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Die Krankheitspatrone der Grazer Barmherzigen Kirche#

Annenstraße Graz#


von

Mag. pharm. Dr. Bernd Mader


Kirche der Barmherzigen Brüder
Abb. 1: Die Kirche der Barmherzigen Brüder in der Annenstraße.
© B. Mader

Uns Menschen von heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir im Falle einer Erkrankung auf Einrichtungen wie auf eine Krankenversicherung, auf eine Krankenanstalt und auf eine Vielzahl von Medikamenten zurückgreifen können. Kaum einer von uns macht sich jedoch Gedanken, wie es etwa unseren Vorfahren im Falle einer Krankheit ergangen ist, welche Möglichkeiten diesen zur Verfügung standen, zu welchen Mitteln sie Zuflucht nehmen konnten, besonders auch dann, wenn ein finanzieller Rückhalt kaum vorhanden war.

Um sich davon eine Vorstellung zu machen, eignet sich gut ein Besuch der Ordenskirche der Barmherzigen Brüder in der Grazer Annenstraße. Schon die Etablierung dieses Ordens in Graz im Jahr 1615 war mit einer Heilung, einer medizinischen Glanzleistung, die vom Guardian der Wiener Ordensniederlassung der Barmherzigen Brüder gemacht worden war, verbunden (Abb. 1).

Gründungslegende der Barmherzigen Brüder in Graz #

Erzherzog Maximilian Ernst (1583–1616), ein Bruder des innerösterreichischen Landesfürsten Ferdinand, des späteren Kaisers Ferdinand II, war so unsachgemäß zur Ader gelassen worden, dass sich sein Arm entzündet hatte und man nur mehr an eine Amputation denken konnte. Man bereitete diese auch vor und berief zu deren Durchführung Fra Gabriele Ferrara (um 1543– 1627). Fra Gabriele war nicht nur ein bedeutender Chirurg, sondern gleichzeitig auch der Guardian der Wiener Ordensniederlassung. Dieser reiste eilends nach Graz. Hier gelang ihm das scheinbar Unmögliche, ohne Am- putation heilte er den Arm von Erzherzog Maximilian Ernst. Der Landesfürst erwies nun seine Dankbarkeit und ermöglichte die Gründung eines Konventspitals (1615), womit das segensreiche Wirken der Barmherzigen Brüder in Graz begann (Abb. 2).

Gründungsurkunde
Abb. 2: Gründungsurkunde der Barmherzigen Brüder.
© B. Mader

Heilung von Körper und Seele #

Als geistlicher Orden war den Barmherzigen Brüdern außer der Heilung von Kranken auch das Seelenheil ihrer Mitmenschen ein Anliegen. So entstanden neben den Hospitalbauten immer auch prächtige Kirchen. Damit bot man den Menschen auch Hilfe auf transzendenter Ebene an, wenn sie sich in ihrer existentiellen Not an die zahlreichen Heiligen, vor allem an Krankheitspatrone wenden wollten. Diese Einstellung war durchaus verständlich, konnten sich viele eine medizinische Betreuung gar nicht leisten. Da war dann schon ein „Wunder eines Heiligen“ notwendig.

Die Barmherzigen Brüder errichteten im Jahr 1615 in der Murvorstadt vorerst ein bescheidenes Ordensspital mit nur wenigen Betten, welches sie in den nächsten 20 Jahren auch mit einer eigenen Apotheke versahen. Im Spital konnte man medizinische Behandlung erfahren und in der Apotheke, sofern man Mittel dazu hatte, Medikamente erwerben.

Natürlich ging der Orden auch sofort daran, neben dem Spital ein Gotteshaus zu errichten. Vorerst war es ein bescheidener, kapellenartiger Bau, die so genannte „Rondelle“. Der Grundstein für ein zweites Gotteshaus wurde 1636 gelegt, welches 1638 vollendet wurde. Mit der dritten und letzten Kirche, nach Plänen von Georg Stengg, wurde 1735 begonnen. Sie wurde im Jahr 1769 vollendet.

Barbara-Altar
Abb. 3: Der Barbara-Altar.
© B. Mader

Betritt der Besucher heute das einschiffige Gotteshaus in der Annenstraße, findet er hier – neben Hauptaltar und Lorettokapelle – zu beiden Seiten der Kirche je drei Altäre. Von diesen insgesamt sechs Seitenaltären weisen – vom Haupteingang gesehen – jeweils die ersten zwei eine auffallend große Anzahl von Heiligendarstellungen auf, die im Volk einst großes Ansehen als himmlische Fürsprecher bei bestimmten Erkrankungen – von Mensch und Tier – genossen hatten.


