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Einige schämten sich sogar#

Ein Professor an der Hochschule für Welthandel löste die ersten politischen Studentendemonstrationen seit 1945 aus.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 31. März 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Otto Brusatti


Ernst Kirchweger wird bei den Auseinandersetzungen am 31. März 1965 von Günther Kümel, RFS-Mitglied und Freund von Gerd Honsik, niedergeschlagen und stirbt Tage danach., © Votava
Ernst Kirchweger wird bei den Auseinandersetzungen am 31. März 1965 von Günther Kümel, RFS-Mitglied und Freund von Gerd Honsik, niedergeschlagen und stirbt Tage danach.
© Votava

Wien. Er war ein kleiner, zarter Mann. Einer, der durch das hochgereckte Haupt Aufmerksamkeit erregen wollte, der durch Intellekt und Charme sein schmales Äußeres zu kompensieren trachtete, der unbewusst wahrscheinlich auf eine, auf seine großen Stunden lauernd wartete.

Gekannt habe ich ihn nur ein bisschen, dann Jahre hindurch mich weder seiner erinnert, noch an den "Boro", den "Tazi" gedacht. Jetzt, 50 Jahre nach den, ihm großen Stunden, ist das nur bruchstückhaft möglich.

Was immer auftaucht beim Erinnern, das soll, vorweg festgehalten, weder eine gerundete Schilderung der 1965er-Ereignisse werden (ich bin damals 16 Jahre alt gewesen) noch ein Korrigieren und schon gar keine Apologie des Professors. Allein, T.B. war präsent in meiner Familie. Er ließ sich als Student, angeblich, im Haus meiner Großeltern (Hoteliers) durchfüttern, verehrte vergeblich meine Tante, ermöglichte meinem Vater nach dessen Postkriegsstudien den Berufszugang zum Akademischen. (Alois Brusatti war 1965 am selben wirtschaftshistorischen Institut der Wiener Hochschule für Welthandel tätig, später dort Professor - nicht, wie oft behauptet wird, Borodajkewyczs Nachfolger -, dann Jahre hindurch auch Rektor der Wirtschaftsuniversität.) "Tazi" (der ihm verbliebene Kindername für Taras, was aber keineswegs - wie manchmal behauptet wurde - eine Nazianspielung dargestellt hat) tauchte öfter bei uns auf; er war in der Hochschule schon des Faches wegen ein Außenseiter und - so erinnerlich - recht nett. Man wusste von gelegentlich etwas seltsamen Berufsansichten des Historikers (der er eigentlich nicht war, denn es gibt von Herrn Borodajkewycz keine aussagekräftigen Arbeiten).

Ein Mitläufer#

Er war ein Mitläufer dieser, uns heute skurril vorkommenden österreichischen Historie zwischen 1900 und 1970, die sich entweder in einem unreflektiert-positivistischen Faktensammeln vergrub (das Wiener Institut für Geschichtsforschung) oder ihre Arbeit als Historiker zunächst einmal ideologischen (österreichnational, revanchistisch, großdeutsch, NS-verbunden) oder religiösen Prinzipien unterordneten (Namen wie Srbik, Hantsch, Jedlicka, die Ordinarien der Kunst-Musik-Historie, für Altertümer oder Osteuropa seien stellvertretend genannt). Man hatte, und auch das muss T.B. stets "gewurmt" haben, ihn immer nur einen Extraordinarius bleiben lassen, sein Institut bestand damals gerade aus einem Raum, die Rolle im Kollegen-Verband dürfte bescheiden gewesen sein.

Taras Borodajkewycz (1902 bis 1984) war ein österreichischer nationalsozialistischer Historiker. Von 1955 bis zu seiner Zwangspensionierung 1966 war er Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien., © Votava
Taras Borodajkewycz (1902 bis 1984) war ein österreichischer nationalsozialistischer Historiker. Von 1955 bis zu seiner Zwangspensionierung 1966 war er Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien.
© Votava

Es ist nicht leicht, sozusagen cool oder mit wenig Verblüffung jene Uni-Zustände vor 50 Jahren hervorzuholen. Man unterschied locker-verzeihend zwischen Alt-Nazis und Alt-Kummerln, ein Ordinarius besaß halbgöttlich zu nennende Entscheidungsbefugnisse, es gab für das akademische Personal weder die Verpflichtung zur Fortbildung noch eine Infragestellung ihrer Vorträge oder Behauptungen. Einspruchsmöglichkeiten gegen Beurteilungen oder nach Lehrveranstaltungen bleiben de facto verboten. Ja, es existierten nicht einmal Studienführer in unserem Sinn, keine richtigen Formulare für Zeugnisse oder Ansuchen. Die Studentenschaft (1965 noch automatisch und fast ausschließlich per Sie untereinander) war oft orientierungslos, was die Fächerstrukturen betraf (zudem aber angehalten, mit Krawatte akademischen Boden zu betreten). Der zuständige Minister, Theodor Piffl-Percevic, passte trefflich in diese Riege verkrampfter, sich in ihren Ideologien salbungsvoll badender Herren.

Die Affaire B. nun im Frühjahr 1965? Viele sahen darin zunächst eine Hetz. Erst nach den schrecklichen Folgen auf den Straßen fingen manche an, über dieses aktuelle Österreich 20 Jahre nach Weltkriegsende nachzudenken. Man empfand sich ja, und das noch für weitere Dezennien, als geglückte Mischung von Wirtschaftswunder-Abfällen und Bundeshymne (von den frühen Ahnentagen, vom Begnadet-Sein, von großen Söhnen und noch höheren Sendungen, unhinterfragt auf Inseln der Seligen platziert).

Inneruniversitäre Zerwürfnisse#

Ich erinnere mich bruchstückhaft. Es wurde schon/sogar privat diskutiert. Erschreckend war von vielen Erwachsenen zu hören, ja, der Boro, der hätte nicht so unrecht, jetzt sei es endlich an der Zeit, wirklich was über Juden und Linke sagen zu dürfen. Der Professor selbst sonnte sich eitel in seiner kleinen Öffentlichkeit (er wurde zudem, was kaum bekannt sein kann, von seiner Frau angetrieben, jene lächerlich-gefährliche Tribunenrolle zu zelebrieren). Es gab inneruniversitäre Zerwürfnisse, telefonische Abhöraktionen. Mein Vater, eher fassungslos über den Ausrastenden wiewohl seinem liberal-aufklärenden Wesen entsprechend zunächst in kollegialen Vermittlungsversuchen, wurde kommunistischer Agentenschaften verdächtigt.

Aber irgendwie kamen junge Leute quasi zu sich. Jene, die T.B. und seine Blödheiten öffentlich machten, bereiteten so wichtige Erkenntnisse nach 1968 und die Überstehung vieler seltsamer späterer "Waldheim-Zeiten" vor. Außerdem: Man begann zu ahnen, dass es noch was anderes gab als die grauslichen, ideologischen Schrebergärten der Heimat.

Viele besannen sich, manche kamen zur Besinnung. Einige schämten sich sogar.

Wiener Zeitung, Dienstag, 31. März 2015