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Rückkehr zur Brüderlichkeit - Zur Entfeudalisierung der Kirche#

Verfasst von Wilfried Daim (1963) - bearbeitet von Peter Diem (2008)

Herbert Kohlmaier                                                                                 

Ein wahrer Prophet

Was Wilfried Daim im Jahr 1963, also noch vor dem Konzil, veröffentlicht hat, weist ihn als wahren Propheten aus. Das Wort beschreibt ja bekanntlich keinen in die Zukunft blickenden Wahrsager, sondern einen Berufenen, der die Wahrheit – vor allem gegenüber den Mächtigen – ungeschminkt ausspricht. Und mächtig war die Kirche damals noch – oder sie meinte, dies zu sein. 45 Jahre danach ist diese Macht stark geschrumpft. Die römisch-katholische Kirche ist in eine schwere und nun schon lange dauernde Krise geraten. Wäre es anders, wenn Daims „Forderungen“ erfüllt worden wären?

Freilich muss eingeräumt werden, dass Manches geschah, was der Prophet aus Österreich nannte, vor allem als Frucht des Konzils. Die Insignien des Papstes wurden wesentlich reduziert, der Index wurde abgeschafft und im Jahr 2000 rang sich Johannes Paul II. gegen die Bedenken der Kurie zu einem großen Schuldbekenntnis der Kirche durch. Welche Bestätigung der Worte Daims! Aber damit ist jene von ihm zu Recht ganz in den Mittelpunkt gestellte Brüderlichkeit des Rabbi aus Nazareth noch lange nicht wiedergewonnen.

Wäre vom Vatikanum die Wahl der Bischöfe eingeführt worden, dann – so sei es deutlich betont – wäre die Krise der Kirche ausgeblieben oder zumindest wesentlich weniger dramatisch geworden. Man erinnere sich, dass die eklatanten Fehlbesetzungen der Diözesen in Österreich gegen Ende der 80er Jahre die Gläubigen entsetzen und das Kirchenvolks-Begehren auslösten. Jener Kardinal Ratzinger, der es nun zum Papst gebracht hat, stand hinter der damit beabsichtigten Disziplinierung der Kirche durch Austreiben eines fortschrittlichen „Ungeistes“.

Die Besetzung des Stuhles Petri mit dem strengen und von sturer Ängstlichkeit getriebenen Glaubenshüter aus Bayern bewirkt, dass Daims Träume weiter Träume bleiben müssen. Das System  der römischen Zentrale hat sich wieder ganz weit von der Brüderlichkeit Jesu entfernt. Es meint noch immer, dass das unmündige Volk die nach der konstantinischen Wende entstandene Staats- und Vorschriftenkirche braucht. Eine Institution, die den Willen Jesu missachtet, aller Machtausübung zu entsagen und nur zu dienen.

Doch das durch die Zeiten wandernde Volk Gottes (Definition des Konzils) nimmt das nicht mehr zur Kenntnis – einen kleinen Teil der Katholiken ausgenommen, die sich als unterwerfungssüchtig ausweisen. Viele haben die Kirche verlassen und jene, die aus Überzeugung blieben, warten auf eine Wende. Die nicht nur erhofft, sondern auch mutig gefordert werden muss! Daims prophetischen Worte von damals können dazu auch – oder erst recht! – heute noch immer ermutigen.
\ "Ihr aber seid alle Brüder."
Jesus von Nazareth [1]

Joseph Ratzinger (damals Konzilsberater) zeigt in seiner Untersuchung über die christliche Brüderlichkeit an einer der wirklich essentiellen Stellen der an unnötiger latenter Apologetik reichen Arbeit, dass "spätestens vom 3. Jahrhundert an ... das Wort ,Bruder' als Benennung der Christen untereinander immer mehr zurück" ging [2], obwohl dies ursprünglich die übliche Anrede der Christen gewesen war. Von den Päpsten wurde die Anrede "Bruder" auf die Hierarchen eingeengt, und bis heute wird diese Anrede in den Enzykliken nur für Patriarchen und Bischöfe gebraucht. Ich muss hier sogleich mit dem Einwand, das seien doch nur Äußerlichkeiten, rechnen. Da dieser Einwand bei einer sehr großen Zahl der von mir aufgestellten Punkte gemacht werden wird, möchte ich ihm von allem Anfang an entgegentreten.

Die Wirkung von Symbolen  - Übereinstimmung von innen und außen
\ Alle Verhaltensformen, Umgangsformen und Rituale besitzen seelischen Ausdruckswert, haben einen Bedeutungsgehalt. Der pharaonische Straußenwedel, mit dessen Hilfe heute noch dem Papst Luft zugefächelt wird, ist ähnlich wie der Fußkuss oder die Papstkrone für die Schöpfer solchen Zeremoniells bezeichnend. Nun ist es möglich, dass sich jemand innerhalb eines Rituals ganz gegen seine innere Auffassung benimmt oder benehmen muss. So kann sich ein Mann Frauen gegenüber routiniert zuvorkommend benehmen und sie doch nur als Instrument für die verschiedensten Zwecke ansehen. Umgekehrt soll ohne weiteres zugegeben werden, dass der größte Teil der katholischen Priester, wenn sie für sich allein am Altartisch, mit dem Rücken zum Volk, in beiden Gestalten kommunizieren, damit keinen Kastengeist gegenüber den sogenannten "Laien", die sie dann am Kommuniongitter abspeisen, ausdrücken wollen, sondern auf Grund ihrer Vorschriften hiezu gezwungen sind. Das bedeutet, dass zwischen der Haltung eines Menschen, die er formal in seiner Funktion einnimmt, und seiner inneren Überzeugung ein tiefer, oft schmerzlich empfundener Abgrund klaffen kann. Es mag sich also durchaus hinter feudalen Formen eine brüderliche Innigkeit verbergen. dass man hinter der Wir-Formel und unter der Tiara bei Johannes XXIII. echte Menschlichkeit spürt, macht ihn so sympathisch.

Mt 2,8      Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. 
Mt 23,9    Auch sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. 
Mt 23,10  Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. 
Mt 23,11  Der Größte von euch soll euer Diener sein.

Aber warum darf er es nicht so gut haben wie Petrus I., der sich der Anordnung Christi fügen durfte und sich nicht Vater, sondern Bruder nannte? Der nicht nur die Patriarchen und Erzbischöfe, sondern unterschiedslos alle Christen Bruder nannte. Der die Vorwürfe, die ihm die Judenchristen wegen der Aufnahme der ersten Heiden in die Kirche machten, nicht etwa mit Exkommunikation verfolgte, sondern sich die Mühe machte, jenen, die ihn duzten, ausführlich seine Gründe darzulegen. Im übrigen ließen sich diese überzeugen. Warum soll
Johannes XXIII. durch eine Etikette gezwungen werden, der Auffassung Petrus I. zuwiderzuhandeln, nach welcher es keinem Menschen zusteht, eine Unterwerfung ausdrückende Geste - das Zu-Füßen-Werfen - entgegenzunehmen?

 "Steh auf, auch ich bin nur ein Mensch", heißt es in der Apostelgeschichte (10, 26).

Warum soll also hinter unchristlicher Feudalfassade die Brüderlichkeit versteckt und daran gehindert werden, ihren Ausdruck zu finden. Denn zur Wahrhaftigkeit der Haltung gehört eine Übereinstimmung zwischen außen und innen, zwischen der Persönlichkeit und ihrem Gehabe. Die christliche Brüderlichkeit soll nicht hinter einer Fassade ein Leben im Gefängnis führen, sondern sich äußern, ausdrücken dürfen. Wozu eine Fassade, die das Gegenteil dessen ausdrückt, was Christentum ist? Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, Brüderlichkeit zu demonstrieren und innerlich höchst unbrüderlich zu sein. Aber das setzt die Bedeutung der äußeren Verhaltensnormen nicht herab.
Richtig und wichtig ist die Übereinstimmung von außen und innen.

Kritik an Institutionellem und Formalem, an "Äußerlichkeiten", muss getrennt werden von der Kritik an Personen. Auch bei besten und brüderlichsten Formen werden einzelne gegen den in ihnen ausgedrückten Geist verstoßen. Was hier geschieht, ist Kritik an kollektiven kirchlichen Normen, nicht an Einzelpersonen [3]. Auch wenn die überflüssige Tiara noch so gut auf den markanten Bauernkopf von
Johannes XXIII. passt, sie bleibt ein Feudalsymbol und erschwert ihm das Darleben ursprünglicher Menschlichkeit. Der christusfeindliche Feudalismus übt einen seelischen Druck auf die Menschen aus und wird schwächliche Persönlichkeiten knicken und verbiegen. Ein Bischof, der sich selbst nur noch prunkvoll, goldumrandet in venezianischen Spiegeln sieht, der über Treppen nur noch schreitet (die barocken Stufen sind so niedrig)  und der, nachdem er hundertmal versucht hat, sich nicht die Hand küssen zu lassen, dies nun endlich geschehen läßt, ergibt sich schließlich in die aufgezwungene Rolle. Nur starke Persönlichkeiten werden dagegen durch- und aushalten.[4]

All das zum "bloß" Äußerlichen.



Der Bruderbegriff

Christus ist ein Bruder-, keinesfalls ein Vatertypus. Das Wort Vater reserviert er ausschließlich für Gott und sagt demnach zu den künftigen Erzbischöfen einschließlich des künftigen Papstes: "Auch Vater nennt keinen von euch auf Erden, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Mat. 23, 9-10), selbst ein klares Beispiel gebend. Natürlich geht es hier nicht um die Funktionsbezeichnung in der Familie, sondern um den Vatertitel in der Gesellschaft. An der gleichen Stelle heißt es: "Ihr aber seid alle Brüder." (Mat. 23, 8). Was hat es nun mit dem Gebrauch des Wortes Vater beziehungsweise Bruder auf sich? Der Vater in der Familie ist dem Kleinkind in allen Wertkategorien überlegen, nur nicht im Hinblick auf die Entwicklungspotenz. Zwischen Vater und Kind besteht ein essentieller Unterschied. Dort eine Wert-Akkumulierung, hier eine Wertarmut. Der Vaterbegriff als Titel verwendet impliziert eine vielfaltige Überlegenheit, die der absoluten Überlegenheit Gottes im kindlichen Erleben nahe kommt.

Der Bruderbegriff hingegen differenziert nicht dermaßen einschneidend zwischen den Menschen. Auch unter Geschwistern gibt es Über- und Unterlegenheiten, doch sind sie viel weniger tiefgreifend. Die gegenseitigen relativen Überlegenheiten sind weniger ausschlaggebend, bezeichnen ein viel geringeres Gefälle von Mensch zu Mensch. Während nun Gott alle Wertfülle in sich vereinigt und damit Vater und noch mehr als das ist, ist menschliche Autorität eine höchst relative, einschließlich der kirchlichen Funktionäre, immer nur eine sehr begrenzte. Im allgemeinen sind Menschen einander korrespondierend, in dieser oder jener Hinsicht, überlegen. Für diese Relation ist das Brudersymbol viel geeigneter. Die Differenzen sind geringer, die Ungleichheiten unwesentlich. Der jeweils ältere Bruder zeigt zwar größere Überlegenheit, doch führt diese nie zu solchen Wesensunterschieden wie die Feudalhierarchie sie aufweist. Nicht umsonst arbeitete daher die Feudalgesellschaft mit dem Vatermodell, die bürgerliche Demokratie hingegen mit dem Brudermodell. Christus verlangt, dass seine
Apostel - die Gesandten - mit dem Bruderbegriff auftreten und nicht mit dem Vaterbegriff. Tatsächlich konsolidierte sich der Vaterbegriff als Autoritätsbezeichnung in der Kirche mit dem Einbruch des byzantinischen und erst recht des germanischen Feudalismus. Indem Konstantin die Bischöfe (die spätere Bezeichnung für Apostel) zu Eminenzen machte, feudalisierte er sie und erstickte damit den Sozialrevolutionären Impuls des Christentums. Die Schuld liegt jedoch keineswegs allein bei Konstantin, denn die Hierarchen waren ja nicht gezwungen, die Feudalisierung anzunehmen. Wie bei den frühen Sozialisten Orden und Ehrenzeichen verpönt waren, so auch bei den frühen Christen. Aber wie später Sozialisten und Kommunisten der Versuchung nicht widerstanden, so auch die Christen.