Für jede Krankheit ein himmlischer Fürsprecher #

Setzt man sich mit diesen vier Seitenaltären näher auseinander, kann kein Zweifel bestehen, dass die Ordensbrüder mit deren Ausgestaltung eine bestimmte Absicht verfolgten. Diese kann nur darin bestanden haben, den Gläubigen diese Fürsprecher bei den verschiedenen Erkrankungen nahe zu bringen und ihnen am Ort der Aufstellung bzw. Darstellung die Möglichkeit für eine Fürsprache anzubieten. Malereien und Plastiken, von lebensgroßen Figuren an bis zu den kleinen Assistenzfiguren, alles war hier mit einbezogen worden.

Es muss aber ergänzend angemerkt werden, dass die Seitenaltäre im Lauf der Zeit verändert worden sind, so dass wir das einstmalige volle „Programm“ heute nicht mehr vollzählig sehen und so einiges nur der vorhandenen Literatur entnehmen können. Die letzten Veränderungen dürften zu Ende des 19. Jhdts. vorgenommen worden sein, wahrscheinlich um 1881. Damals dürfte den geistlichen Auftraggebern die einstige Idee der Ausgestaltung entweder nicht mehr geläufig oder nicht mehr wichtig gewesen sein. Man erwarb Bilder eines bekannten Künstlers der damaligen Zeit – Josef Tunner – und schmückte damit zwei der umgestalteten Altäre.

Auf die theologischen und kulturgeschichtlichen Probleme der Heiligenverehrung sei hier nicht näher eingegangen. Heilige, so legendenhaft ihr Leben und Sterben auch verlaufen sein mag, waren stets auch Menschen mit allen Schwächen gewesen. Sie standen daher den Gläubigen wesentlich näher als die Transzendenz Gottes. So bediente man sich ihrer Fürsprache.

Hl. Blasius
Abb. 4: Der hl. Blasius.
© B. Mader

Bei diesen Heiligen und ihren Schutzfunktionen spielte die Legende oft eine große Rolle, ferner ihre Attribute und die Wunder, die sie vollbracht haben sollen. Daher sei bei der Besprechung der einzelnen Seitenaltäre zum besseren Verständnis der Patronate der Heiligen, auch kurz auf deren Lebensgeschichte eingegangen.


Heilige Barbara und heiliger Blasius #

Wenden wir uns nach Betreten der Kirche dem ersten – rechten – Seitenaltar, dem Barbara-Altar, zu. Die Heilige ist hier als eine unter einem Glasschrein liegende, bekleidete Wachsfigur dargestellt. Das Altarbild zeigt „ Die Apotheose der hl. Teresa von Ávila“, die Wandfresken zeigen die Verheißung des Engels an Anna (links) und Joachim (rechts). Die großen Seitenfiguren des Altars stellen die Heiligen Blasius und Erasmus dar (Abb. 3).

Hl. Erasmus
Abb. 5: Der hl. Erasmus.
© B. Mader

Die bei uns vielenorts sehr verehrte hl. Barbara entstamme einer vornehmen Familie aus Nikomedien. Ihr Vater Dioskoros, ein Heide, war ein erbitterter Feind des Christentums gewesen. Um das Christentum von Barbara fern zu halten, sperrte er sie in einen Turm ein. Trotzdem fand Barbara Zugang dazu. Als der erzürnte Vater davon erfuhr und die Tochter davon nicht Abstand nehmen wollte, wollte er sie persönlich mit dem Schwert töten, doch ein Wunder rettete Barbara. Da übergab sie der Vater einem heidnischen Richter, der Barbara schrecklichen Martern unterwarf. Durch himmlische Fügung überstand sie auch diese alle. Letztlich wurde sie vom eigenen Vater enthauptet, den darauf ein Blitz erschlug.

