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Die Zeichen der Zeit erkannt#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 10. November 2011)

Von

Otto Friedrich


Capistran-Kanzel
Ein Homo politicus wie ein exemplarischer Christ ist gegangen. Und ebensolche leidenschaftliche Stimme ist verstummt. Paul Schulmeister, 17. September 1942 – 5. November 2011
Foto: © APA/Artinger

Es war einer der letzten öffentlichen Auftritte von Paul Schulmeister, als er Ende Juni aus der Hand Kardinal Schönborns den päpstlichen Gregoriusorden entgegennahm. Das Plädoyer für ein „Sentire cum Ecclesia – dem Mitfühlen und Mitdenken mit der Kirche, deren Glieder wir sind“, das der Geehrte damals mit erkennbar schwacher Stimme, aber ungebrochener Leidenschaft formulierte, wird allen, die dabei waren, in Erinnerung bleiben – als ein Vermächtnis eines in der Kirchen- wie der Glaubenslage ebenso aufrechten wie unbeugsam optimistischen Christen. Als ein zweites Vermächtnis kann sein gerade fünf Tage vor seinem Tod erschienener montäglicher Presse-Kommentar gelten: Noch einmal beschwor Schulmeister da die Erinnerung an die Schoah und fragte eindringlich, was zu tun sei, damit diese nicht „kraftlos und leer“ werde.

Erinnerung entwickelte sich für Paul Schulmeister in wacher Zeitdiagnose zum Lebensthema: In den 80er-Jahren war er Präsident der Katholischen Aktion Österreichs. Als damals der Waldheim-Wahlkampf eskalierte, musste er erkennen, wie sehr da auch unter Christen der Antijudaismus immer noch herumspukte. So begann er, dagegenzuhalten – zum einem im unbestechlichen Eintreten für die Erinnerung an die christliche Schuldgeschichte gegenüber den Juden; Jahre später sollte Papst Johannes Paul II. solches als „Reinigung des Gedächtnisses“ bezeichnen. Und zum anderen in einer ungekannten Intensivierung der Begegnung zwischen Christen und Juden im Land.

Aufrechtes Christentum – das war für Schulmeister zeitlebens Maxime wie Quelle, aus der er schöpfte. Beruflich in den Fußstapfen seines Vaters Otto wandelnd, nahm er auch katholische Intellektualität aus dem Elternhaus mit: Otto Schulmeister hatte mit Otto Mauer und anderen die Zeitschrift Wort und Wahrheit gemacht. Sohn Paul war auch bei Karl Strobl in der Katholischen Hochschulgemeinde Wien groß geworden: Er gehörte zu jener Generation, die bewies, dass christlicher Glaube katholischer Ausprägung, eine durchaus konservative Grundierung und freies Denken keine Gegensätze darstellen mussten. Auch das II. Vatikanum prägte ihn nachhaltig.

Über seine beachtlichen journalistischen Leistungen – als ORF-Korrespondent in Bonn und Berlin wie als Auslandsressort beim Fernsehen – hinaus war es die christliche Zeitgenossenschaft, die Paul Schulmeister so glaubhaft vorlebte.

Der Autor dieser Zeilen, der Schulmeister als Leiter des Arbeitskreises für christlichjüdische Verständigung nachfolgte, durfte das hautnah am Gespräch mit den Juden miterleben. Und dann auch, als Schulmeister – aus Deutschland in den allzu kurzen Ruhestand heimgekommen – Ähnliches gegenüber den Muslimen im Land begann. An den Turbulenzen rund um die dänischen Mohammed- Karikaturen hatte Schulmeister mit Schrecken erkannt, welch „gefährliches Verfeindungspotenzial im Zusammenleben der wachsenden Zahl von Muslimen in Europa“ sich zeigte. Diese Erkenntnis führte 2004 zu der von Paul Schulmeister initiierten Gründung der „Plattform Christen und Muslime“, in der nun seine Stimme, sein scharfer Blick und seine Beharrlichkeit besonders fehlen werden. „Verständigung ist möglich“, so sein Resümee im Juni und: „Dialog ist keine unverbindliche Plauderstunde – aber notwendiger denn je.“

DIE FURCHE, 10. November 2011