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Destruktive Potentiale#

Warum werden Menschen gewalttätig? Die Antwort auf diese Frage liegt in einem komplexen Wechselverhältnis aus biologischen Dispositionen und gesellschaftlich-ideologischen Faktoren.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 6./7. Dezember 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Franz M. Wuketits


Symbolbild, Krieg
Die gesamte überlieferte Geschichte der Menschheit - vom Altertum bis zum heutigen Tag - liest sich tatsächlich wie eine Kriegsgeschichte.
© Simon Plant/Corbis

Man schätzt, dass seit der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends etwa dreieinhalb Milliarden Menschen in Kriegen und kriegsbedingten Katastrophen (vor allem Hungersnöten und Epidemien) ums Leben gekommen sind. Diese Schätzung mag einige Ungenauigkeiten enthalten, lässt aber im Ganzen kaum Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Denn die gesamte überlieferte Geschichte der Menschheit - vom Altertum bis zum heutigen Tag - liest sich tatsächlich wie eine Kriegsgeschichte. Höhlenzeichnungen weisen darauf hin, dass schon dem paläolithischen, altsteinzeitlichen Menschen kriegsähnliche Kampfhandlungen durchaus bekannt waren.

Kollektive Gewalt#

Kriege sind Ausdruck kollektiver Gewalt, bewaffnete Konflikte, strategisch geplant und von vornherein von der Absicht getragen, den oder die jeweiligen Gegner zu besiegen - bis hin zum Genozid, zum Völkermord, der in der Geschichte wiederholt aufgetreten ist. Sie werden von einheitlichen und dauerhaften ideologischen beziehungsweise religiösen Überzeugungen getragen, die den entsprechenden Überzeugungen der jeweiligen Gegner entgegenstehen, und deren Bekämpfung legitimieren. Die Zahl der an Kriegen aktiv beteiligten Personen variiert, von ein paar Dutzend Kämpfern bei Stammesfehden bis zu den Millionen Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Neben den Kriegen darf die "gewöhnliche", individuelle Gewalt nicht übersehen werden. Sie spiegelt sich vor allem in Mordraten wider. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung verzeichnet für das Jahr 2012 weltweit insgesamt 437.000 Mordfälle. Wobei einzelne Kontinente und Länder allerdings sehr unterschiedliche Mordraten (Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohner) aufweisen. Die höchste Mordrate (90,4) verzeichnet das mittelamerikanische Honduras, während in Japan die Mordrate (0,3) sehr niedrig liegt. In den westeuropäischen Ländern bewegen sich die Mordraten ebenfalls auf relativ niedrigen Niveaus (zwischen 0,6 und 1,0), während sie in den USA (4,7) und Russland (9,2) wiederum deutlich höher liegen.

Wunschvorstellungen#

Gewalt entlädt sich also mit unterschiedlicher Intensität, ist aber weltweit verbreitet. Völlig gewaltfreie Gesellschaften existierten längere Zeit nur als Wunschbilder einiger Sozialwissenschafter und Kulturanthropologen.

So ließ in den 1920er Jahren die amerikanische Ethnologin Margaret Mead mit der Meldung aufhorchen, dass den Bewohnern der polynesischen Samoa-Inseln Hass, Neid und Gewalt fremd sind. Die Resultate ihrer Beobachtungen wollten geradezu als Zeugnisse eines "goldenen Zeitalters" erscheinen, von dem die Menschheit - unzufrieden mit ihrer jeweiligen Gegenwart - immer geträumt hat. Aber als später der Anthropologe Derek Freeman die Samoaner besuchte, konnte er Mead nicht nur ungenaue Beo-bachtungen und methodische Fehler nachweisen, sondern auch belegen, dass bei diesem Inselvolk Hass, Vergewaltigung und Mord genauso vorkommen wie in den Industriegesellschaften westlicher Prägung.

Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten. Ein Sonderfall der individuellen Gewalt ist dabei die Todesstrafe, die nach wie vor in vielen Ländern zur Anwendung kommt. Sie wird von den jeweiligen Gesetzgebern legitimiert und von Individuen vollstreckt, die - im Gegensatz zum "gewöhnlichen Mörder" - in keiner persönlichen Beziehung zum Verurteilten stehen. Sie muss heute jedem aufgeklärten Menschen als eine hilflose, archaische Form der Vergeltung erscheinen. Es ist doch bemerkenswert, dass alle europäischen Länder, in denen die Todesstrafe längst abgeschafft ist, relativ sehr niedrige Mordraten aufweisen. Offenbar kann eine stabile, funktionierende Gesellschaft auf diese Art der Bestrafung verzichten.

Die Theorie von Lorenz#

Konrad Lorenz, einer der Begründer der modernen Verhaltensforschung, veröffentlichte 1963 sein Buch "Das sogenannte Böse", das unter Sozialwissenschaftern, Kulturanthropologen und Psychologen hohe Wellen schlug und ihm viel Kritik einbrachte. Hatte Sigmund Freud einen auf Zerstörung drängenden "Todestrieb" angenommen, so postulierte Lorenz einen "Aggressionstrieb", der von sich aus, auch unabhängig von äußeren Einwirkungen, nach Befriedigung strebt und Gewalt erzeugt.

Lorenz meinte aber auch, dass eine angeborene Tötungshemmung bei Kämpfen im Tierreich das Töten von Artgenossen verhindert, beim Menschen jedoch - vor allem im Einsatz von Fernwaffen - ausgeschaltet wird. Lorenz’ Aggressionskonzept blieb auch unter Biologen langfristig nicht ganz unwidersprochen. Seine Auffassung, dass individuelles, ja, selbst kämpferisches Verhalten in der Tierwelt der Arterhaltung dient, musste der auf vielen Beo-bachtungen beruhenden These von der individuellen Nützlichkeit allen Verhaltens weichen. Das Töten von Artgenossen tritt nicht nur beim Menschen auf, sondern ist bei vielen Tieren belegt. Hinsichtlich ihrer Ursachen ist Aggression sehr komplex; sie kommt in der Natur in vielfältigen Zusammenhängen vor, beispielsweise bei der Ressourcensicherung, der Revierverteidigung oder im Dienste der Fortpflanzung beziehungsweise des Schutzes der eigenen Nachkommen. Die Annahme eines von verschiedenen Lebensbedürfnissen losgelösten Aggressionstriebs erwies sich als nicht schlüssig.

Die prinzipielle Bedeutung von Lorenz’ Werk liegt jedoch in der Einsicht, dass Aggressivität als Neigung zu aggressivem Handeln eine starke biologische Komponente aufweist und zu unserem stammesgeschichtlichen Erbe gehört.

Als Bereitschaft zur Verteidigung des eigenen Lebens, der eigenen Nachkommen und des eigenen Territoriums ist sie unverzichtbar. Wie der Psychiater und Aggressionsforscher Friedrich Hacker meinte, dient Aggression "der individuellen und kollektiven Anpassungsfunktion, indem sie die Integrität des Individuums und der Gruppe bewahrt". So gesehen ist sie also nichts "Böses".

Symbolbild, Gewaltbereitschaft
Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten.
© dpa/Carsten Rehder

Natur und Ideologie#

Warum aber tritt Gewalt auch immer wieder anscheinend losgelöst von diesem biologischen Zweck der Aggression auf? Warum sind Menschen bereit, andere Menschen zu quälen und zu foltern? Wie lassen sich Gewaltausbrüche gegen ethnische Minderheiten und religiöser Fanatismus mit dem Aufruf, Ungläubige zu töten, erklären?

Hier treffen unsere stammesgeschichtlich erworbenen Verhaltensdispositionen mit soziokulturell erworbenen, zu Ideologien stilisierten Denkmustern zusammen.

