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Gibt es eine öffentliche Meinung? (Essay)#

Michael Schmolke

Wer von öffentlicher Meinung redet, verwendet ein Schlagwort, über dessen Bedeutung keine letzte Klarheit herrscht. Definitionen gibt es laut Elisabeth Noelle-Neumann mehr als fünfzig. Schön wäre es, wenn es sich bei der öffentlichen Meinung wirklich um „die Übereinstimmung vieler oder des größten Teils der Bürger eines Staats“ handelte – Übereinstimmung „in Urteilen, die jeder Einzelne zufolge seines eigenen Nachdenkens oder seiner Erfahrungen über einen Gegenstand gefällt hat“.

Kein Mensch unterzieht sich, anders als es sich der Moralphilosoph Christian Garve 1802 gedacht hat, dieser Mühe. In der Regel schließt man sich aus diesen oder jenen Gründen einer öffentlich verbreiteten Meinung an oder man verweigert sich ihr. Das ist schwer messbar, und deshalb hat der österreichische Historiker Wilhelm Bauer unsere Frage schon 1930 gestellt: „Gibt es überhaupt eine öffentliche Meinung?“ Seitdem der Begriff in der europäischen Ideengeschichte aufgetaucht ist, ist er von wolkigen Bildern umgeben: Eine Äolsharfe sei die öffentliche Meinung, von wechselnden Winden zum Tönen gebracht, ein „zugleich tausendfältig sichtbares und schemenhaftes, zugleich ohnmächtiges und überraschend wirksames Wesen“ (H. Oncken, 1904). Der Soziologe Ferdinand Tönnies beobachtet 1922 die öffentliche Meinung in festem, flüssigem und „luftartigem“ Aggregatzustand. Das bislang treffendste Bild hat Elisabeth Noelle-Neumann beigesteuert: Die öffentliche Meinung sei unsere „soziale Haut“. Diese Haut – ein sensibles Organ – signalisiert dem Menschen, wenn er in die Gefahr gerät, sich gesellschaftlich zu isolieren. Isolationsfurcht bewegt ihn dazu, sich der öffentlichen Meinung mindestens zu beugen, wenn nicht gar anzuschließen. Öffentliche Meinung, das seien Meinungen und Verhaltensweisen, die man in der Öffentlichkeit äußern bzw. zeigen müsse, wenn man sich nicht isolieren wolle. Falls ein Themenfeld noch nicht ausdiskutiert, die Meinungen dazu im Wandel begriffen seien, gebe es eine gewisse Bandbreite von Meinungen, die man äußern könne ohne Gefahr, sich zu isolieren.

Der Vorteil dieser sozialpsychologischen Interpretation ist, dass man die so verstandene öffentliche Meinung mit Hilfe repräsentativer Umfragen und Beobachtungen überprüfen kann. Obwohl sich leicht beobachten lässt, dass Menschen sich offensichtlich nach diesem Muster verhalten, hält der politische Sprachgebrauch vielfach an der seit Jahrzehnten üblichen Vorstellung fest, die öffentliche Meinung sei die Summe aller von wichtigen Meinungsträgern öffentlich vorgetragenen Positionen („Meinungen in der Öffentlichkeit“) oder – noch enger – die Summe der in den Massenmedien veröffentlichten Standpunkte, die wir in Leitartikeln und Kommentaren antreffen („veröffentlichte Meinung“).

Tatsächlich leisten die Medien wichtige Vorarbeit. In der modernen Gesellschaft sind sie es, die die Äußerungen zu neu aufkommenden Themen zusammentragen und der Allgemeinheit zugänglich machen. Die dabei ablesbaren Gewichtungen ermöglichen den Rezipienten die Entscheidung, ob sie in diesem oder jenem Sinne mitreden oder besser schweigen sollen, wenn sie nicht in die Isolation geraten wollen.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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