unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Zum Wohle Österreichs#

Vor 90 Jahren starb Heinrich Lammasch (* 1853), letzter k.k. Ministerpräsident, Rechtsgelehrter von Rang – und prophetisch-einsamer Kämpfer für Frieden und Unabhängigkeit#


Von der Furche freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Donnerstag, 18. Februar 2010)

von

Dieter Köberl


Heinrich Lammasch
© CIVITA/Furche

Im dritten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs kam es im Wiener Herrenhaus zu tumultartigen Szenen, als dessen Mitglied Heinrich Lammasch für einen Verständigungsfrieden auf den Grundsätzen "Friede ohne Annexionen, Gleichberechtigung der Nationen, friedliche Schlichtung künftiger Differenzen" warb. Er warnte prophetisch: "Der sogenannte Siegfriede [...] wäre ein fauler Friede, wäre ein Waffenstillstand vor einem noch gewaltigeren und entsetzlicheren Waffengang.“ Die Weitsicht dieser mutigen Reden beeindruckt noch heute; damals wurde Lammasch niedergeschrieen, die öffentliche Meinung war gegen ihn, von der liberalen Neuen Freien Presse bis zur christlich-sozialen Reichspost. Kurzzeitige Erfolge der Mittelmächte an der italienischen Front, wo Giftgas eingesetzt wurde, hatten die Illusion eines militärischen Sieges genährt und zur Ablehnung der Friedensbemühungen beigetragen.

"Rechts stehend, links denkend"#

Wer war dieser Mann, der "edle Lammasch" (Karl Kraus), der in Österreich heute weitgehend vergessen ist? Die Universitäten Innsbruck und Wien, das Herrenhaus, Friedenskonferenzen und der Internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag waren Stationen seines Lebens. Bei Kriegsausbruch 1914 war Heinrich Lammasch einer der wenigen Intellektuellen, welche der Kriegsbegeisterung nicht folgten. Als Mitglied der Friedensbewegung war er dem Generalstab höchst verdächtig, sogar seine Verhaftung wurde verlangt. Schon im ersten Kriegsjahr sprach er sich für internationale Untersuchungen von Verletzungen des Kriegsrechts aus. Im Verlauf des brutalen Kriegs der k.u.k Armee gegen die Zivilbevölkerung wurden Zehntausende ohne Verfahren am Galgen hingerichtet. 1915 reichte Lammasch aus Gesundheitsgründen seinen Abschied von der Universität ein und zog nach Salzburg. Der Krieg, vor dem er seit Jahren gewarnt hatte, war seiner Meinung nach verloren und eine Rettung Österreichs nur bei einer anderen außenpolitischen Orientierung möglich. In Salzburg erhoffte er sich wohl einen ruhigeren Lebensabend. Dort gab es einen Kreis Gleichgesinnter, von Ernst Karl Winter als rechts stehend, aber links denkend charakterisiert. Der gläubige Katholik Lammasch litt besonders darunter, dass sich Friedrich Funder, der Chefredakteur der Reichspost, an der Kriegshetze beteiligte. Dies taten auch manche Würdenträger der Kirche, während Papst Benedikt XV. verzweifelte Appelle an die Krieg führenden Nationen richtete. Erst 1918 war Funder bereit, über den Frieden zu sprechen. Der US-Präsident Wilson hatte Anfang 1918 einen Friedensplan vorgestellt, der Hof sah nun die Chance zu neuen Friedensgesprächen, um das Völkermorden zu beenden. Die Bemühungen von Kaiser Karl im Jahr 1917, an denen Lammasch nicht beteiligt war, waren ja kläglich gescheitert und hatten zu einem Totalabsturz seines Ansehens geführt. Lammasch fuhr Anfang 1918 in die Schweiz und führte dort Gespräche mit dem amerikanischen Diplomaten Herron, die zu seiner großen Enttäuschung ergebnislos blieben. Es war zu diesem Zeitpunkt wohl zu spät für einen Erfolg, aber Lammasch galt nun als Sündenbock.

Unparteiische Gerechtigkeitsliebe#

Erst als die militärische Situation aussichtslos wurde und die Völker der Monarchie begannen, eigene Wege zu gehen, erinnerte man sich wieder an Lammasch, an dessen Ehrlichkeit kein Zweifel bestand und der sowohl im Ausland als auch bei allen Parteien persönliches Vertrauen genoss. Karl ernannte Lammasch zum Ministerpräsidenten, weil er der einzige war, mit dem die Nationalitäten noch redeten und weil man sich mit ihm bessere Friedensbedingungen erhoffte.