Die Heilige gilt nun als die Schutzpatronin von Schwerverwundeten, von gebärenden Frauen in Lebensgefahr, von Sterbenden und wurde bei Pest und bei Fieber angerufen. Die linke Seitenfigur stellt den hl. Blasius dar, der wie die hl. Barbara zu den 14 Nothelfern gehört. Angeblich soll er Arzt gewesen sein, bevor er zum Bischof von Sebaste in Armenien gewählt worden war. So ist auch sein Patronat für Ärzte verständlich. Als Bischof soll er einen Knaben, der eine Fischgräte verschluckt hatte, auf wunderbare Weise gerettet haben (Abb. 4).

Der diokletianischen Christenverfolgung fliehend, versteckte er sich im Gebirge. Dort brachten ihm Vögel Nahrung. Auch wilde Tiere kamen zu ihm, um sich von ihm heilen zu lassen. Letzten Endes nahm man ihn gefangen und brachte ihn in die Stadt. Auf den Weg dorthin heilte er viele Kinder und nahm sich auch hilfreich der kranken Packpferde an. In der Stadt unterzog man ihn grausamen Martern, bevor er enthauptet wurde.

Johannes von Gott – Altarbild
Abb. 6: Der Johannes von Gott – Altarbild
© B. Mader

Jährlich wird am 3. Februar des Heiligen gedacht und mit zwei gekreuzten Kerzen den Gläubigen der Blasiussegen erteilt. Dieser Segen soll vor Kehlkopf- und Halsleiden, gegen Angina und Diphtherie, gegen Kropf, bei Husten und Keuchhusten, gegen Zahnschmerzen und bei Kinderkrankheiten helfen.

Wegen seines ähnlich klingenden Namens – keine Seltenheit in der Volksmedizin – ruft man ihn auch bei Blähungen (Koliken), sowie bei Blasenleiden an. Ferner soll er bei eitrigen Geschwüren, bei Blutungen und gegen Pest helfen, sowie bei Gewissensbissen bzw. „Seelennöten wegen verschwiegener Sünden“ (psychischen Problemen). Der Heilige ist auch ein Schutzpatron von Tieren, vor allem der Schweine, der Packpferde, und wird bei vielen Viehkrankheiten angerufen.


Erasmus hilft bei Magenleiden #

Die rechte Seitenfigur stellt St. Erasmus, abermals einen Heiligen aus der Schar der 14 Nothelfer, dar. Erasmus war der Legende nach Bischof von Antiochia. Vor der Christenverfolgung floh er auf einen Berg in den Libanon, wo er sieben Jahre als Einsiedler lebte. Er kehrt nach Antiochia zurück, wurde gefangen genommen und da er dem Christentum nicht abschwört, furchtbarer Martern unterzogen. Ein Engel steht ihm bei und bringt ihn nach Italien (Abb. 5).

Hl. Valentin
Abb. 7: Der hl. Valentin
© B. Mader

Dort verbreitet er wieder das Evangelium, wurde daher gefangen genommen, nach Sirmium (im heutigen Serbien gelegen) gebracht und dort abermals gefoltert. Der Erzengel Michael bringt ihn nach Formio in Italien, wo er nach sieben Jahren friedlich stirbt.

Dem Heiligen wird meist als Attribut eine große Seilwinde mit aufgewundenem Ankertau in die Hand gegeben. Dieses Attribut wurde missverständlich als Marterwerkzeug, mit dem ihn angeblich die Gedärme aus dem Leibe gewunden wurden, interpretiert. Daher wird der Heilige besonders bei Unterleibserkrankungen, bei Krämpfen, Koliken, Magenleiden, sowie bei Geburtsschmerzen angerufen. Da der Heilige als Einsiedler im Libanon auch vertrauten Umgang mit Tieren hatte, gilt er als Viehpatron und wurde bei Viehseuchen angerufen.


Hl. Patrizius
Abb. 8: Der hl. Patrizius
© B. Mader

Bei Kopfschmerzen und Herzleiden #

Das Altarbild stellt die große Mystikerin Teresa von Ávila (1515–1582) dar, die Nationalheilige Spaniens. Sie entstamme einer altspanischen Familie. Der Vater gab die Heranwachsende zur Erziehung in ein Kloster. Sie trat, gegen den Willen des Vaters, dem Karmeliterinnenorden bei. Eine Vision der Leiden Christi bewegte sie so stark, dass sie sich ganz der Kontemplation widmete. Teresa gründete in Ávila ein neues Ordenskloster, das der „Unbeschuhten Karmeliterinnen“ und in der Folge über dreißig weitere. Für diese Klostergründungen führte sie Reisen „zu allen Jahreszeiten bei brütender Hitze und bei eisigem Frost durch, oftmals von starkem Kopfschmerz gequält“.

