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Arbeitsdienst im Kinderkleid#

Seit dem 17. Jahrhundert zogen arme Bergbauernkinder als Saisonarbeiter nach Württemberg. Die Tradition des "Schwabengehens" wurde nun historisch aufgearbeitet.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 25. August 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Thomas Karny


Schwabenkinder
Schwabenkinder am Sammelplatz in Friedrichshafen.
© Wikipedia

Sie waren Gastarbeiter im Kindesalter, über ein halbes Jahr lang ihrer Familie entrissen, vom Heimweh geplagt, dem harten Arbeitsablauf eines Großbauernhofes unterworfen und von der Hoffnung aufrecht erhalten, am Ende der Saison mit Geld und neuer Kleidung die Heimreise antreten zu können. "Schwabenkinder" nannte man jene etwa 6- bis 14-Jährigen, die alljährlich im Frühjahr Bauern aus Württemberg zur Arbeit angeboten wurden. Sie hatten weite Wege aus Tirol, Vorarlberg, Südtirol und Graubünden in der Schweiz zurückgelegt, ehe sie auf den Kindermärkten von Ravensburg und mit dem Aufkommen der Schifffahrt auf dem Bodensee zunehmend in Friedrichshafen auf einen Dienstherrn warteten, der sie für die nächsten Monate in Stellung nahm.

Aufbruch am Josefstag#

Eröffnet wurde der Handel mit den Billigstarbeitskräften alljährlich am 19. März, dem Josefstag. Bis zu zehn Gehtage hatten die Kinder, die auf den alten Saumwegen nach Württemberg geleitet wurden, da schon in den Beinen. Im März herrscht in den Alpen noch tiefer Winter, der Schnee liegt meterhoch, die Luft ist schneidend kalt, der heftige Wind macht alles noch viel schlimmer. Die schlechte Witterung und der bis zu 200 Kilometer lange Anmarsch, die dünne Kleidung und das desolate Schuhwerk führten zu Erfrierungen. Die Kinder waren in einem oft erbärmlichen Zustand, wenn sie auf den Märkten eintrafen.

Bevor 1884 die Arlbergbahn eröffnet wurde, musste man zu Fuß über den knapp 1800 Meter hohen Pass, wer aus dem Vintschgau kam, außerdem noch über den 1400 Meter hohen Reschenpass. Damals waren das noch keine von der Hotellerie erschlossenen touristischen Promeniermeilen. Die Karawane der minderjährigen Saisonarbeiter schlief in Scheunen und Ställen. Auch Klöster sowie hie und da ein Gasthaus boten Unterschlupf und Ausspeisung.

Das Geld hierfür, der sogenannte Zehrpfennig, wurde von den Kindern zuvor in ihrer Heimat erbettelt und reichte meist nicht aus. Die nachbessernden Almosen erbaten sie sich hauptsächlich in Bregenz und Dornbirn, dort jedenfalls wurde die Not im Kindergewand als besonders belästigend empfunden. Von den herzzerreißenden Abschiedsszenen im Hospiz am Arlbergpass, wo die Kinder mit Tränen in den Augen vor der Statue des Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden, knieten, hatte man hier keine Vorstellung. Auch nicht vom Abstieg vom Zeinisjoch, vor dem offenbar so viel geweint ("gereart") worden sein musste, dass der dortige Bildstock bald "Rearakapelli" hieß.

Erstmals erwähnt wurden die Kinderwanderungen vom Verwalter des Schlosses Bludenz 1625. Ihren Höhepunkt erreichten sie im 19. Jahrhundert, als alljährlich Tausende der kleinen und halbwüchsigen Arbeitskräfte nach Schwaben zogen. Ihre Familien lebten vorwiegend von der Landwirtschaft, waren meist Bergbauern, die den Hängen ein Stück Agrarland abtrotzten, dessen Ertrag mit steigender Höhe und kürzeren Vegetationszeiten immer geringer wurde. Verschärft wurde die Situation durch die Tradition der Realteilung, die eine gleichmäßige Aufteilung des Nachlasses unter allen Erbberechtigten vorsah. Was eine gerechte Lösung sein sollte, führte zur Aufsplitterung in viele, nicht überlebensfähige Kleinbesitze. Zahlreiche Familien waren überschuldet, Folgen von Kriegen oder Naturkatastrophen hatten die Lage prekär gemacht. Der in der Regel hohe Kinderreichtum brachte die Familien ganz unmittelbar in Not: Was der Boden hergab, reichte meist nicht aus, um die hungrigen Mäuler vollzukriegen. Mit jedem, der nach Schwaben ging, hatte man einen Esser weniger.

