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Leben wir in einer „Mediengesellschaft“? (Essay)#

Michael Schmolke

Niemand würde heute noch daran zweifeln, dass der Begriff „Industriegesellschaft“ sinnvoll und für die schnelle Verständigung in einer Zeit des Informationsüberflusses nützlich ist. Die Industriegesellschaft – im Unterschied zur Agrargesellschaft – ist das Resultat der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Aber „Mediengesellschaft“? Handelt es sich dabei nicht nur um eine spezielle Ausformung der Industriegesellschaft?

Alle Medien, an die wir bei Mediengesellschaft denken, sind technischer Herkunft, sowohl die Massenmedien Presse, Film, Radio und Fernsehen als auch jene Medien, die der individuellen menschlichen Kommunikation dienen: Telefon und Telefax, E-Mail (auf Computerbasis), selbst der altmodische Telegraf und der Fernschreiber. Eine Sonderform des Telefons, das Mobiltelefon („Handy“), führt uns vor Augen, wie stark unsere Gesellschaft von technischen Medien durchsetzt ist. Wenn es nach dem Augenschein ginge, müssten wir sie eigentlich „Handygesellschaft“ nennen. Aber dieses Wort wäre kaum durchsetzungsfähig, denn Das Mobiltelefon ist zwar eine für viele Berufe nützliche und für die Menschen allgemein kaum noch wegdenkbare Zutat, ein Accessoire, aber es ist nicht wesentlich für das Funktionieren der Kommunikation der modernen Gesellschaft, die andererseits ohne Massenmedien, ohne Telefon und ohne elektronische, digitalisierte Datenkommunikation nicht funktionieren würde.

Wie bei der Industriegesellschaft stand auch am Anfang der Mediengesellschaft eine Revolution, die sich vom 15. bis zum 20. Jahrhundert in immer neuen Schüben abspielte: Bücher nicht mehr mühsam abschreiben zu müssen, sondern mit Hilfe der Drucktechnik beliebig vervielfältigen zu können, Nachrichten mittels Elektrizität durch Drähte zu schicken, bald sogar drahtlos um die ganze Welt, Bilder statt mit Stift und Pinsel mittels Licht und Silbersalzen festzuhalten, wenig später auch als bewegte Bilder und diese dann ohne Draht in jedes Wohnzimmer zu senden – das alles veränderte die Welt in grundstürzender Weise. Von Revolution zu sprechen ist durchaus berechtigt, und an ihrem Ende steht eine veränderte Gesellschaft, eben die Mediengesellschaft.

Dennoch ist der Begriff nicht unangefochten. Oft sagt man auch Informationsgesellschaft und meint damit einen gesellschaftlichen Zustand, in welchem die Entwicklung der Menschheit – konkret: der wirtschaftliche, technische, politische Erfolg – von Informationen ebenso stark abhängt wie von anderen Reichtümern: Kapital, Rohstoffe, Energie, Arbeitskraft. Informationsvorsprung ist ein wesentlicher Faktor im Wettbewerb, und es sind Medien und Medien- Institutionen, die dafür sorgen, dass Informationen schnell fließen: Grundlage der Mediengesellschaft ebenso wie der Informationsgesellschaft, die zwei Seiten derselben Münze sind. Hans Magnus Enzensberger schreibt in seinem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ 1970: „Mit der Entwicklung der elektronischen Medien ist die Bewusstseins-Industrie zum Schrittmacher der sozio-ökonomischen Entwicklung spätindustrieller Gesellschaften geworden.“


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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