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Frau mit einer Vision #

Teresa von Ávila (1515–1582) war eine große Mystikerin, die sich mit der negativen Haltung von Kirche und Kultur gegenüber Frauen nicht abfand. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 26. März 2015)

Von

P. Antonio Sagardoy OCD


Die Verzückung der heiligen Teresia, Skulptur in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria (1647–1651)
Frau in Ekstase. Gian Lorenzo Bernini: Die Verzückung der heiligen Teresia, Skulptur in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria (1647–1651).
Foto: Wikimedia

Teresa ist eine Frau ihrer Zeit, mit den Fragezeichen, den Hoffnungen und den Mängeln ihrer Zeit. In Teresa sehe ich jene Frau, die – umzingelt von Einengungen für die Frauen – eine Ordensgemeinschaft gründet, das Wirken Gottes bezeugt, wertvolle Bücher schreibt und 1970 als erste Frau in der Geschichte der Kirche den Titel Kirchenlehrerin bekommt.

Woher hat sie die Kraft für solche Schritte bekommen? Die Begegnung mit Teresa von Ávila führt nicht nur zur Entdeckung einer großen Frau mit besonderer Begabung, sondern vor allem zur Entdeckung eines Gottes, der in den Menschen wirkt.

Am 28. März 1515 wurde sie in Ávila geboren. Beatriz de Ahumada, aus Ávila, hieß ihre Mutter, Alonso Sánchez de Cepeda ihr Vater. Er stammte aus Toledo und war der Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes, der nach der Konversion zum katholischen Glauben nach Ávila ausgewandert war.

Anziehen, begeistern und überzeugenkönnen sind Haltungen, die immer wieder bei Teresa zu entdecken sind.

Teresa wird an den Kurort Becedas gebracht, um geheilt zu werden. Während dieser Zeit sucht sie die Möglichkeit der Beichte und der geistlichen Begleitung beim Pfarrer des Ortes. Sie berichtet in der Autobiografie: Sobald ich also bei dem besagten Pfarrer zu beichten begann, fasste er eine extrem starke Zuneigung zu mir ... Aufgrund seiner großen Zuneigung, die er zu mir hatte, begann er mir sein Unglück darzulegen. Und das war nicht gering.

Anziehungskraft und Freundschaft #

Von ihrer Anziehungskraft zeugen zahlreiche Berichte, Kontakte und Gespräche mit vielen Menschen. Manche Kontakte wirken sich positiv, andere eher negativ aus. Viele Jahre bemüht sich Teresa um eine Lebenshaltung, die manches in Einklang bringen soll: Sie lebt verborgen im Kloster, doch in der Hoffnung, aus dem Gesellschaftsleben Ávilas nicht ganz zu verschwinden; sie will Zeit bei Gott verbringen, vorausgesetzt, dass ihre Kontakte mit den Menschen aus der Stadt nicht gekürzt werden. Teresa möchte nicht zu kurz im Leben kommen, doch Schritt für Schritt wächst in ihr eine innere Zerrissenheit, die als Folge Müdigkeit und Freudlosigkeit verursacht.

In Teresa ist eine sehr starke Fähigkeit zur Freundschaft zu entdecken, und auch ihr Bedürfnis nach Kontakt und Austausch. Teresa spricht in aller Offenheit von ihrer Freundschaft mit Pater Gracián, einem 30 Jahre jüngeren Priester, den sie als Geschenk Gottes betrachtet.

Wir finden keine Texte, mit denen Teresa die Freundschaft definiert, aber sie umschreibt die Tatsache der Freundschaft mit den Worten: verstehen und verstanden sein. Wenn zwei Menschen sich verstehen, ermüdet die Gegenwart des anderen nicht. Die Sehnsucht nach Begegnung ist groß: sich verstehen, sich mitteilen, einander begegnen.