Das soziale Leben des Menschen war über Jahrmillionen in Kleingruppen organisiert, in Horden von Jägern und Sammlern mit ein paar Dutzend Individuen. In diesen Gruppen wurde ein "Wir-Gefühl" entwickelt, welches die tieferen evolutionären Wurzeln der Ausgrenzung und Diskriminierung sowie letztlich des Ethnozentrismus darstellt. Innerhalb der eigenen Gruppe waren stets Kooperation und gegenseitige Hilfe angesagt, anderen (fremden) Gruppen und Individuen begegneten unsere steinzeitlichen Vorfahren mit Argwohn und, vor allem, wenn sie um ihre Nahrungsressourcen fürchten mussten, mit Aggression und Gewalt. An diesem "Grundmuster" hat sich bis heute praktisch nichts geändert, allerdings sind ideologische Motive für aggressive Handlungen hinzugetreten.

Im Dienste seines - individuellen und sozialen - Überlebens stehen beim Menschen einige natürliche Verhaltensdispositionen, "Verhaltensanleitungen", wenn man so will, die ursprünglich einen (für das Individuum und seine Gruppe) positiven biologischen Zweck erfüllten, sich aber unter ideologischen Bedingungen (sowohl für das Individuum als auch seine Gruppe) katastrophal auswirken können. Hervorzuheben ist dabei das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören (Teil einer Gemeinschaft zu sein oder zu werden) genauso wie die Fähigkeit zum Miterleben, die Erlebnisse anderer nachzuvollziehen und eigene Erlebnisse mit anderen zu teilen. Ebenso zu erwähnen ist aber auch die Neigung zur Dominanz und umgekehrt eine Neigung zur Unterordnung. Ferner ist die Disposition, Erfolge der eigenen Gruppe als eigene, persönliche Erfolge wahrzunehmen, auch tief in unserer (sozialen) Evolution verwurzelt.

Für sich genommen sind diese Verhaltensanleitungen, um bei diesem Begriff zu bleiben, nützlich - und wertfrei. Sie treten, in der einen oder anderen Form (abgeschwächt) auch bei anderen sozial organisierten Tieren auf.

Keiner von uns will das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen sein. Doch macht es einen großen Unterschied, ob sich jemand einer harmlosen Gruppe von Heurigenbesuchern anschließt, oder einer brüllenden Masse, die zur Lynchjustiz schreitet oder sich für einen Krieg rüstet. Dieser Unterschied ist nicht evolutionär verankert. Er wird erst in ideologisch begründeten Handlungen sichtbar.

Wir und der Feind#

Doch hätte keine Ideologie Erfolg, wenn sie sich nicht auf die in der menschlichen Natur vorgegebene Neigungen stützen könnte. Zu diesen Neigungen gehört seit jeher die Produktion von Feindbildern. "Wir gegen die anderen" ist ein altes Grundmuster. Im Kulturen-Vergleich zeigt sich, dass Menschen grundsätzlich dazu tendieren, ihre Gruppe, ihr Volk, ihre Nation überhöht wahrzunehmen, sich von "anderen", "fremden" Menschen und Menschengruppen positiv abzugrenzen.

Aus dem in prähistorischen Kleingruppen entwickelten und stabilisierten Wir-Gefühl entstand allmählich, mit der seit der sogenannten jungsteinzeitlichen Revolution einsetzenden Urbanisierung und schließlich der Bildung von Massengesellschaften, ein erweitertes Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich aber nicht mehr auf persönliche Bekanntschaft stützte, sondern einer übergeordneten "Weltanschauung" bedurfte. Die war auch schnell verfügbar. Belege dafür liefert beispielsweise das Alte Testament. Da strotzt es von Grausamkeiten. Schnell wurde zwar ein Tötungsverbot ausgesprochen, das aber nur die Mitglieder des eigenen Volkes betraf. Andere Völker durften - nein, sollten! - bekämpft und vernichtet werden. (Nachzulesen in 5. Moses 20, 16-18).

