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Hat sich die Ehe überlebt? #

Jede zweite Ehe wird geschieden, heißt es. Stimmt das? Und: Warum soll man sich noch trauen? Über eine (un-)zeitgemäße Institution. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE, Donnerstag, 13. Juni 2013

Von

Gertraude und Clemens Steindl


Eheringe
Foto: Istockphoto

„Ja, gibt’s denn das?“ Häufig hören wir diese erstaunte Frage, wenn wir sagen, dass wir schon über vierzig Jahre verheiratet sind. Herrscht doch die weit verbreitete Ansicht, dass Ehen nicht mehr eingegangen werden und außerdem nicht halten. Auch der Mainstream scheint zu bestätigen, dass die Ehe in Bedrängnis oder ein Auslaufmodell sei und der Vielfalt nicht-formalisierter Beziehungen Platz gemacht habe. Dabei fällt unter den Tisch, dass es noch nie so viele langjährige und stabile Ehen gegeben hat wie heute, und dass die überwiegende Zahl der Ehen gut geht.

Dass „die Realität im österreichischen Familienleben keineswegs dem Bild, das medial vermittelt wird“, entspricht, ist ein starkes Resümee in der österreichischen Wertestudie, das hierzulande kaum Erwähnung findet. Denn – auch das weist die Wertestudie aus – „trotz des Wandels in den Familienformen erfreut sich die Familie nach wie vor größter Wertschätzung“ und „zählt zu den wichtigsten Lebensbereichen“. Fast die Hälfte der Befragten – 2008 waren es 48 Prozent – stimmt „voll und ganz“ der Aussage zu, dass man zum „Glücklichsein das Leben in einer Ehe oder einer dauerhaften festen Beziehung braucht“. Es steigt zwar die Anzahl derer, die Ehe als eine „überholte Einrichtung“ ansehen – von 20 Prozent im Jahr 1999 auf 28 Prozent im Jahr 2008 –, doch für zwei Drittel der Befragten und damit für die Mehrheit der Bevölkerung spielt die „Institution Ehe durchaus noch eine bedeutsame Rolle“. Noch immer! Wie dem Nachschlagewerk „Familie in Zahlen 2012“ des Österreichischen Instituts für Familienforschung zu entnehmen ist, stieg die Zahl der Eheschließungen zwischen 2001 und 2011 um 6,5 Prozent – und steigt weiter.

Auch aus der österreichischen Jugendstudie über die „Die Wertewelt junger Menschen“ geht hervor, dass Lebenspartnerschaft und Ehe „nach wie vor attraktive Beziehungsformen für junge Menschen“ sind: Mehr als drei Viertel der befragten Jugendlichen wollen einmal standesamtlich und rund zwei Drittel auch kirchlich heiraten. Zwar scheint die Realität die jugendliche Sehnsucht einzuholen, doch bleibt diese Perspektive unter den Bedingungen des öffentlichen Mainstreams überraschend.

Neue Buntheit der Lebensformen #

In Österreich leben derzeit 2,3 Millionen Familien. Wobei Familie verstanden wird als Ehepaare und Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder, Alleinerziehende mit Kindern sowie Stief- und Patchworkfamilien, die in einem Haushalt zusammenleben. Darunter sind im letzten Jahrzehnt die Anzahl der Lebensgemeinschaften (von 212.200 auf 337.700) und die Einpersonenhaushalte (von 1,1 auf 1,3 Millionen) deutlich gestiegen.

