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Zu Zeßner-Spitzenberg#

Was für Zeßner Kaiser Karl war, war für Stauffenberg Stefan George.#

Der Text wurde von Manfried Welan im Mai 2014 dem Austria-Forum überlassen


Um 1900 waren gleichgesinnte Dichter und Denker um den Lyriker Stefan George. Sie fühlten sich mit ihm geistig verbunden. Dieser sogenannte George – Kreis war zunächst ein Bund Gleichgestellter, später wurde er der Meister, und seine Anhänger waren die Jünger. Zu diesem Kreis gehörten auch die drei Brüder Stauffenberg. George verlangte von ihnen Gefolgschaft, ja Gehorsam. George wollte als Führer eines auf geistiger Verbundenheit beruhenden Kreises von jungen Männern die deutsche Gesellschaft neu bilden. Dieses geheime Deutschland wurde durch die prophetischen Gedichte Georges metaphysisch orientiert. Stefan George war der geistige Führer eines hierarchischen Bundes aus Jüngern, die ihn als Meister verehrten. In der Weimarer Republik wurde er nicht zuletzt aufgrund seiner Visionen, in denen er die allgemeine Zerstörung und das Chaos vorausgesagt hatte, zum Idol einer idealistischen Jugend. Zu diesem Kreis gehörte auch Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Klaus Mann umschrieb die Popularität Georges wie folgt: „Inmitten einer morschen und rohen Zivilisation verkündete, verkörperte er eine menschlich – künstlerische Würde in der Zucht und Leidenschaft, Anmut und Majestät sich vereinen“ Max Weber entwickelte am Beispiel des Realtypuses des George – Kreises seinen Typus der charismatischen Herrschaft. „Das neue Reich“, das 1928 veröffentlicht wurde, beinhaltete eine hierarchische Gesellschaftsreform, die von Geistmenschen und Aristokraten geführt und durchgeführt werden sollte.

In gewisser Weise war George der andere Führer und sein System die andere Seite. Die Naziführung warb um ihn, aber George ließ sich nicht instrumentalisieren. Am 4. Dezember 1933 starb er in Locarno und wurde auf dem Friedhof von Minusio beerdigt. Berthold und Claus Graf Schenk von Stauffenberg nahmen am Begräbnis teil und hielten Totenwache. Unmittelbar vor seiner Erschießung soll Stauffenberg gerufen haben „Es lebe das geheime Deutschland“, nach einer anderen Version „Es lebe das heilige Deutschland“.

Für viele George – Jünger war der Nationalsozialismus eine Verwirklichung des neuen Reiches. Sie wurden Nationalsozialisten oder sympathisierten zumindest mit ihm.

Im Buch „Stefan George – die Entdeckung des Charisma“, 2007, hat Thomas Karlauf George und seinen Kreis beschrieben. Die Suche nach dem Führer bewegte schon um 1900 viele und nicht nur bürgerliche junge Menschen. Schwärmerisch begeisterte Jünglinge fanden in Georges Männerbund geistige Heimat und charismatische Herrschaft. Die Hingabe an einen Führer war damals geradezu epidemisch und im Sektenartigen George – Kreis die psychische Grundlage der Herrschaft Georges, der sich aus der Tagespolitik demonstrativ heraushielt, „dafür aber einen diffusen Willen zur Tat schürte, der der nachfolgenden Hitler – Begeisterung den Weg bereitet hat (Manfred Koch, NZZ 8.10.2007) Der Rezensent Manfred Schneider (Frankfurter Rundschau 11.9.2007), der ein großer Verehrer des Meisters ist, den er für einen der größten Dichter des 20. Jahrhunderts hält, widmet sich vor allem dem poetischen Staat, den George als Führer, Dichter und Prophet um sich versammelte. Fritz J. Raddatz hat in seiner Rezension in der Zeit vom 30.8.2007 kritisiert an Karlauf, dass er für seinen Geschmack zu viel Gewicht auf Georges Homosexualität lege und dabei auch noch Homosexualität mit Homoerotik ständig durcheinanderbringe. Ausserdem lasse sich Raddatz nicht tief genug auf Georges Dichtung ein. Gern hätte sich Raddatz nämlich von einer George – Biographie mit auf die „Reise ins Geheimnis“ nehmen lassen. Das von der dunklen Blume oder dem geheimen Deutschland zum Beispiel. Karlauf bleibe braver Chronist, ein Funke springe nicht über. Keine „Ergriffenheit vor dem Eigentlichen“, sondern lediglich „staunenswerte Emsigkeit“.

