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Kirche und soziale Frage #

Am Heiligen Abend vor fünfzig Jahren verstarb der Soziologe August Maria Knoll, neben Friedrich Heer und Wilfried Daim einer der Protagonisten des österreichischen Reformkatholizismus. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 19. Dezember 2013).

Von

Norbert Leser


August Maria Knoll
A. M. Knoll. Der 1900 geborene August Maria Knoll war u. a. Privatsekretär Ignaz Seipels († 1932) sowie Mitbegründer des Instituts für Sozialpolitik und Sozialreform (1953; heute Kummer-Institut). Auch der FURCHE war er als Autor verbunden. Foto: DÖW

Noch leben und wirken zum Glück viele, die in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts an der Universität Wien Vorlesungen des Wiener Ordinarius für Soziologie, August Maria Knoll, gehört haben und von ihm zum Nachdenken über brennende Gegenwartsfragen religiöser und sozialer Natur angeregt wurden. Der leider am Heiligen Abend 1963 allzufrüh Dahingeschiedene sollte nicht nur in der Erinnerung dankbarer Hörer fortleben, sondern auch im akademischen Leben selbst bleibende Spuren hinterlassen.

Sein Assistent und Nachfolger Leopold Rosenmayr widmete sich in seinem jahrzehntelangen, bis heute andauernden Schaffen vor allem Studien und Feldforschungen familien- und völkerkundlicher Natur, er beschäftigte sich mit den Problemen der Jugend, des Alters und der seinerzeit schon vom Psychologenehepaar Karl und Charlotte Bühler begründeten Lebenslaufforschung.

Abwehrhaltung kirchlicher Kreise #

Mir selbst war es vergönnt, das von Knoll initiierte geistesgeschichtliche Werk an den Universitäten Graz, Salzburg und Wien fortzusetzen. Knoll hatte in meiner Entwicklung die Weichen für meine Etablierung in der akademischen Welt gestellt, obwohl er meinen Aufstieg nicht mehr erleben durfte. Neben meiner Lehrtätigkeit als Sozialphilosoph war ich während der zwanzig Jahre zwischen 1984 und 2004 als Leiter eines Ludwig-Boltzmann-Institutes für neuere österreichische Geistesgeschichte in der Lage, durch Begründung einer Schriftenreihe im Böhlau-Verlag und durch Veranstaltungen, Symposien und Konferenzen die neuere österreichische Geistesgeschichte aufzuarbeiten, so in dem 1986 erschienenen Band mit dem gleichsam programmatischen Titel „Genius Austriacus“ und einem Symposion über „Österreichs politische Symbole“ mit dem parallel zu mir wirkenden Kulturhistoriker-Kollegen Manfred Wagner.

Was mich mit Knoll, dem ich ebenso wie seiner Familie in den letzten Lebensjahren nahestehen durfte, verband, war nicht bloß das sachliche Interesse an ähnlichen Themen, sondern eine existentielle Kommunikation, die um das Verhältnis von Christentum, Kirche und sozialer Frage kreiste. Obwohl aus verschiedenen politischen Lagern kommend, konvergierten unsere Arbeiten dennoch auf die gleiche Mitte zu.

Im Falle seiner letzten größeren Publikation, dem 1962 erschienenen Band „Katholische Kirche und scholastisches Naturrecht“ war ich, der ich damals im Europa- Verlag zu publizieren begann und dort ein- und ausging, auch ein Geburtshelfer beim Zustandekommen dieses Buches, ohne zu ahnen, dass ich angesichts des unerwartet nahenden Endes des Autors gleichzeitig auch Todeshelfer und -begleiter werden musste.

Die Aufregung, die sein Buch und die darin enthaltenen Thesen erregten, verdüsterten den Lebensabend des streitbaren Religionssoziologen und forderten eine heute kaum mehr verständliche Abwehrhaltung kirchlicher Kreise heraus. Selbst der sonst und vor allem später so liberale Kardinal Franz König warnte vor „falschen Propheten, die die Herde verunsichern“, eine Aussage, die den bereits schwer kranken treuen Sohn der Kirche schwer traf. Dabei ging es Knoll gar nicht darum, das Naturrecht zu negieren oder der Kirche Grundlagen ihres von ihm voll bejahten pastoralen Wirkens zu entziehen. Wogegen Knoll sich wandte, war die Indienstnahme des Naturrechts für fragwürdige irdische Zwecke, so die seinerzeitige Gutheißung der Sklaverei im Sinne des paulinischen Diktums „Herren, seid gute Herren und Sklaven, seid gute Sklaven“ bis hin zur am päpstlichen Hof geübten Kastration der Sängerknaben.

Arbeiterschaft
Arbeiter. Durchaus programmatisch der Titel einer Schrift von Knoll: „Warum die Kirche die Arbeiterschaft verlor“. Ihm ging es um die Schnittstellen zwischen Religion und Gesellschaft. Foto: IMAGNO/Votava

Knoll arbeitete an Hand vieler Dokumente und nicht zuletzt der eigenen Lebenserfahrung heraus, dass die Kirche, um ihrer Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums und der Spendung der Sakramente gerecht werden zu können, auf dem Boden der bestehenden Ordnung zu stehen habe und weder politischen Leichnamen noch künftigen revolutionären Strömungen dienlich sein dürfe. Knoll gestand der Kirche das Recht zu, bestehende Ordnungen zu unterstützen und sich auch auf sie zu stützen. Allerdings kritisierte er die willfährige Überanpassung auf Kosten der Substanz des Evangeliums.