Johannes XXIII.
Wenn wir also zur ursprünglichen Reinheit der Christenheit zurückkehren wollen - Johannes XXIII. (+ 3. Juni 1963) stellte diese Aufgabe dem Konzil -, heißt es den ursprünglichen, brüderlichen Geist beschwören und zugleich den zutiefst unchristlichen Feudalismus, der das Antlitz der Kirche seit mehr als anderthalb Jahrtausenden bestimmt, wiederum auszuscheiden. Entfeudalisierung im Namen der neuen Verbrüderung der Christen ist der Grundzug aller Forderungen, die hier erhoben werden.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass eine solche Haltung anderen Problemen grundsätzlich dienlich wäre, so dem Weltfrieden, der Begegnung mit den andersgläubigen Christen und vielem mehr.
Ich möchte nun in Hinblick auf frühere Veröffentlichungen punktweise meine Thesen vortragen und jeweils kurz kommentieren [5].

Ich möchte hier bemerken, dass diese Thesen vor Beginn des Konzils - bewusst pointiert - aufgestellt wurden. Es ist sicher, dass das Konzil im großen die Richtung der meisten Thesen verfolgt, wenn auch der notwendigerweise schwerfällige Apparat nur schrittweise in der angegebenen Richtung vorwärts kommt. Dort, wo das Konzil oder wesentliche Träger desselben sich in die angezielte Richtung vorwärtsbewegen, fügte ich nun nach der ersten Session dem ursprünglichen Text noch entsprechende Hinweise bei.

Entfeudalisierung#


Unter Entfeudalisierung verstehe ich die umfassende Ausscheidung einer dem Ursprung des Christentums völlig fremden Lebens- und Herrschaftsform, die unter Einfluss des Byzantinismus und des germanischen Feudalismus sich innerhalb der Kirche ausbreitete und dem Zeremoniell, das umfassende Brüderlichkeit (heute: Geschwisterlichkeit - pd) ausdrückt, zutiefst zuwiderläuft. Die nach Ausdruck ringende Verbrüderungstendenz müßte daher befreit und ihrem schöpferischen Wirken Raum gegeben werden. Nach einer Meldung des Wiener Kirchenblattes sagte Kardinal Montini (= Paul VI. 1963-1978)Kardinal Montini (= Paul VI. 1963-1978), dass die Kirche den "purpurnen Königsmantel ablegen und der Welt in Gestalt einer Magd entgegentreten müsse". Dies bedeutet im ganzen gesehen dasselbe, was ich unter Entfeudalisierung verstehe, nur ist es im gehobenen Predigerstil formuliert. Ähnliches sagte später auch der österreichische Bischof Josef Schoiswohl (1901-1991).

Im besonderen wären folgende Maßnahmen Ausdruck der Entfeudalisierung:

1. Reduktion des Vatertitels

Verringerte Verwendung  des Vatertitels, wenn nicht überhaupt seine Ersetzung durch den Bruderbegriff, der für alle Christen in gleichem Maße signifikant sein müßte, wie für die französischen Revolutionäre das Wort "Bürger" oder für die sozialistischen Parteien das Wort "Genosse". Die universelle Brüderlichkeit ist der eigentliche, revolutionäre Sprengstoff des Christentums. Dass sie (mit schlechtem Gewissen) aufgegeben wurde, ist eine schwere Schuld. Die revolutionären Werte Freiheit - der Hauptwert liberaler "Bürger" - sowie Gleichheit - der Hauptwert proletarischer "Genossen" - sind rechte und linke Flankenwerte der Brüderlichkeit. Insofern sind sie auch über die Brüderlichkeit heimholbar. Das Wort "Bruder" ist daher mit Recht den Worten "Bürger" und "Genosse" vergleichbar.

2. Schuldbekenntnis

Ein umfassendes Schuldbekenntnis des Papstes im Namen seiner christlichen Brüder für die Untaten der Kirche an den Juden, den Islamiten, den Heiden, den eigenen Mitgliedern, die zu Unrecht verfolgt, gemartert, indiziert etc. wurden, an den Sklaven, den Farbigen, an den Kastrierten um des schönen Gesanges willen, an den Kaisern, die man zu Funktionären des Papstes machen wollte, an den Bürgern, am Proletariat etc. für alle Handlungen und für alle Unterlassungen. Der Papst soll sie alle um Vergebung bitten.

Hier wird eingewendet - obwohl man gerne bereit ist, kirchliche Schuld zuzugeben -, dass die Kirche nicht allein immer schuld habe, dass auch die Protestanten und alle übrigen sie trügen. "Die Beurteilung von Fehlern der Kirche in der Vergangenheit wird aber doch immer im Lichte der historischen Voraussetzungen und Bedingungen verstanden, wenn auch nicht entschuldigt werden müssen", lautete eine Antwort auf meinen Vorschlag [6]. Man kann aber nur eigene Schuld bekennen und nicht die der andern. Man muss es der Anständigkeit und der Herzensoffenheit der andern überlassen, mit einem Gegenschuldbekenntnis zu folgen. Ohne Augenzwinkern und ohne Seitenblick auf mögliche Schuldbekenntnisse der andern hat die höchste moralische Autorität sich gerade im Schuldbekenntnis, dem eine umfassende Gewissenserforschung voranzugehen hat, als solche zu dokumentieren. dass die jeweiligen Gegner nicht immer Engel waren, ist ohnehin selbstverständlich.

Ein anderer Einwand ist, dass man die Kirche von heute nicht für die Untaten der Vergangenheit verantwortlich machen könne - so der "Speckpater" P. Werenfried van Straaten  in einer Aussendung. Das ist scheinbar wahr. Die psychologischen Folgen alter Untaten wirken sich aber heute noch aus. Wir, die heutige Kirche, müssen uns mit den Taten der alten Kirche identifizieren, denn wir sind eine Gemeinschaft und haben "einer des anderen Last" zu tragen. Wir müssen die Schuld unserer Vorgänger in der eigenen Gruppe und die der Gegner übernehmen. Ohne solches Schuldbekenntnis wird es nicht zur Überbrückung der Gegensätze zwischen den getrennten Christen, geschweige denn zu den außerhalb des Christentums stehenden Menschen kommen. Das "Confiteor" am Beginn der Messe und vor der Kommunion ist unglaubwürdig, wird es nicht umfassend im Sinne des vorher Gesagten ergänzt.

Im Anschluss an die erste Session des Konzils hat Kardinal Augustin Bea in einer vielbeachteten Rede unter anderem erklärt:

"Eine andere Verirrung falsch verstandener Liebe zur Wahrheit waren die schmerzlichen Religionskriege, da man im Namen der Wahrheit versuchte, gewisse Überzeugungen anderen Menschen mit Gewalt aufzuzwingen, dabei aber eine Tatsache vergaß, die nicht weniger grundlegend ist als die Liebe zur Wahrheit: nämlich die menschliche Freiheit [7]."

Jordanhaus
Das sind goldene Worte, die eine Absage an die Ritterordensmethoden darstellen und ein partielles, jedoch außerordentlich wichtiges Schuldbekenntnis implizieren. Es ist dies nicht nur ein gutes Beispiel für andere Konfessionen, sondern auch etwa für die Kommunisten.
Natürlich geht die hier vertretene Forderung viel weiter als die Äußerung Kardinal Beas, doch handelt es sich hier sicherlich um einen äußerst wertvollen Anfang, der entsprechende Folgen haben wird.

Anmerkung: Am 16. März 1998 beklagte der Vatikan im Dokument Nachdenken über die Shoa die Mitschuld von Christen am Holocaust. Das päpstliche mea culpa am 12. März 2000 wurde als historischer Akt bezeichnet. Johannes Paul II. hatte darin kirchliche Verfehlungen im Zusammenhang von Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und Inquisition eingestanden. Auf seiner Pilgerreise nach Israel, Jordanien und in die Palästinensergebiete im Jahr 2000 betete der Papst an der Klagemauer, dem bedeutendsten jüdischen Heiligtum, und besuchte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Gedenktafel am Judenplatz in Wien
Paul VI.  setzte in der ihm eigenen Art auf symbolische Gesten: So wurden geraubte Reliquien an die Ostkirchen zurückgegeben. Auch die Versteigerung der Papstkrone, der Tiara, zu Gunsten der Armen in der Welt beinhaltete eine derartige "Reinigung des Gewissens" der Kirche. Schließlich kniete Paul VI. 1975 am zehnten Jahrestag der wechselseitigen Aufhebung der Exkommunikation mit den Orthodoxen im Petersdom vor dem Gesandten des Patriarchen von Konstantinopel, Metropolit Meliton, nieder, um ihm die Füße zu küssen.

Zum "mea culpa 2000" muss festgestellt werden, dass sich der Text um wirklich konkrete Aussagen herumwindet, wie auch der Inhalt der Tafel, die die Kirche am Wiener Judenplatz anbringen ließ.

3. Der Papst lege die Tiara ab

Bei dieser Gelegenheit könnte der Papst zum letztenmal die Krone tragen. Danach wäre sie als interessantes Relikt der kirchlichen Feudalzeit den vatikanischen Museen als Ausstellungsobjekt zu übergeben. Die Krone, von weltlichen Despoten und Fürsten übernommen, ist das massivste Feudalsymbol im Rahmen des gesamten höfischen Zeremoniells. Sie hat in einer entfeudalisierten Kirche keinen Platz. Weder Petrus I. noch Christus trugen je Kronen, mit Ausnahme der Dornenkrone, die Christus mit Sadismus und Hohn aufgesetzt wurde. Einem König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, entsprach die Dornenkrone. Vor seinem Leiden, als er noch in der Gunst des Volkes stand, wollte man ihn krönen. Doch er lehnte es ab. Es bleibt den Hofapologeten überlassen, diese Fakten mit der Tiara in Einklang zu bringen. Auch die Papstkrone dorthin zu bringen, wo die meisten Kronen heute sind - ins Museum - ist wohl ein unabdingbares Erfordernis der Zeit.

Tiara

Ein Schuldbekenntnis mit der feierlichen Niederlegung der Krone zu verbinden, wäre von besonders eindrucksvoller Wirkung. Denn das Schuldbekenntnis mit der Krone auf dem Haupt und deren anschließende Niederlegung als Sühne für die Schuld hinterließe den Eindruck einer machtvollen moralischen Demonstration die bis tief in den Kommunismus ihre Wirkungen nicht verfehlen würde. Aber das Gefühl für solche Symbole scheint weitgehend verlorengegangen zu sein.

Aber auch hier gab es einen äußerst wertvollen Anfang beim Konzil. Sehr richtig schrieb Piet Fransen SJ am Ende seines von roncallistischem Freimut getragenen Aufsatzes über die erste Session des Konzils:

"Zum Schluss muss aber noch die einmalige Art gewürdigt werden, in der der Papst - trotz Alter, Ermüdung und später auch Krankheit - das Konzil geleitet hat. Durch seine Haltung hat Johannes XXIII. bewiesen, was der Primat eigentlich in der römischen Kirche bedeutet: keine Machtstellung, sondern ein Dienen und ein Zeugnis für die Einheit. Vielleicht ist der Papst niemals so groß erschienen - weil er eben dem Evangelium so nahe war -, als in dem Augenblick, da er zur Schlussfeier nach der Messe ohne Sedia gestatoria, ohne Mitra oder Tiara, nur mit einem kleinen Gefolge, zu Fuß die Basilika von St. Peter betrat, um seine "Brüder im Episkopat" zu verabschieden [8]."

