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Das Abendland und seine rabiaten Bewahrer #

Das christliche Abendland gilt vielen heute als ein Hort der Reaktion. Der Liberale ist Europäer und Weltbürger. Aber ohne Abendland gäbe es weder ein Europa noch ein Weltbürgertum. #


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Samstag, 18. Februar 2017)

Von

Peter Strasser


Abendland Karikatur
Europa war, ist und bleibt ein politischer, ethischer und spiritueller Sehnsuchtsort für Generationen von Menschen
Foto: ILLUSTRATION: MARGIT KRAMMER

Für mich ist einer jener archetypischen Orte, an die sich die Vorstellung „Abendland“ heftet, der Wald, namentlich der dunkle Tann, der in meiner Kindheitsphantasie eine bedeutende Rolle spielte. Viele der Märchen und, später, Sagen, die ich gleichsam einsog, spielten in den „Wäldern des Nordens“, wo immer diese geografisch gelegen haben mochten. Auch der Norden der Kindheit ist eine mythische Dimension. Dazu kamen die Götter und Stämme und Helden des Nordens, abenteuerliche Ableitungen der einstigen Völkerwanderungen. Und mit ihnen kam das Blut. Aus Helden wurden „Recken“, die das Schwert hineintrieben in die Leiber derer, die sich ihnen in den Weg stellten. Die Gottheiten, denen sie opferten, wohnten nicht auf dem sonnenumfluteten Olymp, sondern an einem Ort, der in meinen Büchern als „Walhall“ den Eindruck erweckte, eine riesige Trutzburg in einem Jenseits zu sein, worin es niemals Tag wurde. Und über allem lag ein Schicksal, das einer Urschuld entstammte, welche mit zauberträchtigen Dingen verwoben war, deren sich etwas Böses bemächtigt hatte. Gutes Ende konnte es in dieser Welt keines geben, an alle Erlösung war der Tod geknüpft. Von ferne herein leuchtete da und dort, irrlichternd und bezaubernd, der Schein einer Auferstehungshoffnung, aus der umrisshaft Christusartiges hervorstrahlte. Denn in der fantastischen inneren Welt des jungen Lesers verschmolz der dunkle Tann mit der Tafelrunde und ihren edlen Bewahrern des Kelches, dahinein das Blut des Erlösers getropft war. Wagner und Wagners Musik – wie überhaupt die große Romantik und Spätromantik – kamen später dazu, sie ließen die waldgetränkte Seele einsinken in die große Tragik der Welt. Und nun gehört es aber für mich zu jener Erweiterungsbewegung, durch die das Abendland zusehends seine Konturen gewinnt, dass den „Wäldern des Nordens“ eine Zeit des Erblühens der Seele gegenüberstand – die zeitlose Zeit im Garten, in dem Bäume voller Früchte standen, darunter, wie wir wissen, der Baum mit der verbotenen Frucht. Beides zusammen, das doch gar nicht zusammenpassen wollte, ergab jene Abenteuerlichkeit und Unruhe, die das Abendland als einen Ort kenntlich machte, von dem man immer schon innerlich weggegangen war. Die abendländische Gewalt ist so schrecklich, weil sie keinen Platz der Lebensruhe hat. Mit dem Ende der zauberischen Wälder wird dann freilich auch die Unruhe eine andere. Nichts hindert sie mehr daran, als ein reines Phänomen des Überlebenstriebs und der Raffgier global zu werden. Man nannte das die „modernen Zeiten“. In ihnen fielen die Wälder wie Zündhölzer im Sturm, bis sich die Gewissheit Bahn zu brechen begann, dass eine entwaldete Welt ein Schrecken wäre, der sich auf Erden nicht wieder gutmachen ließe. Höre ich die heutigen Fanatiker in Europa das „christliche Abendland“ beschwören, das es zu retten und zu restaurieren gälte, fühle ich mich elend – betrogen um meine Paradieses- Sehnsucht.