Diese Erfahrung der menschlichen Freundschaft lässt den Sinn jener Beschreibung des Gebetes als freundschaftlicher Umgang mit Gott erahnen, in dem die Menschen oft mit dem allein sind, von dem sie wissen, dass er uns liebt. Ein auf Gott hin orientiertes Leben entfernt nicht vom Alltag, es führt uns vielmehr zu den übernommenen Aufgaben und zu den Menschen, die uns unterwegs begegnen. In ihren Schriften betont Teresa, dass nicht die Begegnung mit Gott das Ziel des religiösen Lebens ist, sondern der Dienst an Gott.

Frau in der Gesellschaft und in der Kirche #

Wenn man das damalige Bild der Frau in der Gesellschaft und in der Kirche in wenigen Worten formuliert, könnte das etwa so lauten: Schwaches Geschlecht, ohne Studien, Neigung zu Visionen und Einbildungen, unbeständig, unfähig öffentliche Aufgaben zu übernehmen, angewiesen auf materielle und psychische Unterstützung ... Das Verhalten der Frau wird weiter beschrieben als wählerisch, ergänzt durch die Haltung über jedes Wehwehchen zu jammern...

Diesem Bild entspricht Teresa nicht. Ihr Verhalten ist eher einfach, aber doch direkt und entschlossen. Mutig setzt sich Teresa mit der kirchlichen Autorität auseinander. Als ich vor ihm stand – Gomez Girón, der Vertreter vom Erzbischof Carranza in Toledo –, erklärte ich ihm, es sei unerhört, dass es Frauen gäbe, die in großer Strenge, Vollkommenheit und Zurückgezogenheit zu leben wünschten, während diejenigen, die ein Leben in Behaglichkeit führten, Werke im Dienste Gottes verhindern wollten. Dies und noch viel anderes sagte ich ihm, und zwar mit einer großen Entschlossenheit, die mir der Herr eingab. Meine Worte rührten sein Herz derart, dass er mir die Erlaubnis erteilte, noch bevor ich ihn verließ.

In der Kirche sieht sich Teresa mit einigen Hindernissen konfrontiert: #

  • Negative Haltung der Kultur der Frau gegenüber: Die Sprache der Macht, des Gesetzes und des Glaubens ist Latein. Es hat mir sehr weh getan, schreibt sie im Zusammenhang mit dem Bücherverbot von Inquisitor Soto im Jahr 1559 ... es bleiben keine Bücher in der Muttersprache für jene Frauen, die Latein nicht kennen.

Melchor Cano, ein bekannter Dominikaner, meinte: Die Erfahrung lehrt uns, dass es den Frauen und den nicht-studierten Leuten sehr geschadet hat, wenn man ihnen die Heilige Schrift in der Muttersprache in die Hände gibt (Melchor Cano, Censura del Catecismo).

  • Ablehnung der Fähigkeit der Frau zu meditieren. Es war damals im Umlauf der Satz: Die Frauen sollen am Spinnrad sitzen und den Rosenkranz beten. Teresa ermutigt die Schwestern, sich von solchen Sprüchen nicht ablenken oder einschüchtern zu lassen. Die Leute können so etwas sagen, wir werden aber nicht auf den persönlichen Kontakt mit Gott verzichten. Beim Thema Kontakt mit Gott duldet Teresa keine Diskriminierung!

Das Kloster der Menschwerdung, das Teresa als Priorin ab 1571 geleitete hat.
Kloster der Menschwerdung. Der Karmel von der Menschwerdung, das Kloster in Ávila, das Teresa als Priorin ab 1571 geleitete hat.
Foto: © P. Antonio Sagardoy

Aus eigener Erfahrung und nach Gesprächen mit spirituellen Personen wagt Teresa eine Formulierung, die damals den Männern der Kirche keine Freude bereitet hat: Und es gibt viel mehr Frauen als Männer, denen der Herr diese Gnaden erweist; das habe ich vom heiligen Fray Pedro de Alcántara gehört (und außerdem selbst beobachtet), denn er sagte, dass diese auf diesem Weg viel besser vorankämen als Männer.