Während die 1950er und 1960er Jahre als goldenes Heirats-Zeitalter beschrieben werden, hat sich seither eine große Vielfalt an Familien- und Partnerschaftsformen entwickelt. „Wo noch vor wenigen Jahrzehnten vorwiegend die von außen normierte, hierarchisch und geschlechtsspezifisch strukturierte Familie dominierte (Familie als Ehegemeinschaft), findet sich heute mehr und mehr eine von dem bzw. den Einzelnen bestimmte, vielfältig lebbare, aber nach wie vor auf Dauer angelegte Solidargemeinschaft“, schreiben Elisabeth Kropf und Erich Lehner in dem von Regina Polak herausgegebenen Buch zur Europäischen Wertestudie. Die Buntheit der Lebensformen ist eine der Folgen der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen: Individualisierung, Globalisierung, demografischer Wandel, veränderte Bedingungen des Arbeitsmarktes haben zu neuen Familienbildern geführt. Das Versprechen, „bis der Tod uns scheidet“, also lebenslang, zusammenzubleiben, kontrastiert mit den Forderungen nach Flexibilität und Mobilität. Drastisch formuliert es der Philosoph Dieter Thomä: „Der Kapitalismus zersetzt die Familie – ganz subtil.“ Während die Wirtschaft auf größte Flexibilität setze, beruhe die Familie auf Stabilität – und ziehe den Kürzeren. Thomä, Autor des Buches „Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform“, kommt zum Schluss: „Im Kapitalismus zählt der eigene Nutzen, den man aus seinem Tun zieht. Dies liegt quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere getrieben wird.“ Ehe und Familie erweisen sich immer mehr als Kontrastprogramm zur Unverbindlichkeit und Beliebigkeit einer Gesellschaft, die auf Abwechslung setzt. Da gerät dann Ehe recht schnell in die Monotonie-Falle. Langfristige Bindungen scheinen nicht zur Kurzatmigkeit unserer Konsumgesellschaft zu passen. Die Familie wird in einen Zweifrontenkampf gedrängt: durch die wenig familienförderlichen Arbeitsbedingungen und durch den Staat mit seiner wenig familienfreundlichen Gesetzgebung.

Im Vordergrund der Debatten um die Ehe steht häufiger als der Erfolgsnachweis die Risikobescheinigung. Scheidungsstatistiken leisten dazu ein Übriges. Fehl interpretiert verleiten sie zu der Aussage, dass jede zweite Ehe scheitert. Was nicht zutrifft! Im Jahr 2011 gab es 36.126 Eheschließungen und 17.295 Scheidungen, die Ehen betrafen, die in vorangegangenen Jahren geschlossen worden waren. Die für 2011 von der Statistik Austria errechnete Gesamtscheidungsrate beträgt demnach 43 Prozent.

Verzerrende Scheidungsstatistik #

Was sagt aber die Gesamtscheidungsrate aus? Sie errechnet die „Wahrscheinlichkeit, mit der die im jeweiligen Jahr geschlossenen Ehen bei unverändertem Scheidungsverhalten durch eine Scheidung enden“. Es handelt sich also um eine Wahrscheinlichkeitsaussage, womit aber „nicht gemeint (ist), wie oft fälschlich angenommen wird, dass knapp die Hälfte aller bestehenden Ehen geschieden wird. Bezogen auf die österreichische Bevölkerung ab 15 Jahren sind 7,8 Prozent geschieden“, wie die Wiener Familiensoziologin Ulrike Zartler bei einer Enquete des Katholischen Familienverbandes klarstellte. Dennoch wird die „fälschliche Annahme“, wonach jede zweite Ehe geschieden werde, unverdrossen von den Medien weiter verbreitet.

Die ständige Wiederholung dieser falschen Aussage bleibt nicht ohne Wirkung. Sie verführt zu einer „self-fulfilling prophecy“. Dazu schreibt Tara Parker-Pope, Redakteurin der New York Times: Genau wie wir gegenüber Gewalt abstumpfen, wenn wir sie häufig im Kino oder Fernsehen sehen, glaube ich, dass der Mythos von der 50-prozentigen Scheidungsrate eine ganze Generation darauf trainiert hat, ein gespaltenes Verhältnis zu Ehe und Trennung zu entwickeln. Im Endeffekt aber glaube ich, dass es uns allen schadet, wenn irreführende Statistiken verbreitet werden. Dadurch halten wir die Ehe für zerbrechlicher, als sie tatsächlich ist, und geben möglicherweise schneller auf, wenn Probleme in unserer Beziehung auftauchen.“

Eines lässt sich mit Sicherheit festhalten: Von allen Lebensformen birgt die Ehe das größte Glücks-, aber auch das größte Konfliktpotenzial. Gelingen und Scheitern liegen nahe beisammen. Um gelingendes Miteinander müssen sich beide Partner immer wieder von Neuem bemühen.