Moderne Tiara
Anmerkung: Nach der ersten Sitzungsperiode des 1962 einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzil starb Johannes XXIII. am 3. Juni 1963. Kardinal Montini wurde am 21. Juni 1963 im 5. Wahlgang zum neuen Bischof von Rom gewählt. Er nahm den Namen Paul VI., in direkter Bezugnahme auf den Völkerapostel an. Am 30. Juni 1963 setzte Kardinal Alfredo Ottaviani ihm auf der Piazza von St. Peter die modern gestaltete Tiara auf. Im Jahr darauf legte Papst Paul die Tiara, ein Geschenk der Mailänder Diözesanen, auf dem Altar der Peterskirche nieder. Sie wurde zu Gunsten der Armen vom Heiligtum der Immaculata, Washington D.C. (USA) erworben, wo sie noch heute ausgestellt ist (Bild rechts). Er ist der letzte Pontifex, der sich krönen ließ, da sein Nachfolger dieses Ritual abschaffte.

4. Abschaffung der Wir-Formel der Päpste, der Titel "Seine Heiligkeit" und "Heiliger Vater"

Dieser Feudalstil wirkt auf außerkirchliche Personen immer hemmend, das jeweils Gesagte ernst zu nehmen. Wenn Petrus I. "ich" sagte, so ist dies auch dem Papst zumutbar. "Seine Heiligkeit" ist noch schlimmer. Der Vatertitel schließlich, der völlig zurückgedrängt werden müsste, ebenso wie "Hochwürden" und ähnliches, kann in bezug auf den Papst verschwinden. Auch das Wort Papst von Papa, Vater, kommend, ist späteren Datums. Es besteht durchaus kein Anlass, den Bischof von Rom anders zu nennen als eben Bischof, wenn man diese Vokabel schon beibehalten will. Doch davon später. Das Jurisdiktionsprimat des Bischofs von Rom würde viel leichter etwa von der Ostkirche anerkannt, wenn es mit brüderlichen Formen einherginge.

Ähnlich wie ein Kanzler in einer Republik sich von seinen Ministern im Behaviour (Benehmen) und in der Kleidung nicht zu unterscheiden braucht, wäre es durchaus am Platze, dass der Bischof von Rom in Titel und äußerem Aufwand mit den übrigen Bischöfen auf der gleichen Stufe stünde. Dessen ungeachtet könnte er dennoch das Jurisdiktionsprimat haben.

Hier ist Petrus I. wiederum in allem Vorbild. Petrus tituliert alle Christen Bruder, wie aus seinen Enzykliken eindeutig hervorgeht. Gerade dieser Umstand pflegt infantile Typen zur Weißglut zu bringen. Aber sie haben nicht widerlegt, dass Petrus I. in strikter Befolgung von Christi Auftrag: "Auch Vater nennt keinen von euch auf Erden", sich nicht Vater nennen ließ. Er nannte alle Christen Brüder. Dass diese ihn keineswegs höchst umständlich "Eure Heiligkeit" oder "Heiliger Vater" nannten, sondern ihn einfach, wie jeden unter ihnen ansprachen, erkennt man aus der für das adäquate Verhalten von christlicher Autorität so eminent wichtigen Stelle, Apostelgeschichte 11. Nachdem Petrus I. in einem unerhört revolutionären und gleichzeitig schöpferisch initiativen christlichen Akt die Schranke zwischen Judentum und Heidentum niedergerissen und damit den Sprung von der jüdischen Sekte zur Weltreligion gewagt hatte, indem er den ersten Heiden - den Centurio Cornelius - aufnahm, kam er nach Jerusalem zurück. Er war damals noch nicht Bischof von Rom, sondern nur der erste unter den "zwölfen".

"Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, machten die aus der Beschneidung ihm Vorwürfe und sagten: ,Du bist zu den Unbeschnittenen gegangen und hast mit ihnen gegessen'."

Die Stelle ist großartig. Man sieht, dass sich die Brüder damals keineswegs "mit heiliger Scheu" Petrus I. näherten. Sie sprechen ihn direkt an und machen ihm völlig ungerechtfertigt Vorwürfe, wenngleich sie es aus echter Unruhe und aufgescheuchtem Gewissen taten. Petrus I. pocht nun keineswegs auf seine "Würde", sondern stellt sich den Vorwürfen: 

"Petrus setzte ihnen den Hergang genau auseinander."

Er legt ihnen ausführlich seine Motive dar. Der Schreiber der Apostelgeschichte legt so großen Wert darauf, erkennen zu lassen, wie ausführlich Petrus I. seine Gründe darlegt, dass er fast alles, was er in den früheren Kapiteln sagte, wiederholt. Und was geschah?:

"Als sie das hörten, beruhigten sie sich, sie priesen Gott und sprachen: ,Also hat Gott auch den Heiden Sinnesänderung verliehen, die zum Leben führt.'"

Keinerlei Komplikationen bei der Anrede also, keinerlei Pochen auf Autorität und Unfehlbarkeit. Funktionell ist der Papst Bischof (Apostel) von Rom mit dem Jurisdiktionsprimat innerhalb der übrigen Bischöfe (Apostel). Dass Papst Johannes XIII. immer wieder aus der Wirformel in die
Ichformel fällt, zeigt wiederum, wie wenig er in das feudale Joch passt, das ihm aufgelastet ist.

5. Abschaffung von Kniefall und Ringkuss

Wie wir schon zitierten, hat Petrus I. - es kann dies nicht genügend betont werden - gegenüber dem Centurio Cornelius, der sich ihm "ehrfurchtsvoll zu Füßen warf" folgendes erklärt: "Steh auf auch ich bin nur ein Mensch" (Apostelgeschichte 10, 26). Gerade damit tut er jedoch kund, dass er den Kniefall vor einem Menschen als Unrecht empfindet. Im SinnePetrus I. haben wir daher das gegen die Brüderlichkeit verstoßende, aus dem Despotenzeremoniell stammende Unterwerfungszeremoniell zu liquidieren. Das Händereichen ist ein sehr gutes Symbol für die innere Verbindung zwischen Menschen. Daher wäre es zum Zeremoniell zu erheben.

6. Abschaffung der pharaonischen Straußenwedel

Die pharaonischen Straußenwedel
Die am vatikanischen Hof Verwendung findenden Straußenwedel kommen über Byzanz von jenen Pharaonen, gegen die Moses bereits vor dreieinhalb Jahrtausenden revoltierte. Der ursprüngliche Zweck war, dem Pharao frische Luft zuzufächeln, ihm Kühlung zu verschaffen, vielleicht die Sonnenstrahlen abzuhalten. Niemand wird nun dem Bischof von Rom die frische Luft mißgönnen, doch sollte die Assoziation - byzantinischer Kaiser, und Pharao - unbedingt vermieden werden. Der Bedarf an kühler Luft kann auf ungleich modernere Weise, ganz im Sinne der Industriegesellschaft gedeckt werden. Gerade die italienische Industrie bringt ganz ausgezeichnete, automatisch schwenkende Ventilatoren auf den Markt, die in ungleich besserer Weise eine Luftbewegung erzeugen als dieser Wedel aus Straußenfedern. Moderne amerikanische Klimaanlagen wären noch besser. Dieser Wedel ist sicherlich nur ein Symptom für die Anpassungsarmut des vatikanischen Hofes und für die viel zu geringe Einwurzelung in die moderne Industriegesellschaft. Welcher Manager eines Großkonzerns würde heute noch solche Wedel verwenden?  Ein Theologieprofessor wendete gegen diese These ein, dass der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel auch durch Pharaonenwedel Luft erhalte und dass man erst doch einmal diesen entfeudalisieren sollte. Nun, jeder kehre zuerst vor seiner eigenen Türe. Und wenn der Bischof von Rom es übers Herz brächte, seinen Wedel zugunsten eines Ventilators zu opfern, würde der
Patriarch von Konstantinopel vielleicht auch seine aufgeben. Im übrigen wird neuernannten Monsignori in ihrem Dekret jeweils mitgeteilt, dass sie mit ihrem Titel nun auch das Recht zu wedeln erhalten. Da diese Funktion ohne weiters auch von Maschinen erfüllt werden kann, wird der Wegfall dieses seltsamen Rechtes kaum einen unter den Monsignori kränken.

Anmerkung: Es ist zu vermuten, dass die Straußenwedel schon unter Johannes XXIII. oder kurz nach ihm abgeschafft wurden. Näheres muss noch recherchiert werden.

7. Abschaffung aller Sonderrechte der römischen Aristokraten am vatikanischen Hof

Geburtsvorrechte spielten innerhalb der von Christus gegründeten Kirche keine wie immer geartete Rolle. Christus wählte die Apostel sicherlich nicht auf Grund ihrer mehr oder weniger vornehmen Geburt aus, sondern auf Grund ihrer mehr oder weniger großen Fähigkeit,
die Funktion eines Apostels, eines Gesandten zu erfüllen, Geburtsvorrechte jeder Art sind deshalb in der Kirche zu liquidieren.
Daher sollten Aristokraten wohl keine Nachteile haben, jedoch keine wie immer gearteten, auf den Adel gegründete Vorrechte am vatikanischen Hof genießen.

8. Ersetzung der vatikanischen Baulichkeiten durch ein modernes, zweckdienliches Bürohaus

das den kirchlichen Funktionären gestattet, in adäquater Weise ihren Geschäften nachzugehen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten könnten als Museen Verwendung finden. Ein so exzellenter und zugleich mit echter sozialer Gesinnung ausgestatteter Mann wie der italienische Industriemanager Enrico Mattei hätte bei der Planung neuer Baulichkeiten, die sowohl brüderliche Gesinnung ausdrücken als auch dem Industriezeitalter entsprechen sollen, beratend zur Seite stehen können. Aber auch jetzt gibt es sicher ähnliche Männer in Italien. Dies würde sparen helfen, da entbehrlicher Aufwand reduziert würde. Die kirchlichen Funktionäre würden dadurch in eine dem Industriezeitalter angepasste Stimmungslage versetzt und der Produktivitätsgrad der Leistungen würde im Sinne des eigentlichen Zwecks der Kirche entschieden erhöht (wirksame Verkündigung des Wortes Gottes etc.).

9. Radikale Vereinfachung des Zeremoniells

 Die Etikette des römischen Hofes wäre der einer Präsidentschaftskanzlei in einer westlichen Demokratie - etwa der der Schweiz - anzupassen. Viel unnötiger Kraftaufwand könnte so vermieden, die ersparten Energien produktiver eingesetzt werden.

 10. Abschaffung der vom vatikanischen Hof zu verleihenden Adelsprädikate, Orden, Ehrenzeichen und der funktionslosen "Würden"

Vatikan
Feudale Spielereien, wie die Verleihung von Adelsprädikaten, funktionslose Titel und Würden, gehören auf den Schutthaufen der Weltgeschichte. Vorkommnisse wie Verteilung von Fürstentiteln an Papstneffen, wie sie Pius XII. praktizierte, sind beschämend, entwürdigend und entmutigend für die ganze Christenheit. Es wäre dafür zu sorgen, dass sich solche Dinge nicht wiederholen. Adelsprädikate sollten auch dann nicht mehr verliehen werden, wenn es sich um moralisch höherwertige Personen handeln sollte als um die Neffen Pius XII. Orden und Ehrenzeichen sind im diplomatischen Verkehr Infantilitäten und voll Unehrlichkeit. Die Kirche sollte sich von der Ordensverleihung zurückziehen und dies den westlichen Staaten und der Sowjetunion überlassen. Ein brüderliches "Dankeschön" ist mehr wert als Bänder, Schärpen und ähnliches. Es ist auch erniedrigend, solche "Ehren" zu verkaufen.