Auch die Reichspost bezeichnete nun Heinrich Lammasch als den Mann, der durch seine unparteiische Gerechtigkeitsliebeberufen wäre, an die Spitze [...] zu treten,es gäbe kaum Parteigegensätze, die vor diesem Namen nicht verschwänden. Friedrich Funder schreibt in seinen Erinnerungen: Am 27. Oktober löste die neue Regierung das abtretende Kabinett ab. – Wenn schon sie nur zwei Wochen im Amte blieb, bildete sie doch in diesem Zeitraum gehäufter staatspolitischer Ereignisse eine wohltuende Zäsur auf einer steilen Stiege. Als letzter Ministerpräsident konnte Heinrich Lammasch nur noch erschüttert zur Kenntnis nehmen, dass das Ende der Monarchie nicht mehr aufzuhalten war. Sein Verdienst ist es, dass die Übergabe der Macht trotz der allgemeinen Erregung friedlich verlaufen ist. Seine Persönlichkeit war dabei von ebensolcher Bedeutung wie die Weisheit von Viktor Adler, dem großen Führer der Sozialdemokratischen Partei, dessen Leben in eben diesen Tagen zu Ende ging. Alle Empfehlungen an den Kaiser wurden mit dem neu gebildeten Staatsrat abgesprochen. Lammasch wurde von allen Seiten als Vermittler anerkannt. Er überzeugte Kaiser Karl, die Verzichtserklärung zu akzeptieren, die Amtsgeschäftewurden in bester Ordnung übergeben. Er trat dann in mehreren Memoranden an die Alliierten für eine unabhängige Republik ein, der er als neutralem Pufferstaat in der Mitte Europas eine wichtige Aufgabe mit einer aussichtsreichen Zukunft zudachte zum Wohle Österreichs selbst und der Erhaltung des europäischen Friedens. Die Führer der Parteien, vor allem Otto Bauer, waren aber Anhänger des Anschlusses und lehnten diese Kleinstaaterei ab. Als es 1919 zur Friedenskonferenz kam, wurde Lammasch gebeten, als Sachverständiger zur Verfügung zu stehen. Er entzog sich auch dieser Aufgabe nicht, stellte sich ganz in den Dienst der Republik und machte in St. Germain die bittersten Erfahrungen seines Lebens: Das Friedensdiktat widersprach allen Grundsätzen, für die er eingetreten war, seine Briefe wurden nicht befördert, seine Vorschläge für ein unabhängiges Österreich durch den eigenen Delegationsleiter zensuriert. All dies hat viel zu seinem baldigen Ende beigetragen.

Zwischen den politischen Stühlen#

In den folgenden Jahrzehnten geriet Heinrich Lammasch weitgehend in Vergessenheit. Staatskanzler Renner hat im Februar 1920 zwar noch appelliert Abbitte zu leisten und das Angedenken dieses Mannes zu pflegen, dies ist den großen politischen Lagern Österreichs jedoch kein Anliegen, es dient auch nicht ihrem positiven Selbstbild. Lammasch hatte es sich nicht nur mit den Großdeutschen verscherzt. Die einen sahen in ihm nur den Vertreter des alten Systems, obwohl an seiner Loyalität gegenüber der Republik kein Zweifel bestand. Die anderen nahmen ihm übel, dass er der Republik seine volle Unterstützung zukommen ließ.

Vor 90 Jahren, im Jänner 1920, starb der letzte Ministerpräsident der Monarchie, Heinrich Lammasch. Die New York Times berichtete vom Ableben des international hoch angesehenen Rechtsgelehrten, in Österreich fand es wenig Beachtung. Stefan Zweig beschreibt das Begräbnis in Salzburg: Nie im Leben habe ich eine solche Beerdigung gesehen, so ärmlich, so traurig, wir waren fünf Personen am Grab eines ehemaligen Ministerpräsidenten eines Dreißig-Millionen-Landes, [...] Mir bleibt für immer ein Ekel vor jeglicher Politik. Karl Kraus, der Lammasch zeit seines Lebens verehrt hat und als einer von wenigen auch öffentlich für ihn eingetreten ist, schrieb in seinem Nachruf: Nach seinem Hingang bleibt der Wunsch zurück, dass die Zeit, die seines Lebens nicht würdig war, durch sein Andenken Ehre gewinnen möge.

Der Autor war am Zentralen Informatikdienst der Universität Wien tätig, auf seine Initiative geht die vor zwei Jahren am Geburtshaus von Heinrich Lammasch in Seitenstetten angebrachte Gedenktafel zurück.


Die Furche, 18. Februar 2010