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Grenzen der Scham #

Ulrich Greiner ortet in seinem Buch einen allgemeinen „Schamverlust“. Doch manches spricht eher für neue Prüderie. Eine Entgegnung.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Juni 2014)

Von

Michael Kraßnitzer


Life-Ball-Plakat
Life-Ball-Plakat
Foto: © APA / Hochmuth

Ein nacktes Model, das dem Betrachter nicht nur seine prallen Silikonbrüste, sondern auch – weil es sich um ein Transgender- Model handelt – seinen Penis entgegenstreckt. Dieses Sujet, mit dem der jüngste Life-Ball beworben wurde, scheint einen weithin verbreiteten Befund über unsere Gesellschaft zu bestätigen: Wir leben in einer Zeit ohne Scham. Die Grenzen dessen, was an intimen Körperteilen gezeigt und was über intime Angelegenheiten gesagt wird und werden darf, verschieben sich immer mehr in Richtung eines „Anything goes“ – erlaubt ist alles. Eine These, die zuletzt Ulrich Greiner in seinem aktuellen Buch „Schamverlust“ (Rowohlt Verlag) aufbereitet hat, unterfüttert allerdings nicht mit Belegen aus der realen Welt, sondern aus dem bildungsbürgerlichen Literaturkanon von Dostojewski bis Kafka.

Es gibt aber auch Indizien für einen gegenläufi gen Trend. Aus einem anderen Blickwinkel lässt sich behaupten: Unsere Gesellschaft wird wieder prüder. Auch das lässt sich, zumindest indirekt, am Life-Ball- Plakat festmachen. Man stelle sich nur vor: Bei dem nackten Model hätte es sich um eine richtige Frau und bei der beworbenen Veranstaltung um, sagen wir, eine Ferienmesse gehandelt. Der Aufschrei wäre noch viel gewaltiger gewesen. Dann nämlich hätten nicht nur die FPÖ und obskure spanische Stiftungen Zeter und Mordio gerufen, es wären auch die „Sexismus“-Rufe von Frauenverbänden und Grünen dazugekommen.

Die große „Schamvernichtungskampagne“ #

Dass sich die Schamgrenzen in den letzten hundert Jahren deutlich verschoben haben, ist evident. So richtig los ging es in der Zwischenkriegszeit: Künstlerische Tänzerinnen ließen sich nackt fotografieren, über die Kinoleinwand flimmerte die erste Nacktszene der Filmgeschichte („Ekstase“, 1933), Frauen trugen Röcke, die den Blick auf die Beine gestatteten. All das wurde von konservativen Zeitgenossen als Sittenverfall verteufelt. Nach dem Krieg ging es munter weiter mit der Verschiebung der Schamgrenzen. Dass die weiblichen Teenager in den 1950er-Jahren in enganliegende Hosen schlüpften und damit ihre Gesäße ins Blickfeld rückten, war noch vergleichsweise harmlos. Die große „Schamvernichtungskampagne“ (Greiner) kam dann mit dem Jahr 1968. Die Proponenten der Achtundsechziger- Bewegung trieben die Enttabuisierung von Nacktheit und Sexualität voran. Die Mitglieder der berühmt-berüchtigten Kommune I in Deutschland posierten am liebsten nackt und propagierten die freie Liebe. Als konservativ abgestempelte Universitätsprofessoren wurden von Studentinnen durch „Busenattacken“ aus den Hörsälen vertrieben.

„Ekstase“ anno 1933, Spielfilm mit Nacktszenen
„Ekstase“ anno 1933. Der Spielfilm sorgte mit seinen Nacktszenen für Erregung – und ebnete Hedwig Kiesler den Weg nach Hollywood, wo sie als Hedy Lamarr Karriere machte.
Foto: © K.K.

Bis diese Entwicklungen in die Gesellschaft einsickerten, dauerte es – zumal in Österreich, doch spätestens 15 Jahre später war der radikale Kulturwandel für jedermann ersichtlich. Man stelle sich einen ganz gewöhnlichen Tag im Frühjahr 1982 vor: Die Straßen voller Frauen, die offensichtlich keinen Büstenhalter tragen. Auf den Unterwäsche- Seiten des biederen Quelle-Katalogs ist der Anblick von Brustwarzen und Schamhaaren eine Normalität. Im Fernsehen läuft eine Werbung der Firma Fa, in der eine splitternackte Frau die Freiheit genießt, die ihr Seife oder Deodorant schenken. Im Hauptabendprogramm läuft ein „Tatort“, in dem garantiert wieder eine junge deutsche Schauspielerin Busen zeigt. Aus dem Radio tönt Rainhard Fendrichs Hit „Oben Ohne“, der auf ein schamhistorisch einschneidendes Ereignis verweist: In jenem Jahr nämlich gaben die Betreiber von Österreichs Freibädern zähneknirschend dem Wunsch der damaligen jungen Frauen nach, ihr Bikinioberteil abzulegen.