11. Verpflichtung aller kirchlichen Funktionsträger nicht nur zur Fußwaschung, sondern auch zum gemeinsamen Tisch mit Vertretern der verschiedensten Volksschichten

Die natürliche Tischgemeinschaft soll die übernatürliche vorwegnehmen. Die Fußwaschung ist das demonstrativste und ausdrucksvollste Demutsritual christlicher Autorität. Christus zwang Petrus I., der anfänglich hier widerstrebte, mit der Androhung der Exkommunikation, diese Demütigung Christi anzunehmen. Die Bereitschaft, den niedrigsten Dienst am anderen zu verrichten, berechtigt autoritative Funktionäre der Kirche erst, ihre Funktion auszuüben. Die Tischgemeinschaft aller wird von Christus als Symbol für den Himmel gebraucht: "Das Himmelreich ist gleich einem Gastmahl..."

Petrus I. stieg demonstrativ bei einem stinkenden Gerber ab und aß bei ihm, ebenso wie bei Heiden [9]. Und Christus durchbrach hier alle Schranken. Er ließ sich von der samaritanischen Hure Wasser reichen und aß nicht nur mit dem einfachen Volke, sondern darüber hinaus sogar mit Pharisäern. Im Anschluß daran, dass Johannes XXIII. mit Arbeitern Wein trank und mit Schweizergardisten und Gärtnern zu Mittag aß, schrieb ich den Satz:

"Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, kehrt der neue Papst nach Jahrhunderten feudaler Isolation der Päpste wieder in die Gemeinschaft der Christen zurück."

Denn der gemeinsame Tisch ist ein profanes Verbrüderungszeremoniell  und baut unnötige Distanzen ab. Wieviel würde ein Bischof erfahren können, wenn er sich die Mühe machte, mit verschiedensten Person, Vertretern aller Volksschichten, zu Mittag oder zu Abend zu essen. Wie unkonventionell wäre der Kontakt, wie anders würden manche Äußerung eingeschätzt. Es ist keine Frage, dass hier der Durchbruch Johannes XXIII. ein echter Regress auf das Verhalten Petrus I. und Christus selbst ist. Ungleich weniger christlich oder petrinisch war jedoch das Verhalten des "Pastor angelicus", der nur Kanarienvögel für würdig genug erachtete, mit ihm zu speisen. So etwas sollte nicht wieder vorkommen.

Anmerkung: wohl hat sich  in dieser Hinsicht in der Kirche vieles geändert, obwohl nicht anzunehmen ist, dass etwa ein österreichischer Kardinal sehr oft mit einfachen Leuten speist.

12. Größere Mobilität des Bischofs von Rom

Er soll nichtkatholische Kirchenfunktionäre aufsuchen und nicht warten, bis diese kommen. In Fragen von extremer internationaler Bedeutung - wie Frieden oder Abrüstung - sollte er auch wichtige Politiker aufsuchen. In dem großangelegten Hirtengleichnis
(Lk 15,3-7) lässt Christus den guten Hirten das verlorene Schaf suchen. Er wartet nicht, bis es von selbst zurückfindet, sondern sucht es und freut sich mehr über dieses eine als über 99 andere (und die guten Schafe mit ihm). Verpflichtet die Hirtenfunktion nicht zum Aufsuchen der verirrten Schafe? Ist es nicht beschämend, dass zuerst protestantische, anglikanische und orthodoxe Funktionäre nach Rom kommen und man nicht umgekehrt aus Rom zu ihnen kommt? Sich hier entgegen dem ausdrücklichen Impuls Christi an Konventionen zu binden, ist nicht nur aus prinzipiellen, sondern auch aus bekehrungspsychologischen Gründen verfehlt.  

Sowohl Christus als auch Petrus hielten das anders. Obwohl die Kirche das politische Gebiet den Weltchristen (den "Laien") überlassen sollte, würde es keineswegs fehl am Platze sein, wenn in so extremen wesentlichen Fällen, wie in der Frage des Weltfriedens, nicht nur offiziell von Rom aus Botschaften erlassen würden, sondern der Papst sich selbst zu den entscheidenden Politikern begeben würde, um Einfluss auf sie zu nehmen. Er würde ihnen zwar große Ungelegenheiten bereiten, wenn er ohne viel Aufhebens zu machen, gleichzeitig mit ein paar Mitarbeitern um ein Visum des betreffenden Staates und um eine Unterredung mit dem betreffenden Staatschef ansuchen würde. Gerade so unkonventionelle Schritte würden seinen Aktionen ein entscheidendes Gewicht verleihen. Statt für die "schweigende Kirche" im Osten nur zu beten, könnte ein päpstlicher Besuch bei den jeweiligen Potentaten viel mehr erreichen als Gebete, die nicht aus der rechten Haltung kommen.

Anmerkung: Diese Forderung Wilfried Daims wurde durch den Nachfolger Paul VI., Johannes Paul II. (1920-2005, Papst ab 1978), zumindest in quantitativer Hinsicht geradezu übererfüllt, wie der folgende Text aus der Wikipedia zeigt. In qualitativer Hinsich steht fest, dass der erste slawische Papst auch zum Zusammenbruch des Kommunismus beitrug.

Johannes Paul II.
Die Amtszeit von Johannes Paul II. war geprägt von einer verstärkten Wahrnehmung der repräsentativen Aspekte des Papstamtes. Dies zeigte sich vor allem in den 104 Auslandsreisen des Papstes, Pastoralbesuche genannt, in denen er 127 Länder besuchte. Seine Reisetätigkeit trug ihm rasch den Spitznamen „Eiliger Vater“ ein. Johannes Paul II. unternahm während seiner Amtszeit mehr Auslandsreisen als alle früheren Päpste zusammen. Auf seine erste Reise, die ihn in die Dominikanische Republik, nach Mexiko und auf die Bahamas führte, begab er sich bereits rund drei Monate nach seiner Wahl. Von politischer Bedeutung waren insbesondere die Reisen in sein Heimatland, durch die er den polnischen Widerstand gegen das kommunistische Regime stärkte.

Vom 28. Mai bis 2. Juni 1982 besuchte Johannes Paul II. als erster Papst seit der Trennung der Anglikanischen Kirche vor 450 Jahren Großbritannien. Während des Aufenthalts wurde er von Königin Elisabeth II. empfangen und besuchte einen ökumenischen Gottesdienst in der Kathedrale von Canterbury. Im Jahr 2000 begab sich der Papst auf eine Reise ins Heilige Land (Israel, Jordanien, Palästinensergebiete).

Am 15. Januar 1995 hielt der Papst in Manila vor vier Millionen Menschen den größten Gottesdienst in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche. Es war zugleich die größte bekannte Versammlung in der Geschichte der Menschheit. Am 21. Januar 1998 führte ihn eine Pilgerreise ins sozialistische Kuba.

Die Bundesrepublik Deutschland besuchte Johannes Paul II. als Papst erstmals im November 1980, weitere Deutschlandbesuche folgten in den Jahren 1987 und 1996. Österreich besuchte er in den Jahren 1983, 1988 und 1998, die Schweiz 1982, 1984, 1985 und 2004.

Anmerkung: Was die Mehrzahl der heutigen Papstreisen anbelangt, so handelt es sich um meist sehr aufwendig organisierte, sogenannte  Pastoralbesuche, die als Massenveranstaltungen Züge eines undifferenzierten Starkults tragen, womit die Frage nach der eigentlichen langfristigen pastoralen Wirkung aufgeworfen wird. Dazu kommt das Problem erheblicher Kosten, die von der jeweiligen Lokalkirche zu tragen sind.

13. Abschaffung der Titel Eminenz und Exzellenz, Verwendung des Begriffes Apostel anstelle von Bischof, Entlastung der Bischöfe von unnötigem Zeremoniell

Die Titel Eminenz und Exzellenz entstammen dem byzantinischen Hofvokabular und sollten völlig aus dem Wortschatz verschwinden, ebenso "Euer Gnaden" etc. Man kann ruhig darauf verzichten. Psychologisch noch schwerwiegender und problematischer wäre jedoch eine Änderung der Funktionsbezeichnung "Bischof" und "Erzbischof" ("Fürst" Erzbischof ist ja abgeschafft). Bischof bedeutet "Aufseher", womit die Grundfunktion sehr schlecht und sehr mißverständlich ausgedrückt wird. Viel eindrucksvoller und adäquater jedoch ist das Wort "Apostel", das Sendbote, Abgesandter bedeutet. Man spricht völlig inkonsequent, obwohl die Sukzession von den Aposteln zu den Bischöfen gegeben ist und die Bischöfe die "Nachfolger der Apostel" sind, eben einerseits von Aposteln, andererseits von Bischöfen, so als ob hier ein tiefgreifender Unterschied gegeben wäre. Die Tatsache, dass die zwölf Apostel Christus persönlich kannten, schafft keinen Wesensunterschied hinsichtlich ihrer Funktion und der ihrer Nachfolger. Entweder man spricht vom Bischof Petrus, vom Bischof Johannes oder man nenne die heutigen Bischöfe Apostel. Der Vorteil der gleichen Bezeichnung würde darin bestehen, dass die Sukzession nicht nur bestünde, sondern auch zum Ausdruck und damit zum Bewußtsein käme.

Hier wendete ein Politiker ein, dass das nicht anginge, weil dann die Diskrepanz etwa zwischen "Hirtenschreiben" von Bischöfen der Gegenwart und den "Apostelbriefen", ebenso wie der Unterschied der menschlichen Qualitäten zu sehr zum Ausdruck käme. Dazu ist vorerst zu sagen, dass die Qualität bei einem tiefgreifenden Bewusstwerden der Sukzession vielleicht besser würde, so dass das Qualitätsgefälle nicht gar so groß wäre. Auf jeden Fall würde jedoch die innere Verbundenheit der gegenwärtigen Kirche mit der Urkirche wesentlich gestärkt. Daher müsste man den Mut auch zu dieser Änderung aufbringen.

Es  wird auch gesagt, dass verschiedene Sekten den Apostelbegriff in den Vordergrund rücken und man so den Sektierern Vorschub leistete. Nun sind die Sekten oft Auswüchse, gleichsam Rationalisierungen und Überbauten über verdrängte oder verschobene, aber echte religiöse Bedürfnisse. Solche Bedürfnisse, die innerhalb der Kirche keine adäquate Befriedigung finden, suchen dann außerhalb ihre inadäquate Erfüllung. Es würde damit also eine Brücke geschaffen, über die der Sektierer heimkehren könnte.

14. Begrenzung der Amtsdauer in kirchlichen Funktionen (Pensionierung)

Einer der Gründe für die schwerfälligen Bewegungen und die überlangen Reaktionszeiten des hierarchischen Machtapparates liegt in der Überalterung der zentralen Funktionärsgarnitur.

Natürlich ist es möglich, dass einmal ein Papst von mehr als 80 Jahren revolutionäre Dinge tut, doch ist die Wahrscheinlichkeit im allgemeinen nicht so groß. Bedenkt man dagegen, dass Christus sein Gesamtkonzept in einem Alter von 30 bis 33 Jahren entwickelte, so dürfte es nicht schwerfallen, ein Konzept zu entwickeln, nach dem die Amtsperiode kirchlicher Würdenträger eine altersmäßige Grenze findet. Aber für das Feudalsystem ist es typisch, dass Kaiser oder Könige eben bis zum bitteren Ende ihre Funktion erfüllen. So hat Kaiser Franz Josef I. in der Habsburgermonarchie seine Zeit ohne entscheidende Reformen viel zu lange mitgeschleppt. Ebenso geschieht es gewöhnlich, bei der kirchlichen Führung in Rom. Johannes XXIII. ist eine höchst bemerkenswerte Ausnahme.

