften der abendländischen Tradition den sozialen Neuaufbau des Kontinents durchführen. Alle diese konstruktiven Ansätze zu einer fruchtbaren Neugestaltung Europas sind heute nur von einer Seite ernsthaft bedroht: von dem zum Volk der Richter und Henker gewordenen deutschen Volk der Dichter und Denker. Die Abwehr des Irreredens und Irreseins eines großen und entscheidenden Volkes durch alle anderen Völker Europas ist kein bloß militärisches, sondern ein geistiges Problem. Das entscheidende Moment liegt in der Verständigung von Arbeiterschaft, Bauernschaft und Bürgertum auf dem Boden des gegebenen Staates und des europäischen Staatensystems, in dem auch Italien und Russland Platz haben, nicht aber ein Deutschland des 30. Juni 1934 (Ermordung von Ernst Röhm und Kurt von Schleicher sowie 90 anderer SA-Leute). Dass in diesem Aufgabenkreis der österreichische Konservativismus eine gewaltige Aufgabe besitzt, ist meine Überzeugung. Das Ganze der österreichischen Tradition hat im Aufbau des neuen Europa noch seine gewaltige Aufgabe. Man muss nur von den Bruchstücken dieser Tradition zu ihrer Ganzheit vorstoßen, in der ein konstruktives internationales Konzept neben einem ebensolchen sozialen Konzept verwahrt ist. Die schicksalsschwere Stunde, die diesem Europa vielleicht die Glocken am Neujahrsmorgen ankündigen werden, kann selbst aus den im Augenblick weniger aktuellen Aspekten der österreichischen Tradition über Nacht ein Politikum ersten Ranges machen. Dass diese Möglichkeit besteht, war die letzte gemeinsame Erkenntnis, die Dollfuß und ich in der letzten Nacht hatten, als wir unsere verschiedene Entwicklung quer durch die Bahn des anderen feststellten, aber auch unser Festhalten an den ursprünglichen Ausgangspunkten, und gleichzeitig in diesem Rahmen die Abgrenzung gemeinsamer Erkenntnisse und Ziele vornahmen, auf die hin unsere ideologisch konträre Entwicklung realpolitisch sich ausgerichtet hatte. Die wichtigste dieser gemeinsamen Erkenntnisse war, dass der konservative Gedanke in Österreich in seiner letzten traditionellen Ausprägung, die ihm der Gedanke des Hauses Österreich und der konstitutionellen, sozialen Monarchie gegeben hat, am 24. Juli keine politische Aktualität besaß, aber „über Nacht", also schon am 25. Juli, wie wir beide aus einem Munde konstatierten, zu dieser Aktualität reifen könnte. Darin stimmten in der letzten Unterredung der „Republikaner" und der „Monarchist" überein. Diese Erkenntnis ist seither in nichts erschüttert. Die europäische Katastrophe, die drohend am Horizont hängt, ist gleichzeitig auch die Schicksalsstunde des österreichischen Konservativismus. Aber auch wenn das kommende Jahr an dieser Katastrophe vorbeikommt, bleibt es das Ziel des neuen Österreich, das Ganze der österreichischen Geschichte auch in den politischen Aktionen wieder geltend zu machen.

Als einen wissenschaftlichen Beitrag hiezu halbe ich eben in der Linie fünfzehnjähriger staatspolitischer und soziologischer Studien, die hier zusammentreffen, den 1. Band eines Werkes über „Rudo1ph IV. von Österreich" vorgelegt, in dem aufs neue die dialektische Einheit meines wissenschaftlichen und meines politischen Denkens erhärtet wird. In diesem letzten Sinne bleibt unsere politische Aktion, die Österreich, den Staat und die Arbeiterschaft miteinander verbindet, d i e „österreichische Aktion".