Mutig und sehr gewagt ist dieses Wort Teresas, da manche Theologen damals Frauen jede Kompetenz in spirituellen Dingen absprachen.

Liebe zur Kirche #

Abgesehen von den persönlichen Konflikten mit Vertretern der kirchlichen Autorität und der Inquisition – die auf Gott horchend Teresa überwand – entdecken wir zwei weitere Themen, die die Reaktion Teresas prägen:

  • Vor allem die Häresie, die Spaltung in der Kirche, bereitet ihr großen Kummer. Teresa spricht dabei von Lutheranern, was auf einer falschen Information beruht, denn sie meint vielmehr die Hugenotten in Frankreich. Teresa hört von zerstörten Kirchen, von Priestern die verfolgt und getötet werden. Diese Informationen entfachen in Teresa den Wunsch, für die Kirche zu beten und Wege zu suchen, um zerstörte Kirchen zu ersetzen. Sie kämpft gegen die Spaltung, indem sie sich in allem der Lehre der Kirche unterordnet.
  • Pater Maldonado, ein Franziskaner, kommt aus Südamerika und erzählt den Schwestern des ersten Klosters in Ávila von der Situation in jenen Ländern. Teresa ist betroffen von dieser Nachricht, da ihre Brüder an den Kriegen in Südamerika teilnah men. Dieser Augenzeuge erzählt ihr von Unschuldigen, die dort unter dem Angriff der Conquistadores sterben. In diesen Worten des Priesters entdeckt Teresa eine neue Grenze der Kirche: Conquistadores und Indianer, die zahlreich sterben, und deren Seelen verloren gehen.

Teresas Wirkung – 500 Jahre später #

Teresa ist sich der Situation der Kirche und der Tatsache bewusst, dass ihr als Frau wenige Schritte in dieser Kirche möglich sind, deswegen entschloss ich mich, dies wenige zu tun, was in meiner Hand war, nämlich die Evangelischen Räte möglichst vollkommen zu befolgen, so wie auch jene wenigen, die bei mir sind. Ich entschloss mich, dass wir uns dem Gebet für die Kirche, für die Prediger und Gelehrten widmen, um damit ein wenig dem Herrn zu helfen (Weg der Vollkommenheit).

500 Jahre später spricht Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ von der Freude des Evangeliums und unterstreicht: „Die Freude aus dem Evangelium, die das Leben der Gemeinschaft der Jünger erfüllt, ist eine missionarische Freude.“

Die Freude, welche die Botschaft des Herrn schenkt, hat nicht als Ziel, uns zu isolieren, sondern uns zu motivieren, diese Freude mit den anderen zu teilen: „sie hat immer die Dynamik des Aufbruchs und des Herausgehens“. Mit großer Klarheit beschreibt der Papst die Freude des Evangeliums. Sie drängt, aufzubrechen, sie ermutigt, die Botschaft weiter zu geben, sie sprengt den Ich-Zirkel, gibt Kraft, Schritte nach außen zu wagen und macht großzügig, unermüdlich die Botschaft des Evangeliums auszusäen.

Trotz ablehnender Haltung des päpstlichen Nuntius Sega setzt sich Teresa für die Kirche ein. In der Überzeugung, dass Jesus mit den Frauen anders umgegangen ist als die Männer der Kirche, wagt sie über Mauern zu springen.

Was hätte Teresa heute gewagt? #

Das Leben der Teresa von Ávila zeigt, dass Gott ihr vieles zugetraut hat, und dass auch sie Gott vieles zugetraut hat. Was würde Teresa heute Gott zutrauen im Dienste der Kirche, nach den ermutigenden Worten des Papstes Franziskus?


Bild 'Buchcover'

Teresa von Ávila.

Trotzdem liebe ich die Kirche. Von P. Antonio Sagardoy.

Styria Premium 2014

160 Seiten, zahlr. Abb., geb. €14,99

Der Autor ist Karmelit und Bischofsvikar für die Orden in der Diözese Gurk

DIE FURCHE, Donnerstag, 26. März 2015