Teresa wird als Karmeliterin in Ordenskleidung dargestellt, als Symbol hält sie meist in einer Hand „ein Brennendes Herz mit dem Christusmonogramm IHS“. Das mag auch der Grund sein, dass sie bei Herzleiden angerufen wird, aber auch bei Kopfschmerzen, worunter sie selbst stark gelitten haben soll.

Dieser Altar weist zu beiden Seiten Wandmalereien von Johann Mayr (Gemaltes Haus in der Herrengasse) auf. Sie zeigen die Heiligen Joachim und Anna, die Eltern Mariens. Nur die hl. Anna hat einen Krankheitsbezug, worauf noch eingegangen werden wird.


Die Krankheitspatrone auf dem zweiten, rechten Seitenaltar #

Der nächste rechte Seitenaltar ist dem Ordensgründer der Barmherzigen Brüder, dem hl. Johannes von Gott, geweiht. Das Altarbild zeigt den Ordensgründer, wie er Kinder und einen Bettler aus dem brennenden königlichen Hospiz in Granada rettet. Dem am Altarbild dargestellten hl. Johannes von Gott sind keine bestimmten Krankheiten zugeordnet, er gilt als Schutzpatron aller Kranken schlechthin. (Abb. 6)

Johannes-von-Nepomuk-Altar
Abb. 9: Der Johannes-von-Nepomuk-Altar
© B. Mader

In der Attika des Altars ist der hl. Geist dargestellt, flankiert von den knienden Figuren des hl. Karl Borromäus (links) und der hl. Teresa von Ávila (rechts). Die Assistenzfiguren dieses Altares sind die beiden Kirchenväter Ambrosius (links) und Augustinus (rechts). Von Bedeutung für uns sind hier auch die Fresken an den Seitenwänden. Sie zeigen den hl. Valentin (links), der Krüppel und Epileptiker heilt und den hl. Patrizius (rechts) als Beschützer des Viehs.

Die beiden Assistenzfiguren dieses Altars wurden erst viel später mit Attributen versehen, ursprünglich waren hier nur zwei „Bischöfe“ aufgestellt gewesen. So wurde die eine Figur mit einem Bienenkorb versehen und wurde so zum hl. Ambrosius, die andere Figur bekam ein Herz in die Hand und wurde zum hl. Augustinus. Man kann also nicht davon ausgehen, dass diese Figuren früher von Hilfesuchenden aufgesucht wurden, es hätte sich aber gut in das ursprüngliche Programm eingefügt. So gilt der hl. Ambrosius als ein Patron der Haustiere, besonders der Bienen, der hl. Augustinus besitzt wegen des Gleichlauts seines Namens, als Augenpatron einiges Ansehen.

Auch die beiden knienden Aufsatzfiguren stellen, beinahe schon selbstverständlich, Krankheitspatrone dar, rechts die schon besprochene hl. Teresa von Ávila, links den hl. Karl Borromäus, auf den bei der Besprechung des Hauptaltares noch näher eingegangen werden wird.

Wie schon angeführt, sind für uns an diesem Altar besonders die Seitenfresken interessant, darstellend die Heiligen Valentin und Patrizius. Das Leben des hl. Valentins zu beschreiben ist nicht einfach, da drei unterschiedliche Personen mit Namen Valentin immer wieder vermischt werden. Am ehesten konnte hier mit der Malerei Valentin, Bischof von Termi in Umbrien, gemeint gewesen sein. Dieser Heilige soll in Rom den verkrüppelten Sohn eines Rhetors, eines professionellen Redners, geheilt haben. (Abb. 7)

Das linke Seitenwandfresko zeigt den hl. Valentin im Bischofsgewand. Vor ihm kniet ein Kranker, der Heilige legt ihm gerade seine Hand auf das Haupt. Neben dem Heiligen sitzt auf bloßem Boden eine Frau, in ihren Armen ein offensichtlich bereits totes Kind, was aus der hellen Hautfarbe hervorgeht. Ein nacktes zweites Kind mit normaler Hautfarbe sitzt neben der Frau. Am unteren Ende der Treppe sieht man wieder am Boden zwei weitere Frauengestalten sitzen. Die eine weint, die andere hält einen Siechen in den Armen und versucht dessen Blick auf den Heiligen zu richten. Thematisch zu dieser Gruppe gehören noch zwei Arzneivorratsgefäße und ein trichterförmiges Trinkglas.

