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Nachruf auf Prof. August Maria Knoll († 24.12.1963)#

Peter Diem (Jänner 1964)

Die Trauerfeier, die uns hier zusammenführt, soll vor allem unserer Wehmut über das Hinscheiden eines Freundes und Bruders Ausdruck verleihen, den wir wie viele andere, die der unerbittliche Wille Gottes zu sich gerufen hat, noch gern in unserer Mitte wüssten. Darüber hinaus aber kann gerade der Tod August Maria Knolls Anlass für eine ernste Selbstbesinnung sein, zu der uns seine in vieler Hinsicht einmalige Persönlichkeit geradezu herausfordert. Deshalb soll der Versuch einer solchen Selbstbesinnung mit jener Offenheit gemacht werden, für die uns der Verstorbene Vorbild war - und es deshalb sein konnte, weil er mit der dynamischen Direktheit seiner Aussage stets die brüderliche Liebe für Freund und Gegner verband. So sei in dieser Stunde offen gesagt, was der Nonkonformist Professor Knoll war und wozu er uns aufrufen wollte und soll. Knoll war zuvorderst evangelischer Katholik. Für ihn hat sich die Kirche seit der Zeit Christi in manchem zu weit vom Evangelium entfernt, beinahe umgekehrt proportional zu ihrer Katholizität im Sinne weltweiter Verbreitung. Die Antithese der frühchristlichen Liebeskirche und der abendländischen Rechtskirche von heute war für August Maria Knoll von brennender Aktualität. Die Konzentration auf das alles umgreifende und jeder sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problematik auch ideologisch gewachsenen Liebesprinzip schien ihm das Gebot der Stunde.

Knoll war dabei ein revolutionärer Katholik. Revolutionär insofern, als er die Um-wälzung der Herzen forderte, ihre Rück-wälzung auf den wesensmäßig sozialrevolutionären Kerngehalt des Christentums. Aus diesem Grunde war er auch ein echter Sozialreformer: revolutionär in der Idee und in der Gesinnung, dabei in nichts behutsamer als in der Wahl der Methode. Für ihn waren Gewaltlosigkeit und Gewaltverzicht ebenso selbstverständlich wie das Verständnis für die Ansicht und Position des anderen. Er war deshalb auch ein toleranter Katholik, dem es unfassbar erschien, dass man auf einen Andersgläubigen oder weltanschaulichen Gegner mit Geringschätzung herabsehen konnte und ihn nicht zu sich in die Wohnung zu einem Gespräch einladen würde. Die letzten Wochen der vergangenen Konzilssession haben gezeigt, wie sehr er damit eins war mit den fortschrittlichen Bischöfen, insbesondere mit den aus einer echt pluralistischen Gesellschaftsordnung kommenden nordamerikanischen. Knoll war demgemäß auch ein freiheitlicher Katholik. Er konnte es nicht hinnehmen, dass das fruchtbare Streitgespräch der Theologen und Laien durch eine veraltete Indexpraxis unterbunden wurde und die Meinungsfreiheit in einem Verband wie dem CV, der bei den Worten "Freiheit schreibt auf Eure Fahnen ..." wie ein Mann aufspringt, mehr als einmal mit Füßen getreten wurde. Knoll war durch und durch ein humanistischer Katholik.

Nicht im Sinne eines Rückgriffes auf die heidnische Anthropozentrik des griechisch-römischen Altertums, die das Abendland geistesgeschichtlich am Delphischen Orakel statt am Berg Sinai beginnen lässt, sondern durch seine Liebe zum geknechteten Menschen, ja jeglicher geknechteten Kreatur. In beispielhafter Nachfolge Christi nahm er durch schmerzvolles Mit-Leiden Anteil am Lose derer, die im Verlauf der Geschichte Opfer heidnischer oder auch christlicher Barbarei geworden waren: Der Opfer wütender Kreuzfahrer ebenso wie der um des schönen Gesangs willen Kastrierten, der Millionen Gefallenen der Weltkriege und der in den Feueröfen der "blonden Herrenrasse" Umgekommenen. Dieser sein Humanismus war es, der August Maria Knoll Tag und Nacht mit dem Weiterglosen des Antisemitismus in unserer Zeit konfrontierte und an Vorfällen wie jenem fast zerbrechen ließ, bei dem der spanische Kulturhistoriker Salvador de Madariaga von einem sprachunkundigen Gast des Hotels Panhans laut als "polnischer Jud" bezeichnet wurde. Und wie musste es den vormaligen Sekretär Seipels treffen, als sein Chef, der Priester und Bundeskanzler, als Rezept für die Befriedung der ungebärdigen Arbeitermassen einmal die Worte gebrauchte: "Schießen, schießen, schießen."

