unbekannter Gast
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Wie soll man Fremden begegnen? #

Ethische Fragen angesichts sozialer Not waren auch in der mittelalterlichen Gesellschaft drängend. Über den alten Brauch der Gastfreundschaft. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 22. September 2016).

Von

Christian Jostmann


biblisches Wandgemälde in de Basilika San Vitale in Ravenna
Welterbe. Die Basilika San Vitale in Ravenna, 548 von Erzbischof Maximian geweiht, zählt zu den wichtigsten frühchristlichen Bauten und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Dort erzählt ein biblisches Wandgemälde von der Gastfreundschaft (links).

Anno 793 herrschte im Frankenreich Hungersnot. Anhaltende Regenfälle hatten in weiten Landstrichen die Ernten ruiniert, die schon in den Vorjahren mager ausgefallen waren. Die Menschen litten große Not, viele starben, manche überlebten nur, indem sie Recht und Moral über den Haufen warfen. Sogar von Kannibalismus berichten die fränkischen Reichsannalen: „Der Hunger aber war derart, dass er Menschen dazu zwang, andere Menschen zu essen, Brüder ihre Brüder und Mütter ihre Kinder ...“

Andere wiederum verließen auf der Suche nach Nahrung ihre Behausungen. Zum Kloster Aniane, dreißig Kilometer nördlich von Montpellier, zogen in jenem Jahr zahllose Arme, Witwen und Waisen. Pforte und Wege waren verstopft von Hilfesuchenden, denen der Hunger ins Gesicht geschrieben stand. Der Abt, Benedikt, war anfangs ratlos, wie er diese Menschenmenge ernähren sollte. Schließlich ordnete er an, von den Vorräten des Klosters so viel beiseite zu legen, wie die Mönche bis zur nächsten Ernte brauchen würden. Das Übrige ließ er Tag für Tag an die Bedürftigen verschenken. Die kampierten bis auf Weiteres in der Nähe des Klosters. Aber die bereitgestellten Lebensmittel reichten hinten und vorne nicht, so dass Abt Benedikt noch dreimal die Klostervorräte angreifen musste. Auch teilten etliche Mönche ihr eigenes Essen heimlich mit den Hungernden. Dennoch kamen sie in diesem Jahr kaum über die Runden und mancher wurde tot aufgefunden, noch einen Bissen Brot im Mund …

Zuflucht im Kloster #

Geschichten wie diese, die in der Vita des Benedikt von Aniane erzählt wird, haben sich während des gesamten Mittelalters immer wieder ereignet. Wenn der Hunger kam, und er war in jenen Zeiten kein seltener Gast, gingen die Menschen fort. Ganze Dorfgemeinschaften machten sich auf den Weg und zogen auf der Suche nach Essbarem durch die Lande. Wer konnte, nahm am Sitz eines Bischofs oder dessen Fronhof Zuflucht. Vor allem aber wandten sich Notleidende an die Klöster, deren Chroniken voll von entsprechenden Vermerken sind, beispielsweise für das Jahr 1044 in der Abtei Gembloux im heutigen Belgien, in Zwiefalten auf der Schwäbischen Alb anno 1098 oder auch im norddeutschen Riddagshausen, wo im Krisenjahr 1316 von der Fastenbis zur Erntezeit täglich 400 Arme gespeist wurden. Doch nicht immer reichten die Vorräte für so viele Esser, dann mussten die Mönche aus weniger betroffenen Regionen Getreide zukaufen. Mitunter wurden dafür große Summen aufgewandt, und wenn die Kassa leer war, wurde Land oder gar der Kirchenschatz verpfändet, so geschehen 1147 in Augsburg, 1226 in Petershausen am Bodensee oder 1282 im böhmischen Sedlec.

Der Gast als Ebenbild Christi #

Allerdings waren nicht alle Klöster so freigiebig. Viele konnten in Notzeiten nicht einmal ihre Bewohner und Hörigen ernähren, die sich folglich in die Scharen der übers Land Ziehenden einreihten. Manche Äbte, wie Adelard im flandrischen Sint-Truiden kurz nach der Jahrtausendwende, gaben, um das Kloster intakt zu halten, nur ihren Leuten zu essen und wiesen Fremde, die an der Pforte bettelten, ab mit der Begründung, sie sollten gefälligst ihre eigenen Patrone um Hilfe bitten.