Dort standen dank einer geschickten Landwirtschaftspolitik und einer günstigen klimatischen Lage florierende Gutshöfe, die im 19. Jahrhundert durch die erwirtschafteten Überschüsse Oberschwaben zur Kornkammer für Vorarlberg und die Schweiz machten. Die kleinen Hilfskräfte waren vor allem für das Viehhüten sowie die damit in Verbindung stehenden Arbeiten eingesetzt: Futter holen, Kühe melken, Stall ausmisten. Die Mädchen waren in die Hausarbeit eingebunden, kochten, wuschen die Wäsche, buken Brot und halfen bei Arbeiten im Gemüsegarten.

Während der Erntezeit waren alle Hände gefragt. Da begann der Tag um vier Uhr in der Früh und endete erst um zehn Uhr abends. Pausen boten einzig die Mahlzeiten. Schlaf und somit Erholung vom kräfteraubenden Arbeitstag fanden die Kinder in kleinen Kammern, die sie mit anderen Dienstboten teilten, oder auf dem Dachboden. Sofern ein Bett vorhanden war, nächtigten zwei Personen darin, dem einen oder anderen wurde schon auch einmal eine Schlafstatt im Stall zugewiesen.

Bei aller unterschiedlicher Erfahrung, die die Schwabenkinder mit den Dienstherren und ihren Familien machten, war das Heimweh, so ist den noch erhaltenen Briefen zu entnehmen, die größte Belastung. Darüber half auch der Besuch der Messe am verpflichtend arbeitsfrei zu gebenden Sonntag nicht hinweg, und auch nicht wirklich die Reiterprozession in Weingarten am Blutfreitag in der Woche vor Pfingsten, zu der auch Geschwister und Freunde aus weiter entfernten Dienstorten kamen. Eine Integration in die dörfliche Gemeinschaft fand in der Regel nicht statt. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, war fester emotionaler Bestandteil des Arbeitseinsatzes in der Fremde.

Versäumte Schulzeit#

Als obligatorisch galt die Teilnahme an der nach der Sonntagsmesse stattfindenden Christenlehre, die für ein Mindestmaß an Bildung sorgte. Das Thema Bildung erreichte erstaunlicherweise auch die Politik. Von der in ihrer Heimat 1774 eingeführten Schulpflicht waren österreichische Kinder - durch eine Dispens der Heimatgemeinde vom Unterricht freigestellt - in Württemberg, wo der verpflichtende Schulbesuch seit 1836 bestand, ausgenommen. Als im württembergischen Landtag eine Diskussion darüber entbrannte, ob auch die jungen Importarbeitskräfte in die Schule zu schicken seien, lehnte dies eine große Mehrheit ab: Wenn die Kinder die Schulbank drückten, wären sie wirtschaftlich nicht verwertbar und somit entbehrlich. Der "Oberschwäbische Anzeiger" meinte am 19. März 1892 dazu: "Es haben eben diese Kinder vor den einheimischen den Vorzug, dass sie den ganzen Sommer schulfrei sind, während einheimische Dienstkinder wöchentlich mindestens dreimal die Schule besuchen müssen."

Erst 1921 verpflichtete sich Württemberg, österreichische Kinder am Unterricht teilnehmen zu lassen. Einen weitaus höheren Stellenwert als der Schulbesuch hatte aber ohnehin die Konfession. Es wurde großes Augenmerk darauf gelegt, dass die Kinder aus den überwiegend katholisch geprägten Heimatregionen auch bei Bauern der gleichen Religion untergebracht wurden, um nicht etwa mit der protestantischen Glaubenslehre in Berührung zu kommen.

