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Große buddhistische Welt im Kleinen #

In Österreich lebt der Buddhismus in den Formen asiatischer Traditionen, die gleichwertig und in engster Nähe koexistieren. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE, Donnerstag, 23. Mai 2013

Von

Martin Tauss


Theravada-Schule im Buddhistischen Zentrum in Wien
Globale Religion. Wie das Christentum oder der Islam hat sich der Buddhismus in seiner historischen Entwicklung den unterschiedlichsten Kulturen angepasst (Bild: Theravada-Schule im Buddhistischen Zentrum in Wien).
Foto: © Katrin Bruder

„Wenn der eiserne Vogel fliegt, kommt der ‚Dharma‘ (die buddhistische Lehre) nach Westen.“ Diese rätselhafte Aussage, die dem legendären Begründer des Buddhismus in Tibet, Padmasambhava, im 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, erscheint rückblickend voller prophetischer Kraft: Lässt sich doch heute im „eisernen Vogel“ unschwer der moderne Flugverkehr zwischen der westlichen Welt und Asien erkennen. Tatsächlich spielte das Aufkommen billiger Langstreckenflüge eine wesentliche Rolle, dass sich der Buddhismus im Westen etablieren konnte. Einerseits kamen asiatische Lehrer ab den 1950er Jahren nach Europa oder Amerika, um dort buddhistische Zentren zu gründen, andererseits suchten Europäer und Amerikaner verstärkt buddhistische Klöster auf, um den Buddha-Dharma zu studieren und die Lehre nach ihrer Rückkehr möglichst authentisch zu vermitteln.

Bunte Vielfalt in Österreich #

In Österreich sind heute alle Hauptrichtungen des Buddhismus etabliert: Dazu zählen das Theravada, die historisch älteste Form des Buddhismus, sowie die Strömungen des Mahayana („Großes Fahrzeug“) einschließlich des Zen-Buddhismus und des tibetischen Vajrayana („Diamantenfahrzeug“).

Theravada-Buddhismus bezieht sich auf die Schriften des Pali-Kanons, der die älteste überlebende Überlieferung der Lehren Buddhas enthält. Die erste Theravada-Gruppe in Wien gab es bereits in den 1940er Jahren.

Während das Theravada strikt monastisch geprägt war, richtete sich das Mahayana als Reformbewegung gegen Erstarrungen im klösterlichen Buddhismus und zielte darauf ab, möglichst vielen Menschen ein Vehikel auf dem spirituellen Weg zu sein. Der Begriff der sozialen Verantwortung spielte dabei eine wesentliche Rolle. Zudem entstanden völlig neue heilige Schriften: Das Mahayana entwickelte eine eigene Sutren-Literatur, die zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. entstand. Das Mahayana verbreitete sich in den größten Teilen Asiens wie China, Japan und Korea und ließ den Buddhismus zur Weltreligion werden.

Das Spektrum der in Österreich vertretenen Mahayana-Schulen reicht von japanischen Traditionen wie etwa Soto- und Rinzai-Zen über Gruppen, die in Traditionen aus Taiwan oder Korea verwurzelt sind, bis hin zu einem Shaolin-Orden, der 2011 in Wien gegründet wurde und auf das berühmte chinesische Kloster zurückgeht. Das Shaolin-Kloster war ein zentraler Ausgangspunkt des Chan-Buddhismus, der wesentlich durch taoistische Einflüsse gekennzeichnet ist.

Ab dem 5. Jahrhundert bildete sich das „Diamantenfahrzeug“, das als letzter großer Zweig der buddhistischen Überlieferung in Indien nach Tibet gelangte und Einflüsse vom esoterisch orientierten Tantrismus aufweist. Es ist davon auszugehen, dass der Vajrayana- Buddhismus heute die am stärksten verbreitete Form des Buddhismus in Österreich ist. Dabei ist ein Spektrum von tibetischen Traditionen in Österreich verankert, darunter die Kagyü-Schule sowie die Gelug-Tradition, aus der die Dalai Lamas stammen. Die Gelug-Schule wurde im 14. Jahrhundert gegründet und zählt zu den vier großen Schulen Tibets. Die wichtigste Methode in dieser Tradition ist der „Stufenweg auf dem Weg zur Erleuchtung“, wo durch Studium und Meditation sowohl Weisheit als auch Mitgefühl schrittweise entwickelt werden sollen.

Darüber hinaus gibt es in Österreich auch traditionsübergreifende Praxisorte wie die Buddhistische Gemeinschaft Salzburg und das Buddhistische Zentrum im niederösterreichischen Scheibbs. Berechtigt ist die Frage nach der Entwicklung buddhistischer Traditionen in westlichen Ländern wie Österreich. Denn während buddhistische Traditionen vor ihrer Ausbreitung im Westen vorwiegend isoliert existierten, begegneten sie sich auf dem Weg ihrer Globalisierung.

Westlicher Buddhismus? #

„Es gilt, die wesentlichen und wichtigen Traditionen der einzelnen Richtungen zu wahren“, schreibt Gerhard Weisgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft, unter deren Dach heute alle in Österreich vertretenen Traditionen des Buddhismus vereint sind. „Es geht nicht darum, aus diesen unterschiedlichen Traditionen eine neue, eine westliche Tradition bewusst zu bauen.“ Laut Weisgrab sei das wertvolle Angebot der einzelnen Traditionen so zu nützen, dass die Essenz der Lehre des Buddha mit westlichem Verständnis und westlichen Wurzeln erkannt und praktiziert werden könne.

Der prominente amerikanische Meditationslehrer Joseph Goldstein wiederum spricht von einem neuen „westlichen Buddhismus“ und erkennt einen „Schmelztiegel der Wandlung, wo die Vielfalt und die Tiefe der alten buddhistischen Traditionen auf die Offenheit und den Pragmatismus der westlichen Kultur treffen.“ Und nun, wo all diese Traditionen im Westen zusammenkommen, sei die einzigartige Gelegenheit entstanden, von allen zu lernen.