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Gläubige Brückenbauer mit Stimme (ein Film)#


Mit freundlicher Genehmigung von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 17. Juni 2010)

Von

Otto Friedrich


Jedem Besucher von Istanbul bleibt der Klang in nachhaltiger Erinnerung; die türkische Mega city ist durch den vielstimmigen Gesangsruf geprägt: Fünf Mal am Tag ruft der Muezzin die Gläubigen zum Gebet. In der 13-Millionen-Metropole gibt es etwa 3000 Moscheen: Aus ihnen erklingen die frommen Töne, welche die faszinierende Brücke zwischen einer 1400-jährigen Glaubenstradition und dem Pulsieren der Großstadt bilden. Nicht nur die Silhouetten der Gebetshäuser bestimmten die Stadt, sondern ebendieser Sound.

Ein Besucher am Bosporus bekommt den Klang der Gottesbekenntnisse zu hören – Allahu akbar, Asch hadu an la ilaha illa llah ... (Gott ist groß; ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Gott...) – aber fast nie die Person zu Gesicht, die hinter der Stimme steckt: Der österreichische Filmemacher Sebastian Brameshuber setzt im Dokumentarfilm "Muezzin" den Gebets rufern ein beeindruckendes Film-Denkmal und weckt Interesse für diesen hierzulande trotz steigender Muslimenzahl kaum öffentlich präsenten Beruf. Dabei gehört der Ruf des Muezzins durchaus zum cineastischen Alltag: Um einen muslimischen oder orientalischen Schauplatz zu etablieren, wird der Gebetsruf im Film eingesetzt, schreibt Brames huber: „Man reduziert den Gebetsruf auf einen Soundeffekt und bedient sich eines mystischen Klangs ...“

Stiller Film über Rufer zum Gebet#

Seher Çakir
"Muezzin" - Der unnachahmliche Singsang des islamischen Gottesbekenntnisses hat auch ein "Gesicht"
© FURCHE

Indem der Dokumentarfilmer die Personen hinter den gläubigen Klängen hervorholt, will er den Mythos hinter deren "akustischen Omnipräsenz" dekonstruieren. Seinem stillen Film gelingt dies ganz und gar.

"Muezzin", der Film, „handelt“ von einem Gebetsrufwettbewerb, in dem landesweit die stimmlich besten Muezzins gekürt werden. Brameshuber porträtiert dabei Halit Aslan, den Rufer der historischen Fatih-Moschee, der sich fürs Istanbuler Finale des Wettbewerbs locker qualifi ziert. Doch dort trifft er auf den frommen Vorstadt-Imam Isa Aydin, der mit seiner hohen Stimme überraschend zum nationalen Finalteilnehmer wird. Das hätte sich auch Habil Öndes, der Meister des Singsangs dieser Muezzins und Ausbildner der Vorbeter nicht gedacht. Wie Muezzins leben – Menschen aus Fleisch und Blut, mit Familie und zwischen Tradition und moderner Welt oszillierend – all das zeigt dieser Film ohne viel Aufhebens, aber mit umso mehr Empathie. "Mir war wichtig, mit meinem Film auf keinen Fall die Vorstellung zu bestärken, dass es auf der einen Seite die moderne säkulare und auf der anderen die rückwärts gewandte muslimische Türkei gibt", beschreibt Brameshuber seine Intention: "Ich habe versucht, dieses Klischee ein bisschen zu unterwandern. Ich möchte vermitteln, dass auch die islamischen Türken moderne und säkulare Türken sind."

Man kann dem Dokumentarfilmer bescheinigen, dass seine Rechnung voll und ganz aufgeht.

Wiener Zeitung, 17. Juni 2010