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Ein Stück Österreich im Herzen Jerusalems#


Von

Helmut Wohnout


Zur Geschichte des Österreichischen Hospizes im 20. Jahrhundert#

Weltweit gibt es eine Reihe von Institutionen, die in einer besonderen Weise mit Österreich identifiziert werden. Zu ihnen zählen Kulturinstitute oder einzelne Österreich-Lehrstühle genauso wie Einrichtungen, die auf eine längere historische Tradition zurückblicken, wie etwa die „Anima" in Rom oder das St.-Georgs-Kolleg in Istanbul. Keines dieser Häuser befindet sich aber an einem vergleichbar neuralgischen Ort der Geschichte des 20. Jahrhunderts wie das Österreichische Hospiz in Jerusalem. Seine teils turbulente Entwicklung während der letzten 90 Jahre spiegelt die politischen Verwerfungen im Mittleren Osten genauso wider wie politische Kontinuitäten und Brüche der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

1863 eröffnet#

Das Österreichische Hospiz in der Altstadt Jerusalems wurde im Jahre 1863 eröffnet.Es sollte der Monarchie eine sichtbare Präsenz an den Heiligen Stätten Jerusalems verleihen. Zwar ließe sein Name vordergründig ein Spital oder ein Pflegeheim vermuten, doch fungierte das Haus von Anfang an als Pilgerunterkunft. An der Ecke von Via Dolorosa (entlang derer der von den Christen verehrte Kreuzweg Jesu zur Grabeskirche führt) und der Straße zum Damaskustor gelegen, war es ab 1856 unter der Ägide des ersten österreichischen Konsuls in Jerusalem, Joseph Pizzamano, an einem zentralen Platz im arabischen Viertel der Altstadt errichtet worden. Das im Stil des Historismus erbaute repräsentative Gebäude unterstand von Anfang an dem Erzbischof von Wien.

In einer Zeit, in der die europäischen Herrscher darum wetteiferten, die Funktion der Schutzmacht für die Christen in dem zum Osmanischen Reich gehörenden Heiligen Land wahrzunehmen, symbolisierte das Hospiz den Großmachtanspruch der Donaumonarchie in der Levante. Folgerichtig besuchte 1869 Kaiser Franz Joseph das Haus. Es war bezeichnenderweise seine einzige Reise, die über Kontinentaleuropa hinausging. Sie führte den Monarchen aus Anlass der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten und ins Heilige Land. Sein mehrtägiger Aufenthalt im Hospiz hatte eine enorme Signalwirkung, denn ab diesem Zeitpunkt wusste sich jeder Wallfahrer aus der Monarchie auf den Spuren seines Kaisers.

Religiös und patriotisch#

Damit war der religiöse Charakter auch mit einer patriotischen Note verbunden worden. Zusätzlich begünstigt durch die neu entstandenen Verkehrsverbindungen, kam es um die Jahrhundertwende zu zahlenmäßig umfangreichen Pilgerunternehmungen, sogenannten Volkswallfahrten, nach Jerusalem.

Mit dem Kriegsausbruch 1914 fand der Pilgerstrom aus der österreichisch-ungarischen Monarchie ein jähes Ende. Jerusalem selbst wurde bald Hinterland der Front. Zwar war das Hospiz als eine religiöse Anstalt einer verbündeten Macht - im Gegensatz zu den englischen französischen und russischen religiösen Niederlassungen in Jerusalem - nicht dem direkten Zugriff seitens der türkischen Armee ausgesetzt. Dennoch bedeutete es für das Haus eine Erleichterung, als Ende 1914 deutsche Generalstabsoffiziere in Jerusalem eintrafen. 1916 wurde es dann unter Beibehaltung seines kirchlichen Charakters in ein Erholungsheim für deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten umgewandelt, womit man angesichts der näher rückenden Front in Palästina einer allfälligen Requirierung zuvorkam.

