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Afrikaner im Permafrost#

Bodenschätze in dünn besiedelten Provinzen und die Offenheit der Bewohner machen Kanada für Einwanderer interessant. Wer aber im kargen Norden überleben will, muss genügsam sein.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 31. Jänner/1. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Marc Tornow


Nordlicht und Eis: eine Impression aus dem Nordwesten Kanadas
Nordlicht und Eis: eine Impression aus dem Nordwesten Kanadas.
© Foto: Jason Pineau/All Canada Photos/Corbis

Das Sonnenlicht funkelt in einer Intensität, wie sie in Mitteleuropa unbekannt ist. Durch die geisterhaft knorrigen Äste der Krüppelkiefern glitzern die Strahlen. Die Gegend um die Stadt Yellowknife im Nordwesten Kanadas ist reich an Felsformationen, in deren Schoß sich unzählige Wasserlöcher gebildet haben - ein natürliches Spiegelkabinett.

"Mein Land ist im Arsch", sagt Ibrahim, als er den Wagen durch eben jene mystisch bezaubernden Weiten lenkt. "Die Kriegstreiber haben alles zerstört." Sein schwarzes Gesicht, das in einem handbestickten Bekleidungsstück aus Somalia steckt, zeigt Sorgenfalten. 2008 sei er aus dem ostafrikanischen Land nach Kanada ausgewandert, schicke seither alle Ersparnisse zurück in seine Heimat. "Meine Frau und zwei Kinder sind noch dort", sagt der Taxifahrer, der nun wie viele andere seiner Landsleute in der Provinz "Northwest Territories" und ihrer rund 20.000 Einwohner zählenden Hauptstadt als Chauffeur sein Glück gefunden hat.

Ausgerechnet in Yellowknife. In der verschlafenen Kapitale am Nordufer des Great Slave-Sees sind die Sommer kurz, die Winter lang und mit minus 40 Grad bitterkalt. Und auch sonst könnte der Kontrast zu von Kriegen verwüsteten Regionen auf der Südhalbkugel der Welt nicht größer sein.

Klima des Vertrauens#

"Hi - wir sind zum Fischen. Das Zimmer ist unten links", begrüßt Tiffany Gäste mit einer Notiz an der Eingangstür ihres "Bed & Breakfast" - und stellt gleich eine Platte frischgebackener Blaubeer-Muffins bereit. Nicht nur ihr Kühlschrank steht samt Inhalt offen, sondern auch alle Türen des schmucken Holzhauses am See. Ähnlich entspannt der Empfang beim örtlichen Mietwagenanbieter. Dessen Schalter hat beim Eintreffen schon geschlossen, doch im reservierten Auto steckten die Zündschlüssel, verrät eine Dame der telefonisch konsultierten Firma. "Wer sollte den Wagen schon stehlen?" fragt sie lachend.

Abends servieren Renata und ihre heftig tätowierten Freundinnen im "Bullock’s Bistro" Weißfisch mit handgemachten Pommes frites. Die Tische und Bänke sind über und über mit Graffiti verziert und aus den Lautsprechern dröhnt Heavy Metal-Musik. Adrett gekleidete Rentnerinnen genießen den Schmaus ebenso, wie unbeirrte Geschäftsleute im Maßanzug. Berührungsängste gibt es keine.

Das große Geld schlummert in den Diamantminen, die in den unendlich erscheinenden Weiten im Norden Kanadas liegen. Daneben versprechen Öl- und Gasvorkommen lohnende Perspektiven. Sie sind es, die Scharen von Fachleuten nach Yellowknife locken. Und da es kaum Straßen gibt, die Entfernungen aber immens sind, gibt es Dutzende Fluglinien. Sie bringen mit ihren kleinen Propeller- und Wasserflugzeugen die Arbeitskräfte genau dort hin, wo Profit zu machen ist.

