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Glaube und Vernunft. Im Gedenken an Friedrich Wolfram, den Religionsphilosophen#

Von

Herta Nagl-Docekal und Ludwig Nagl

Erschienen in: Quart 4/2015, S. 25-26


Mit Friedrich Wolfram hat Österreich einen profilierten Religionsphilosophen verloren, der ungewöhnliche, innovative Akzente zu setzen wusste, denen eine lange Nachwirkung sehr zu wünschen ist. Sein Forschungsinteresse galt vor allem dem spannungsreichen Verhältnis zwischen „fides“ und „ratio“. In den letzten Jahren bündelte er seine Ergebnisse u.a. in seinem Aufsatz „´Wahre Gewißheit´ bei Parmenides. Zur Frühgeschichte des Themas ´Glaube und Vernunft´[1]“ sowie in seiner großen Studie „‘Richtiger Glaube‘(πίστις άληθής) bei Platon“[2]. Öfter erzählte Friedrich Wolfram auch von seiner umfassenderen Untersuchung zu dieser Thematik, die er an der Universität Wien, der er viele Jahre als Lektor angehört hat, als Habilitationsschrift vorzulegen beabsichtigte. Es ist höchst bedauerlich, dass er dieses Vorhaben nicht mehr zum Abschluss bringen konnte.

Wolframs Beschäftigung mit Autoren wie Parmenides und Platon war nicht nur von einer philologisch-historischen Perspektive getragen, sondern beabsichtigte zugleich, in den heutigen – unter den Vorzeichen der Moderne zugespitzten – Diskurs über das Verhältnis von Glauben und Vernunft klärende Differenzierungen einzubringen. Das Interesse an aktuellen Problemstellungen prägte auch seine Sicht der Kompetenzen des Katholischen Akademikerverbands der Erzdiözese Wien: In diesem Rahmen sollten, so formulierte Wolfram seine Intention, zeitgenössische philosophische Zugänge zum Thema Religion, die im innerkirchlichen Raum noch keine angemessene Rezeption erfahren haben, mit der theologischen Debatte in Verbindung gebracht werden. Es war im Zeichen dieses Anliegens, dass Friedrich Wolfram uns kontaktierte – woraus viele Jahre einer spannenden Kooperation und schließlich eine persönliche Freundschaft, auch mit seiner Frau Inge, erwuchsen.

Im Frühjahr 1998 versammelte Fritz Wolfram einen Arbeitskreis, dem sowohl Professoren der Katholisch-Theologischen und der Evangelisch-Theologischen Fakultät als auch drei Mitglieder des Instituts für Philosophie der Universität Wien – Klaus Dethloff und die beiden Autoren dieses Rückblicks – angehörten. So entstand der Plan für eine Vortragsreihe zum Thema „Religion, Theologie, Kirchen unter den Bedingungen der Moderne/Postmoderne“, die im Oktober 1999 mit monatlichen Vorträgen (in den Räumlichkeiten des KAV) begann und acht Jahre hindurch ohne Unterbrechung fortgesetzt werden sollte. Rückblickend lässt sich sagen, dass diese Veranstaltungen eines der ambitioniertesten, international dimensionierten Projekte zur zeitgenössischen Religionsphilosophie darstellten: Als Vortragende wurden nicht nur eine Reihe österreichischer Fachleute eingeladen, sondern auch amerikanische, ägyptische, dänische und deutsche Theologinnen und Theologen (Elisabeth Schüssler-Fiorenza; Edith Wyschogrod; Elsayed Elshaded; Cornelia Richter; Dorothee Sölle), ebenso wie Philosophinnen und Philosophen aus Großbritannien, Irland, Israel, Kroatien, Lettland, den Niederlanden und Rumänien. Ein besonderer Schwerpunkt dieser Vortragsreihe lag darin, dass viele jener philosophischen Autorinnen und Autoren, die im deutschsprachigen Raum am Thema Religion interessiert geblieben waren, ihre Forschungen im Wiener KAV vorstellten.

Diese vielfältigen Zugänge zu Religion haben eine gemeinsame Ausgangslage, welche sich so umreißen lässt: Neben den selbstgefällig-selbstzufriedenen szientistischen Reden vom modernen, säkularisierten Ende religiöser ‚Obskurantismen‘, die im Umfeld der älteren, logisch-empiristisch ausgerichteten Wissenschaftsphilosophie üblich waren (und sind), gab es auch Anderes. In einigen Segmenten nicht-marginaler moderner und postmoderner Philosophie, z.B. in der Frankfurter Schule, in der Phänomenologie und der Dekonstruktion, sowie im pragmatisch/neopragmatischen Denken, das für die postanalytische Debatte von großem Einfluss ist, blieben Fragen nach der „Transzendenz“, facettenreich transformiert in „nachmetaphysische“ Denktableaus, im Raum. Prominente Vertreterinnen und Vertreter aller genannten Denkrichtungen stellten ihre Forschungen im KAV vor.

Den Anspruch der von Fritz Wolfram geleiteten Veranstaltungsreihe, Wortmeldungen zur avancierten zeitgenössischen Debatte zu versammeln, dokumentieren die in Berlin publizierten Bücher, in denen die im KAV Wien gehaltenen Vorträge veröffentlicht wurden – vier Bände, deren Titel das Programm des Wiener Projekts klar zum Ausdruck bringen: Religion, Moderne, Postmoderne[3]; Orte der Religion im philosophischen Diskurs der Moderne[4]; „Die Grenze des Menschen ist göttlich“[5]; Jenseits der Säkularisierung[6]. Schmerzlich war für Friedrich Wolfram, wie er uns sagte, freilich, dass es seitens der Amtskirche keine anerkennende Rückmeldung zu diesem fast ein Jahrzehnt lang laufenden Projekt gab, und dass auch die Wissenschafts- bzw. Religionsredaktionen der österreichischen Medien – ungeachtet seiner Informationsarbeit – keine Notiz davon nehmen wollten. Im Gedenken an Fritz Wolfram, diesen so initiativen Wiener Religionsphilosophen, sei daher die Hoffnung ausgedrückt, dass sein Werk posthum die ihm gebührende Wertschätzung – und vor allem auch: Leserschaft – finden möge.

Fußnoten#

[1] In: Transzendentale Konzepte in aktuellen Bezügen. Festgabe für Herta Nagl-Docekal und Ludwig Nagl (Hans-Dieter Klein und Rudolf Langthaler, Hrsg.), Würzburg: Königshausen & Neumann, 2010, S. 105-143.
[2] In: Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter, 16/2013, S. 50-145.
[3] Hrsg. von Klaus Dethloff, Ludwig Nagl und Friedrich Wolfram, Berlin: Parerga, 2002.
[4]Hrsg. von Klaus Dethloff, Rudolf Langthaler, Herta Nagl-Docekal und Friedrich Wolfram, Berlin: Parerga, 2004.
[5]Hrsg. von Klaus Dethloff, Ludwig Nagl und Friedrich Wolfram, Berlin: Parerga, 2007.
[6]Hrsg. von Herta Nagl-Docekal und Friedrich Wolfram, Berlin: Parerga 2008.