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Meine Identität ist nicht das Kopftuch#

Die afghanische Journalistin Tanya Kayhan erklärt, warum sie seit ihrer Flucht kein Kopftuch mehr trägt.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 10. September 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Tanya Kayhan


Afghanistan in den 1970ern und heute
Afghanistan in den 1970ern (links) und heute. Die Feministin Tanya Kayhan bezeichnet die Verschleierung als Unterdrückung von Frauen.
Foto: © ap/Rahmat Gul, Getty/V.Seykov

Wien. Es ist nicht besonders angenehm, in Österreich immer wieder nach der Burka oder dem Kopftuch gefragt zu werden. Als Frau aus Afghanistan ist man im Westen nur als Burka-Frau bekannt. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass man mich hier am häufigsten danach fragt. Als Afghanin muss ich die Leute aber enttäuschen, denn weder die Burka noch das Kopftuch sind meine Identität. Sondern mein Kopf.

Vom Paris Asiens#

Viele Menschen im Westen sehen das Kopftuch als islamische Identität, aber für mich ist es das nicht. Das Kopftuch wurde auch von Frauen anderer Religionen getragen: von katholischen Schwestern oder Inderinnen. Ich persönlich sehe das Kopftuch als ein politisches Werkzeug gegen Frauen - in Afghanistan und in anderen Ländern -, um sie zu unterdrücken. In Afghanistan kam der Kopftuchzwang aus der Regierung, es war nicht die freie Entscheidung aller Frauen, es zu tragen.

Kopftuch und Burka, das waren die zwei Gewalten, die die konservativen und fundamentalistischen Regierungen den Frauen dort aufzwangen. Als die Mujaheddin den Kopftuchzwang für Frauen in meiner Heimat ausriefen, war ich erst sieben Jahre alt. Es war das Jahr 1992, als ich zum ersten Mal ein Kopftuch tragen musste. Als ich elf Jahre alt wurde, reichte kein Kopftuch mehr. Ich musste fortan eine Burka tragen.

1996 waren nicht mehr die Mujaheddin an der Macht, sondern die Fundamentalisten, die Taliban. Es war die schlimmste Zeit für uns Frauen. Wir mussten nicht nur eine Burka tragen, sondern durften nicht mehr zur Schule zu gehen.

Vor 1992 hatten die Frauen in Afghanistan viele Freiheiten. Sie konnten zur Schule gehen, hohe politische Ämter besetzen, alleine leben, alleine in andere Städte und Länder reisen. Und sie durften anziehen, was sie wollten. Meine Mutter und meine Großmutter hatten all diese Freiheiten genossen, die ich in Afghanistan nie bekam. Meine Mutter hat mir immer wehmütig erzählt, wie sicher das Leben als Frau damals war, bevor die Mujaheddin und die Taliban kamen. Sie reiste alleine in andere Städte, ohne Begleiter. Heute ist das unmöglich. Kabul wurde zwischen 1960 und 1970 das Paris Asiens genannt.

Für afghanische Frauen war das Jahr 1928 ein Wendepunkt. Am 12. Oktober 1928 wurden das Kopftuch und die Burka von König Amanullah Khan verboten. Manche Frauen aus den Dörfern trugen sie noch während ihrer Reisen mit dem Pferd oder dem Esel in die Städte, um ihre Augen auf dem langen Weg vor dem Staub zu schützen. Allerdings haben dieselben Frauen weder in ihren Dörfern noch in den Städten eine Burka getragen. Bis heute tragen die Afghaninnen in abgelegenen Dörfern keine Burka, sondern höchstens ein Kopftuch.

Um das alte Afghanistan, zumindest was die Frauenrechte betrifft, wieder aufleben zu lassen, müssen die Frauen selbst beginnen, wieder für ihre Rechte zu kämpfen. Auch, wenn das heute besonders schwierig und gefährlich ist. Jede Afghanin sollte bei sich selbst beginnen.

Zum Kampf um den Kopf#

Ich habe mich nicht nur gegen die Burka und das Kopftuch gewährt, sondern gegen alles, was mich in meiner Freiheit einschränkte. Sogar in meiner Heimat habe ich das Kopftuch, wann immer es ging, abgenommen. Zum Beispiel bei meiner letzten Arbeit beim lokalen Büro des Fernsehsenders Voice of America. Ich habe vor der Kamera kein Kopftuch getragen, zu Hause sowieso nicht. Und in Gesellschaft, wann immer es möglich war, habe ich es sofort abgenommen. Das war auch einer von vielen Gründen, der mir den Zorn der Taliban einbrachte und mich zwang, mein Land zu verlassen.

Um für die nächste Generation eine freie und egalitäre Gesellschaft zu schaffen, müssen wir etwas gegen die Frauenfeindlichkeit, die patriarchale Gesellschaft und die Gewalt gegen Frauen in Afghanistan, aber auch hier in Österreich in unserer Community tun. Und zwar wir alle, mit oder ohne Kopftuch.

Tanya Kayhan ist eine afghanische Journalistin und Frauenrechtlerin. Vor fünf Jahren ist sie vor den Taliban nach Österreich geflohen.

Wiener Zeitung, Samstag, 10. September 2016