Vom betriebsamen Flughafen starten außerdem die subventionierten Versorgungsflieger in die Arktis. In den entlegenen Gebieten nördlich des Polarkreises sind die wenigen Einwohner auf die Lieferungen aus dem Süden angewiesen. Die Airlines fliegen nur bei gutem Wetter. Selbst größere Düsenmaschinen landen dann wie in den Einsiedeleien Cambridge Bay, Dawson City oder Old Crow auf einer Sandpiste. Anstelle vieler Sitzreihen sind Paletten voller Lebensmittel, Haushaltswaren oder Chargen mit laut piepsenden Küken in der Kabine untergebracht. Und auch die wenigen lokalen Passagiere nutzen den Luxus einer viele Monatsgehälter verschlingenden Flugreise, um sich weiter südlich umfassend mit Bedarfsgütern einzudecken. Denn je weiter die Reise gen Norden führt, umso teurer wird alles.

Jagdmesser an Bord#

Klaglos nehmen die Damen vom Check-in gleich drei, vier Taschen pro Person entgegen. Dazu ganze Batterien mit Klopapier und Kisten voller Konservendosen. Alles darf auf diese, oft mehrstündigen Passagen mitgenommen werden. An der Sicherheitskontrolle für die Abflüge in die Großstädte Calgary und Vancouver stauen sich die Gäste. Wer in den Norden fliegt, wird nicht einmal abgetastet. "Versuch mal, mit einem Ureinwohner über die Abgabe seiner traditionellen Jagdmesser zu diskutieren", sagt Eddy, der ständig an Bord solcher Polarflüge sitzt. "Das klappt ebenso wenig, wie Getränkedosen zu verbieten", lacht der Arzt.

Als freiberuflicher Mediziner ist er für das kanadische Gesundheitssystem tätig, das eine versierte Versorgung aller Staatsbürger auch in den entlegenen Teilen des Landes gewährleisten will. Alle paar Wochen fliegt Familienvater Eddy in die eine oder andere Ortschaft hinter dem Polarkreis und bietet dort Termine in den lokalen Gesundheitsstationen an.

Die in die Jahre gekommene HS748 hat auf ihrem Flug ins ferne Inuvik unterdessen ihren zweiten Zwischenstopp erreicht: Old Crow. Die ersten Flugstunden führten über völlig unbewohntes Terrain. Eine Handvoll Gäste steigt zu, eine Handvoll Gäste geht von Bord. Darunter drei Burschen in den Zwanzigern - und mit ihnen wulstige Pakete in gelber Schutzhülle. "Das ist unsere Notausrüstung", sagen die jungen Männer, die von der staatlichen Feuerschutzstelle hierher beordert wurden. "Drei Monate sind wir in Old Crow stationiert. Wenn es in der Zeit irgendwo ein Feuer gibt, müssen wir es löschen oder dafür sorgen, dass keine Gefahr für die Menschen daraus wird."

Ihre Notausrüstung passt genau auf den Rücken, summiert sich auf 20 Kilogramm pro Person und umfasst Äxte, Ruten, Decken und Erste-Hilfe-Koffer, die bei Feuersbrünsten gebraucht werden könnten. Während die Feuerwehrmänner ihren Posten zum Schutz der empfindlichen Flora beziehen, hilft Flugkapitän Brian den beiden Propellerturbinen mit dem Einspritzen eines Wasser-Ethanol-Gemisches auf die Sprünge. Das erhöht die Drehzahl und hebt das Flugzeug schließlich von der schmalen Sandpiste - auf die letzte Etappe nach Inuvik.

Die größte Siedlung im Umkreis von hunderten Kilometern hat etwas Surreales. Die Straßen sind zwar ordentlich geteert, es gibt Supermärkte, Hotels sowie reihenweise Wohnblöcke mit Satellitenschüsseln. Die Natur macht vor dem 3300 Einwohner zählenden Inuvik im Mündungsdelta des Mackenzie-Flusses indes nicht Halt. Knöchelhoch weht Sand entlang der Rinnsteine und immer wieder tauchen Grizzlybären auf, um im Unrat nach Nahrung zu suchen. Vor den Toren des Ortes erstrecken sich prachtvolle Waldgebiete und auch die verzweigten Arme des Mackenzie sind für Außenstehende ein Idyll.