Man könnte ohne weiteres, um die Sache weniger schmerzvoll zu machen, erst die neu zu ernennenden Bischöfe ihr Amt etwa mit 60, die künftigen Päpste mit 65 Jahren enden lassen. Die pensionierten Würdenträger könnten verschiedene Ehrenpräsidien übernehmen. Es stünde ihnen frei, wissenschaftlich zu arbeiten und zu publizieren und sie könnten in verschiedenen Gremien beratende Funktion ausüben. Eine solche Verjüngung des Apparates würde eine ungleich initativere Führung und damit einen ununterbrochenen Ablauf der notwendigen Erneuerung möglich machen.

Anmerkung: Das Bischofsamt ist ein Amt auf Lebenszeit. Aber mit Vollendung des 75. Lebensjahres sind alle Bischöfe gemäß Kirchenrecht Can. 401 §1 CIC angehalten, dem Papst den Amtsverzicht anzubieten (siehe: Altdiözesanbischof). Ein solcher Amtsverzicht wird allerdings nicht immer angenommen.
Wahlberechtigt sind im Konklave alle Kardinäle der römisch-katholischen Kirche, die am Tag vor dem Eintritt der Sedisvakanz (z.B. dem Todestag des Papstes) ihr 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

15. Abschaffung jeder Art von Beweihräucherung im wörtlichen wie im sublimierten Sinn

Ausschlaggebend für die "Feudalisierung" der Kirche war die Förderung des Christentums durch Kaiser Konstantin und in der damit einhergehenden Änderung der Organisation der Kirchenführung. Die Geistlichen, vor allem die Bischöfe, erhielten einen völlig neuen Rechtsstatus. Sie waren nun Reichsbeamte geworden und zwar in einer sehr hohen Stellung. Dazu erhielten die Bischöfe 318 von Konstantin den Auftrag, in bestimmten Zivilprozessen höchstinstanzlich Recht zu sprechen. Mit dieser Rangerhöhung ging wohl auch das Recht auf die dazugehörigen Statussymbole einher. Deshalb ist wohl auch der Brauch zu erklären, beim Einzug des Bischofs Leuchtenträger und Weihrauchfass vorauszuschicken. Das ist die Form, in der uns der Weihrauch zum ersten Mal in einer schriftlichen Quelle in der römischen Liturgie begegnet. Das Beräuchern des Altars war hingegen in Rom Mitte des neunten Jahrhunderts noch unbekannt

Anmerkung: Hier wäre wohl nur eine "Neuinterpretation" der Verwendung von Weihrauch nötig: "Incensierung" ohne Personenbezug.

16. Auflösung der Ritterorden, da deren feudale Herkunftswertung nicht einmal die Apostel als Mitglieder dulden könnte beziehungsweise hätte dulden können

Es ist sicher, dass die für den Ritterorden wesentlichen Positionen regelmäßig nur von Adeligen eingenommen werden konnten, beziehungsweise eingenommen werden können. Dies ist mit den Grundlagen des Christentums - man vergleiche die Auswahl der Apostel durch Christus - nicht vereinbar. Die Tatsache, dass etwa der Deutsche Ritterorden nunmehr diese Herkunftswertung auf gab, ändert nichts an seiner Vergangenheit. Im übrigen wäre schon aus rein politischen Gründen eine innerkirchliche Liquidation des Deutschen Ritterordens zu empfehlen, dessen "Missions"methoden heute noch die Beziehung der katholischen Kirche zum Osten belasten. Adenauers Beitritt zum Deutschen Ritterorden schockierte den Osten, dem es schien, dass Adenauer damit kundtun wolle, er gehöre zu denen, die "nach dem Osten reiten". Eine Liquidation des Ordens - am besten durch Selbstauflösung nach einem umfassenden Schuldbekenntnis - könnte ein Gespräch mit dem Osten wesentlich erleichtern. [10]

Kardinal Schönborn
Kardinal Groer
17. Wahl der Bischöfe durch das gläubige Volk aus einer größeren Anzahl der vorgeschlagenen Kandidaten

Um ein echtes Verantwortungsgefühl für die Kirche zu erwecken, ist es nötig, die Mitglieder der Kirche auch für die Auswahl der kirchlichen Führungskräfte heranzuziehen. Verantwortung erzieht und Erziehung schafft Verantwortung. Dazu sollte, um eine entsprechende Übergangszeit für Verantwortungserziehung zu schaffen, für etwa 20 Jahre das in Polen übliche Wahlsystem eingeführt werden: "Elite"-Verbände und Obrigkeitsinstanzen erhalten das Recht, Kandidaten vorzuschlagen, und das Volk wählt dann, nachdem sich die Kandidaten samt ihren Programmen gestellt haben, einen von ihnen aus. Nach dieser Übergangszeit müßte ein stärker "westlich" orientiertes Wahlsystem an dessen Stelle treten und das Recht, einen Kandidaten vorzuschlagen, erheblich erweitert werden. Da Bischofskandidaten ja grundsätzlich Priester sein müssen, wäre gleichzeitig mit der verantwortlichen Beteiligung des Volkes eine entsprechende bildungsmäßige Voraussetzung gegeben, die ein solches System jeder bisherigen politischen Struktur überlegen machen würde. [11]

Siehe dazu auch die Anmerkung von Herbert Kohlmaier oben.

Anmerkung:Evangelische Amtsträger (Landesbischöfe) werden in der Regel von der Synode (Kirchenparlament) für eine bestimmte Zeit oder auf Lebenszeit (meist bis zum 65. oder 68. Lebensjahr) gewählt.

18. Proportionale Festsetzung der Wahlmännerzahl für die Papstwahl (Kardinäle), entsprechend der Volkszahl der Katholiken

Das jetzige Wahlsystem fördert eine Art von Klerus-Inzucht. Das System ist nach unten nur durch das Zölibat offen. Die Ernennung von Kardinälen durch den Papst ist wenig gesund. Das amerikanische Präsidentschafts-Wahlsystem wäre hier wohl das am ehesten angebrachte. Nach der Volkszahl der Katholiken in einem Lande wird eine Zahl von Wahlmännern gewählt, die nach alter Tradition keineswegs Kleriker sein müssen, und diese wählen dann den Bischof von Rom aus den vorhandenen Bischöfen aus. Rom benötigt daher ein entsprechendes Wahlstatut. Ein solches Wahlmännersystem hätte den Vorteil, dass man sich mit den Qualitäten der einzelnen Bischöfe weltweit zu beschäftigen hätte. Dadurch würden wiederum Verantwortung und Interesse im allgemeinen zunehmen. Ein solches Wahlsystem könnte dem Faktum einer echten Weltkirche am besten Rechnung tragen.

19. Grundsätzliche Umgestaltung der hl. Messe

Vereinfachung, das heißt radikale Reduktion auf das Wesentliche; das Lesen in der Landessprache; Liquidation der Kommuniongitter, an welchen man "abgespeist" wird; Sitzen von Priestern und Weltchristen ("Laien") am gleichen Tisch; Ersatz der dünnen Oblate durch richtiges Brot und Einführung des Kelches für die Weltchristen ("Laienkelch"); das eucharistische Gemeinschaftsmahl muss wieder die zentrale Verbrüderungszeremonie aller werden; Leib- und Blutsbruderschaft mit Christus und mit allen seinen Gliedern soll die Messe nicht nur sein, sie soll auch so erlebt werden.

Wenn ich (unter 11) erklärt habe, dass der profane Tisch zwischen allen Würdenträgern der Kirche und den Vertretern verschiedenster Volksschichten zu pflegen wäre, da das gemeinsame Mahl ein verbindendes Moment enthält, so ist dazu zu bemerken, dass das gemeinsame profane Mahl keinem wie immer gearteten Menschen zu verweigern wäre. Das eucharistische Mahl jedoch kommt nur den Brüdern im engeren Sinn - den Christen - zu, die aber alle anderen einladen, Christen zu werden. Die Einigung der Menschen mit Christus, unserem Bruder, ist nur ein Aspekt der Eucharistie. Es besteht hier nicht nur mit Christus Leib- und Blutsbruderschaft, sondern auch mit allen andern Christen. Insofern jeder für den andern, auf Grund seiner Identifikation mit Christus und der Identifikation Christi mit ihm, eben auch Christus ist, bedeutet die Eucharistie die höchstmögliche Identifikation aller christlichen Brüder untereinander. Durch die Realpräsenz wird die durch gemeinsames profanes Mahl und gemeinsamen profanen Trunk geschaffene Brüderschaft unendlich überhoben.
Dass die Messe im wahrsten Sinn das tief in Gott eingesenkte, durch Christus geschaffene Verbrüderungszeremoniell der Christen ist, soll nicht nur ontologisch oder metaphysisch so sein, sondern vielmehr auch so erlebt werden. Und ein solches Erlebnis muss durch die äußere umfassende Gestaltung der Messe vermittelt oder wenigstens nahegelegt werden. Diesem Ziel sind nötigenfalls schwere Opfer zu bringen.

Das Lesen der Messe in der Landessprache würde dem entsprechen, was Christus tat. Die Messe ist nicht für eine intellektuelle, zweifelhafte "Elite" da (die sich dadurch auszeichnet, dass sie mehr oder weniger gut Latein versteht), sondern für das ganze Volk.
Das was in "Veterum sapientia" steht, hat mit Recht weltweite Empörung ausgelöst, die nur durch eine traditionelle Gehorsamkeitshaltung mühsam verdeckt wurde. Es ist klar, dass es nicht so weitergehen kann, wenn man wirklich Weltkirche ohne rationalistischen Rückhalt sein will. Das Kommuniongitter schafft eine Trennwand zwischen Priester und Volk, die völlig unnötig ist. Der Priester dreht sich unnötigerweise vom Volk weg. So schwierig es sein und so schwerwiegende Konsequenzen es auch haben mag, aber Priester und Weltchristen müssen an einem Tisch zusammenkommen.

Das Abendmahl
Hier wird nicht ohne Grund eingewendet, dass bei einem "Massenbetrieb" eben solch ein Sitzen nicht möglich ist. Dazu kommen noch die Schwierigkeiten mit dem "Laienkelch".

Dazu ist zu sagen, dass es einerseits möglich wäre, Tische ähnlich bei einem Großbankett aufzustellen ("Das Himmelreich gleicht einem Gastmahl"). Andererseits müsste man die "Massen" eben in kleinere Gruppen teilen. Dies setzt jedoch eine wesentlich größere Zahl von Priestern voraus und dies wiederum die Aufhebung des Zölibates (siehe Punkt 28).

Kurzmessen in Hausgemeinschaften, von nötigenfalls nebenberuflichen Priestern gehalten (auch Paulus verdiente sich sein Geld durch Handwerksarbeit), das Lesen der Messen in Privathäusern, all das wäre möglich und der Zeit angemessen. Das gemeinsame Sitzen am Tisch ist so wichtig, dass man alle Konsequenzen auf sich nehmen müsste. Die Kirche könnte dann immer noch als Ort für größere  Versammlungen benützt werden.

Natürlich muss man auch auf Goldkelche und ähnliche Dinge verzichten. Will man Rost vermeiden, dann gäbe es heute Becher aus rostfreiem Material, die ein sinniges Geschenk zur ersten Kommunion sein könnten. Eine übermäßige Reinigung ist unnötig, da man Weinreste in Molekulargröße ohnehin nicht entfernen kann. Der Becher dürfte nur zu nichts anderem verwendet werden.