Johannes von Nepomuk
Abb. 10: Der hl. Johannes von Nepomuk
© B. Mader

Der hl. Valentin selbst gilt als Schutzpatron aller an Epilepsie (Fallsucht, hinfallende Krankheit), Wahnsinn, Fraisen [1], Gicht und Pest Erkrankten. Wieder wurde auch sein Name lautmalend gedeutet, so dass „Valentin“ bei allen „fallenden“ Krankheiten angerufen wurde. St. Valentin wird auch gegen Gebärmutterleiden und gegen Ohnmacht angerufen. Er gilt ferner auch als ein Patron der Schweine und soll bei Viehseuchen helfen.

Das rechte Fresko zeigt St. Patrizius. Der Heilige, in Bischofsornat, schwebt auf einer Wolke, ein Engel hält ihm den Bischofsstab, ein weiterer greift aus einer Wolke herunter nach dem Zügel eines sich aufbäumenden Pferdes. Neben diesem ist ein zweites Pferd abgebildet, auf einer Wiese abseits ruht ein Schaf. Ein Hirte kniet auf einem Fels und hebt bittend seine Hände zum Heiligen hinauf. (Abb. 8)

Das Leben des St. Patrick, des „Apostels Irlands“, bietet einen Anhaltspunkt, warum der Heilige wahrscheinlich als Viehpatron verehrt wird. Der in Britannien Geborene wurde als Jugendlicher bei einem Raubzug der Iren auf die „Grüne Insel“ verschleppt und wurde dort als Sklave verkauft. Hier musste er als Hirte dienen, bis ihm nach Jahren die Flucht in die Heimat gelang.


Die Krankheitspatrone auf den linken Seitenaltären #

Wenden wir uns nun den beiden Altären zu, die sich auf der linken Kirchenseite befinden. Der erste Altar ist dem hl. Johannes von Nepomuk geweiht. Wie schon die hl. Barbara am Altar gegenüber, ist auch dieser Heilige als bekleidete Wachsfigur, unter einem Glassturz liegend, dargestellt. Das Altarbild selbst zeigt eine Schmerzhafte Madonna. Die beiden Seitenfiguren stellen die Pestpatrone Sebastian und Rochus dar. (Abb. 9) Die beiden Wandfresken zeigen Marterszenen an Christen durch Ungläubige.

Hl. Sebastian
Abb. 11: Der hl. Sebastian
© B. Mader

Verbleiben wir beim Altarbild. Gerade die Schmerzhafte Gottesmutter wurde zu allen Zeiten von Gläubigen bei körperlichen und in seelischen Nöten aufgesucht. Doch dieses Bild war nicht immer da. Aus der vorhandenen Literatur kann man ziemlich sicher nachweisen, dass ursprünglich hier ein Bild der Heiligen Kosmas und Damian, den Schutzpatronen der Ärzte und Apotheker, gehangen hat.

Die beiden Heiligen werden von Gläubigen in allen körperlichen und seelischen Nöten angerufen. Sie helfen bei Geschwüren, Drüsenleiden, gegen Pest und überhaupt in Zeiten von Epidemien. Auch gegen die Druse, eine Pferdekrankheit, halfen sie. Nicht anders werden die Anliegen gewesen sein, für die die Heiligen von den Gläubigen auch in dieser Kirche einst aufgesucht worden sind.

Namensgebend für diesen Altar war der hl. Johannes Nepomuk. Johannes Welflin (auch Wolflin) wurde in Pomuk nahe Pilsen in Böhmen geboren. Er erhielt eine gediegene geistliche Ausbildung und erwarb auch das Doktorat der Theologie und der Rechtswissenschaft. Das ermöglichte ihm eine steile geistliche Karriere. (Abb. 10)

Vorerst die Gunst König Wenzel IV. von Böhmen genießend, wurde er in den Streit des Königs mit der Kirche hineingezogen, in der Folge gefangen genommen und gefoltert und in die Moldau geworfen. Der Legende nach soll er als Beichtvater der Königin das Beichtgeheimnis gegenüber dem König nicht preisgegeben haben. Als man 1719 den Sarkophag des Heiligen öffnete, war seine Zunge unverwest. Dementsprechend wird der Heilige bei Mundkrankheiten, besonders aber bei Zungenleiden, angerufen.