Täglich am Bauwerk „Ehe“ arbeiten #

Beziehung lebt von der Kommunikation. Erstirbt das Gespräch, ist auch die Beziehung ausgelöscht. Denn „die Ehe ist vor allem ein langes Gespräch“, wie Friedrich Nietzsche schrieb. Heinrich Heine sah „die Ehe als stürmische See, für die es noch keinen Kompass gibt“. Diesen Kompass zu finden und immer wieder neu auszurichten, darauf kommt es in einer Beziehung an. Das wird nicht ohne Auseinandersetzung und auch nicht immer konfliktfrei gehen. Das kann ein Prozess sein, der misslingt oder auch zu einer beglückenden Gemeinsamkeit führt. So sieht es auch der französische Schriftsteller André Maurois, für den „die Ehe ein Bauwerk ist, das jeden Tag neu errichtet werden muss“. Sollte es den „siebten Himmel“ schon auf Erden geben, dann wahrscheinlich nur an wenigen Tagen. Ansonsten herrscht die Mühe des Alltags. Harmonie mit dem Partner, familiäres Glück oder erzieherisches Gelingen ist eben keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk, das sich die Partner machen.

Eines sollte man festhalten: Die Ehe ist weder eine kirchliche noch eine staatliche Erfindung, sondern eine in allen Kulturen beheimatete Einrichtung. Es ist irrelevant, ob Ehe altmodisch oder modern ist, weil es letztlich um die Frage geht, wo der Einzelne Haltegriffe oder Ankerpunkte findet. Die Ehe kann ein Ort sein, in dem Gemeinsamkeit erfahren und Individualität gelebt wird. Ein anspruchsvolles Projekt also, das seine Kraft aus dieser Gegensätzlichkeit des Gemeinsamen und des Individuellen schöpft – und aus den daraus resultierenden Spannungen, die sich in den Begriffspaaren Konflikt und Versöhnung, Trennung und Umarmung, Erstarrung und Veränderung, Distanz und Nähe fassen lassen. Da wird deutlich, dass zur Ehe ein Pflichtprogramm gehört, bevor in der Kür geglänzt werden kann.

Gertraude Steindl ist Präsidentin der Aktion Leben Österreich, Clemens Steindl war 2008 bis 2011 Präsident des Katholischen Familienverbandes. Der vorliegende Text ist ein gekürzter Auszug aus ihrem neuen Buch „Heute noch heiraten?.“


Buchcover, 'Heute noch heiraten?'

Buchtipp#

Heiraten wegen Gott – oder Gucci? #

„In der Kirche war es dann recht nett – obwohl alle wussten, dass Corinna längst ausgetreten war Aber wenn’s ans Heiraten geht, werden viele doch noch mal ganz spontan und kurzfristig total gläubig. Nicht wegen Gott, sondern wegen Gucci. Einmal im Hochpreissegment wildern. Schicke Tüten aus edlen Boutiquen tragen und dann im weißen Traum durchs Mittelschiff schweben.“ Ist es wirklich so banal, wie die Autorin Ildikó von Kürthy in ihrem launigen Text „Trauen Sie sich?“ schreibt? Und wenn nicht: Was sonst lässt Paare in Zeiten wie diesen noch „ja“ sagen? Gertraude und Clemens Steindl haben 36 Persönlichkeiten die Frage „Heute noch heiraten?“ gestellt – und überraschend zustimmende Antworten aus unterschiedlichsten Perspektiven erhalten: etwa aus der literarischen (durch Kürthy und Peter Ebner), aus der persönlichen (durch Gerhard Jelinek oder Anita Wachter), aus der spirituellen (durch Anton Faber oder Maria und Clemens Sed mak) sowie aus der rechtlichen (durch Astrid DeixlerHübner oder Brigitte Birnbaum). Das prinzipielle „Ja“ zu dieser Institution geht bei vielen freilich einher mit Hinweisen auf die schwierige Umsetzung. Die Anwältin Birnbaum wünscht sich deshalb eine verpfl ichtende Rechtsberatung vor einer Eheschließung. Viele Verliebte würden das wohl als Zeichen des Misstrauens ablehnen, aber so ist sie eben, die Ehe: nicht nur die Krönung einer Liebe, sondern auch ein einschneidender Vertrag. All diese Facetten kommen in diesem Sammelband zur Sprache. Eine lohnende Lektüre – auch für jene, die schon unter der Haube sind. (dh)

Heute noch heiraten? 36 Persönlichkeiten - 36 Ansichten. Hg. von Gertraude und Clemens Steindl Tyrolia 2013 296 S., geb., 19,95eur

DIE FURCHE, Donnerstag, 13. Juni 2013