In diesem Sinne prägte er in Bezug auf den von den Kommunisten verfolgten ungarischen Kardinal József Mindszenty den Satz, der ihm von vielen zum Vorwurf gemacht wurde: „Mindszenty ist ein Opfer des Antichrist geworden, aber auch der feudalen Kirche Ungarns“, die sich nicht den Armen verpflichtet fühlte, sondern den Großgrundbesitz verteidigte und sich in ein feudales Gewand des Wohllebens hüllte. Knoll als unter dem Dritten Reich leidender Zeitgenosse kritisierte auch die Anschlusserklärung der österreichischen Bischöfe 1938 und sagte in diesem Zusammenhang: „Mutter Kirche war in diesem Fall wieder einmal ein Weibchen.“

Der päpstliche Nuntius zur Zeit des autoritären Ständestaates, Erzbischof Sibilic, sagte einmal: „Das katholische Österreich hat zu viele Talente.“ In dieser Aussage schwang nicht nur Anerkennung mit, sondern auch die ironische Rüge, dass diese Talente der Amtskirche zu viele Schwierigkeiten und Ungelegenheiten bereiteten. Knoll war wie sein Freund und früherer Lehrmeister Ernst Karl Winter, dem ein Erfolg im akademischen Leben versagt blieb und der erst in den Fünfzigerjahren aus den USA nach Österreich zurückkehrte, Anhänger eines „Methodendualismus“, der es ablehnte, auch die innerweltliche Sphäre der politischen Gestaltung unter das Diktat des der scholastischen Dogmatik verpflichteten klerikalen Herrschaftsanspruches zu stellen.

Zuarbeiter des Konzils #

Knoll, der in Ignaz Seipels letzten beiden Lebensjahren dessen Privatsekretär war, erlebte, dass Seipel, der die Personalunion von sacerdos und princeps, von geistlicher und weltlicher Herrschaft, verkörperte, gegen Ende seines Lebens an der Richtigkeit dieser Gemeinsamkeit zweifelte. Die Kirche hat jedenfalls nach dem Tod Seipels 1932 den bis dahin eingeschlagenen Kurs rückgängig gemacht und die Priester aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, bevor es zum Bürgerkrieg kam, der in die Auslöschung Österreichs und das Ende einer freien Kirche mündete.

Von den drei Reformkatholiken, die 1962 mit dem manifestartigen Büchlein „Kirche und Zukunft“ hervortraten und dem beginnenden Zweiten Vatikanischen Konzil zuarbeiteten, lebt nur noch der heuer neunzig Jahre alt gewordene Wilfried Daim, während Knoll bereits 1963 und Friedrich Heer 1983 in die Ewigkeit eingingen. Zusammen mit Knoll hat Daim den damals noch hochbetagt lebenden entsprungenen Zisterzienserpater aus Heiligenkreuz, Lanz von Liebenfels, ausfindig gemacht. Aus dieser Begegnung ging das mehrfach aufgelegte Werk „Der Mann, der Hitler die Ideen gab“, hervor, das auch international eine große Resonanz aufweist. Nicht zuletzt in Hinblick auf diesen rassistischen Wirrkopf traf Knoll die Aussage: „Der Nationalsozialismus war jene Bewegung, die der österreichischen Narretei das preußische Schwert geliehen hat.“

Knoll war ein Soziologe, der sich nicht nur mit der österreichischen Geistesgeschichte, sondern auch mit internationalen Themen befasste. Sein OEuvre war schmal aber gediegen, Beispiele für seine kurzen, aber das Wesentliche erfassenden literarischen Juwele sind seine Arbeiten „Der Widerspruch von Theologie und Soziologie bei Martin Luther“ oder „Das Vaterbild in der Barocksoziologie“. Knoll als Religionssoziologe wollte im Gegensatz zur marxistisch gefärbten Spielart dieser Disziplin religiöse Inhalte nicht relativieren oder gar aufheben, wohl aber war es sein Anliegen, die engen Zusammenhänge zwischen Religion und Gesellschaft herauszuarbeiten.

Pionier des modernen akademischen Lebens #

Knoll war ein akademischer Lehrer, der sich lange vor der Firnberg’schen Hochschulreform um ein gutes Verhältnis zu den Studenten, deren väterlicher Freund er sein wollte und war, bemühte. Als Organisator und in seinen gesellschaftlichen Aktivitäten war er nicht so erfolgreich wie als akademischer Lehrer, er war kein Mann der Praxis und wurde nicht selten von Bequemeren und Angepassteren verdrängt. So gründete er 1953 zusammen mit dem Sozialpolitiker Karl Kummer das „Institut für Sozialpolitik und Sozialreform“, das heute aber nur mehr als „Dr. Karl Kummer-Institut“ fortlebt. Auch die Initiative, die er 1957 zur Gründung einer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Linz ergriff, wurde ihm von politisch besser Vernetzten streitig gemacht.

Knoll lebt in seinen leiblichen Söhnen, aber auch in seinen Schülern, Hörern und Bewunderern, die ihn als Pionier eines modernen Verständnisses des akademischen Lebens erlebt haben, wie nur wenige seiner akademischen Zeitgenossen, fort. Sein Werk ist in gar mancher Hinsicht anknüpfungsfähig und zur Abwandlung in die Gegenwart reif: So habe ich erst kürzlich eine Abhandlung Knolls zum Thema „Warum die Kirche die Arbeiterschaft verlor“ zum Anlass genommen, mich der aktuellen Frage „Warum die SPÖ die Arbeiterschaft verliert“ zuzuwenden.

Der Autor war Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für neuere österreichische Geistesgeschichte in Wien.

DIE FURCHE, Donnerstag, 19. Dezember 2013