Für Jerusalem endete der Erste Weltkrieg bereits im Dezember 1917. Nachdem im Laufe des Herbstes die Osmanische Gaza-Linie zusammengebrochen war, drangen britische Truppen unaufhaltsam in Richtung Jerusalem vor. Seine Einnahme besaß eine hohe Symbolkraft. Ursprünglich wollten die Türken die Stadt militärisch verteidigen, doch zogen sie sich schließlich, auf Druck ihrer Verbündeten, kampflos aus Jerusalem zurück. Am 8. Dezember erreichten die ersten britischen Einheiten die Stadt, am 11. Dezember nahm General Edmund Allenby in einer sorgfältig geplanten Zeremonie von Jerusalem Besitz. In der Stadt wurde er feierlich von den Würdenträgern aller Religionsgemeinschaften begrüßt. Seitens der katholischen Kirche stand ihm der Rektor des Österreichischen Hospizes, Franz Fellinger, gegenüber. Denn der Patriarch von Jerusalem und sein Weihbischof waren von den Türken, als sie sich auf eine Verteidigung der Stadt eingerichtet hatten, zwangsweise evakuiert worden. In aller Eile war der allseits angesehene österreichische Geistliche zum Pro-Generalvikar der Diözese Jerusalem ernannt und mit der vorübergehenden Leitung des verwaisten Patriarchats betraut worden.

Umwandlung in Waisenhaus und Offizierspension#

Das Hospiz blieb in den allerersten Wochen nach der Besetzung Jerusalems trotz des von General Allenby verhängten Kriegsrechts unbehelligt. Am 15. Februar 1918 erschien ein Vertreter der britischen Administration. Tags darauf wurde das Pilgerhaus beschlagnahmt und in ein Waisenhaus für einheimische Kinder des dem anglikanischen Bischof von Jerusalem unterstehenden „Syria und Palestine Relief Fund" umgewandelt.

Es sollte fast eineinhalb Jahre, bis zum 29. August 1919, dauern, bis das Hospiz nach energischen Interventionen, zuletzt auch des Patriarchen, wieder an Rektor Fellinger zurückgegeben wurde. Das Haus befand sich in einem desolaten Zustand. An eine Wiederaufnahme des Pilgerbetriebs war in den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht zu denken. Vor die Wahl gestellt, das Haus der englischen Regierung zur Einrichtung von Büros zur Verfügung zu stellen oder es als Pension für britische Beamte und Offiziere zu verwenden, entschied man sich für letztere Option, weil sie der Idee des Hospizes weit eher entsprach und relativ leicht wieder rückgängig zu machen war. Erst im Laufe der Zwanzigerjahre begannen die Pilgerfahrten nach Jerusalem - vorerst noch in weit geringerem Ausmaß als in den Jahren vor dem Kriegsausbruch - wieder anzulaufen. Im Jahre 1924 kamen erstmals wieder Pilgergruppen aus dem Gebiet der ehemaligen Monarchie nach Jerusalem. Um 1927/28 waren die Pilgerfahrten wieder voll im Gange. Es kamen nun mehr Gruppen als in der Vorkriegszeit, die aber zahlenmäßig viel kleiner waren als die großen Volkspilgerzüge vor 1914. Als Ende der Zwanzigerjahre eine neue Phase der Blüte des Pilgerwesens einzusetzen begann, tauchte die Frage nach einer Vergrößerung des Hauses auf. Bedingt durch die Tatsache, dass mit dem 1929 zum Weihbischof von Jerusalem erhobenen Rektor Franz Fellinger und dem späteren Kardinal Theodor Innitzer als Vorsitzendem des Kuratoriums zwei tatkräftige Geistliche an der Spitze des Unterfangens standen, konnte der Aufbau eines zweiten Stockwerkes realisiert werden. Nachdem verschiedene Pläne geprüft worden waren und die Erlaubnis der englischen Mandatsregierung zur Erhöhung des in der Altstadt gelegenen Gebäudes nach anfänglicher Weigerung erteilt worden war, konnte das zusätzliche Stockwerk 1932/33 errichtet werden.

Schwestern aus Vöcklabruck#

Seit Beginn der Dreißigerjahre befanden sich neben dem Rektor auch österreichische Schwestern im Hospiz. Am 24. April 1933 trafen fünf Schulschwestern aus ihrem Mutterhaus in Vöcklabruck in Jerusalem ein. Während der folgenden, für das Haus so wechselvollen Jahrzehnte, sollten diese Schwestern zur tragenden Säule der österreichischen Präsenz im Hospiz werden. Im Laufe des Jahres 1936 nahmen die latenten Unruhen zwischen Juden und Arabern derart an Schärfe zu, dass erstmals auch der Fremden- und Pilgerverkehr dadurch beeinträchtigt wurde. Morde, Brandanschläge, Sabotageakte an der Eisenbahn oder der Wasserleitung standen an der Tagesordnung. Auch ein Bediensteter des Hospizes, ein geborener Wiener, wurde 1936 Opfer der Unruhen. Als er unvorsichtigerweise mit einer arabischen Kopfbedeckung durch die jüdische Neustadt ging, wurde er für einen Araber gehalten und rücklings von einem Unbekannten erschossen.

