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Jüdische Gemeinschaft im Wandel#

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien hat 7700 Mitglieder, aber in Wien leben insgesamt an die 15.000 Juden#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 25./26. August 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexia Weiss


Viele Zuwanderer aus dem Osten verändern das jüdische Wien.#

Dezoni Dawaraschwili
600 Grusinen gehören zur IKG, Dezoni Dawaraschwili vertritt sie im Kultusvorstand.
© Wiener Zeitung

Wien. Die einen gehen nicht einmal zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, in die Synagoge, die anderen selbst an Wochentagen. Die einen leben seit Generationen in Wien, die anderen sind zugezogen - aus Osteuropa, aus Zentralasien. An die 7700 Mitglieder zählt die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien heute - und sie ist alles andere als homogen.

Zuwächse verzeichnete man zuletzt nicht durch massiven Zuzug, sondern indem Juden, die bisher noch nicht der IKG angehörten, dazu motivierte, Mitglied zu werden. Schätzungen zu Folge leben in etwa doppelt so viele Juden in Wien als die IKG Mitglieder hat, also an die 15.000.

Raimund Fastenbauer, Generalsekretär für religiöse Angelegenheiten der IKG, geht davon aus, dass etwa 25 Prozent der Wiener Gemeindemitglieder einer der streng orthodoxen Gruppierungen angehören. Sie befolgen die Vorschriften der Halacha, wie die Schabbatruhe einzuhalten, sich ausschließlich koscher zu ernähren, zu beten, aber auch, sich um seine Mitmenschen zu kümmern.

An die 30 Prozent der Gemeinde leben traditionell. Vor allem viele der Bucharen und Grusinen, das sind Zuwanderergruppen aus der ehemaligen Sowjetunion, halten die Tradition stark hoch, ohne jedoch hundertprozentig orthodox zu leben. Sie besuchen beispielsweise am Schabbat die Synagoge und halten alle Feiertage. Bei den restlichen etwas weniger als 50 Prozent findet sich alles von gemäßigt religiös "bis eben nicht religiös", wie es Fastenbauer formuliert. Viele Wiener Juden bezeichnen sich als "säkular". Fastenbauer wartet mit einem Bonmot von David Ben-Gurion, dem ersten Premierminister Israels, auf: "Die Synagoge, in die ich nicht gehe, ist eine orthodoxe Synagoge." Den Grad der Religiosität bestimmt in der Praxis jeder für sich selbst. Das liegt auch daran, dass sich eben nicht alle Juden über die Religion definieren, unterstreicht der Generalsekretär. Manche ziehen für ihre Identität die Volkszugehörigkeit heran, sie identifizieren sich stark mit Israel und sind sehr zionistisch. Andere sehen sich vor allem als Teil einer Schicksalsgemeinschaft.

Wiens Juden sind allerdings nicht nur in Bezug auf den Grad ihrer Religiosität äußerst inhomogen, sondern auch im Hinblick auf ihre Herkunft. Nur wenige hundert Juden überlebten den NS-Terror in dieser Stadt. Nach der Befreiung kam es zur Rückwanderung einiger weniger Wiener Juden, vor allem aber zum Zuzug von Displaced Persons. Sie kamen aus Osteuropa. Bis Ende der 1940er Jahre zählte die Gemeinde an die 4000 Mitglieder.

Auswanderung über Wien#

Flüchtlinge kamen 1956 aus Ungarn, 1967 aus Polen, 1968 aus Tschechien. In den 1970er Jahren setzte der Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion ein. Tausende Juden wanderten damals über Wien nach Israel aus. Einige konnten aber dort nicht Fuß fassen - und kehrten nach Wien zurück. Sie stammten aus Zentralasien und waren meist sefardisch. Die Mehrheit der Gemeinde war zuvor aschkenasisch. Aschkenasen sind Juden aus Mittel- und Osteuropa, Sefarden stammten ursprünglich aus Iberien und gelangten später etwa in die Türkei oder eben nach Zentralasien. Die größte sefardische Gruppe in Wien sind heute mit 2500 Mitgliedern die Bucharen, erzählt Chanan Babacsayv, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Als die Generation seiner Väter in Wien ankam, wurden sie innerhalb der Wiener Juden nicht mit offenen Armen empfangen, sagt er. "Es gab vor allem kein Verständnis dafür, dass sie nicht in Israel bleiben wollten." Sie betrieben Marktstände oder kleine Geschäfte oder waren und sind bis heute Handwerker.

Inzwischen hat sich viel geändert. Einerseits geht das Gros der nächsten Generation an die Uni. Andererseits hat Integration inzwischen stattgefunden. Während es Juden in Russland schwer hatten, ihre Religion auszuüben, war dies in den ferneren Provinzen leichter. Insofern sind jene Sowjets, die nach Wien ausgewandert sind, von Haus aus sehr traditionell. Und, wie Babacsayv unterstreicht, in Wien habe sich ihre Religiosität weiter gefestigt.

Eine große Rolle spiele die bucharische Kultur - etwa die Art des Gesangs in der Synagoge, aber auch die orientalische Küche. Während der Tscholent, das traditionelle aschkenasische Schabbateintopfgericht, meist neben Fleisch Kartoffeln und Bohnen enthält, nennt sich die bucharische Variante Oschswo, das ist ein Reisgericht ohne Bohnen.

Dezoni Dawaraschwili vertritt die Grusinen im Kultusvorstand. An die 600 Gemeindemitglieder gehören dieser Gruppe an, die ursprünglich aus Georgien stammt, wo sie seit 2600 Jahren, seit der Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem, lebt. Auch die georgischen Juden gelangten seit den 1970er Jahren im Zug der Auswanderung aus der Sowjetunion nach Wien. "Da Georgien das letzte Abendland zum Vorderen Orient bildet, ist die georgisch-jüdische Kultur eine interessante europäisch-sefardisch-aschkenasische Mischung", sagt Dawaraschwili. Wobei er zur religiösen Ausrichtung anmerkt: "Sie als religiös geprägte Juden einzustufen, wäre übertrieben."

Der moderne georgisch-jüdische Geist impliziere vor allem eine starke zionistische und pro-israelische Haltung. Und: "Traditionen und Bräuche werden praktiziert und weitergegeben. Das erkennt man etwa daran, dass die meisten der hier geborenen Kinder immer noch die georgische Sprache erlernen." Schetschamadi nennt man übrigens das georgische Pendant zu Oschswo und Tscholent.

Wiener Zeitung, Sa./So., 25./26. August 2012