Der Mensch ist zwar bis heute ein Kleingruppenwesen geblieben, vermochte aber seine in den Kleingruppen gestrickten Verhaltensmuster auszudehnen, indem er ideologisch motivierte "Pseudofamilien" bildete: Staaten, Völkerbünde, Religionsgemeinschaften und anderes mehr. Nordkorea existiert wohl nicht zuletzt deshalb immer noch, weil seine despotischen Führer ihren Untertanen ein "Vaterbild" zu vermitteln verstehen und gleichzeitig glaubhaft machen können, dass sie von lauter Feinden umgeben sind und von diesen bedroht werden.

Alles für das Volk#

So gesehen, finden auch Selbstmordattentäter eine Erklärung: Sie handeln in der Überzeugung, für "ihr Volk" etwas Gutes zu tun und sind obendrein von dem Gefühl beseelt, im "Jenseits" eine "bessere Welt" zu finden. Rationalen Argumenten sind solche Menschen nicht zugänglich. Ideologien sind in den jüngsten Etappen der Evolution des Homo sapiens gewiss die stärksten Motive für (kollektive) Gewalt. Aber sie blieben wirkungslos, wenn sich ihnen nicht tief verankerte aggressive Potentiale böten.

Konrad Lorenz
Konrad Lorenz, Verfasser der umstrittenen Studie "Das sogenannte Böse".© dpa/GöbelKonrad Lorenz, Verfasser der umstrittenen Studie "Das sogenannte Böse".
© dpa/Göbel

Diese können sich - eine entsprechende soziokulturelle Umwelt vorausgesetzt - in der Tat bis zum Exzess steigern. "Wenn die Fahne weht, bleibt der Verstand in der Trompete". Das ist sicher richtig. Als illusionsbedürftiges Lebewesen hat der Mensch aber seine eigenen "Untaten" gern in (von ihm erfundene!) "höhere Mächte" projiziert, nicht zuletzt "Kriegsgötter". So erschienen ihm Kriege gleichsam als personifizierte Phänomene. Ernst Jünger brachte es in seinen Tagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg in schaurig-poetischer Form auf den Punkt: "Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut. Der Krieg musste es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Es erschien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schöner Tod ist auf der Welt. . . Ach nur nicht zu Hause bleiben, nur mitmachen dürfen!"

Gibt es Hoffnung?#

Können wir auf eine gewaltfreie Welt hoffen? Die Chancen stehen, so wie die Dinge liegen, nicht gut. Zwar hat jüngst erst der amerikanische Psychologe Steven Pinker anhand vieler Daten nachgewiesen, dass Gewalt und Gewaltbereitschaft in den letzten Jahrzehnten signifikant abgenommen haben, jedenfalls in Europa, in Nordamerika und noch in einigen anderen Weltregionen. Die Kriege und Bürgerkriege, die regelmäßigen Terroranschläge und Amokkäufe dürfen wir aber nicht übersehen. Die Gesamtbilanz bleibt also ernüchternd.

Idealisierte Menschenbilder verstellen den Blick auf die des-truktiven Potentiale unserer Spezies. Diese zu erkennen wäre aber oberstes Gebot. Unsere stammesgeschichtlich erworbenen Verhaltensdispositionen können wir nicht abstreifen, aber wir können aus der Erkenntnis, dass sie sich im ideologischen Kontext verheerend auswirken, Konsequenzen ziehen und in "aufklärerischer" Absicht vor allem junge Menschen dazu bringen, sich von verführerischen Ideologien nicht blenden zu lassen. Zusätzlich sind alle in Politik und Wirtschaft Verantwortlichen dazu aufzurufen, sozialen und ökonomischen Spannungen entgegenzuwirken, denn die waren und sind immer ein Nährboden für Gewalt.

Information#

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften an der Universität Wien. Er ist Autor zahlreicher Bücher, etwa "Animal irrationale. Eine kurze (Natur-)Geschichte der Unvernunft", Suhrkamp, Berlin 2013.

Wiener Zeitung, Sa./So., 6./7. Dezember 2014