Ungewissheit#

An der Jahreswende 1937/38 herrschte angesichts der instabilen und weiterhin explosiven Situation in Palästina ein großes Maß an Ungewissheit im Hospiz. In der Chronik des Hauses notierte der damalige Rektor, Franz Haider: „Die politische Lage hat sich 1937 nicht gebessert, sondern noch verschlechtert ... Trotz der politischen Verhältnisse war die wirtschaftliche Situation des Hospizes gut. Wir haben 498 Gäste beherbergt, manche von ihnen wochen-, ja monatelang. Wer weiß, ob die Zukunft des Hauses sich so gut gestalten wird!"

Die bösen Vorahnungen sollten sich bald bewahrheiten, wobei die tragische Entwicklung der folgenden Jahre durch die eskalierenden Spannungen innerhalb Palästinas, in noch größerem Maße aber durch den Lauf der Dinge in Europa, insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg, bestimmt wurde.

Der Zweite Weltkrieg - das Hospiz wird Internierungslager#

Bereits am Tag der britischen Kriegserklärung an das „Dritte Reich", dem 3. September 1939, wurde das Hospiz von der britischen Mandatsmacht beschlagnahmt. Zwischen Mitte September und Weihnachten 1939 diente es als Internierungsort für alle aus dem Deutschen Reich kommenden und in Palästina ansässigen Priester und männlichen Ordensleute. Die fünf Vöcklabrucker Schwestern sollten ursprünglich in das Provinzhaus der Borromäerinnen überstellt werden, wohin alle aus dem Gebiet des Deutschen Reiches kommenden Schwestern gebracht wurden, doch beließ man sie zwecks Betreuung der Internierten im Hospiz. Am 23. Dezember 1939 wurden die Internierten mit Ausnahme Franz Haiders und eines Lazaristen entlassen.

Anfang 1940 unternahm der greise Weihbischof Fellinger noch einen vergeblichen Versuch, das Hospiz von den englischen Behörden zurückzuerhalten und unter seiner Leitung wieder zu eröffnen. Es war dies ein ehrenwertes, aber von vornherein aussichtloses Unterfangen. Ab Mai 1940 wurden abermals Priester und männliche Ordensleute der Feindstaaten im Hospiz interniert, aufgrund des mittlerweile erfolgten Kriegseintrittes Italiens waren dies neben Staatsangehörigen aus dem Deutschen Reich auch Italiener. Ende 1940 wurden die Internierten in das Geißelungskloster der Franziskaner verlegt und im Pilgerhaus 120 aus Ägypten evakuierte englische Frauen mit 50 Kindern untergebracht, wo sie bis Jänner 1941 blieben. Ab April 1941 diente das Hospiz dann wieder als Internierungslager, diesmal für italienische Schwestern. Auch einige Frauen, die nicht dem geistlichen Stand angehörten hielten sich während dieser Zeit im Hospiz auf. Unter ihnen befand sich für einige Monate auch die Schwiegermutter des abessinischen Kaisers Haile Selassie. Danach wurde das Pilgerhaus von der britischen Polizei der Armee überantwortet, die darin ab Mai 1944 eine auf die arabischen Verhältnisse zugeschnittene Offiziersschule unter der Führung von Oberst Thomas, einem Arabienforscher, eröffnete. Zum Lehrkörper zählte unter anderem auch der

spätere Außenminister und UNO-Botschafter des Staates Israel, Abba Eban. Als in Jerusalem im Laufe des Jahres 1947 die Unruhen zunahmen, wurde das Kolleg nach Transjordanien verlegt und an seiner Stelle ein Polizeiquartier mit einem Stand von 100 Mann eingerichtet. Die Vöcklabrucker Schwestern, die durch all die Jahre im Hospiz geblieben waren und sich um das Haus, vor allem aber um die Kapelle gekümmert hatten, sollten nun wegziehen. Sie leisteten dagegen erfolgreich Widerstand, so dass zwischen dem Schwesternhaus und dem Hauptgebäude eine hohe Schilfwand mit einem Drahtverhau errichtet wurde. Ihr Verbleib blieb damit gesichert.