Die Assistenzfiguren dieses Altares sind die Heiligen Sebastian (links) und Rochus (rechts), beides himmlische Helfer gegen die Pest. Der Legende nach gilt der hl. Sebastian als Märtyrer der diokletianischen Christenverfolgung. Er soll ein Offizier der kaiserlichen Leibgarde gewesen sein. Als Christ erkannt, wurde er vom Kaiser zum Tode verurteilt. Bogenschützen sollten ihn langsam zu Tode schießen. Man hielt ihn bereits für tot, doch eine Witwe pflegte den Schwerverletzten gesund. Wieder vor dem Kaiser sich als Christ bekennend, wurde er durch Keulenschläge getötet. (Abb. 11)

Hl. Rochus
Abb. 12: Der hl. Rochus
© B. Mader

Der Heilige wird meist als beinahe nackter, an einem Baum gebundener und von vielen Pfeilen durchbohrter Jüngling dargestellt. Gerade diese Pfeile waren der Grund für sein Patronat gegen die Pest. Man kannte ja früher nicht die wahre Ursache für eine infektiöse Krankheit und so glaubte man, dass Krankheiten unter anderem in Form von Pfeilen von dämonischen Wesen auf die Menschen abgeschossen wurden.

So wurde dieser Heilige gegen die Pest, pestartigen Krankheiten und überhaupt gegen ansteckende Krankheiten angerufen, weiters vertraute man seiner Hilfe bei Geschwüren, Beulen und Verwundungen. Für schwache kränkliche Kinder sowie für Sterbende bittet man um seine Fürsprache. Auch er gilt als Viehpatron.

Als wäre es sein Zwillingsbruder, wird der hl. Sebastian oft zusammen mit dem hl. Rochus dargestellt, obwohl ca. 1.000 Jahre zwischen ihnen liegen. Der hl. Rochus wurde um 1295 in Montpellier geboren. Er war adeliger Herkunft. Früh verweist, verschenkte er sein Vermögen an Arme und pilgerte nach Rom. Dort wütete die Pest. Er pflegte Pestkranke. Auf dem Heimweg nach Frankreich erkrankte er daran selbst. Er lag in einer einsamen Hütte danieder. Da brachte ihm täglich ein Hund Brot, leckte seine Wunden und ein Engel heilte ihn. Predigend, Kranke pflegend und heilend zog er mehrere Jahre durch die Lande, bis er als angeblicher Spion verhaftet wurde. Er verschwieg seine noble Herkunft und starb nach 5-jähriger Kerkerhaft. (Abb. 12)

Apotheker, Ärzte und Chirurgen, Siechenhäuser und Spitäler wählten ihn als ihren Patron. Breit gestreut sind auch die Krankheiten, deretwegen man den Heiligen anzurufen pflegt, so: natürlich gegen Pest, gegen Als wäre es sein Zwillingsbruder, wird der hl. Sebastian oft zusammen mit dem hl. Rochus dargestellt, obwohl ca. 1.000 Jahre zwischen ihnen liegen. Der hl. Rochus wurde um 1295 in Montpellier geboren. Er war adeliger Herkunft. Früh verweist, verschenkte er sein Vermögen an Arme und pilgerte nach Rom. Dort wütete die Pest. Er pflegte Pestkranke. Auf dem Heimweg nach Frankreich erkrankte er daran selbst. Er lag in einer einsamen Hütte danieder. Da brachte ihm täglich ein Hund Brot, leckte seine Wunden und ein Engel heilte ihn. Predigend, Kranke pflegend und heilend zog er mehrere Jahre durch die Lande, bis er als angeblicher Spion verhaftet wurde. Er verschwieg seine noble Herkunft und starb nach Cholera und gegen Tollwut (wegen des Brot bringenden Hundes), gegen epidemische Krankheiten, gegen Schmerzen der Beine, jeglicher Fußleiden, besonders gegen Knieschmerzen. Auch er schützt vor Viehkrankheiten und -seuchen.