Artikel im "Arbeiter-Sonntag" vom 29. Juli 1934#

Der Mann, der das neue Österreich geschaffen hat, ist nicht mehr. Der gestraffte Wille in dem gebrechlichen Leib, der im März 1933 das Ruder des Staates ergriffen und im Februar 1934 den letzten Widerstand dagegen gebrochen hat, ist erloschen. Der Kanzler, der seit April 1934 unsere Aktion gewollt und auch gedeckt hat, selbst wo sie ihm nicht angenehm war, ist tot. Wir — die Arbeiterschaft und der Verfasser — haben den Aufstieg dieses Mannes vom 7. März bis zum 12. Februar bekämpft. Wir — der Verfasser und ein immer größer werdender Teil der Arbeiterschaft — haben seine großzügige Verständigungsparole nach dem 12. Februar bejaht und aufgegriffen. Wir alle — die gesamte Arbeiterschaft und ihre Freunde — senken die Fahne vor der Tragik dieses Ausganges. In der letzten Nacht vor seinem Tode hatte ich mit Dollfuß in denselben Räumen, in denen er knapp zwölf Stunden später ermordet wurde, die letzte, mehrstündige Unterredung. Es war eine merkwürdige Unterredung, auf der schon irgendwie die Schatten kommender Ereignisse lagen. Er wollte mich gar nicht fortlassen. Immer wieder begann er über ein anderes Problem zu diskutieren. Wir haben in dieser Nacht hundert Fragen aufgeworfen: „Aktion Winter", Arbeiterbewegung, Arbeiterkulturorganisationen, Siedlungsaktion, Mietzinsfrage in den Gemeindehäusern, Sozialversicherung, Agrarpolitik, Demokratie, Sozialismus, berufsständischer Aufbau, Deutschland, Weltkrieg, Monarchie. Es war, als wollte er mir sein Vermächtnis anvertrauen. Dutzende von Namen tauchten in scharfer, oft herber Charakteristik im Gespräch auf. Wir erinnerten uns beide der Anfänge unserer alten Freundschaft, die fünfzehn und zwanzig Jahre zurückliegen, der nächtelangen Diskussionen, in denen wir miteinander schon damals rangen. Wir konstatierten, dass sich unsere Positionen seit dieser Zeit eigentlich vertauscht haben, dass er sich von links nach rechts, ich mich von rechts nach links entwickelt habe. Fast stehe er heute dort, wo ich vor fünfzehn Jahren stand, und umgekehrt. Aber wir haben, so stellten wir gemeinsam fest, trotz dieser Entwicklung unseren Ausgangspunkt in gewissem Sinne festgehalten. In dieser Nacht hat Dollfuß es mir neuerdings in tiefem Mannesernst versichert, dass er trotz seiner Entwicklung von links nach rechts Demokrat geblieben sei (mehr vielleicht, als ich es trotz umgekehrter Entwicklung jemals werden kann!), und wie sehr er im neuen Staat, den er für ein Jahrhundert gegründet betrachtete, dafür sorgen werde, dass die Rechte der Arbeiterschaft erhalten bleiben. Es war wie eine Generalbeichte, die wir in dieser Nacht voreinander ablegten. „Die Aktion geht weiter", war mein letztes Wort an ihn. „Ja, Ernstl, aber gelt, immer in der Linie des berufsständischen Aufbaues", war seine letzte Antwort. Unsere Unterredung begann wenige Minuten nach der Hinrichtung Josef Gerls. Ich hatte, seit das Urteil verkündet worden war, den vergeblichen Versuch gemacht, den Kanzler zu erreichen. Ich zählte die Minuten bis zur Vollstreckung, bis der Kanzler kommen würde. Unten am Ballhausplatz warteten die Angehörigen des nicht begnadigten Verurteilten, die Braut des Unglücklichen. Ich war erregt und heftig, als ich dem Kanzler gegenübertrat. Als grundsätzlicher Gegner des Standpunktes, dass der Staat Leben vernichten dürfe, als Vater, der lieber verzeiht als straft und auch in der Strafe noch verzeiht, habe ich es leichter in dieser Frage. Wer auf dem Standpunkt der Todesstrafe steht, hat es schwerer. Gar wer aus religiösen Gründen auf diesem Standpunkt steht. Man kann schwer mit ihm rechten. Aber vielleicht kann man ihm doch auch begreiflich machen, dass unbedingt in dieser Frage der Vernichtung von Leben durch den Staat, wenn schon nicht gleiche Milde, so eben gleiche Härte herrschen muss. Dies suchte ich nach der Vollstreckung dem Kanzler begreiflich zu machen. Es ist eben kein Zufall, dass Hunderte und Tausende von braunen Verbrechern seit Monaten nicht gefunden oder doch pardoniert werden, wogegen der erste rote Verbrecher gehängt wird. Die Ursache dessen liegt im Apparat, der seine schwachen, durchlässigen Stollen hat. Die