Zu diesem Punkt schrieb sehr richtig Piet Fransen:

"Was die Diskussion über die Volkssprache betrifft, so werden sich künftige Zeiten vielleicht darüber wundern, dass ein Konzil des 20. Jahrhunderts so viel Zeit für die Verteidigung einer toten Sprache, des Lateins nämlich, aufgewendet hat, nachdem doch die Kirche bis zum 10. Jahrhundert stets sofort ihre liturgischen Bücher übersetzte, so dass die neuen Gläubigen ihre Gebete verstehen konnten. Als die Liturgiediskussion schon längst abgeschlossen war, drohte die Opposition, die von einigen Kurienmitgliedern sowie von Bischöfen aus Italien, Spanien, England und den beiden Amerika angeführt wurde, noch einen Augenblick die Arbeit der Liturgischen Kommission zu stoppen. Es war dann Kardinal Cicognani,
der die wichtigsten Widersacher zu sich bat und ihnen sagte: Wenn das Latein angeblich so unentbehrlich für den rechten Glauben sei, müsse man sofort alle Katechismen, Religionslehrbücher und Predigten in lateinischer Sprache abfassen [12]!"

Anmerkung:Der Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und die Messfeier am Volksaltar haben sich als wichtigste Elemente der Liturguiereform des 2. Vatikanums durchgesetzt. Gelegentliche "Rückschläge" wie die durch Benedikt XVI. erteilte Erlaubnis, die Messe auch nach dem vorkonziliären tridentinischen Ritus auf lateinisch zu feiern (Motu Proprio "Summorum Pontificum" vom 7. Juli 2007) ändern daran kaum etwas. Freilich ist auch eine in jeder Hinsicht "versus populum" gestaltete Eucharistiefeier noch immer kein "Herrenmahl" (besser: "Brudermahl") im Sinne der obigen Forderungen Wilfried Daims.

20. Entfeudalisierung der Caritas

Nicht mildigliche Spenden gnädiger Herren und Damen zur Notlinderung, sondern tatkräftige kameradschaftliche und verpflichtende Hilfe ist nötig. Einrichtung von Forschungszentren, die notleidenden Menschen die Mittel verschaffen, sich selbst zu helfen.
Die Caritas der Feudalzeit setzt ein gleichbleibendes und statisches Sozialprodukt voraus. Hier besteht das Hauptproblem in der Verteilung des vorhandenen Sozialproduktes. Die bürgerliche Produktionsweise hat jedoch gezeigt, dass das Sozialprodukt durch materiellen und intellektuellen Einsatz einer progressiven Vermehrung zugänglich ist. Es wäre eine echte caritative Leistung, also ein Akt der Nächstenliebe, wenn Forschungsstätten errichtet würden, die Möglichkeiten zur Selbsthilfe zu schaffen hätten. Solches gibt es zwar schon in den USA und in der UdSSR, aber noch nicht allzu lange, so dass man mit einer derartigen Aktion relativ wenig nachhinken würde.

Anmerkung:Die Aufrechterhaltung dieser These wäre für die Caritas von heute wohl eher eine Beleidigung - dennoch ist der Grundgedanke richtig: vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.

21. Abschaffung der chefideologischen Position der Scholastik in der Theologie

Im besonderen ist zu beachten, dass Aristoteles ein Ideologe der Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist. Christus wurde nicht zwischen Plato und Aristoteles, sondern zwischen Moses und Elias verklärt. Der revolutionäre Charakter der Befreiungstat des Moses, wie des Dekalogs - "Ich bin der Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Haus der Sklaverei" -, der das erste Revolutionsgesetz darstellt, wäre entsprechend herauszustellen; ebenso die ideologischen Folgen dieser ersten Revolution. Damit würde ebenso eine Integration des Judentums eingeleitet wie die Aufgabe des Standpunktes, dass das Christentum "selbstverständlich" konservativ sei.

verklärung
Diese äußerst wichtige These hat zunächst zum Ziel, die Scholastik als einzig mögliche christliche Denkform zu relativieren. Es wäre auch anderen philosophischen Strömungen Freiheit zu geben, christlich wirksam zu werden. Die Freiheit der mündlichen und schriftlichen Diskussion ist hiezu natürlich Voraussetzung (vgl. 23). Gerade in Hinblick auf das Sozialsystem ist die Scholastik nichts als die Übernahme und Zurichtung der Gedanken des Sklavenhalterideologen Aristoteles für die feudalisierte Kirche. Der Hinweis, dass Christus nicht zwischen Plato und Aristoteles, vielmehr zwischen Moses und Elias verklärt wurde, hat den Zweck, die Diskrepanz zwischen dem urrevolutionären Impuls, der Moses und Elias beherrschte, und dem "konservativen" Charakter der Sklavenhalterideologien festzustellen.

Moses beginnt den Dekalog mit der bemerkenswerten, vom Katechismus sorgfältig weggelassenen Präambel, dem Wichtigsten an einem Gesetz, enthält sie doch oft die grundlegenden Voraussetzungen für ein Gesetz, mit den bemerkenswerten Worten:

 "Höre Israel, ich bin der Herr, dein Gott, ich bin der Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Haus der Sklaverei."

Das dritte Gebot ist das erste Freizeitgebot der Weltgeschichte, das sogar für die Tiere galt. Dieses Gebot allein war dermaßen revolutionär, dass man sich heute davon kaum noch eine Vorstellung machen kann. Auch der unerhörte Protest des Elias passt keineswegs in die Autoritäts- und Herrschaftsvorstellungen des Aristoteles (in seiner ungetauften und in seiner getauften Form). Wie sehr die völlig unchristlichen Gedankengänge des Aristoteles über Thomas bis in die Formulierungen eines Papstes im 20. Jahrhundert hineinspielen, zeigt etwa die Definition der "Laien" in der Katholischen Aktion, wie sie der "Pastor angelicus", Pius XII. gab:

Wie Aristoteles den Sklaven "als Instrument in der Hand seines Herren" definierte, definierte Pius den "Laien" "als Instrument in der Hand der Hierarchie"[13].

Wie sehr die Sklavenhaltermentalität in der Kirche noch weiter lebt, zeigt ja auch die Indexpraxis (siehe 23). Mit der Adaptation des Christentums an das aristotelische Heidentum wurde weitgehend das Verständnis für die Sozialrevolutionären Impulse des Judentums verbaut. Eine verstärkte Rejüdisierung wäre somit nur über einen Abbau der Einflüsse der aristotelischen Sozialvorstellungen möglich. Nur so könnte eine Integration des Judentums eingeleitet werden, dessen Ausfall ja auch die Konservativisierung des Christentums weitgehend zur Folge hatte. Es besteht, ohne hier irgend etwas gegen die Italiener sagen zu wollen, die die Kirche sicher nicht schlechter führten als Spanier, Deutsche, Franzosen und andere es getan hätten, ein dringender Bedarf an jüdischer Nationalsubstanz im Christen-
29
tum. Ein Durchbruch zum Verständnis von Moses und Elias, in deren Tradition Christus steht, würde auch das Konservative am Christentum und seinen scholastischen Ausdruck zerbrechen. Auch dem Mangel an Initiative würde dergestalt begegnet.

Anmerkung: Es bedarf einer weitergehenden Analyse, inwieweit die führende Rolle der Scholastik in der Theologie und Soziallehre heute noch argumentiert werden kann. Die Enzykliken "Populorum Progressio" (1967) und "Octogesima Adveniens" (1971) sind jedenfalls Dokumente, die kein Verharren in antiken reaktionären Vorstellungen aufweisen.

22. Autonomisierung der päpstlichen Universitäten in ähnlicher Form wie in bürgerlich-demokratischen Staaten

Dies gehört zu jenen Freiheiten, die das Bürgertum gegenüber dem Feudalismus erkämpft hat. Die Diskussions- und Lehrfreiheit erfordert natürlich Vertrauen zu den Theologen. Es ergibt sich jedoch aus dem Willen, die Initiative und die Selbsttätigkeit zu vermehren, automatisch die Notwendigkeit, die Freiheit zu vergrößern. Nicht einfaches Überherrschen läßt dem Geist Raum, schöpferisch zu sein, sondern jenes Vertrauen, das ihm die Selbsttätigkeit überläßt. Sollen die katholischen, päpstlichen Universitäten jemals wesentlich mehr schaffen als Apologetik und Recht-fertigungsideologie, muss man ihnen jenen Selbststand geben, der sie frei und offen arbeiten läßt. Dies hängt intensiv mit der nächsten These zusammen.

23. Dezentralisierung wesentlicher Entscheidungsgewalten, das heißt: Abgabe von Autorität nach unten

Ebenso wie man zu den Theologieprofessoren, die doch zum weitaus größten Teil guten Willens sind, muss man zu den Bischöfen mehr Vertrauen haben, die ja schließlich Nachfolger der Apostel sind. Je weniger der Bischof von Rom von seinem Jurisdiktionsprimat Gebrauch macht, umso freiere Persönlichkeiten werden die Bischöfe werden und umso elastischer könnten sich diese den jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen. Die erniedrigende Form, mit der römische Kurialbeamte mit Bischöfen umzugehen pflegen, müßte sich außerdem gründlich ändern.

24. Abschaffung des "Index librorum prohibitorum"

oder zumindest seine fundamentale Humanisierung im Sinne der Deklaration der Menschenrechte. Die Wirkung des Index gegenüber echt substantiell antichristlichen Auslassungen nähert sich Null. So wurde z. B. Hitlers "Mein Kampf" nicht indiziert, obwohl sich darin die Behauptung findet, dass die Erbsünde "Die Rassenmischung" sei [14]. So ein vollendeter theologischer Unsinn, der die verbrecherischen Absichten Hitlers noch mit dem Feigenblatt einer jüdisch-christlichen Vokabel zudeckte, wurde aus opportunistischen Gründen nicht indiziert.

Index librorum prohibitorum
Man lasse das Indizieren daher am besten ganz bleiben. Die meisten, auch durchaus ausübenden Christen kümmern sich im übrigen um den "Index" denkbar wenig. Entweder haben sie eine Erlaubnis, oder sie hüten sich sorgfältig zu erfahren, welche Bücher auf dem "Index" stehen, um bona fide lesen zu können. Das ist die Realität.

Umgekehrt schadet jedoch der Index innerkirchlich enorm. Denn die Verfasser von Büchern, so sie wirklich etwas aussagen, stehen ständig in Gefahr, ein Buch indiziert zu sehen. Dies führt dazu, dass ein Teil von ihnen nichts schreibt, ein Teil bewusst belangloses Zeug, ein Teil etwas, was er selber nicht glaubt. Jene, die sich wirklich mit einer profilierten Meinung hervorwagen, laufen Gefahr, geistig liquidiert zu werden. Arbeiten ernst ringender Theologen werden ähnlich behandelt wie die Produkte von Pornographen. Sie können ihren Lehrstuhl - und damit ihre eigentliche Existenzgrundlage - verlieren, sie können Redeverbot und ähnliches erhalten. Ja, sie können, wie Teilhard de Chardin, mit einem Veröffentlichungsverbot für einen großen Teil ihres Lebens belegt werden.  Hier entstehen Aggressionen, die verdrängt werden, von deren Intensität und Verbreitung man sich - ich spreche hier als Psychologe - in höheren hierarchischen Kreisen keine rechte Vorstellung macht. Man will nicht das Unkraut mit dem Weizen wachsen lassen - wie schwer ist hier eine wirkliche Unterscheidung - und schneidet mehr Weizen als Unkraut weg. Es entsteht durch den Index jene "schweigende Kirche des Westens", für die niemand betet oder eine Kerze brennen lässt. Dies sei hiermit angeregt. Demgegenüber wäre jede Diskussion bewusst zu fördern, wobei sich die Autoritäten bemühen sollten, zu veranlassen, dass sie in brüderlicher Toleranz erfolge.

