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Salzig, aber dennoch ein Kuss#

Die gravierenden Unterschiede zwischen dem antisemitischen Witz und dem jüdischen Witz#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 28. Dezember 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Peter Stiegnitz


Der jüdische Witz zwischen Selbstironie und Nicht-Humor.#

Paul Morgan
Paul Morgan war ein Exponent des jüdischen Humors. Der Kabarettist, Schauspieler und Librettist ("Axel an der Himmelstür" für Ralph Benatzky), der in mehr als 70 Filmen mitgespielt hatte, starb 1938 im KZ Buchenwald - nach offizieller Version an Lungenentzündung.
wikipedia

Auch in Wien, wo der unterschwellige Antisemitismus mancher Oberschicht und der oberschwellige mancher Unterschicht immer schon zu Hause war, kursieren immer noch sogenannte "Judenwitze", die in der Regel lediglich geistlos beleidigend sind. Von den gröbsten solcher Pseudowitze ("Wie viel Asche vergaster Juden passt in eine Pfeife...?") bis zu den ungeschickt jiddelnden Witzchen ("Sagt der Kohn zum Griien...") erstreckt sich die farblose Palette der "Judenwitze".

Anders, ganz anders die jüdischen Witze, die nahezu ohne Ausnahme von ideenreichen Juden sozusagen erfunden und dann von vielen anderen, auch Nichtjuden, umgemodelt wurden. Selbstironie heißt der Hauptbestandteil aller dieser Witze. Die harmlosen dieser Selbstpersiflage stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

So auch die bezeichnenden Späße des Kleinkunstkomödianten Armin Berg, der als Hermann Weinberger aus der Brünner Gegend stammte: "Es gibt fünfhundert Millionen Chinesen auf der Welt und nur fünfzehn Millionen Juden. Ich frage Sie: Wieso sieht man in Ischl keinen einzigen Chinesen?" (Georg Markus: "Wenn man trotzdem lacht", Wien 2012).

Heute bereits weniger bekannt als Berg war sein Kollege Paul Morgan, der als Paul Morgenstern als Sohn eines Hof- und Gerichtsadvokaten auf die Welt kam, der gerne gegen seine Schreibzunft zu Felde zog: "Es gibt Schriftsteller, die ab und zu schreiben, also nicht bloß ab." Und dann geistreicher und zutreffender: "Manche Dichterwerke werden noch gelesen, wenn Goethe und Schiller längst vergessen sind. Aber auch nicht früher."

Die Ehrlichkeit des jüdischen Witzes#

Der junge Wiener Historiker Marcus G. Patka, Kurator des Wiener Jüdischen Museums, beschäftigte sich ausführlich mit Witz und Humor der Juden (Markus G. Patka: "Wege des Lachens - Jüdischer Witz und Humor aus Österreich", Weitra 2011). Witze, vor allem die guten jüdischen, sind ehrlich. Darauf wies auch der Herausgeber der Reihe, wo Patkas Buch erschien, Hubert Christian Ehalt, in seinem Vorwort hin: "Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit hat überall dort, wo ihr das enge Korsett einer dogmatischen Weltsicht abgenommen wurde, die Möglichkeit, die Repräsentanten von Herrschaft nackt zu sehen."

Genau an diese "Nacktheit", wenn auch im übertragenen Sinne, dachte Patka, als er sich auf die Suche nach den gemeinsamen Wurzeln des jüdischen Witzes und des jüdischen Humors machte. Wie nicht anders zu erwarten, fand Patka den gemeinsamen Ursprung im Glauben und in der Tradition. Auch auf die dritte Quelle, auf die politische, vergaß er nicht, die er - gleichfalls völlig zu Recht - als "Waffe gegen den Antisemitismus" bezeichnete.

Der Witz als bewusste Fehlleistung#

Patka beschäftigte sich auch mit den einschlägigen Quellen und erwähnt unter anderem die Auseinandersetzung der beiden Freud-Jünger Eduard Hirschmann und Theodor Reik. Den Thesen Reiks, demnach im jüdischen Witz auch der Gegner, also der Antisemit, mit hineingezogen wird, widerspricht Hirschmann: "Diesem (dem Gegner) zugeschriebene Züge wie Rohheit, Gewalttätigkeit, Raublust und Neid im jüdischen Witz werden niemals verwendet." Einig jedoch sind die beiden Freudianer, dass im Witz den Nicht-Juden "Dummheit und mangelnder Scharfsinn" vorgeworfen wird.

Harmloser als Freuds Vorwurf, doch bezeichnend für die innere, wenn auch gut versteckte Überschätzung der eigenen, jüdischen Persönlichkeit, zeigt sich folgender Witz: "In der Eisenbahn sitzen ein Rabbiner und ein katholischer Priester einander gegenüber. Fragt der Rabbi: ,Was bekleiden Sie in Ihrer Kirche?‘ Antwort des Priesters: ,Ich bin zurzeit Kaplan und werde dann Pfarrer.‘ Der Rabbi: ,Und weiter gibt es keine Steigerung?‘ Antwort: ,Doch, ich kann Bischof, Erzbischof, Kardinal und vielleicht auch Papst werden.‘ Der Rabbi: "Schön und gibt es noch etwas Höheres?‘ Der Kaplan: ,Nein, weil der Liebe Gott kann ich nicht werden.‘ Dann lächelt der Rabbi: ,Sehen Sie, einer von uns ist es doch geworden...‘"

Markus G. Patka erinnert uns auch noch an die kaum bekannte Schrift des Berliner Religionsphilosophen Ernst Simon, der in einer kleinen Auflage - es gab nur 22 Stück dieses seltenen Privatdruckes - seine wissenschaftliche Arbeit "Zum Problem des jüdischen Witzes" veröffentlich hat. Auch Simon scheint zumindest in dieser Arbeit die These Freuds, der den Witz für eine "bewusste Fehlleistung" hielt, zu vertreten. Freud verstand darunter das, was man nur auf diese Weise als verklausulierte Form sagen kann.

Der Historiker Patka bezieht sich auch den wohl bekanntesten Vertreter dieses Genres, den Judaisten Chajim Bloch, des mehrbändigen Chronisten ostjüdischer Witze. Blochs Verdienst ist nicht nur die wissenschaftliche Sammlung der meist chassidischen Witze mit Tiefgang, sondern auch die Ausarbeitung der Unterschiede zwischen Witz und Humor im Judentum und widerlegt gleichzeitig den Vorwurf, dass der jüdische Witz keinen Humor kennt: "Der Humor lebt in der geruhsamen Behaglichkeit des Hauses oder des intimen Kreises, während der Witz oft der Abkehr dient und häufig die einzige oft gebrauchte Waffe des Unterdrückten darstellt."

Ein enzyklopädisches Stichwort in Patkas Werk beschreibt das Wesentliche der Entstehung und des Charakters des jüdischen Witzes und Humors zusammen. Dabei wird vor allem auf das sicht- und fühlbare Spannungsfeld zwischen Tradition ("Althergebrachtem") und Aufklärung ("Allzuneuem") hingewiesen.

Und noch etwas Wichtiges: Die historisch allererste Quelle dieser Witze und dieses Humors sprudelt aus dem Talmud. Dadurch, dass man Vokale nicht verschriftet und der Wortstamm eines Wortes deshalb auch eine andere Bedeutung erhalten kann, wurde der "Wirtwitz" späterer Zeiten geboren. Und der schöne und bezeichnende Schlusssatz Patkas: "Der jüdische Witz ist wie ein salziger Kuss - salzig, aber dennoch ein Kuss."

Wiener Zeitung, Freitag, 28. Dezember 2012