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Die ukrainische griechisch-katholische Kirche von 1596 bis heute.#

Der Wettlauf um ihre Existenzberechtigung#

Von

Viktor Kurmanowytsch

Zwei der fünf mächtigsten Kirchenfürsten des Christentums hatten sich ab dem 4. Jahrhundert die Macht aufgeteilt. Lose Gemeindestrukturen wurden vom Ersten und Zweiten Rom nicht nur wegen der Gefahren von Irrlehren zentralisiert. Man judizierte, kanonisierte, erhob sich zum Stellvertreter Christi und betrachtete sich als unfehlbar. Eingangs war die Hauptstadt des oströmischen Reichs Byzanz weitaus reicher als die restliche Welt. Doch das sollte sich bald ändern. Während sich Rom als mächtiger Kirchenstaat herausmauserte, fiel Konstantinopel 1453 ins Nichts.

Die Satellitengemeinden des Zweiten Rom waren nicht nur führerlos sondern auch orientierungslos. Die größten von den Türken unbeschadeten Anhängerschaften des ehemals stolzen Byzanz lagen im Bereich Russlands und der heutigen Ukraine. Während Russland sich ein eigenes Patriarchat erschlich (1581), suchte das im Polenreich befindliche Kiew - die Wiege des Ostslawentums - neue kirchliche Allianzen. (1594-1596)

Warschau und Rom waren näher als das türkische Istanbul und so pilgerte man in die ewige Stadt, um Aufnahme in die katholische Gemeinschaft zu finden: aber natürlich mit eigenen Vorstellungen! Man wollte die Veränderungen, die Rom seit dem 11. Jahrhundert eingeführt hatte, nicht mittragen. Zwangszölibat und viele andere bedeutende Kleinigkeiten – genau 33 Punkte waren es – wurden angeführt. Wir befinden uns am Ende des 16. Jahrhunderts: Europa war bereits in Protestanten und immer weniger werdenden Katholiken aufgeteilt. Und da will auf einmal eine orthodoxe Kirche in Osteuropa katholisch werden! Mit Riesenfreude und mit einem Affentempo hat man die Bedingungen akzeptiert. Heute würde man Jahrhunderte brauchen, um ähnlich heiße Eisen zu behandeln.

Die Union#

1596 unterschrieb man also die Union von Brest-Litowsk und am Beispiel der Ukraine folgte Mittel- und Südosteuropa. Ein Aufschrei ging durch die orthodoxe Welt. Durch die Union erfolgte logischerweise automatisch eine neue Spaltung in der Orthodoxie.

Rom und das katholische Polen hatte mit den neuen beweibten Klerikern auch wenig Freude. Die neue unierte Kirche wurde mit Argwohn begleitet und blieb neben der römischen Kirche nur Kirche zweiter Wahl.

Die ukrainischen Kosaken, welche vom 16. bis zum 18. Jh. gleichzeitig gegen Russland, gegen Polen und gegen die Türken kämpften, blieben erzorthodox und verbrüderten sich daher 1654 mit den Russen. Damit begann der Abstieg des Königreichs Polens, und Moskau versklavte die sogenannten Kleinrussen rund um Kiew. Alle Katholiken wurden eingesperrt, umgebracht oder verschleppt, so dass man feststellen musste, dass die Kirche, welche mit Rom uniert war, Ende des 18. Jahrhunderts im zaristischen Reich endgültig ausgerottet war.

In Polen blieb sie erhalten und so kamen nach der Teilung Polens 1772 die restlichen griechisch-katholischen Gläubigen zu Österreich. Maria Theresia hat diese Kirche der römischen gleichgestellt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte! Es kamen die goldenen 140 Jahre der unierten Kirche und zwar innerhalb der Monarchie. Die Österreicher wurden die liebsten Besetzer! Josef II. gründete eine Pfarre, eine Hochschule und ein Priesterseminar in Wien. In der Westukraine lebten alle Konfessionen friedlich miteinander.

