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Das Gegenteil von Liebe #

Hass – rational, physiognomisch oder frei flottierend – hat hierzulande wie in der Welt zurzeit wieder einmal gute Aussichten. Leider. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 2. Februar 2017).

Von

Peter Strasser


Symbolbild: Hass
Hass. Hinter der Rede von den „Spaltungen der Gesellschaft“ verbirgt sich der Begriff ebenso, wie er explizit in der Benennung aktueller Medienphänomene wie „Hass-Postings“ zutage tritt. Das Gegenteil von Liebe ist eine Triebkraft gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen – global wie lokal: Aspekte zum Thema Hass und Ansätze zur Überwindung desselben.
Foto: Shutterstock

Der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt gab seinem Klassiker „Liebe und Hass“ (1970) den Untertitel „Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen“. Damit versuchte er, den von Konrad Lorenz behaupteten Vorrang der Aggression für das menschliche Sozialleben – „Das sogenannte Böse“ (1963) – zu relativieren. Doch da der Hass eine Erscheinungsform von Aggression darstellt, kommt ihm in der historischen Dynamik zweifellos größeres Gewicht zu als der Liebe. Gegenteiliges behaupten nur Gurus, welche ihrer Gemeinde weismachen wollen, erst das Liebeswollen könne die Welt vom Übel erlösen.

Zunächst: Es gibt den rational motivierten Hass. Unterdrückung in Form körperlicher oder seelischer Brutalität, auch durch die Zufügung von Ungerechtigkeiten in der Verteilung von Chancen und Gütern – all diese Fehlformen zwischenmenschlicher Beziehungen mögen Anlass geben zum Hass. Aber es handelt sich dabei um Anlassfälle, die sich durch wirksame Gegenmaßen aus der Welt schaffen lassen. Rational motivierter Hass kann eine Ursache für die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse in die wünschenswerte Richtung sein. Dadurch wird die Quelle des Hasses beseitigt und damit, günstigenfalls, der Hass selbst.

Hass als Triebkraft sozialen Fortschritts #

Kein Zweifel, Hass ist eine wichtige Triebkraft sozialen Fortschritts. Was wir indes heute immer häufiger erleben, sind Formen des Hasses, die sich auf keine rationale Motivation stützen. Sie sind seit alters her bekannt und treten immer wieder in Erscheinung, sobald Gesellschaften eine bestimmte Größe erreicht haben. Dafür, dass Völker und Nationen dichter „interagieren“, sind meist ökonomische und technische Faktoren maßgebend. Mit der wechselseitigen Durchdringung gehen jedoch im Regelfall auch bad feelings einher, Gefühle des Misstrauens – mehr noch: des Abscheus –, die dem jeweils anderen gelten. Derlei Emotionen wurzeln in ethnischen, religiösen und ideologischen Konflikten, die oft umso hartnäckiger fortbestehen, je weniger sie durch empirische oder moralische Fakten gestützt werden. Deshalb sind die mitlaufenden Verhetzungen durch sachbezogene, logische Argumente kaum zu brechen, im Gegenteil.

Wenn der aktuell leicht zu schürende Hass auf etablierte politische Kreise immerhin eine gewisse Grundlage haben mag – dahinter stecken über Jahrzehnte genährte Korruptionsvorwürfe –, so fehlt eine derart reale Basis fast völlig, sobald sich der Hass auf Asylanten, Bettler oder, ganz allgemein, Angehörige „fremder“ Kulturen richtet. Gegen die Muslime hat sich, wegen des islamistischen Terrors, hierzulande und anderswo ein Syndrom aus Wut und Angst entwickelt, das mit Argumenten kaum zu befrieden ist. Denn die entsprechenden Affekte werden längst durch eine physiognomische Archetypik gespeist, welche Abwehrmaßnahmen aus (scheinbarer) Überlebensnot suggeriert.

