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Konzil wird zur Gegenwart #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Dezember 2014)

Von

Wolfgang Treitler


Bischöfe
Bischöfe
Foto: © Shutterstock

50 Jahre sollen in derkatholischen Kirche keine lange Zeit sein, besonders wenn es sich um ein Konzil handelt, dessen Ergebnisse erst langsam durch die Schichten des katholischen Lebens sickern. 50 Jahre sind jedoch eine lange Zeit, wenn man ein menschliches Leben betrachtet. Viele Menschen erreichen dieses Alter gar nicht. Furchtbare Kindheit macht sie krank, Hunger mergelt sie aus, private oder ökonomische Katastrophen treiben sie in den Ruin, in die Krankheit, in den Tod. Menschen der Armut gibt es heute auf allen Kontinenten. Einst vielleicht ein evangelischer Rat, oftmals karikiert durch Prunkgehabe von Kirchenvertretern und Laien aller Zuordnungen, hat die Armut unter den heutigen Verhältnissen ein anderes Gesicht erhalten. Armut ist kein Wert mehr. Armut tötet.

50 Jahre, nachdem das II. Vatikanische Konzil in seine entscheidende Phase gekommen war, wurde Jorge Bergoglio zum Bischof von Rom gewählt – der erste, der nicht aus Europa kommt. Es scheint, so sagte er auch am Abend seiner Wahl, dem 13. März 2013, meine Mitbrüder, die Kardinäle, sind fast bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu holen.

Geografisch stimmt das. Doch dort, am Ende der Welt, wurde lang schon aus dem Geist des Konzils gelebt – gegen den teils massiven Widerstand aus Rom. Denn in Rom wurde noch anders gedacht. Und das hielt bis zum Ende des Pontifikats Benedikts XVI. weithin so an. Joseph Ratzinger war der dogmatische Lehrer der katholischen Kirche, auch in den Zeiten, als Johannes Paul II. noch Papst war. Für Ratzingers Absichten und Haltungen war das Dokument Dominus Iesus signifikant. In ihm mahnte er im August 2000 als Präfekt der Glaubenskongregation zum festen Glauben an Christus und die Kirche, die in ihrer Wahrheit die Kirche von Rom war. In der Rhetorik, die Ratzinger einsetzte, offenbarte sich der untergegangene Geist des frühen 20. Jahrhunderts, als Pius X. gegen die Moderne und ineins damit gegen bedeutende theologische und wissenschaftliche Forschung mobilisierte. Defensive, als bilde sie das Kerngeschäft der Glaubensverteidigung, ist die gemeinsame Losung des sogenannten Antimodernismus und von Dominus Iesus. Das hielt an. Benedikt XVI. revidierte das II. Vatikanische Konzil, das sich als ökumenisches verstand, massiv, als er den Titel eines Patriarchen des Abendlandes ablegte, offenbar weil er sich nicht in die Reihe der anderen Patriarchen der christlichen Orthodoxie stellen wollte. Und dann umkreiste er die Christusgestalt mit vorwiegend rückwärtsgewandten Modellen, wie er sie bei einigen Kirchenvätern und überholten christlichen Bibelauslegern fand, und sorgte sich um die Herausgabe seines eigenen theologischen Gesamtwerks. Die Verpfl ichtung von Gaudium et Spes, vor 50 Jah ren verabschiedet, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten (GS 4), wurde durch ihn weithin auf theoretische Fragen konzentriert. Das Konzil hatte es schwer, in die kirchliche Gegenwart zu kommen.

