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Zurück in die jüdische Welt vor 1914 #

Die Hohenemser Ausstellung „Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden“ erzählt von der Heterogenität der jüdischen Gemeinden in der habsburgischen Doppelmonarchie, die ein Spiegelbild des Vielvölkerreiches in all seinen Facetten abgeben. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 28. August 2014)

Von

Edith Schlocker


Tafelaufsatz
Tafelaufsatz. Mit Edelsteinen besetzt, in Form des Salomonischen Tempels mit der Königin von Saba.
© Sammlung Dr. David und Jemima Jeselsohn, Schweiz
Anstecknadel in der Form eines schwarz-gelb emaillierten Davidsterns
Loyalität. Anstecknadel in der Form eines schwarz-gelb emaillierten Davidsterns, in den das lorbeerbekränzte Haupt von Kaiser Franz Joseph I. montiert ist.
Foto: © Sammlung Ariel Muzicant, Wien

„Man muss nicht jüdisch sein, um die Geschichte Europas zu verstehen, aber es hilft“, hat der britische Historiker Tony Judt einmal gesagt. Hilfreich ist auch die Ausstellung „Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden“ im Jüdischen Museum Hohenems. Welche Zäsur der Erste Weltkrieg für die Geschichte Europas in den vergangenen 100 Jahren bedeutet, wird im heurigen Gedenkjahr mehr oder weniger schlüssig vielerorts darzustellen versucht. Das jüdische Museum Hohenems geht in seiner von Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein- Prasser kuratierten Sonderausstellung allerdings einen völlig anderen Weg, indem hier in die Welt vor 1914 entführt wird. Fein bestückt mit Leihgaben aus diversen Museen, wobei jedes Objekt stellvertretend für einen ganz speziellen Aspekt der spätestens im Ersten Weltkrieg untergegangenen Welt der „Habsburger Juden“ steht.

Zelebriert in der seit vielen Jahren zum Museum verwandelten Villa eines ehemals geachteten und wohlhabenden jüdischen Industriellen im vorarlbergischen Hohenems, das lange Zeit die einzige öffentlich anerkannte jüdische Gemeinde auf dem Gebiet des heutigen Österreich westlich des Burgenlands besaß. Lange bevor 1867 das Staatsgrundgesetz den Eintritt der Juden in die Gesellschaft öffnete, womit gleichzeitig ein neuer Antisemitismus heraufzudämmern beginnen sollte.

Die Hohenemser Ausstellung erzählt schön von der Heterogenität der jüdischen Gemeinden in der habsburgischen Doppelmonarchie, an deren Ende es rund 400 gab, die ein Spiegelbild des Vielvölkerreiches in all seinen Facetten abgeben. Da geht es um arme Hausierer genauso wie um noble Damen der Gesellschaft, um Kaufleute und solche, die deren Lasten schleppen, um Künstler und Gelehrte, Spione und leidenschaftliche Patrioten. Durchsetzt mit zum Denken animierenden Zitaten, u. a. von Elias Canetti, Heinrich Heine, Stefan Zweig oder Lea Mendelssohn.

Krone
Foto: © Sammlung Ariel Muzicant, Wien
Tora-Ausschnitt
© Jüdisches Museum Wien

Chronologisches Panorama #

Zelebriert wird dieses Panorama streng chronologisch. Beginnend mit der „Zefer Or Zarua“, einem im 13. Jahrhundert handschriftlich verfassten Kodex des jüdischen Gesetzes in Wien. Von dem 1633 angelegten „Wiener Memorbuch der Fürther Klaus-Synagoge“ sind die kunstvoll gemalten bzw. beschriebenen Seiten 12b und 13a in einer Vitrine aufgeschlagen – wo etwa ein Gebet für Kaiser Ferdinand III. und seine Gattin zu lesen ist, für die im Wiener Ghetto des 17. Jahrhunderts gebetet wurde, bevor die Juden 1670 aus der Stadt vertrieben wurden.

Cäcilie Freiin von Eskeles
Selbstbewusste Frau. Die Art, wie sich Cäcilie Freiin von Eskeles in dem Bild von Friedrich von Amerling präsentiert, drückt Selbstbewusstsein aus.
Foto: © Germanisches Nationalmuseum

Vom Aufstieg der Juden in höchste Schichten der Wiener Gesellschaft zeugt das Porträt von Cäcilie Freiin von Eskeles, gemalt von Friedrich von Amerling, dem damals angesagtesten Porträtisten der Stadt. In ihrem ganz im Geist der Berliner Aufklärung geführten Salon verkehrten prominente Politiker, Dichter, Musiker, Philosophen und Publizisten. Die Art, wie sie sich in dem Bild inszeniert, drückt Selbstbewusstsein aus, ihr Dress-Code entspricht absolut nicht dem orthodoxer jüdischer Frauen. In den Tempel entführen kostbare liturgische Objekte. Etwa ein goldener, mit Edelsteinen besetzter Tafelaufsatz in der Form des Salomonischen Tempels mit der Königin von Saba, der um 1880 in Aachen entstanden ist. An die Schattenseiten der Gesellschaft erinnert dagegen das Plakat „Dringende Warnung an alleinreisende Mädchen!“ von 1906. Lockten doch zahllose jüdische wie nichtjüdische Händler arme, junge Mädchen aus ihrer osteuropäischen Heimat in die westlichen Teile der Monarchie, um in Bordellen dies- wie jenseits des Atlantiks zu landen. Jüdische Frauenrechtlerinnen wie Bertha Pappenheim engagierten sich gegen diesen Mädchenhandel, etwa durch die Gründung von Mädchenwohnheimen.

Arbeiter in der Ölindustrie#

Einen schönen Einblick in das jüdische Leben im Osten der Monarchie gibt das Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Fotoalbum der vermögenden Familie Erdheim. Interessanter als die idyllischen Familienbilder sind allerdings jene Fotos, die vom harten Leben der Arbeiter in der Ölindustrie erzählen, was um die Jahrhundertwende viele Juden in die USA und Palästina emigrieren ließ.

Die allgemeine Kriegsbegeisterung von 1914 ist für uns heute unverständlich. Sie schwappte auch auf einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung über, die glaubten, durch ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg den immer stärker aufkommenden antisemitischen Vorurteilen entgegentreten zu können. Ausdruck dieser Loyalität gegenüber dem Kaiserhaus ist etwa eine Anstecknadel in der Form eines schwarz-gelb emaillierten Davidsterns, in den das lorbeerbekränzte Haupt von Kaiser Franz Joseph I. montiert ist.

Die Schau im Jüdischen Museum Hohenems läuft noch bis 5. Oktober.

DIE FURCHE, Donnerstag, 28. August 2014