Johannes-Grande-Altar
Abb. 13: Der Johannes-Grande-Altar
© B. Mader
hl. Peregrinus
Abb. 14: Darstellung des hl. Peregrinus als Schaukastenbild
© B. Mader
hl. Bartholomäus
Abb. 15: Die Schindung des hl. Bartholomäus
© B. Mader

Krankheitspatrone auf dem zweiten, linken Seitenaltar. #

Wenden wir uns dem nächsten Seitenaltar zu. Er ist heute dem – seit 1997 heiligen – Johannes Grande aus dem Orden der Barmherzigen Brüder zugeordnet, ursprünglich war er aber dem hl. Peregrinus geweiht, einem weiteren Heiligen, der besonders gut in unsere Reihe der Helfer in Krankheitsfällen passt. An diesem Altar gibt es weiters ein Gemälde, eine alte Kopie des barocken Gnadenbildes „Maria, Heil der Kranken“, welches sich in der Wiener Klosterkirche der Barmherzigen Brüder befindet.

Die Seitenfiguren dieses Altares sind die Eltern Mariens, die hl. Anna (links) und der hl. Joachim (rechts). Oben in der Attika knien der hl. Franziskus (links) und der hl. Dominikus (rechts). Die Fresken an den beiden Seitenwänden zeigen links das Martyrium des hl. Bartholomäus, rechts das der hl. Katharina.

Der Johannes-Grande-Altar ist also einem Ordensbruder geweiht, der im spanischen Jerez im Jahre 1600 als Vorsteher der Barmherzigen Brüder selbst der Pest erlegen war, nachdem er zuvor an dieser Seuche Erkrankte gepflegt hatte. (Abb. 13)

hl. Katharina von Alexandrien
Abb. 16: Die hl. Katharina von Alexandrien
© B. Mader

Ursprünglich war er jedoch dem hl. Peregrinus geweiht gewesen. Zu seiner Verehrung war der Heilige hier in einem Schaukasten zu sehen. Der Schaukasten befindet sich nun im Konvent. Von der Schauseite aus sieht man den Heiligen als Wachsfigur in seiner spartanisch eingerichteten Zelle sitzen. Er trägt Ordenskleidung, sein Blick ist auf ein Kruzifix gerichtet. Der Fuß des Heiligen, nackt bis zum Knie, ruht auf einem Schemel. Über den Unterschenkel herabrinnend kann man Spuren von Blut sehen. Neben dem Schemel sitzt am Boden ein kleiner Engel. In der halboffenen Tür steht ein Ordensbruder und am offensichtlich straßenseitigen Fenster kann man die Köpfe zweier weiterer Personen erkennen. Diese Szene nimmt Bezug auf das Fußleiden des Heiligen und dessen später erfolgten Heilung. (Abb. 14)

Der hl. Peregrinus wurde im italienischen Forli geboren. Während eines Volksaufstandes misshandelte er den hl. Philippus Bonitius, den päpstlichen Friedensstifter. Dieser wehrte sich nicht. Dieses Erleben und eine Erscheinung der Gottesmutter beeinflussten ihn tief, so dass er nach Siena ging und dort in den Servitenorden eintrat. In späteren Jahren bekam er ein immer tiefer greifendes, furchtbar stinkendes Geschwür am Bein. Man wollte ihm das Bein amputieren. In der Nacht vor dieser Operation betete er innig in der Ordenskapelle. Am Morgen war das Bein geheilt, man sah nicht einmal mehr eine Narbe. Der Heilige erreichte ein hohes Alter.

Entsprechend seinem Leiden wurde der Heilige bei Beinleiden und bei Podagra (Gicht) angerufen. Er gilt als Helfer gegen Krebs, Lues und heute gegen Aids. Ferner bitten chronisch Kranke, Gebärende und Wöchnerinnen um seine Hilfe.

Der Hauptaltar
Abb. 17: Der Hauptaltar
© B. Mader

Von den beiden Seitenfiguren kann nur die der hl. Anna in Zusammenhang mit unserer Untersuchung gebracht werden. Die Mutter Mariens wurde naturgemäß von Frauen angerufen, besonders von kinderlosen und unfruchtbaren, bzw. von schwangeren und gebärenden. Auch bei nicht näher definierten „Frauenleiden“ erflehte man ihre Hilfe.

Auch die beiden Attikafiguren stehen im Zusammenhang mit körperlichen Leiden. Der rechte, der hl. Dominikus, Gründer des nach ihm benannten Ordens, wird gegen Fieber angerufen, da üblicherweise der Heilige mit einer Fackel dargestellt wird, die er entweder in Händen oder ein neben ihm stehender Hund im Maul trägt. Der Heilige litt in der letzten Zeit seines Lebens unter „Fieber“. Andererseits mag das Symbol der Fackel in den Gläubigen die Assoziation mit Fieber erweckt haben. Der hl. Franz von Assisi, die linke Figur, wird sowohl gegen Kopfschmerzen, als auch gegen Pest angerufen.