Was wäre denn dieses Abendland, wenn seine Bewahrer ideologische Kleingeister sind, die nichts an deres denken und fühlen können als „Wir sind wir“? Es gibt kein französisches, britisches, österreichisches Abendland. Das Abendländische dient unseren Neonationalisten dazu, die eigene provinzielle, weltfeindliche Sicht der Welt zu rechtfertigen, während sie sich als Beschützer eines wahrhaft Großen aufspielen. In Wahrheit handelt es sich um innere Aufrüstungen zum Krieg, sei es der Engstirnigkeit, der Ökonomie oder eines hohlen Machtanspruchs. Nicht umsonst trägt einer der gewaltigsten Romane des 20. Jahrhunderts, Cormac McCarthys „Blood Meridian“, im Deutschen den Titel „Die Abendröte im Westen“. Was gegen Ende der Indianerkriege in der Neuen Welt an blutigem Wahnsinn auf allen Seiten übrig blieb, schien das Erbe des Kulturreichs aus griechischer Antike, Judentum, Christentum, Humanismus und Aufklärung vollständig zu desavouieren. Dennoch beginnt McCarthys Jahrhundertepos mit dem biblischen Satz „See the child“: „Seht das Kind“. Was sich im philosophischen, im metaphysischen Sinne „Abendland“ nennt, reicht über alle Grenzen hinaus und transzendiert das Bestialische, das den realen Abendlandbeschwörern die größte Verlockung zu sein scheint, wofür zwei Weltkriege samt Shoa einstehen.

Die Erweiterungsbewegung des Christentums, das endzeitlich geprägte jesuanische Judentum sprengend, fasste die Idee eines Gottes aller Menschen. Darauf fußend, formte der Humanismus, ob alt, ob neu, den Gedanken, der in der Aufklärung zu einer hochaufgereckten Vision wurde: den universalen Gedanken, dass wir alle, wo immer wir sind, Mitglieder einer Solidargemeinschaft bilden – der Menschheit im ethischen Sinne des Wortes. Und nicht nur im ethischen. Es ist das unendliche altgriechische Erbe, das uns verstehen ließ, was es heißt, den Kosmos zu schauen und damit alle Begrenztheit des Menschlichen noch einmal durch den Geist zu überwinden. Griechenland, das ist ein Sehnsuchtsort, der mit dem judäo-christlichen Glauben, wir seien Paradieses-Vertriebene, zu einer Sehnsucht nach der Rückkehr in unsere eigentliche Heimat – die Heimat des Menschen – verschmolz.

Gewiss, auch hier geht es nicht um historische Tatsachen. Hölderlin, der uns wie kein anderer Griechenland ins Herz schrieb, war niemals dort, am Ort der seligen Götter. Und wenn Goethes Iphigenie auf Tauris das Land der Griechen „mit der Seele“ sucht, so ist damit ein Ort angesprochen, der sich auf keiner Landkarte findet: mein Abendland, unser aller Abendland. Ja, ich möchte sagen, dass Europa, als politischer, ethischer und spiritueller Ort, nur so lange wird bestehen können, als in ihm das Abendländische als geistiges Erbe und Vision weiterwirkt. Augenblicklich sieht es danach aus, als ob die Verwilderung des Abendländischen im Geschrei der Nationalisten voranschritte. Hoffen wir, dass die Sehnsucht des Westens, herstammend aus der Tiefe der Zeiten, nicht vollends abstirbt. Sonst nämlich würde wahr, wovon Oswald Spengler vor nunmehr fast einem Jahrhundert schwadronierte: der Untergang des Abendlandes.

Peter Strasser, geboren 1950 in Graz, zählt zu den wichtigsten Philosophen und Publizisten des Landes. Strasser lehrt Rechtsphilosophie an der Universität Graz. Der Träger des Österreichischen Staatspreises für Publizistik veröffentlichte gut zwei Dutzend Werke. Zuletzt erschien im Wilhelm-Fink-Verlag „Mein Abendland. Versuch über das unerreichbar Nahe“.

Kleine Zeitung, Samstag, 18. Februar 2017