Pierre Teilhard de Chardin
Will man aber partout nicht vom Index lassen, so müßte er eine Humanisierung im Sinne der Deklaration der Menschenrechte erfahren. Denn die Indizierungspraxis verstößt gegen diese. Wenn ein Opfer der Indizierungsmethode weder erfährt, welcher Richter ihn richtete, noch was Anlaß und Grund der Indizierung ist, wenn man sich nicht verteidigen kann und es keine höhere Instanz gibt, an die man sich zu wenden vermag, so verstößt diese Praxis gegen alle guten Sitten. Nicht einmal ein einigermaßen aufgeklärter Feudalherr hätte sich das erlaubt. Hier nistet noch die Sklavenhaltermentalität, die den Menschen im gleichen Atem als Instrument betrachtet, in dem sie ihn Ebenbild Gottes nennt.

Anmerkung:  Die Glaubenskongregation setzte drei Jahre nachdem diese Zeilen geschrieben worden waren durch die Erlässe vom
14. Juni und 15. November 1966 (AAS 58 (1966), S. 1186) mit Wirkung vom 29. März 1967 den Index außer Kraft. "Die kirchlichen Bücherverbote (c. 1399 CIC/1917) [wurden] abgeschafft und die Strafen, die auf Grund dieser Verbote eingetreten waren (vgl. c. 2318 CIC/1917), aufgehoben."

--> Heribert Heinemann: Schutz der Glaubens- und Sittenlehre. In: Joseph Listl u. a. (Hgg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. Regensburg: Pustet 1983 ISBN 3-7917-0860-0, S. 567-578, hier: 568).
--> Vgl. Georg May: Die Aufhebung der kirchlichen Bücherverbote. In: Karl Siepen [u. a.] (Hgg.): Ecclesia et ius: Festgabe für Audomar Scheuermann … Paderborn u. a.: Schöningh 1968, S. 547-571.

25. Änderung des Erziehungszieles in allen pädagogischen Einrichtungen der Kirche: Erweckung von Kritikfähigkeit, von Initiative und Selbstentscheidung

von moses- und eliasähnlichem, revolutionärem Widerstandsgeist und entschiedene Reduktion der Gehorsamsideologie. Eigenständiges, produktives Initiativgewissen müsste anstelle von infantilem Gehorsamsgewissen erzogen werden. (Gott mehr gehorchen als den Menschen.)

Es ist klar, dass der primitive Direktschluss von Gottes Autorität, von der sich alle Autorität herleitet, der man zu gehorchen habe, jene pädagogische Haltung zu rechtfertigen sucht, die als wichtigstes Erziehungsziel die Bravheit und Zahmheit der Zöglinge vor Augen hat.
In Wahrheit steht diese Gehorsamspädagogik im Dienste infantiler Autoritäten, die Angst vor einem echten Erwachsenwerden ihrer Untergebenen haben. Sie haben gewissermaßen Angst, die Kinder allein über die Straße gehen zu lassen. Hieraus folgt dann die geringe Widerstandsfähigkeit breiter Kreise von Gläubigen gegenüber totalitären Regimen. Wenn sie sich nicht an die Rockschöße der Mutter Kirche zu klammern vermögen, sind sie unfähig, selbständig und unabhängig zu entscheiden und zu handeln.

Gerade die große Linie Moses-Elias-Johannes der Täufer-Christus zeigt ja gerade den ständig provokanten Charakter jener Männer, die im Gehorsam Gottes standen und keineswegs den Menschen gegenüber gehorsam waren. Christentum, das nicht in einem tiefen Sinne provokant ist, ist kein Christentum. Denn dieses hat jene Revolution in Permanenz zu sein, von der Leo Trotzki träumte, da kein Zustand jemals die universelle Brüderlichkeit so verwirklichen wird wie sie vollkommen wäre.

Die Erziehung zur Freiheit in Verantwortung lässt den Gehorsam zurücktreten und ruft die Spontaneität und die Initiative wach, die Selbstverantwortung, die die Grundlage jedes schöpferischen Beitrags zur Gesellschaft ist. Daher sind in allen pädagogischen Einrichtungen der Kirche jene initiativen, selbstverantwortlichen Züge bei den entscheidenden Offenbarungsträgern herauszuarbeiten, die sie zu revolutionärem Handeln veranlassten. Gleichzeitig ist deren Vorbildcharakter zu zeigen und eine Identifikation mit diesen Männern anzuregen. Nur so kann jene reichprofilierte Gemeinschaft von Christen entstehen, die imstande wäre, das Antlitz der Erde zu erneuern

26. Änderung der Heiligsprechungsideale 

Auch heute gibt es Menschen, die wie Petrus Totschlagversuch und Hochverrat begingen oder wie Paulus Beihilfe zum Mord geleistet haben und eine Sinnesänderung zum Guten zuwege brachten. Mit der Feststellung, dass Petrus einen Totschlagversuch (am Polizeichef Malchus) und Verrat (an Christus) beging, wie mit der anderen, dass Paulus Beihilfe zum Mord geleistet hat (zur Tötung des Stephanus), soll nichts gegen die beiden Apostel gesagt werden. Denn mit ihrem produktiven Wandlungsprozess, innerhalb dessen sie den "neuen Menschen anzogen", sind sie so gründlich und endgültig über diese Taten hinausgewachsen, dass niemand ein Recht hat, ein negatives Urteil über sie zu fällen. Das bedeutet jedoch, dass für den Christen eben ein Verbrecher, der sein Verbrechertum abstieß, keinen, aber schon gar keinen Makel mehr zu haben hat, nicht nur Vollmitglied, sondern sogar höchst bevorzugtes Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werden kann und keineswegs sein Leben lang mit Büßermiene herumzulaufen braucht.

Wenn man nun in den letzten Jahrzehnten nur solche Menschen heiligsprach, die ein Leben lang ganz brav und harmlos waren, die Antialkoholiker und Nichtraucher und nie exzessiv waren, so leistet man zwar dem falschen pädagogischen Ziel, dem kleinbürgerlichen Bravheitsideal, einen Dienst, nicht jedoch dem kraftvollen Durchbruchsdrängen, von dem das Christentum erfüllt zu sein hätte.
Leuten mit Vergangenheit erschwert man so ihre innere Wandlung und läßt damit wertvolle Kraft vor dem Tor stehen.
Auch die Maria von Magdala wird durch ihre Vergangenheit in dem Bordellstädtchen des römischen Offizierskorps (Besatzungshure also)
um nicht einen Deut weniger heilig als etwa die "kleine" heilige Therese vom Kinde Jesu - die das natürlich wusste. Die christliche Haltung gegenüber solchen Menschen "mit Vergangenheit", und seien sie auch Mörder und sonstige Schwerverbrecher gewesen, darf nicht den geringsten Zug von Arroganz und Snobismus zeigen. Und das würde man eher erreichen, wenn man Menschen mit solcher Vergangenheit, deren Wandlung jedoch unzweifelhaft ist, auch aus der heutigen Zeit heiligspricht.

27. Änderung der Missionspraxis

Vorbereitung der künftigen Missionare unter anderem auch zum gemeinsamen Tisch mit den zu missionierenden Völkern. Ein Leben unter den gleichen äußeren Bedingungen ist nötig, um den Angehörigen fremder Kulturen wirklich nahezukommen. Auf Grund kolonialistischer und feudaler Vorstellungen gab es, und gibt es zum Teil heute noch, eine arrogante Haltung europäischer Missionare den farbigen Völkern gegenüber. Es wird gleichzeitig der Versuch gemacht, diesen Völkern das Christentum in europäischer Form zu bringen. Nun wurde der einheimische Klerus in diesem Sinne erzogen und so wurden die Priester aus den Missionsvölkern zu Sekundäreuropäern, die oft viel überheblicher sind als die Primäreuropäer. Sie verachten die Kultur ihrer eigenen Völker und bilden sich auf ihren Europäismus eine Menge ein. Gerade hier werden sich Widerstände gegen die Abschaffung des Kultlateins zeigen. Ohne jedoch die chefideologische Position der Scholastik aufzugeben, ohne das Kultlatein durch die jeweiligen Landessprachen zu ersetzen, kann es aber keine großen Durchbrüche und Einbrüche geben.

Zum Vorbild für die Missionserzdehung hätte die sowjetische Agitationsschulung zu dienen, in welcher nicht nur die Sprache, sondern auch die Lebensgewohnheiten der Gastvölker so systematisch wie nur möglich trainiert werden. Das Paulinische "Allen alles werden" ist nur möglich durch geradezu selbstentäußernde Anpassung, um Christus wirklich tief einsenken zu können. Dasselbe gilt auch von den europäischen Missionen, denn wer das innere und tiefere Anliegen des Sozialismus oder des Kommunismus nicht verstanden hat, wird in diesen Kreisen eben nicht missionieren können. Das Studium des dialektischen Materialismus, der doch nur ein Überbau über den proletarischen Grundaffekt ist, genügt hier keineswegs, denn die Grundanliegen tauchen nur selten in diesen rationalen Konstruktionen auf.

Anmerkung: Was ist das Grundkonzept zeitgemäßer innerer und äußerer Missionstätigkeit?

28. Einsatz der neuen technischen Hilfsmittel für die Selbstdarstellung des Christentums

Also neue Propagandamethoden. Die reservierte Haltung eines sekundärfeudalen Spitzenklerus gegenüber der Technik - man denke nur an den Straußenwedel, der noch immer nicht durch einen Ventilator ersetzt ist - und der Industrie (das kirchliche Eigentum ist vorwiegend ländlicher Gutsbesitz, ehemaliges Feudaleigentum) und damit zur Arbeiterschaft, letztlich dem ganzen wissenschaftlich-technischen Fortschritt gegenüber, hat den Nachteil, dass man sich auch um die Möglichkeiten ihres wirkungsvollen Einsatzes bringt.
Das Mißtrauen des Spitzenklerus gegen die Weltchristen, die eben nicht der Jurisdiktion unterstehen, führt schließlich dazu, dass man Positionen, die ungleich besser mit Fachleuten ausgefüllt werden könnten, mit höheren Klerikern, die nichts davon verstehen, besetzt. Hiezu kommt überdies noch das ökonomische Moment, dass man verheirateten Weltchristen höhere Honorare zahlen müßte als zölibatär lebenden Menschen. Ein Zurückschrauben des Aufwandes, das Geld schaffen würde, will man hingegen nicht in Kauf nehmen. Nur weil dieser Hintergrund gegeben ist,
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erscheint es einfach unvernünftig, wenn man der Kirche vorschlägt, sie solle sich so rasch wie möglich mit dem Projekt eines christlichen Fernsehsputniks befassen. Sowohl die USA als auch die UdSSR bechäftigen sich mit diesem Projekt und die ganze Welt kann alsbald ein amerikanisches Fernsehprogramm ins Haus geliefert erhalten. Die technischen Einrichtungen müßten wohl von einem der erwähnten Staaten bezogen werden, aber das Programm müßte von internationalen Weltchristen autonom gestaltet werden können. Es ist keine Frage, dass nicht nur das alte, sondern auch das neue Italien christlich-kulturelle Leistungen von Format zu bieten hatte und hat, doch muss ein solches Programm alle produktiven Kräfte des Erdballs, soweit sie christlich sind, zur Geltung bringen. Würde man dies wirklich tun, so dürfte es überhaupt kein Problem sein, ein qualitativ so gutes Programm nach Ost und West auszustrahlen, dass dieses auch Menschen interessiert, die nicht katholisch sind. Würde ein christlicher "Telstar" jedoch ohne Ziel betrieben wie etwa der Vatikansender, dessen Qualitätsarmut kaum bestritten werden kann, dann hätte das Unternehmen keinen Wert.