Spital im geteilten Land#

Nach dem Beschluss der UNO-Vollversammlung, Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat zu teilen, und der Eskalation des Konfliktes wurde das Hospiz Anfang 1948 vom britischen „Health Department" übernommen und in eine Notfallsklinik und ein Spital für die arabische Bevölkerung umgewandelt. Im Zuge der Realisierung dieses Plans wurde das Pilgerhaus Ende April 1948 dem Roten Kreuz übergeben. Ab Mitte 1948, als sich die englischen Truppen aus Jerusalem in Richtung Norden zurückzogen und die Kämpfe „zum vollen Krieg" eskalierten, wie die Hospizchronik schreibt, geriet das Hospiz unter teilweise heftigen Artilleriebeschuss. Rings um das Hospiz schlugen mehrere Granaten ein, am 10. Juni wurde der vor dem Salon gelegene Balkon des ersten Stockwerkes von einem Granateneinschlag getroffen. Ein Krankenpfleger war auf der Stelle tot, vier Patienten wurden schwer verletzt.

Solange die Kampfhandlungen andauerten, blieb das Pilgerhaus unter der Verwaltung des Roten Kreuzes. In der Folge übernahmen zuerst das transjordanische Militär, dann die transjordanische Regierung das Spital und damit das Pilgerhaus. Das Hospiz war das einzige Spital im arabischen Teil Jerusalems und dementsprechend dramatisch war die Situation in dem notdürftig adaptierten und ständig überfüllten Haus, in das täglich neue Verwundete eingeliefert wurden. Die österreichischen Schwestern halfen während dieser kritischen Monate aktiv bei der Krankenpflege mit. Jerusalem war nun eine geteilte Stadt und der jüdische vom arabischen Bereich, zu dem die gesamte Altstadt gehörte, hermetisch getrennt. Als Rektor Franz Haider, der nach Australien deportiert worden war, im September 1950 nach Jerusalem zurückkehrte, fand er das Haus als jordanisches Regierungsspital vor. Nach mühsamen Verhandlungen gelang es ihm endlich, 1953 in Amman mit der jordanischen Regierung einen dreijährigen Pachtvertrag abzuschließen. Daran war die Bedingung geknüpft, dass das Hospiz nur als Spital verwendet werden dürfe.

Die Vöcklabrucker Schwestern halten die Stellung#

Als der schon kränkliche Rektor 1954 nach Wien zurückkehrte, waren es abermals nur die Vöcklabrucker Schwestern, die sich um den Besitzstand kümmerten und daneben Pflegedienste im jordanischen Regierungsspital leisteten. In all den Jahren der Unsicherheiten blieben sie - so wie schon in den vorangegangenen eineinhalb Jahrzehnten - ungeachtet aller Gefahren und der Ungewissheit über ihr persönliches sowie über das weitere Schicksal des Hospizes standhaft und couragiert auf ihrem Posten. Sie scheuten sich nicht, gegenüber den jordanischen Stellen die Besitzverhältnisse, auf deren Grundlage sie sich als Hüterinnen von Haus und Kapelle verstanden, immer wieder in resoluter Form in Erinnerung zu rufen.

1955#

Mit dem österreichischen Staatsvertrag tauchten neue Hoffnungen auf die Rückgabe des Pilgerhauses auf. Sichtbarer Ausdruck des österreichischen Interesses war der Besuch des Erzbischof-Koadjutors Franz Jachym im März 1959 im Hospiz. 1961 besuchte auch der jordanische König Hussein das Pilgerhaus. Zehn Jahre zuvor war sein Großvater, König Abdullah, nach einem Schussattentat in der El-Aqsa-Moschee im Hospiz, als dem nächstgelegenen Spital, in das man den Schwerverletzten gebracht hatte, verstorben.

Von Seiten des offiziellen Österreich war während dieser Jahre die Botschaft in Beirut für Jerusalem und somit auch für das österreichische Hospiz zuständig. Besonders im langjährigen Botschafter Arthur Breycha-Vauthier hatte das Hospiz einen engagierten Anwalt und Fürsprecher. 1966 wurde der Grazer Bibelwissenschafter Franz Sauer, der sich seiner neuen Aufgabe von Anfang an mit großem Elan widmete, von Kardinal Franz König zum Rektor bestellt. Inzwischen ließ auch die jordanische Regierung eine gewisse Bereitschaft erkennen, das Hospiz - zumindest mittelfristig - zu räumen. Der Spitalsbetrieb sollte in einem Neubau in Sheik Jerach untergebracht werden. Doch konnte der ursprünglich geplante Fertigstellungstermin Anfang 1967 nicht eingehalten werden. Nach Gesprächen mit dem jordanischen Gesundheitsminister wurde der 1. Jänner 1968 als Räumungstermin festgelegt. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