Der "Hütkinderverein"#

Es war der Tiroler Pfarrer Venerand Schöpf, der für eine spürbare Verbesserung sorgte, als er gemeinsam mit Josef Geiger, dem Gemeindevorsteher von Pettneu am Arlberg, 1891 den "Hütkinderverein" gründete. Schöpf, der das Schwabengehen aus eigener Erfahrung kannte, sorgte mittels seines Vereins für eine geordnete Anreise zu den Märkten sowie für Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten. Außerdem stand den Kindern für die Verhandlungen mit den Bauern eine Begleitperson bei. Erstmals wurden die Art der Arbeit, die Dauer der Anstellung und der Lohn schriftlich festgehalten. Bis zu den letzten Schwabengängern in den 1950er Jahren wurde sowohl in Geld als auch in Sachwerten entlohnt.

Um 1900 war für die Saison zwischen 40 und 70 Mark zu verdienen, was etwa dem durchschnittlichen Monatslohn eines Fabrikarbeiters entsprach. Die Sachleistung, das sogenannte "Doppelte Häs" (ein Häs ist eine von Kopf bis Fuß komplette Bekleidung), bestand aus einem Sonntags- und einem Werktagsanzug, zwei Hemden, zwei Paar Socken sowie einem Hut und einem Paar Schuhe oder Rohrstiefel.

Zu Martini, am 11. November, verließen die Kinder ihre Arbeitsstelle und traten - stolz auf ihr vor allem für die Familie verdientes Geld und das neue Gewand - die Heimreise an. Bei aller Mühsal, die der An- und Rückmarsch bedeutete, und trotz der harten Knechtschaft, in der sie den bis zu acht Monate dauernden Arbeitseinsatz zubrachten, gingen sie im nächsten Jahr meist wieder nach Schwaben und meist wieder zum selben Bauern. "Klingendes Geld im Sacke, prächtige Kleider und ein Sträußchen auf dem Hut, das macht fröhlichen Mut", berichtet ein Zwölfjähriger über seinen ersten Schwabengang 1858.

Allerdings gerieten die Vorgänge auf den Marktplätzen in Friedrichshafen und Ravensburg, auf die sich das Vermittlungsgeschäft konzentrierte und neben denen nur wenige andere Märkte bestanden, in den Fokus öffentlicher Kritik. Bereits 1839 wurde in heimischen Zeitungen der Vorwurf des Sklavenhandels laut. 1908 erscholl der Protestruf sogar aus dem fernen Amerika. Das deutschsprachige "Cincinnatier Volksblatt" prangerte die Arbeitseinsätze als "Kinderknechtschaft" und "Sklaverei" an.

Erst 1915 wurde den Bauern verboten, Arbeitskräfte, die jünger als elf Jahre waren, einzustellen. Im selben Jahr beendete der "Hütkinderverein" seine Aktivitäten. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, die Kinder wurden nun vermehrt am eigenen Hof gebraucht.

Nach Kriegsende erlebte das "Schwabengehen" eine Renaissance, erreichte aber nie mehr die Dimensionen des 19. Jahrhunderts. Die Kinderarbeit allerdings blieb bis in die jüngste Vergangenheit fixer Bestandteil der heimischen Landwirtschaft.

Die Geschichte der Schwabenkinder wurde in zwei von der EU geförderten Projekten, an denen 27 Projektpartner aus Deutschland, Italien, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz teilnahmen, aufgearbeitet. Jeder Partner beleuchtet das Thema aus seinem regionalen Blickwinkel. Wolfegg (D) hatte die Projektkoordination übernommen, im dortigen Bauernhaus-Museum ist seit heuer eine multimedial aufbereitete Dauerausstellung zu besuchen. Im Zuge des Projekts wurden Wanderführer mit den "Hungerwegen" der Schwabenkinder aufgelegt. Österreich stellt mit 15 Ausstellungsorten in Tirol und Vorarlberg die stärkste Präsenz dar.

Info: www.schwabenkinder.eu

Thomas Karny, geb. 1964, Sozialpädagoge, Autor und Journalist. Mehrere Buchveröffentlichungen zu Zeit- und Motorsportgeschichte. Lebt in Graz.

Wiener Zeitung, Samstag, 25. August 2012