Anmerkung:Die technische Entwicklung bis hin zum Vielkanalfernsehen und zum Internet bietet der Kirche heute alle nur möglichen massenmedialen "Vertriebswege". Ähnlich wie politische und kommerzielle Angebote besteht das Produkt "Kirche/katholisches Christentum" aus mehreren Elementen: aus Personen (Vorbilder, Interpreten), Glaubensinhalten (Handlungsanweisungen) und Dienstleistungen (Gottesdienste, Sakramente). Werden diese nicht (mehr) angenommen, nützt auch das beste "Marketing" nichts.

29. Abschaffung des Zölibats für den Weltklerus

Es ist völlig unnötig, dass Ehelosigkeit und Priestertum miteinander verknüpft erscheinen, ein Faktum, das obendrein einen rosaroten oder himmelblauen Anstrich erhält. Die Erklärung, dass die Ehelosigkeit notwendig sei, weil sich der Priester "verströmen" müsse und für eine Familie "keine Zeit" hätte, sind allesamt nicht stichhältig und graue Theorie. Viel handfester und ehrlicher ist der ökonomische Grund, dass verheiratete Priester zu teuer kämen. Hierüber wäre jedoch offen zu reden.

Der größte Nachteil des Zölibates ist die Tatsache, dass er zu einer Anreicherung von infantilen Typen im Klerus führt. Ich sage ausdrücklich Anreicherung, denn natürlich gibt es im Klerus auch männliche Typen, welchen es trotz der negativen Erziehungsweise gelang, Priester zu werden. Aber diese Anreicherung ist an sich schon eine üble Sache. Mutterfixierte, die große Hemmungen der erwachsenen Frau gegenüber haben, machen aus ihrer Unfähigkeit, die reife Frau seelisch zu bestehen, dann die Tugend der "Reinheit". Diese hat nichts mit Ehelosigkeit, ja im Grund auch nicht speziell etwas mit Sexualität zu tun. Das "reine Herz" der Bergpredigt bedeutet wohl jene klare Wahrhaftigkeit und Weltoffenheit, die in der kindlichen, ursprünglichen Vertrauensseligkeit ihre minderdifferenzierte Unterlage hat.
Aber die pansexualistische Betrachtungsweise (der hl. Alfons meinte, dass 99 Prozent aller Verdammten wegen Mißachtung des sechsten Gebotes verdammt werden), liegt durch das Zölibat nahe. Eine weitere Folge der Anreicherung unmännlicher Typen im Klerus ist das vielfach anzutreffende unoffene Intrigantentum und ein Narzismus, der meint, dass man sich für die Eheentbehrung nun anderweitig schadlos halten dürfe. Die in der Ehe notwendig erlebte Verantwortung für andere - auch in einem höchst realistischen, materiellen Sinn (die hungrigen Mäuler der Kinder) - wird in eben jenem harten und nüchternen Sinn nicht realisiert. Wir erhalten dann jene salbungsvolle Scheinväterlichkeit, die nur allzuoft an die Stelle jenes belastenden Wir-Bewußtseins eines Familienvaters tritt (Ausspruch eines Pfarrherrn: "Ich hab's halt gut; ich kann mein Bier allein trinken.").

Nun ist sicher, dass eine allgemeine Liquidation des Zölibats nur möglich ist, wenn zugleich damit eine umfassende Entfeudalisierung durchgeführt würde. Denn eine Frau Bischof ohne einen Bischof, der sich des erzbischöflichen Palais und aller Feudalismen entledigte, wäre geradezu unerträglich[15]. Schließlich würde die Abschaffung des Zölibats auch noch die Re-Integration ganzer Gruppen abgespaltener Christen wesentlich erleichtern. Denn ein anglikanischer Priester mit Familie wird weit eher katholisch werden, wenn ihm bei seinem Übertritt die Möglichkeit gegeben wird, Priester zu bleiben - auch mit Familie.


Abschließende Anmerkung zu den Thesen Wilfried Daims:

Wie dies oft bei den Autoren von engagierten Thesen vorkommt, war der Forderungskatalog Wilfried Daims eine Mischung aus idealistischen, (real)utopischen Ideen und konkreten, praktikablen  Vorschlägen. Die Thesen wurden 1962, also noch vor dem Konzil und lange vor dem Umbruchsjahr 1968 aufgestellt. Seither sind 45 Jahre vergangen. Es ist daher notwendig, das überzeitlich Gültige vom Zeitbezogenenen zu trennen. Das konnte in dieser Bearbeitung bisher nur teilweise geleistet werden. Aber:

Die fortschreitende Entchristlichung auch der österreichischen Gesellschaft, die allgemein fühlbare Irrelevanz kirchlicher Aussagen und Angebote zusammen mit dem drückenden Priestermangellassen einen Rückgriff auf "radikalere" Ansätze als die gegenwärtigen innerkirchlichen Reformideen (z.B. die Priester- und Laieninitiativen) geraten erscheinen. Vergleiche hiezu die Bemühungen der gegenwärtigen Reformplattformen "Wir sind Kirche" und "Laieninitiative".



Fußnoten

[1]  Die geistigen Grundlagen vorliegender Arbeit, vor allem die These von der "universellen Brüderlichkeit",  wurden in meinem Buch: "Die kastenlose Gesellschaft", Manzverlag, München, 1960, erarbeitet. Hier konnten die Begründungen nur kurz sein, jedenfalls nicht jenen Raum einnehmen, der zu einem vollen Verständnis notwendig wäre. Daher sei mit Nachdruck auf die grundlegenden Ausführungen im obigen Werk verwiesen. Außerdem finden sich wesentliche Hinweise in meinem Buch: "Zur Strategie des Friedens. Ein neutralistisches Konzept". Europa-Verlag, Wien 1962.

[2]  Joseph Ratzinger: "Die christliche Brüderlichkeit", Kösel-verlag, München 1960, S. 58

[3]  Es ist ein lapidarer Unterschied, ob man gegen den Feudalismus oder den Kapitalismus als System ist, oder ob man alle Aristokraten oder Kapitalisten persönlich angreift, was ein Unrecht wäre. Denn selbstverständlich vermögen Aristokraten prachtvolle Menschen zu sein, die unendlich mehr Brüderlichkeit entwickeln, als aggressive Bürger, aber dies nicht, weil es ihnen das Feudalsystem nahelegte, sondern obwohl dieses ihnen das Gegenteil nahelegt. Es spricht dies nicht für das System, sondern für die Einzelmenschen.

[4]  Ich verwendete den Ausdruck "sekundärfeudal" in "Die kastenlose Gesellschaft".

[5]  Vorläufer der vorliegenden Vorschläge waren: Zunächst mein Beitrag zum Sonderheft von "Wort und Wahrheit", XVI. Jg., Heft 10, Oktober 1961, S. 585. Vollständig und ergänzt erschien der gleiche Beitrag in "Werkhefte, Zeitschrift für Probleme der Gesellschaft und des Katholizismus", 16. Jg., Heft 1, Jänner 1962. Gemeinsam mit Beiträgen von Leo Gabriel, Friedrich Heer, August M. Knoll und Hans Kriegl erschienen einige der  vorliegenden Gedanken in "Österreichische Academia", der Zeitschrift des ÖCV, 13. Jg., 6, 1961/62, unter dem Titel "Kirche auf der Höhe der Zeit", S. 6. Dieser Beitrag sollte eine Diskussion einleiten. Im folgenden Heft erschien denn auch eine schwache Reaktion niedrigen intellektuellen Niveaus. Danach wurde jedoch die weitere Diskussion abgewürgt. Ein Brief, den ich an den Vorsitzenden des ÖCV-Beirates, Dr. Eduard Chaloupka, richtete, in welchem ich energisch eine Fortsetzung der Diskussion forderte, blieb unbeantwortet. Der Weg zu einer roncallistischen Liberalisierung der Kirche in Richtung auf Diskussions- und Redefreiheit ist dornenreich. Man muss hier jedoch beachten, dass die Kirche eine jahrhundertlange despotische Tradition hat und eine solche historische Unterlage ähnlich schwer überwunden wird wie die des Bolschewismus, dem eine jahrhundertlange zaristische Despotie vorausging.

[6]  Vgl. "Österreichische Academia", 13. Jg., 7,1961/62, S. 10.

[7] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Jänner 1963, S. 12.

[8] Vgl. "Wort und Wahrheit", Jänner 1963; Piet Fransen: Die erste Session des Konzils. Verlauf, Ergebnisse, Schwerpunkte u. Mängel, 24.

Es ist bemerkenswert, dass sich ein solcher Aufsatz in einer sonst reichlich rechten Zeitschrift findet, die hinsichtlich ihrer politischen Haltung durchaus pacellistisch ist. Dies ist verständlich durch ihre enge Bindung zur CDU. Nicht umsonst gehören der Redaktion zwei frühere Nationalsozialisten (Otto Schulmeister, Anton Böhm) an. Katholische frühere Nationalsozialisten neigen dazu, ihren linkskatholischen Brüdern die gleiche Naivität gegenüber dem Kommunismus zuzutrauen, die sie selbst gegenüber dem Nazismus zeigten. Typisch ist hier die Ablehnung der roncalistischen Haltung im Hinblick auf den Kommunismus.

Vgl. Wort und Wahrheit Dezember 1962 "Kirche in Ost und West. Ausgaben der Friedensmission und Versuchungen der Koexistenz".

[9] Vgl. "Die kastenlose Gesellschaft", S. 336 ff.

[10]  Vgl. meine diesbezüglichen Ausführungen in meinem Buch: "Strategie des Friedens. Ein neutralistisches Konzept" in der Reihe Europäische Perspektiven, Europa-Verlag, Wien 1962. Eine Auflösung des Deutschen Ritterordens würde, wie etwa die praktisch durchgeführte Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, in die neue Linie der vatikanischen Politik passen. Das historische Trauma, das der Deutsche Ritterorden innerhalb der Ostvölker hinterließ, könnte so geheilt werden.

[11] Die Kirche könnte so jenen Liberalisierungsprozeß vorleben, den wir auch vom Kommunismus wünschen.

[12]  Vgl. Wort und Wahrheit, Jänner 1963, S. 15.

[13] Pius XII.: Über das Laienapostolat, Ansprache an die Teilnehmer am Kongreß für das Laienapostolat in Rom am 14. Oktober 1951. (Zitiert nach August M. Knoll: Katholische Kirche und scholastisches Naturrecht. Zur Frage der Freiheit. [Europa-Verlag, Wien, 1962].)

[14] Adolf Hitler: Mein Kampf, 419. bis 423. Auflage, 1939, an mehreren Stellen, z. B. Seite 320.

[15] Es soll hier keineswegs die Frau herabgesetzt werden. Es ist jedoch eine allgemeine Erscheinung, dass jemand, der seine "Würde", seine "Position", seine Stellung sekundär gewinnt, sich also eine Identifikationsschicht auf eine völlig anders geartete lagert, aus der Unsicherheit der Konfliktkonstellation sehr oft eine überdeterminiert das Sekundärbehaviour unterstreicht. Der Typus "Neureicher", der sekundärfeudale Nazi gehören dazu, aber auch jene Frau Doktor oder Frau Minister, die nicht selbst Doktor oder Minister ist, diese Titel vielmehr als Frau ihres Mannes, der Doktor oder Minister ist, erhält. Die echte Frau Doktor neigt ebensoviel oder ebensowenig wie ein Herr Doktor zu übertriebener Würdedemonstration. Da eine Frau Bischof ihren Titel jedoch sekundär erhielte, würde bei einem großen Teil dieser Frauen ein superbischöfliches Behaviour anzutreffen sein.

Quelle#

Daim/Heer/Knoll, Kirche und Zukunft, Europa-Verlag, Wien, 1963