Sehr ausdrucksstark sind die Malereien an den beiden Seitenwänden. Links sieht man die Schindung (Abziehen der Haut) des hl. Bartholomäus, der einer der zwölf Apostel war. Der Legende nach predigte er in Indien, Mesopotamien, Parthien und Armenien. In Indien soll er eine Königstochter von ihrer Besessenheit geheilt haben, wodurch auch sein Patronat gegen Nervenleiden, -fieber bzw. „Zuckungen“ erklärbar wird. Bartholomäus gilt auch als Patron von Vieh, besonders von Rindern. (Abb. 15)

Krankheiten des Menschen
Krankheiten des Menschen und dazugehörende Schutzheilige
© B. Mader

Auch die hl. Katharina gehört dem Kreis der 14 Nothelfer an. Sie entstammte einem königlichen Haus und war reich, schön und hoch gebildet. Ein Einsiedler führte sie zum Christentum hin. Als Kaiser Maxentius nach Alexandrien kam, befahl er allen, den Göttern zu opfern, Zuwiderhandelnde wurden grausam zu Tode gemartert. Katharina hielt dem Kaiser mutig sein grausames Handeln vor und versuchte ihn durch überzeugende Worte zum Christentum zu bekehren. Auf Wunsch des Kaisers diskutierte Katharina mit 50 Weisen, die sie zum Christentum bekehrte. Da Katharina sich vom Christentum nicht abwandte, ließ der Kaiser sie mit Ruten schlagen, einsperren und hungern. Ohne Erfolg. Da ließ er sie rädern. Als auch das misslang, ließ er sie enthaupten. Aus ihrem Leibe floss kein Blut sondern Milch, wovon sich ihr Patronat für alle Ammen ableitete. Auch stillende Mütter bitten um genügend Milch, sie hilft in Geburtsnöten, bei Migräne und heilt Kopfleiden. Ihrer großen Beredsamkeit brachte es mit sich, dass sie auch bei Zungenleiden angerufen wurde, auch Stumme konnte sie heilen. (Abb. 16)


Der Hauptaltar #

Letztlich sind auch am prächtigen Hochaltar Figuren und Szenen dargestellt, die auf Krankheit und Kranksein Bezug nehmen. So sieht man links vom Altarbild die Figur des hl. Johannes von Gott, der einen Kranken stützt, rechts den hl. Johann Grande, der mit dem Evangelienbuch und dem Kreuz in Händen den „Pestteufel“ zu verjagen versucht. Auf dieser Seite des Kirchenschiffes ist auch eine weitere Krankenszene zu sehen, der hl. Karl Borromäus spendet einem pestkranken Barmherzigen Bruder die Kommunion. (Abb. 17)

Tatsächlich war Karl Borromäus ein Held der Nächstenliebe, als 1576 in Mailand die Pest ausbrach. Er floh nicht aus der Stadt, sondern organisierte alle Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pest notwendig waren. So gilt der Adelige auch als der große Patron der Pest.

Die Betrachtung der vier Seitenaltäre und des Hauptaltares hat gezeigt, dass alle, die hier in der Kirche Hilfe suchten, diese für alle ihre Leiden, von Kopf bis Fuß, bei den zuständigen Heiligen auch fanden. Eine große Zahl von Heiligen galt nicht nur bei Krankheiten der Menschen, sondern auch des Viehes als Schutzpatron. Das könnte damit zusammenhängen, dass ehedem die Bevölkerung der Murvorstadt im Besitz von Vieh war bzw. dass die Murvorstadt besonders gerne von der bäuerlichen Bevölkerung aufgesucht wurde (vgl. nebenstehende Graphik).



[1] „Fraisen“ konnte mehrere Ursachen haben, unter anderem war es ein eklatanter Calciummangel, der bei Kindern auftrat, deren Mütter von einer Schwangerschaft in die andere fielen. Mag. pharm. Dr. Bernd Mader

Quelle#

  • Klinoptikum (Ausgabe 4/2011, Ausgabe 2/2012, Ausgabe 3/2012)