Einst – wie sich in „Mein Kampf“ nachlesen lässt – gab es für den „fanatischen Antisemiten“ Hitler eine Negativgestalt, die mit allen Attributen des Ekelhaften und Heimtückischen ausgestattet war: den Juden, das hieß, ein Wesen, das nicht zu uns gehört, aber als Made und Blutsauger sich von uns ernährt und unseren Untergang betreibt. Da dieses Wesen das Dämonische verkörpert, trägt es, bei genauerem Hinsehen, die Merkmale des Bösen an seinem Körper, von der Hakennase, den zu wulstigen oder schmalen Lippen, den Krallenfingern bis hin zur schleichenden Art, sich fortzubewegen. Je mehr solche Bilder alle Anzeichen einer kulturellen Paranoia zeigen, die aus dem Traditionsfundus der Teufelsbilder herstammt, umso weniger lassen sie sich durch Aufklärung beschwichtigen oder gar stilllegen. Auf die Verhältnisse des Tages umgelegt, findet sich dieselbe irrationale Hassdynamik wieder, wenn der Anblick eines schwarzen Vollbartes mit dem dazugehörigen „finsteren“ Ausländergesicht als akute Gefahrenanzeige empfunden wird. Oder wenn muslimische Kopftuchträgerinnen sich entscheiden müssen: Wollen sie zum Gegenstand feministischer „Solidarität“ oder, als vermutete Sympathisantinnen eines religiösen Mördermobs, vom Volksempfinden ausgegrenzt werden. Eine humanitäre Rhetorik wäre demgegenüber bemüht, die physiognomisch gespeiste Hass-Lava abzukühlen. Doch mit dem irrationalen Affekt im Gesellschaftskörper kommen Gruppierungen und Parteien zum Zug, die das Stimmungsbarometer für ihre rabiat patriotischen oder faschistischen Ambitionen nützen.

Hass gegen Äußerlichkeiten #

„Kein Minarett, kein Kopftuch, kein …!“ Rechtspopulistische Slogans suggerieren, dass wir Symbole, die das Zentrum der muslimischen Vorstellung eines würdevollen Lebens bilden, nicht zu respektieren brauchen, falls sie sich einer „Assimilation“ sperren. Dabei lässt gerade der gegen Äußerlichkeiten gerichtete Hass keine zwanglose Eingemeindung zu, welche der Selbstachtung jener, die „anders als wir“ sind, Rechnung trüge. Auch diesbezüglich kann uns die Geschichte des Antisemitismus belehren.

Steinherz
Steinherz
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Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – ein halbes Jahrhundert vor der Schoa – sind die Juden längst Opfer einer Negativetikettierung. „Der jüdische Selbsthass“ lautet die Überschrift der 1930 publizierten Abhandlung des Philosophen Theodor Lessing, der einige Zeit später von nazistischen Attentätern ermordet wird. Umgeben von einer antisemitischen Atmosphäre schien es gerade vielen aufgeklärten, gebildeten Juden aus dem Bürgertum unmöglich, sich unter Berufung auf ihre Herkunft selbst zu achten. Vielmehr galt es, akkurat jener Kultur zu hofieren, in deren christlichen Wurzeln – und damit dem „Antijudaismus“ – die Verachtung alles Jüdischen angelegt war. Ja, man musste schließlich deutscher Patriot werden: ein Assimilationsverhalten, das Hitler und die Seinen in ihrem Ausgrenzungs- und Vernichtungsfuror nur noch beflügelte …

Hass, der frei flottiert #

Mit dem Niedergang der großen Volksparteien ist zusehends ein weltanschauliches Vakuum entstanden, wodurch eingeübte Freund-Feind-Affekte nun – salopp gesagt – heimatlos vagabundieren. Auf diese Weise entsteht eine neue Form des Hasses: Hass, der frei flottiert. Dieser wartet sozusagen darauf, wieder „abgebunden“ zu werden, und es hängt von den jeweils erfolgreichen Schreihälsen ab, welche Menschengruppen zu den bevorzugten Hassobjekten werden. Dabei finden die Hassoffensiven heute in den globalen sozialen Netzwerken einen mächtigen Resonanzraum, worin sich freilich die unterschiedlichsten Feindbilder elektronisch überlagern, vom „Ewigen Juden“ über die Fratze der Political Correctness bis zur Invasion bösartiger Außerirdischer. Die verwilderte „Demokratisierung“ des Hasses könnte bald einhergehen mit einem Hass auf alles Demokratische an sich. Das ist die pessimistische Variante. Vieles hängt – wie immer – davon ab, wie sich die ökonomische Situation in Zukunft entwickelt. Da ein massiver wirtschaftlicher Aufschwung von einiger Dauer kaum zu erwarten ist, hat das Friedensprojekt der europäischen Gesellschaften vermutlich nur eine Chance, falls es gelingt, den vorhandenen immensen Reichtum und die Wohllebenschancen für alle spürbar gerechter zu verteilen. Gute Aussichten für das Gegenteil von Liebe, leider!

Der Autor ist ao. Univ.-Prof. i. R. und Philosoph in Graz.

DIE FURCHE, Donnerstag, 2. Februar 2017