einen, die „rote Brut", apportiert dieser Apparat, die anderen, die „braunen Gesellen", absorbiert er, verschluckt er an jenen durchlässigen Stellen, die völlig ausreichen, um die großzügige Verständigungsparole der Staatsführung im Kleinen zu sabotieren. Solange es sich so verhält, ist freilich gleiche Milde doppelt besser als ungleiche Härte. Nur der Staat, der nicht tötet, wird geliebt. So etwa sprach ich zum Kanzler in denselben Räumen, in denen er zwölf Stunden später selbst getötet wurde. Die Aktion, die wir führen und die das Vermächtnis des Kanzlers ist — die Wahrung der Rechte der Arbeiterschaft auf dem Boden des Staates und die Eingliederung der Arbeiterschaft in einen Staat der Kooperation und der Korporationen! — beruhte bisher auf dem Gedanken, dass der 7. März 1933 und der 12. Februar 1934 auf beiden Seiten in seinen Ursachen erkannt und dadurch innerlich überwunden werden müssen. Die Weiterführung dieser Aktion beruht nunmehr darauf, dass der tragische Ausgang des Kanzlers als Sühne erkannt werde, die den Schlußstrich zieht unter einen geschichtlichen Abschnitt, der wahrscheinlich sein musste, der jedoch überwunden werden muss, sollen die positiven Früchte, die auch in dieser Entwicklung liegen, reifen. Der berufsständische Aufbau in konkreter Gestaltung (über die ich mit dem Kanzler noch in der letzten Nacht ausführlich sprach), das ist das fundamentale Vermächtnis dieses Mannes an den Staat: die Kooperation der verschiedenen Interessenfronten in der modernen Industriegesellschaft und ihre Zusammenfassung zu festen, an der Produktion orientierten Korporationen, die mit einem geistigen Gehalt erfüllt sein müssen, der die Produktion zu einer Kulturangelegenheit, nicht bloß zu einer Gewinn'- und Lohnangelegenheit macht. Ein Herzstück dieses Vermächtnisses aber ist — auch wenn der Kanzler und ich über die konkrete Form viel diskutiert haben und bis zum Schluß zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen sind — das Lohn- und Kulturinteresse der Arbeiterschaft, von dem ich behaupte, dass es gerade im berufsständischen Aufbau, im Staat der Kooperation und der Korporationen, nur durch eine Interessenvertretung von definitivem Charakter wahrgenommen werden kann. Diese doppelte Aufgabe — die Wahrung des Interesses der Arbeiterschaft und gleichzeitig dessen Hinordnung auf das höhere Interesse der Gesamtheit, sowohl des Staates, als auch der Produktion und damit des Berufsstandes — das ist das Vermächtnis des toten Kanzlers an unsere Aktion. Ich werde diese Aktion weiterführen. Sie hat begonnen gegen den Kanzler, als dieser, wie ich der Überzeugung war, die Götter versuchte und nach Sternen griff, die dem einzelnen Menschen versagt sind. Sie wurde fortgesetzt mit dem Kanzler, als dieser vor dem unerhörten Sieg, den er errungen hatte, vielleicht selbst erschrak, mich in Person autorisierte, das alte Werk, die Verständigung von Arbeiterschaft und Staat in neuer Form zu vollenden. Der Tod des Kanzlers schafft äußerlich ein Interregnum. Ich weiß nicht, welche neue Form unsere Aktion nunmehr gewinnen wird. So oder so: „Die Aktion geht weiter", nunmehr als das Vermächtnis des toten Kanzlers. Lieber toter Freund! Du hast uns allen ein Beispiel hinterlassen. Du warst ein Mensch, wie wir alle es sind, in seinen Tugenden und Fehlern. Du hast gesühnt für deine Irrtümer und Fehler, von denen wir, seit du tot bist, in Ehrfurcht vor dem Menschlichen, leiser sprechen als bisher. Deine Tugenden hinterlässt du uns: Deine Opferwilligkeit, deine Treue, deinen Mut. Die Kugel, die dich niedergeworfen hat, kann uns alle treffen. Der Tod, der dich überrascht hat, wird uns alle erreichen. Wir lernen von dir, lieber alter Freund: Es gibt nichts schöneres, als für das Vaterland zu leben und zu sterben!

--> zur Biographie Ernst Karl Winters

Bearbeitung (Bilder, Video, Zwischentitel): P. Diem


Eine extrem wichtige Quelle, die hier durch das Forum einem breiten Kreis an Interessierten zugänglich gemacht wird, wofür sehr zu danken ist. Winter gehört sicher zu den größten Österreichern und sollte auch in einer ORF-Doku ausführlich gewürdigt werden.

-- Glaubauf Karl, Samstag, 8. November 2014, 21:38