Soziale Probleme#

Doch durch Inuvik geht ein sozialer Riss. In der Stadt - 1953 von der Regierung angelegt - leben viele Familien der Gwich’in und Inuvialuit, die von ihrer angestammten Heimat Aklavik hierher umgesiedelt wurden. Aklavik liegt mitten im Mackenzie und dessen unberechenbare Fluten machen ihn lebensfeindlich. Da lag es nahe, diese Menschen ins höher gelegene Inuvik zu bringen. Hier bieten sich zwar soziale Leistungen wie die ärztliche Hilfe durch Doktoren wie Eddy an, es gibt Schulen und Sporteinrichtungen. Doch Kultur und Eigenständigkeit sind in dieser Retortenstadt offener Perspektivlosigkeit gewichen. Schon früh am Morgen torkeln betrunkene Frauen und Männer durch die Hauptstraße. Die Ureinwohner grölen Neuankömmlingen Abschätzigkeiten und Bettelbitten hinterher.

Im 130 Kilometer weiter nördlich gelegenen Ort Tuktoyaktuk führt Barry, ein junger Inuvialuit, die Besucher herum und gibt Einblicke in die Kultur seiner Volksgruppe. Am traditionellen Lebensrhythmus hat sich für die Bewohner der Arktis auch mit dem Einzug von Elektrizität und motorisierter Schlitten wenig geändert. Jagd und Fischfang werden als Kulturgut von der Regierung gebilligt.

Selbst im hohen Norden siedeln Zuwanderer aus dem Ausland - etwa Achmet, der sudanesische Taxifahrer von Inuvik. Dass sich ein muslimischer Afrikaner in den entbehrungsreichen Weiten des Permafrostes heimisch fühlen kann, versteht wohl nur, wer die individuellen Hintergründe von Migranten und ihre Chancenlosigkeit kennt. Mutete nicht auch der Zuzug von Europäern in den Norden Amerikas im 19. Jahrhundert exotisch an? Vor allem Briten, aber auch Franzosen und Skandinavier kamen - getrieben von der Jagd nach Gold, Pelzen und Walfischen.

Das kanadische Bevölkerungs-Mosaik wird zumindest durch die heute jährlich 250.000 Zuwanderer immer vielfältiger. Die Bewerber werden von einem Punktesystem erfasst, das ihre Kenntnisse und Fähigkeiten beurteilt. Wer einen Arbeitsplatz vorweisen kann und niedergelassen ist, erhält nach drei Jahren Bürgerrechte.

Kanada als Einwanderungsland - das ist Teil der nationalen Identität, wie auch die Mitsprache der Ureinwohner bei bedeutenden Entscheidungen, etwa der Ausbeutung von Bodenschätzen. Die sogenannten "First Nations" - die indigenen Bevölkerungsgruppen - haben sich in einem Rat zusammengeschlossen und stehen der Regierung in Ottawa zur Seite.

Das urbane Gegenbild#

Freiheiten wie diese reichen vielen französischsprachigen Kanadiern im Osten nicht. Die rund acht Millionen Einwohner der "Belle Province" Québec hadern mit dem Rest des Landes. In den Altstadtgassen der Ville de Québec ist die französische Trikolore häufiger zu sehen als das rot-weiße Ahorn-Banner Kanadas. Die Taxifahrer heißen dort Jacques oder Pascal, tragen weiße Hemden mit goldenen Manschettenknöpfen und fahren Renault oder Peugeot. 1980 und 1995 scheiterten Referenden zur Unabhängigkeit der Provinz und im April letzten Jahres ging ein Urnengang zuungunsten der Hardliner aus.

Doch der Wankelmut der Québécois begünstigt weiteres Wachstum für Toronto. Kanadas größte Stadt liegt nur 50 Flugminuten von Montreal entfernt und generiert allein etwa 16 Prozent des jährlichen Bruttosozialproduktes.

Obwohl das Licht in Montreal ähnlich magische Momente in den Himmel zaubert wie an den Seen Yellowknifes, sind die wirtschaftlichen Perspektiven in Québecs wichtigster Metropole weniger glänzend. Befeuert vom immer wieder keimenden Unabhängigkeitsstreben zögern Investoren. "Wir ziehen fort", sagt Bauingenieur Dick. "In Québec kommt man nur mit Französisch weiter."

Marc Tornow, geb. 1972, lebt als Journalist in Hamburg und arbeitet für Zeitungen und die deutsche auswärtige Kulturarbeit.

Wiener Zeitung, Sa./So., 31. Jänner/1. Februar 2015