Es ist nicht zu verkennen: Knoll war ein antiklerikaler Katholik. Antiklerikal freilich nicht in dem Sinn, dass er gegen den Klerus schlechthin eingestellt war, wohl aber gegen einen arroganten Klerikalismus. Seine tief-empfundene Freundschaft zu vielen seiner Cartellbrüder im Priesterstand und anderen Klerikern ist zu bekannt, als dass sie erwähnt zu werden brauchte. Knoll hatte seine eigene Definition von dem, was man unter einem schlechten Priester zu verstehen hätte: "Ein Pfaffe ist für mich ein Priester, der nicht für die sondern von der Kirche lebt". Und so wollte er auch nicht einsehen, dass sich der Klerus etwa unter Berufung auf den Korintherbrief ("Richtet nicht vor der Zeit, ehe der Herr kommt!") vielfach jede Kritik seines Verhaltens verbat - nicht ohne hinzuzufügen, soziologisch gesehen gäbe es gar keinen eigenen geistlichen Stand, der die Geschicke der Kirche bis in die jüngste Zeit herauf weitgehend gelenkt hätte. So war es zu der Kontroverse um das letzte Buch des Verstorbenen (Katholische Kirche und scholastisches Naturrecht) gekommen, worin er versucht hatte, die Hauptaufgaben der von ihm postulierten beiden christlichen Stände herauszuarbeiten. Dass die Diskussion seitens einiger Kleriker nicht immer fair geführt wurde, mag daraus hervorgehen, dass man August Maria Knoll bei einem Kelsen-Seminar in Salzburg drohte, ihn mit der Polizei abführen zu lassen, wenn er an der Diskussion teilnehmen wolle.

Knoll war ein zutiefst frommer Katholik. Für ihn waren das Gebet und das Gedächtnis anderer im Gebet gleich wie der Empfang des Altarssakramentes mehr als eine Gewohnheit: sie waren ihm Herzensbedürfnis und steter Quell neuer Kraft. Kraft im Ringen um die Wahrheit, Kraft, um auf Grund der von ihm als die Wahrheit schlechthin empfundenen christlichen Botschaft Gutes zu tun. Als Hochschullehrer bleibt uns Professor Knoll in Erinnerung wegen seiner Bemühungen, den persönlichen Kontakt zu seinen Studenten zu suchen. Wer ihn bei Verbindungsveranstaltungen erlebt hat, weiß, dass man ihn zwar nur mit physischer Gewalt an den Ehrenplatz komplimentieren konnte, dass es jedoch kaum einer Anstrengung bedurfte, ihn zur Diskussion im kleinen Kreise bis Mitternacht festzuhalten. Seine wissenschaftliche Akribie zeigt sich - wenn auch nur andeutungsweise - in seinem oben genannten Buch aus dem Jahr 1961: auf 89 kleine Druckseiten folgen 525 zumeist längere Anmerkungen und Erläuterungen. Was August Maria Knoll für Österreich als Chronist geleistet hat, wird erst die (auszugsweise) Veröffentlichung seines lückenlosen Tagebuches zeigen, die wir bei seinem Sohn Reinhold in besten Händen wissen. Vielleicht wird sie auch erweisen, dass Professor Knoll entgegen anderslautenden Behauptungen der geistige Vater der sozialwissenschaftlichen Hochschule Linz ist.

Zuletzt sei der Patriot Knoll gewürdigt, der in den schweren Jahren, die er 1934-1938 als Privatdozent an der juridischen Fakultät der Universität Wien erlebte, sein ganzes Sinnen und Trachten in den Dienst der Erhaltung der Eigenstaatlichkeit Österreichs stellte. In der "österreichischen Aktion" versuchte er gemeinsam mit Ernst Karl Winter und anderen die Eingliederung der Arbeiterschaft in den vaterländischen Abwehrkampf und legte damit die geistigen Grundlagen für die staatserhaltende Große Koalition der Nachkriegszeit. Dem Gedanken des "Miteinander" statt des "Gegeneinander" (den heute selbst die bislang so gegnerischen Weltmächte USA und Sowjetunion zu verwirklichen trachten) blieb Knoll bis an sein Lebensende treu. Noch wenige Monate vor seinem Tod antwortete er auf eine Einladung der Innsbrucker Sozialistischen Studenten zu einem Vortrag, dass er gerne zusage, wenn die katholischen Korporationen ebenfalls eingeladen würden. Diese hätten nach Knolls Meinung mehr Veranlassung, sich in fruchtbarer Diskussion mit den Sozialisten um die Gestaltung Österreichs zu bemühen, als sich mit den Nationalen über das deutsche Volkstum zu streiten.