Tatsache ist, dass es kaum einen Dichter gibt, der mehr von Stilisierungen und Fälschungen, Mystifikationen und Geheimnissen umrangt ist. George lebte sein Leben als Kunstwerk, wobei in diesem Lebensschauspiel des Dichters Herrschaftspraktiken und Päderastie einen wichtigen Platz haben. Nach Karlauf sei Georges Dichtung der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären.“ Letztlich bleibt George eine faszinierende, rätselhafte Figur deren ästhetische Stärken ansprechen und deren sexuelle Praktiken im Widerspruch zu seinen hohen ethischen Ansprüchen stehen. Sein Werk ist vergessen. Dagegen schrieb Frank Schirrmacher, dass es gegen das Vergessen immunisiert sei, wie vielleicht kein anderes. Das habe zu tun mit jener Frühlingsnacht 1944 als nach einem verheerenden Bombenangriff in Wannsee ein Oberstleutnant namens Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf den Balkon trat, die Brände betrachtete und Verse aus Stefan Georges Gedicht „Der Widerchrist“ zitierte. Es habe zu tun mit dem Foto, das den 17jährigen Claus mit George im Berlin der 20er Jahre zeigt, es habe zu tun mit jenem Dezembertag 1933 als bei Locarno Claus von Stauffenberg und sein Bruder Berthold die Totenwache am Sarg Stefan Georges hielten – eine Szene, die noch kein Film gebannt hat und die die Grenzen des vorstellbaren überschreitet: Wie da im Winter 1933 die Stauffenbergs inmitten aller George – Freunde, Nazis und Nichtnazis, Verfolgter und fast schon Verfolger die Wacht halten wie der Kranz vom deutschen Reich eintrifft, gesandt vom Genfer Geschäftsträger Ernst von Weizsäcker, eine Ehrenbezeugung deren Hakenkreuzemblem sofort Streit auslöst. Da sieht man Robert Boehringer, ein Nazi – Gegner ohne Kompromisse, er gilt als der schönste junge Mann des George – Kreises und wird der allerletzte Erbe des Dichters. Boehringer wird lange nach dem Krieg dem jungen Richard von Weizsäcker eine berufliche Chance geben, der seinerzeit und seinerseits als 12jähriger den Handgriff Georges auf seinem Nacken spürte und ihn nicht vergessen hat.

„Das Kapitel deutscher Geistesgeschichte, das „George – Hitler – Stauffenberg“ heißt, wartet noch darauf geschrieben zu werden“ notiert es Sebastian Haffner in seinen Anmerkungen zu Hitler. Durch Thomas Karlauf liegt dieses letzte Kapitel nun vor.

Im Übrigen schrieb Stauffenberg Gedichte in Georges Handschrift. „Der Stern des Bundes war der ungeheuerliche Versuch die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären. Das bezieht sich auf den Gedichtband Georges, der ihm selber der wichtigste war und mit dem seine Jünger und Gefolgsleute erzogen wurden. George wollte Einfluss, er wollte eine Elite führen. Er war distanziert zu den Nationalsozialisten, aber wohlwollend. Sein Satz „ Die Ahnherrschaft der neuen Nationalbewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige Mitwirkung nicht beiseite“ wurde von George in seinem Absagebrief an das Goeppels – Ministerium zur Mitgliedschaft der Akademie am Tage der Bücherverbrennung diktiert, ohne diese auch nur zu erwähnen, obwohl das Ergebnis seit Wochen bekannt war.

Von Manfried Welan, Mai 2014