All das ist heute undenkbar. Eine TV-Werbung mit einer nackten Frau? Ein Fall für den Weberat. Ein österreichischer Popstar, der vom „Wippen an den weiblichen Rippen“ schwärmt? Da würde der grüne Kultursprecher sofort zum Konzertboykott aufrufen. Ohne BH in der Öffentlichkeit? Ein Ding der Unmöglichkeit – sogar die Unterwäsche selbst hat heutzutage blickdicht zu sein. Es wird die Aufgabe von Historikern sein, herauszufinden, wann die Trendumkehr eingesetzt hat. Als im Jahr 2000 die allererste Staffel von „Big Brother“ im deutschen Fernsehen lief, wurde noch genüsslich jede Bewohnerin des Containers – unter der Dusche, beim Umziehen – nackt vorgeführt. So etwas wird heute zur selben Sendezeit nicht mehr getan: Wenn bei den Kandidatinnen von „Austria’s Next Topmodel“ während des Umkleidens eine Brust zum Vorschein kommt, werden die Bilder verpixelt ausgestrahlt.

Feminismus als Motor der Schamhaftigkeit #

Bemerkenswert ist, dass die neue Prüderie von gesellschaftlichen Kräften vorangetrieben wird, die sich selbst als fortschrittlich begreifen oder als fortschrittlich begriffen werden. Einer der lautesten Proponenten der neuen Prüderie ist der Feminismus. In den 1970er-Jahren war in den Augen von engagierten Frauen Nacktheit eine Form der Befreiung, heute gilt Nacktheit als Ausdruck von Sexismus. Ebenso bemerkenswert ist auch, wer sich gar nicht erst lautstark zu Wort meldet, sondern in aller Stille Privatzensur übt. So wurden die Life-Ball-Plakate – ebenso wie die Plakate zur Kunstausstellung „Nackte Männer“ vor zwei Jahren – im großen Stil beschmiert. Bei Nacht und Nebel wurden Penis ebenso wie Brüste mit schwarzem Spray unsichtbar gemacht. Wer läuft schon mit einer Spraydose herum? Nicht der empörte FPÖler, auch nicht der besorgte Christ – sondern die Jungen, vermeintlich Coolen, die unter dem Applaus toleranzbeflissener Kulturwissenschaftler ihre Graffiti und Tags auf den Hauswänden hinterlassen.

Freilich gibt es noch immer die Schamlosen, die im Unterschichtenfernsehen ihre Körperteile in die Kamera halten und nonchalant ihr Intimleben ausbreiten – doch die haben nicht die Diskurshoheit inne. Aber sie haben das Glück, dass der herrschende Diskurs nicht nur Nacktheit und Sexualität ächtet, sondern auch jede Form der Diskriminierung. Und die großflächig tätowierten Bodybuildingcenter-, Nagelstudio- und Solarium-Dauerkunden, die bereitwillig über ihre Sexualpraktiken Auskunft geben, sind ja gleichzeitig auch die Unterprivilegierten, Entrechteten und Ausgebeuteten – und daher gegen Kritik immunisiert. Also dürfen sie weiter koitieren und darüber quatschen, soviel sie wollen.

Man könnte sogar noch weiter gehen: Die Schamlosen erfüllen in einer Ära der neuen Schamhaftigkeit jene Funktion, die früher den Völkerschauen zukam, bei denen Angehörige anderer Volksgruppen als vermeintlich Primitive zur Abschreckung und zur Belustigung vorgeführt wurden. Heute sind es eben die toleranten, sexismus- und diskriminierungssensiblen Antiheteronormativen, die mit Abscheu und im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit darauf herunterblicken, was Kevin und Jacqueline auf RTL von ihrem jüngsten Besuch im Swingerclub zu erzählen haben.

Bild 'Buchcover_Schamverlust'

Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur.

Von Ulrich Greiner.

Rowohlt Verlag 2014. 249 Seiten, geb., EUR 23,60

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Juni 2014