1918 war die griechisch-katholische Kirche besonders bemüht, dass die Ukraine selbständig werde und auch bleibe, denn unter den Polen und den Russen hatte sie schlechte Erfahrungen gemacht. Jedoch die Hoffnungen wurden zerstört. Die Westukraine wurde in der Zwischenkriegszeit polnisch und nach dem Hitler-Stalin-Pakt sowjetisch, unterbrochen nur kurz vom Unternehmen Barbarossa. 1945 wurden alle unierten Bischöfe verhaftet, und bis auf einen sind alle im Gulag umgekommen. 1946 wurde die griechisch–katholische Kirche in der Sowjetunion verboten.

Als 1989 Papst Johannes Paul II. Gorbatschow bat, das Verbot aufzuheben, was dann auch geschah, zeigte sich dass die griechisch-katholische Kirche im Untergrund weiter existierte und das gar nicht so schlecht. Hunderte Priester und eine Handvoll Bischöfe tauchten aus den Katakomben auf, während die Bevölkerung sowieso immer schon katholisch geblieben war. Die fast verstaatlichte russisch-orthodoxe Kirche war nie wirklich eine ernst zu nehmende Alternative.

Die Situation heute#

Heute, nach 26, Jahren gibt es wieder 5.000.000 Gläubige in der Ukraine. Man hat jedoch nach dem orthodoxen Muster zu viele Diözesen gegründet, auch in den angestammten orthodoxen Gebieten, wie zum Beispiel in Donezk. Eine überdimensionale Schar von verheirateten Priestern überschwemmt nicht nur die Ukraine sondern auch Westeuropa. In Österreich gibt es derzeit ca. 20 unierte Priester, obwohl nur drei bis vier bezahlt werden können. Der Rest verdingt sich bei den r.-k. Brüdern und Schwestern und erhöht den Unmut der professionell zölibatären Kollegen.

Wie hat sich Rom seit 1596 mit den Unierten herumgeschlagen? So recht und schlecht. Nach dem Konzil von Trient hätte es für beweibte Priester wohl keinen Platz mehr gegeben. Die Auslandskirche der griechisch-katholischen Kirche in Westeuropa und Amerika hat man zu Anfang des 20. Jh. säuberlich vom Mutterland getrennt. Da kümmerte sich die Ostkirchenkongregation in Rom sehr darum. In den nicht angestammten Gebieten der unierten Kirche wurde still und leise das Zwangszölibat eingeführt und alle 33 Punkte der Vereinbarung begannen zu wackeln. Ein Beispiel: heute arbeiten ca. 300.000 ukrainische Frauen im Bereich der Altenbetreuung in Italien. Sie haben dort ein Monopol wie bei uns die Slowakinnen. Es wurden Pfarreien gegründet, die jedoch den lokalen römisch-katholischen Diözesen unterstellt wurden und auch von diesen bezahlt werden. Es gibt zwar einen apostolischen Administrator der Unierten mit Sitz in Rom. Aber der hat nichts zu reden. Der Vatikan hat beschlossen, dass diese Pfarrer unverheiratet sein müssen. Viele ukrainische Priester würden gerne Euros in Italien verdienen, aber da erscheint auf einmal die Ehefrau als großes Hindernis.

Auch in der Ökumene war die unierte Kirche ein großes Hindernis. Die Orthodoxen verlangten die Ausmerzung der Unierten. Erst dann kann man über eine Ökumene reden, meinten sie. Rom befand sich in einer Zwickmühle. Wie sollten sie nun das Uniertenproblem lösen?

Auch dürfen die verheiraten Priester nicht Bischöfe werden, außer sie sind Witwer geworden. Bei meiner Priesterweihe (als 50- Jähriger in Lemberg) hat ein „guter“ Freund zu meiner Frau gemeint: Viktor wäre auch ein guter Bischof. Ich hoffe, Du weißt was Du zu tun hast. Die Antwort meiner Frau darf keineswegs publiziert werden.

Kirche St. Barbara
St. Barbara, Wien 1. Postgasse - Foto: P. Diem
Kirche St. Barbara
Kirche St. Barbara - Foto: P. Diem