EIN GLAUBE DES KRITISCHEN BLICKS #

Mit dem Papst vom Ende der Welt aber bricht die Gegenwart des II. Vatikanischen Konzils an – und zwar deswegen, weil er einen Schwerpunkt setzt, der Zentrum von so wichtigen Konzilstexten ist wie Gaudium et Spes (Kirche in der Welt von heute), Dignitatis Humanae (Erklärung über die Religionsfreiheit) und Nostra Aetate (Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen). Gemeinsam ist diesen Erklärungen nicht nur, dass sie im Jahr 1965 verabschiedet wurden, sondern auch ihre Leitidee: Christlicher Glaube ist ein Glaube des kritischen Blicks, der aufrichtigen Analyse, auch wenn diese eine Selbstkritik nach sich zieht, und vor allem der entschiedenen Praxis, und das auch gemeinsam mit Andersgläubigen. Christlicher Glaube wird gemessen an echter Solidarität (GS 1–3), an seiner Situationsgerechtigkeit (GS 21), die von missliebigen Interpreten als Anpassung an den Zeitgeist verdreht wird, und am Widerstand gegen ökonomische oder politische Versklavung (GS 63 und 74). Klar sah das Konzil daher auch, dass der Niedergang der Familien seine Gründe nicht in irgendwelchen „Ismen“ hat, für die Ratzinger aus dem 19. Jahrhundert markante Zuschreibungen herbeiholte (Liberalismus, Relativismus); dieser Niedergang hängt am hohen Druck, der gesellschaftlich und ökonomisch auf sie ausgeübt wird. Es gibt heute eine ökonomische Diktatur, die die Menschen vor sich herjagt, und die sie allzu oft internalisieren. Dann verfallen sie den eigenen Hervorbringungen und werden deren Sklaven. Feierzeiten werden zerstört – daher die Mahnung, auch für ausreichende Ruhezeiten und Muße zu sorgen, damit die Familien ihr kulturelles, gesellschaftliches und religiöses Leben auch leben können (GS 67). Das Konzil übersah nicht den Fortschritt, der mit diesen Entwicklungen einzog, aber es positionierte sich klar auf der Seite derer, die in diesen Prozessen unterliegen.

EINE ART HEILIGKEIT DES MENSCHEN #

Ihnen gegenüber erinnerte das Konzil an eine Art Heiligkeit im Menschen, an das Gewissen. Das war nicht individualistisch gemeint, sondern umgreifend, universal, global, wie auch die Menschheit damals schon auf dem Weg in die Globalisierung ihrer selbst gesehen wurde (DH 15, GS 54). Da geht es dann um Erziehung im Gewissen, um die Not der Armen überhaupt zu erkennen und christlich echte Praxis zu leben, also die Armen zu unterstützen, und zwar nicht nur vom Überfluss (GS 69). Die Bischöfe sollen Beispiel geben, die Nöte unserer Zeit nach Kräften zu lindern, und zwar nach alter Tradition der Kirche nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz (GS 89). Franziskus nimmt das wörtlich. Sein Stil repräsentiert nicht die Macht der Kirche. Er kam nicht, um über den Dächern des Vatikans zu residieren. Er macht sich nicht zum Arbeitssklaven irgendeines Amtes oder (kirchen)politischer Interessen, braucht keinen Palast und keine gefügige Umgebung. Er ist kein Mann, der anderen erklärt, dass nur die katholische Kirche die Wahrheit habe. Er ist kein Dominus, sondern sucht im Geist des Konzils die Kräfte, die aus dem Gebet, dem Gewissen und den Überlieferungen heraus der großen Hoffnung dienen, in der echte Glaubensgemeinschaften eins sind: dem Frieden (GS 78).

Das kommt aus dem Glauben an den Messias, also an den Christus. Dieser fordert das Gewissen, hinzuschauen auf die Armen, auf ihre zerstörten Lebenschancen, auf ihre gekürzten Lebensfristen und auf das himmelschreiende Unrecht, das sie aushalten müssen – und sie mitzunehmen in eine starke, aktive Hoffnung, in der jede Tat, jede Geste, jeder Satz für sie einsteht und eintritt.

So fasst sich das Christentum in seiner einfachen und klaren Substanz zusammen, die wichtiger ist als alle nachfolgende Dogmatik und Moral. Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Substanz umkreist, dem gegenwärtigen Bischof von Rom ist sie sein Zentrum. Mit ihm hat das II. Vatikanische Konzil seine Gegenwart erreicht.

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Dezember 2014