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Kaffeetratsch#

Die "Vienna Coffeehouse Conversations" bringen Wiener und Nicht-Wiener an einen Tisch#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 19. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Von

Solmaz Khorsand


  • Wie Political Correctness jede Debatte im Keim erstickt.

Kaffeehaus
Bei der Vorspeise noch Fremde, beim Dessert vielleicht schon Freunde.
© privat.

Wien. Der Wiener ist ein scheues Wesen. Es bedarf viel Geduld, sich in seine Lebenswelt einzuklinken. Behutsam muss man als Fremder hier vorgehen. Über Arbeitskollegen knüpft man zaghaft die ersten Kontakte, absolviert marathonähnliche Beisl-Besuche jeden Abend und hofft auf die Gnade verkuppelungswütiger Bekannter, die einem von einer Hausparty zur nächsten mitschleppen.

Dass es auch einfacher gehen muss, wollen Monika Kalcsics und Eugene Quinn beweisen. Jeden Monat lädt das Paar Wiener und Nicht-Wiener in ein Kaffeehaus zu den "Vienna Coffeehouse Conversations." Hier trifft Studentin auf Investmentbanker, Arbeiter auf Diplomat, Favoritner Urgestein auf transdanubischen Expat. Zwei Stunden lang sitzen sich die zwei Fremden dann gegenüber, verzehren in einem traditionellen Kaffeehaus gemeinsam österreichische Hausmannskost und arbeiten einen Fragenkatalog der besonderen Art ab: "Wogegen haben Sie als Kind rebelliert? Wo sind die Grenzen Ihres Mitgefühls? Wie wichtig ist Ihnen Geld? Was haben Sie in Ihrem Leben bereut?" Mit einem Ruck wird an alle jenen Schubladen gerüttelt, in denen man sein Gegenüber wähnte. Bei Gulasch und panierten Gemüse wird der gierige Investmentbanker plötzlich zu einem liebenden Großvater, die anarchistische Studentin zu einer Sammlerin teurer Vintage-Taschen und die lebensfrohe Australierin zu einer Witwe auf Selbstfindungstrip in Europa.

"Es ist interessant daraufzukommen, wie sehr wir alle in Parallelwelten leben", sagt Kalcsics. Die gebürtige Grazerin erinnert sich noch gut an ihr erstes Abendessen mit einem Fremden. Zwei Stunden lang ist sie, die globalisierungskritische Radiojournalistin, in London einem australischen Börsenmakler gegenübergesessen. "Am Ende des Gesprächs habe ich ihn nicht mehr gemocht, aber meine Vorurteile wurden zu Urteilen. Und das ist wichtig, dass ich ihn danach einfach respektiert, aber nicht seine Lebensanschauung geteilt habe", erklärt die 39-Jährige.

Die Leute sollen politisch inkorrekt sein#

So kann es passieren, dass man einem Freitagabend im Café am Heumarkt im 3. Bezirk einer alten Dame aus Hong Kong gegenübersitzt, die seit 40 Jahren in Australien lebt und zurzeit mit ihrer Tochter durch Europa reist. Bei der Vorspeise erfährt man von ihrem verstorbenen Gatten, mit dem sie, die ehrgeizige Informatikerin, viel zu wenig Zeit verbracht hat, bei der Hauptspeise, wie sehr sie sich über ihre chinesischen Landsleute und ihre Manieren in ihrer neuen Heimat ärgert, und beim Dessert tauscht man die E-Mail-Adressen.

Jeder kann an diesen Gesprächen teilnehmen, der bereit ist, zwischen 25 bis 50 Euro für ein dreigängiges Menü zu investieren, um die Lebenswelt eines Fremden in moderierter Atmosphäre zu erfassen. Das Konzept der Gespräche geht zurück auf eine Idee des britischen Historikers Theodore Zeldin, der das Format 2001 begründet hatte. Heute werden die Gespräche zwischen Touristen und Einheimischen geführt, bei Wirtschaftsgipfel, in Ministerien und in Gefängnissen veranstaltet. Das Ziel: erstarrte Standpunkte aufzuweichen.

Dass die Gespräche mitunter ungemütlich werden können, liegt in der Natur der Sache. Es geschehe viel zu selten, bemängelt Mitorganisator Eugene Quinn. Der gebürtige Londoner lebt seit vier Jahren in Wien. 2004 hat der Radioproduzent die eigenwilligen Tischgespräche das erste Mal in London initiiert. "Wir wollen, dass die Leute politisch inkorrekt sind. Es tötet jede gute Debatte, wenn die Menschen zu respektvoll sind und auf Zehenspitzen umeinander herumschleichen", sagt Quinn, "wenn Leute solche Dinge denken, sollten sie sie auch aussprechen." Schließlich würden sie das auch in ihrem Freundeskreis tun, warum also dann nicht öffentlich. "Die Leute sind viel zu sensibel, weil sie befürchten, dass sie jemanden beleidigen könnten", meint er.

Vor einem Jahr wurden die "Vienna Coffeehouse Conversations" erstmals von Kalcsics und Quinn und ihrer Kulturinitiative "space and place" in Wien veranstaltet. Damals hießen sie noch "Tischgespräche" und fanden in dem Meidlinger Gasthaus Goldmarie und im Wien Museum am Karlsplatz statt. Integration stand damals im Vordergrund. Gruppen aus allen Schichten wollte man sprichwörtlich an einen Tisch zusammenbringen.

"Es war viel selbstverständlicher für die gebildete Ö1-Hörerschaft und ,Falter‘-Leserschaft zu kommen. Es war schwierig, die jungen Mädls aus der türkischen Community oder die Migranten aus der Sahel-Zone herzubekommen", erzählt Kalcsics, "es war viel Arbeit, sie zu überzeugen, sich nicht zu fürchten." Im Herbst versuchen sie dieses Projekt am Tag des Respekts im Wiener Museumsquartier wieder kostenlos anzubieten, parallel zu den "Vienna Coffeehouse Conversations", die auf Englisch jeden Monat stattfinden.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 19. Juni 2013