unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
7

Wer Ostern feiern will, muss durch die Karwoche #

Eine Anleitung dafür, die Passion Jesu, die in der Karwoche im Zentrum steht, für die eigene Trauerarbeit nutzbar zu machen, bietet Johannes Staudacher#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 14. April 2011).

Von

Daniel Podertschnig


Ausschnitt aus dem Millstätter Fastentuch, 16. Jh.
Palmsonntag. Als Nachvollzug des Einzugs Jesu in Jerusalem finden am Palmsonntag, dem Beginn der Karwoche, seit dem 4. Jahrhundert Palmprozessionen statt (Ausschnitt aus dem Millstätter Fastentuch, 16. Jh.).
Foto: common.wikimedia.org

Dem Gedächtnis des Leidens und Sterbens Jesu Christi ist die Karwoche in den christlichen Kirchen gewidmet. Die Liturgie, ihre Texte und die dazugehörigen Bräuche sind auf die die Passion Jesu vor 2000 Jahren ausgerichtet. Leid und Trauer, von denen die Evangelien im Rahmen der letzten Tage Jesu berichten, bilden aber auch für Menschen in der Gegenwart Erfahrungen. Bilder und Vorstellungen aus der Tradition der Kirche nützt deswegen der Kärntner Priester Johannes Staudacher für seine Arbeit in der Begleitung von trauernden Menschen.

Trauerbegleitung bedeutet für Staudacher Wegbegleitung. Für Menschen, die jemanden durch den Tod verloren haben, sei es tröstlich, wenn man mit ihnen einen Weg geht. „Wir haben in der Kirche das Trösten eher auf Worte bezogen, wir trösten durch unsere Auferstehungshoffnung. Aber eigentlich erlebt der Trauernde den wichtigsten Trost dort, wo Menschen ihn auf seinem Weg unterstützen“, weiß Staudacher.

Zu den Grunderfahrungen in seiner Arbeit zählt, dass „Kirche oft in der Versuchung ist, über Ostern, die Auferstehung, zu reden, statt mit dem, der durch die Karwoche gehen muss, einfach mitzugehen“. Menschen in Trauersituationen würden andere Menschen benötigen, die sie unterstützen. Was Trauernde in diesen Situationen hingegen nicht brauchen könnten, ist „jemand, der ihnen nur ins Ohr flüstert, dass Ostern ist“. Staudacher weiß aus seiner Arbeit: „In diesen Momenten heißt es dann oft, Schritt für Schritt zu gehen. Denn wer bereit ist zu gehen, der kommt auch hinüber“ – zu Ostern.

Weg durch die Trauer#

Auch in der Karwoche „sind wir es, die diesen Weg gehen“, erklärt Staudacher. In der Liturgie der Karwoche „halten wir uns nicht nur die Geschichte Jesu vor Augen, sondern feiern unsere eigene Geschichte“. Was von Jesu Passion überliefert ist, findet sich auch heute noch in Trauersituationen. Jesus hat der Überlieferung nach am Ölberg vor seiner Gefangennahme mit sich gerungen, er hat gebetet und geweint. „Er ringt, bis er die Energie und den Mut hat, die Schwierigkeiten durchzutragen“, deutet Staudacher. Auch das Klagen und Hadern mit Gott bekomme von Jesus her seine Berechtigung: „Wer klagt, tut nichts Halbverbotenes, sondern etwas Urmenschliches.“

Der Weg durch die Trauer, auf die das althochdeutsche „kara“ im Namen der Karwoche hinweist, beginnt am Palmsonntag. Mit dem Palmbuschen habe man bereits ein Ostersymbol in Händen, höre in der Liturgie jedoch die Passionsgeschichte, erklärt Staudacher. Die Osterhoffnung in der Hand stehe dann aber für jeden der Weg durch die folgende Woche bevor: „Man kann nur durchgehen, nicht vorbeigehen an dem, was wehtut.“

„Palmkätzchen“
Triumph. Das Aufbrechen der „Palmkätzchen“ aus ihren Schalen symbolisiert den Triumph des Lebens über den Tod zu Ostern.
Foto: APA

Dass es gesund ist, andere in schwierigen Situationen um Hilfe zu bitten, zeigt Jesus am Ölberg. Das scheint Staudacher am Gründonnerstag wichtig zu sein: „Jesus bittet, dass ihn seine Freunde nicht allein lassen.“ Bei der Einsetzung der Eucharistie, derer am Abend des Gründonnerstages gedacht wird, spielen die Themen Dank und Abschied eine wichtige Rolle. Themen, die auch in Trauersituationen heute ihren Platz haben.

Tod Gottes#

Das Verstummen der Glocken vom Gründonnerstag bis in die Osternacht verweist für Staudacher auf das Schweigen. Für den Seelsorger stellt das ein Grundsymbol dafür dar, „dass es Situa tionen gibt, wo jedes Wort zu viel ist“. Er weiß, dass man „in der Begegnung mit Menschen in Not oft weniger reden und einfach nur da sein sollte – weil manches einfach stumm macht.“

Im Kreuzweg mit seinen 14 Stationen erkennt Staudacher eine enge Verbindung zu menschlichen Lebenswegen. Dreimal wird das Fallen Jesu unter dem Kreuz thematisiert – und sein Aufstehen. Jesus fällt, geht aber weiter. Für Staudacher ein „urmenschliches Thema“: „Man sammelt sich und merkt, man hat noch Kräfte für einen nächsten Schritt.“ Die Frage Jesu am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ deutet Staudacher als Hinweis darauf, „dass es Fragen gibt, auf die wir keine Antwort bekommen, weil die einzige Antwort die Ewigkeit selbst ist.“

Zum Karsamstag gehören für den Trauerbegleiter das Warten und die Geduld. Liturgisch gesehen stehe zwischen Freitag und Sonntagfrüh der Tod Gottes im Zentrum. Ein Thema, das in der Wahrnehmung des Priesters im „normalen kirchlichen und persönlichen Leben viel zu wenig Beachtung fi ndet. Wir wollen immer feiern – das entspricht nicht der Wahrheit.“

Die Erschließung des Weges durch Leid und Trauer anhand der Karwoche könne aber auch einen zweiten Nutzen bringen: „Durch die Beziehung zur Passion wird natürlich auch eine Beziehung zu Ostern, zu Gott hergestellt“, so Staudacher: „Indem Jesus unsere Situation teilt, hilft er auch, dass wir unsere Situation mit seiner verbinden.“

DIE FURCHE, 14. April 2011