Im Sechs-Tage-Krieg#

Am 7. Juni 1967, dem dritten Tag des sogenannten „Sechstagekrieges" zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, geriet die gesamte Altstadt Jerusalems unter die Kontrolle Israels. Damit wurde die mit der jordanischen Regierung getroffene Vereinbarung hinfällig. Glaubte man anfangs noch, dass die israelischen Behörden den Spitalsneubau fertig stellen wollten, so kam Anfang 1968 die überraschende Mitteilung, dass das neue Spital als Polizeistation um- und ausgebaut werden würde. Die Verhandlungsposition für eine Freimachung des Hospizes wurde insofern erschwert, als Österreich die Annexion Jerusalems diplomatisch nicht anerkannte und das österreichische Außenministerium davon abriet, mit Israel über eine Räumung des Hospizes Vereinbarungen zu treffen, um keinerlei Präjudiz zu setzen. Ebenso zeigten sich die arabischen Ärzte des Spitals nicht bereit, auf israelische Angebote für ein Ersatzkrankenhaus einzugehen. Aufgrund der fehlenden sanitären und technischen Einrichtungen verschlechterte sich der hygienische Standard des Spitals immer mehr. Trotz zahlreicher Gespräche zeichnete sich auch während der siebziger Jahre noch keine Lösung ab. Da Rektor Sauer nur während der Universitätsferien, oft in Begleitung von Pilgergruppen, nach Jerusalem kommen konnte, waren es weiterhin die zwei noch lebenden Vöcklabrucker Schulschwestern, die durch ihre Anwesenheit im Hospiz an Ort und Stelle die österreichischen Besitzansprüche aufrechterhielten.

1985#

Anfang der achtziger Jahre errichtete die israelische Verwaltung endlich ein Krankenhaus für die arabische Bevölkerung. Pläne zur Teilräumung des Hospizes scheiterten, doch wurde schließlich im Sommer des Jahres 1985 das Spital durch die israelischen Behörden geschlossen, geräumt und anschließend das Gebäude seinen österreichischen Eigentümern zurückgegeben. Einmal mehr wurde das Haus dabei angesichts seiner prekären Lage zu einem Katalysator für den ungelösten Konflikt zwischen Arabern und Israelis um die Altstadt Jerusalems.

Ab dem Zeitpunkt der faktischen Übernahme des Hauses durch Vertreter des Wiener Erzbischofs im Dezember 1985 begannen die Bemühungen, so rasch wie möglich das Hospiz wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Die Jahre 1986 und 1987 waren der vom Wiener Dombaumeister Kurt Stögerer geleiteten Planung, der Restaurierung und der Ausstattung des revitalisierten Pilgerhauses gewidmet, ehe 1988 - 125 Jahre nachdem das Hospiz erstmals für Pilger seine Pforte geöffnet hatte - die Wiedereröffnung stattfinden konnte.

Freilich bleibt es eng mit dem Schicksal der Stadt Jerusalem und damit mit den ungelösten Problemen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn verbunden. Angesichts des Golfkriegs 1991, genauso wie während der ersten und zweiten Intifada war diese Bedingtheit erst in jüngster Zeit wieder deutlich geworden.

Stätte der Begegnung#

Seit seiner Wiedereröffnung hat das Hospiz seine alte Funktion als religiös-spirituelles Zentrum, aber auch als menschen- und völkerverbindende kulturelle Institution in der Levante wieder erfüllen können. Es ist ein weiter Bogen, der sich seit dem Auftauchen erster Projekte eines „österreichischen Hauses" in die Gegenwart spannt. Jene Motivlagen, die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Hospiz als Symbol österreichischer Großmachtinteressen sahen, sind heute obsolet. Nicht mehr, um in der islamischen Welt als christliche Institution „Flagge zu zeigen", sondern als Stätte der Begegnung unterschiedlicher Kulturen vor dem Hintergrund österreichischer Tradition und Kultur versteht sich das Hospiz heute.

Aus: Stefan Karner/Lorenz Mikoletzky, Österreich - 90 Jahre Republik, Studienverlag, Wien 2008