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Johnston, William M.: Der österreichische Mensch#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Engelbert Washietl


Der 1936 in Boston geborene William M. Johnston – er lehrt heute an der Universität von Melbourne Geschichte – hat eine wissenschaftliche Obsession für Österreich. Nach seinem 1974 erschienen kulturpolitischen Buch "The Austrian Mind" liegt nun "Der österreichische Mensch" vor. Gibt es diesen überhaupt? Selbstverständlich, wenngleich weder die Österreicher, noch die Essayisten, die über Österreicher schrieben, noch gar das Herrscherhaus der Habsburger genügend dazu beigetragen hätten, die "Schöpfer und Träger der österreichischen Kultur" sachgerecht und erschöpfend zu verstehen. Dem Autor mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Er interpretiert die Österreich-Versuche von 25 teils außerordentlich prominenter Autoren, rettet sich aber in seinem Schlusswort vor ihren Ergebnissen mit der lobend gemeinten Bemerkung, es seien "vermutlich ihre Unzulänglichkeiten, die uns am meisten ermutigen können". Ermutigen wozu? Zu einer nächsten Runde der Auseinandersetzung mit dem österreichischen Menschen, denn Johnston hat nur Texte behandelt, von denen manche in der Monarchie, keiner aber später als 1967 erschienen ist. Bildlich gesprochen: Im Namensregister kommt Wallenstein vor, aber nicht Waldheim.

Friedrich Heer, Hugo Hofmannsthal, Alphons Lhotsky, Franz Werfel, Anton Wildgans finden sich unter den klingenden Namen, darüber hinaus grub Johnston einige in Vergessenheit geratene Autoren aus, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Geradezu zwingend ordnen sich Robert Musils Essays und sein monumentaler "Mann ohne Eigenschaften" ins Konzept, denn dass die Österreicher als begabte Möglichkeitsmenschen nur zu gern die Nachlieferung von Beweisen vermissen lassen, fällt, wenn auch unterschiedlich ausgedrückt, fast allen Autoren auf.

Dass der Österreich-Professor mit all diesen Ergebnissen letztlich unzufrieden ist, rührt auch daher, dass sich die längste Zeit überhaupt niemand kulturkritisch mit Österreich befasste. Die Elite der k.k.-Beamten hatte kein Interesse an solchen Zugängen, sie waren darauf trainiert, mit Konzilianz, Duldsamkeit und Konservatismus das Habsburgerreich zusammenzuhalten, wie Johnston sagt. "Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten hat Österreich erst sehr spät damit begonnen, seine Kultur begrifflich zu erfassen... In ganz Europa blieben die ,Deutschösterreicher’ das einzige staatstragende Volk, das diese Aufgabe vor 1914 oder sogar vor 1850 nicht in Angriff genommen hat."

Jedoch – Österreich hatte und hat Zeit zur kulturellen Entfaltung. Die lange Dauer – ein Kernbegriff bei Johnston – kann man großzügig bis zu den Babenbergern zurückrechnen. Die Fülle österreichischer Kontinuität breitet sich über Jahrhunderte aus, spärlich ist nur der Diskurs darüber.

Dem Unvollendeten eine Wertstellung verliehen#

Verspätung also sogar bei der Formung eines österreichischen Selbstbildnisses, das Dichter und Denker ausdrücken wollten. Was Wunder, wenn es noch immer nicht schlüssig wirkt. Die wichtige Leistung Johnstons besteht darin, erstmals eine gewisse Ordnung in die Geschichte des Österreich-Diskurses gebracht zu haben und dem Unvollendeten eine Wertstellung zu verleihen.

Tatsächlich, man müsste jetzt sofort nicht nur weiter graben, sondern weiter denken: nicht etwa in der intellektuellen Gehässigkeit über das heutige Österreich, sondern in abgeklärter und historisch verankerter Weise über ein mit unzähligen fremden Einflüssen verändertes Volk, dem im sich neu bildenden Kulturraum Europa wieder viel von dem zur Verfügung steht, was es zum letzten Mal in der Zeit der Monarchie hatte.

William M. Johnston: Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs. Böhlau Verlag, 394 Seiten, 35 Euro.

Wiener Zeitung,, Dienstag, 3. November 2009