So verband August Maria Knoll Zeit seines Lebens eine glühende Liebe zu seinem Vaterland mit politischer Toleranz und einem starken Gefühl für soziale Gerechtigkeit. Die Kompromissbereitschaft, die er im Praktischen zeigte, führte nie zu einer Preisgabe auch nur eines Jotas seiner christlichen Grundhaltung. Wenn wir in diesem Sinne die profilierte Persönlichkeit dieses außergewöhnlichen Österreichers betrachten, so können wir die Herausforderung, die sein Leben für uns zweifellos darstellt, zum Anlass nehmen, unser eigenes Leben als einer ehrlichen Prüfung zu unterziehen.

Ist unser Christentum nicht vielfach zu einem bloßen Milieu- und Routinekatholizismus herabgesunken? Wo bleibt die echte Brüderlichkeit? Nicht nur den verschworenen Freund gegenüber! Es wird unserem Katholizitätsprinzip nur zuträglich sein, wenn wir uns etwas mehr am Geist des Evangeliums orientieren als an abstrakten Diskussionen um die „Grundnorm". Dann werden wir auch den durch und durch revolutionären Charakter des Christentums erfassen, das uns lehrt, dass wir Gott mehr zu gehorchen hätten als den Menschen, und nicht nur den geringsten unserer Brüder, sondern auch unsere Feinde zu lieben. Vielleicht wird dann der dem Erzmärtyrer geweihte Wiener Stephansdom eine Stätte des stürmischen Gebets nicht nur für die schweigende Kirche, sondern auch für ihre Verfolger werden? Tolerant zu sein, bedeutet, die ehrliche Bereitschaft zu besitzen, den Standpunkt des anderen verstehen zu lernen, die eigenen Fehler einsehen zu können und die Argumentation sachlich zu halten. Toleranz ist Vorurteilslosigkeit und Offenheit gegenüber anderen Menschen, Meinungen und Dingen. Sie sieht im politischen Gegner, im Juden, Schwarzen und Chinesen zuerst den Menschen als Geschöpf Gottes und damit als Objekt christlicher Nächstenliebe. Diese muss freilich ehrlich, beharrlich und flexibel genug sein, um auch nach anfänglicher Erfolglosigkeit den Sieg über Ungerechtigkeit und Gewalt davonzutragen. Anlass für einen Anfang gerade im CV böte der auch vom Christentum noch immer nicht überwundene Antisemitismus. Freilich wird nur ein wirklich freies Gesprächsklima dies ermöglichen, zu dem noch ein weiter Weg ist. Vielleicht wirkt die Atmosphäre der Konzilsaula, die ja eine im katholischen Raum bislang unerhörte Liberalität von Rede und Gegenrede brachte, in dieser Hinsicht auch in unseren Verband hinein. Liebe Freunde, ist es ein Zufall, dass der weitschauende, weltoffene Blick humanistischer Brüderlichkeit zwischen den einzelnen Völkern und Rassen als Aufruf in der Friedensbotschaft Papst Pauls VI., die er aus Bethlehem an die ganze Welt sandte, wiederkehrt? Diese internationale Brüderlichkeit aber setzt eine innerchristliche voraus, die insbesondere im gegenseitigen Verstehen von Klerus und Weltchristen zum Ausdruck kommen soll. Es wäre ein schönes Lebenszeichen einer neuverstandenen Liebeskirche, wenn der Friedenskuss im Hochamt auch an das Volk weitergegeben würde. Diese symbolische Handlung müsste tatbestimmte Umsetzung in einer echten Aktionsgemeinschaft von Klerus und Volk zur Verchristlichung der Welt erfahren. Gerade in den katholischen Verbindungen könnte durch einen engeren Kontakt mit den Theologen hierfür der Grundstein gelegt werden. Wenn wir ihnen durch Einladungen und Besuche das Gespräch mit dem Christen in der Welt ermöglichen, tragen wir viel dazu bei, die Kluft zwischen geistlichem und weltlichem Stand, die auf Grund der verschiedenen Funktionen beider nun einmal vorhanden ist, überwinden zu helfen. Möge uns allen das Leben August Maria Knolls von diesen Gesichtspunkten her verstanden, Leitbild sein für die Gestaltung unseres Lebens als CVer, und uns die Kraft geben, auf dem Boden christlicher Brüderlichkeit unseren Mitmenschen zu dienen.