Das war nun freilich gegen die Regel. Die Regel des Benedikt von Nursia, die den westeuropäischen Mönchsorden bis zu den Zisterziensern als Grundgesetz dient, erklärt den Fremden, den hospes, zum Ebenbild Christi, werde dieser doch einst im Gericht sagen: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ Daher sollen die Mönche gemäß der Benediktsregel allen Fremden, die an ihrer Pforte um Einlass bitten, Ehre erweisen, allen voran aber den Armen, denn die Reichen würden wegen der Furcht, die sie einflößen, zwangsläufig geehrt. Die Regel schreibt vor, dass Abt und Konvent ihren Gästen entgegenziehen, ihnen den Friedenskuss bieten und mit ihnen beten. Auf Fußwaschung und geistliche Lesung folgt ein gemeinsames Mahl, an dem in Fastenzeiten allerdings nur der Abt teilnimmt.

Benedikt verband in seiner Regel den uralten, schon in vorgeschichtlichen Zeiten gelebten Brauch der Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber mit dem christlichen Liebesgebot zu einem hohen Ideal, dessen Verwirklichung seinen Nachfolgern viel abverlangte. Im Maße, wie Bevölkerung und Verkehr während des Mittelalters zunahmen, wurde es für die Mönche schwieriger, jeden Gast und jeden Armen der Regel entsprechend zu empfangen. Hinzu kam, dass andere Instanzen, etwa der König oder die Städte, nur selten imstande waren, eine wirksame Notstandspolitik zu betreiben, und die Klöster daher oft als einzige Adresse übrig blieben, von der Notleidende sich Rettung erhoffen konnten. In allgemeinen Krisenzeiten stieß dieses System zwangsläufig schnell an Grenzen.

Das Streben der Mönche, Regel und Realität in Einklang zu bringen, schlug sich nicht nur in der Praxis, sondern auch in theoretischen Reflexionen nieder. Wo Benedikt gefordert hatte, alle Gäste seien aufzunehmen, legte Hildemar von Corbie, der um die Mitte des 9. Jahrhunderts einen Kommentar zur Benediktsregel verfasste, das so aus: alle Fremden, die das Kloster eben beherbergen könne. Zur Zeit des Ordensgründers seien es „vielleicht nicht so viele Gäste“ gewesen, räsonierte Hildemar und gab den verzweifelten Ausruf eines anderen Abtes wieder: „Bei Gott, wenn Benedikt jetzt da wäre, hätte er angeordnet, ihnen die Tür zu versperren!“

Ein oft gewählter Ausweg aus dem Dilemma war die Praxis, stellvertretend für alle eine symbolische Zahl von zwölf oder 18 Armen aufzunehmen. Deren Empfang wurde zudem vereinfacht und dem Pförtner übertragen, während der Abt sich nur um die höherrangigen Gäste persönlich kümmerte, denen selbstverständlich auch bessere Speisen und bequemere Unterkünfte vorbehalten waren. Hier spiegelte sich die Feudalgesellschaft wider, die ja auch die Lebensgrundlage der mittelalterlichen Klöster bildete. Sie waren eben nicht bloß Teil der herrschenden Ordnung, sondern standen an deren Spitze, was sich zumeist auch in ihren materiellen Verhältnissen ausdrückte. Die wiederum bildeten die Voraussetzung dafür, dass die Klöster in Notzeiten überhaupt als Zufluchtsorte dienen konnten.

Helfen (auch) aus ökonomischen Gründen #

Zugleich aber kann man das mittelalterliche Kloster mit Max Weber als einen frühen Ort der Moderne verstehen, dessen ökonomischer Erfolg nicht nur auf seiner Position im feudalen Herrschaftsgefüge beruhte, sondern auch auf einem – aus heutiger Sicht – zukunftsweisenden Ethos, das menschliche Arbeit wertschätzte und sie nach rationalen Prinzipien organisierte. Klösterliche wie kirchliche Grundherrschaften waren in der Regel besser verwaltet und profitabler als ihre weltlichen Pendants. Dazu trug auch ein vorausschauender, heute würde man vielleicht sagen: nachhaltiger Umgang mit den Arbeitskräften bei, von denen ja der Wohlstand der Mönche abhing. So war es nicht unbedingt reine Gesinnungsethik, verarmte Bauern in der Not durchzufüttern. Nach biblischer Weisheit folgen bekanntlich auf magere irgendwann bessere Jahre, und dann würde man wieder Menschen brauchen, die die Felder bestellen. Einzelne Äbte legten in Notzeiten sogar regelrechte Arbeitsbeschaffungsprogramme auf. So ließ Reginhard von Lüttich im Jahr 1031 während einer Hungersnot die Armen, die sich schämten zu betteln, eine Brücke über die Maas bauen.

Das Mittelalter mit seiner Feudalordnung und seinen Krisen scheint lange vergangen zu sein. Und dennoch entdecken wir bei einem tieferen Blick in seine Geschichte oft Züge, die in überraschender Weise an unsere heutige Welt erinnern: Es erscheint uns fremd und zugleich seltsam verwandt, so nah und doch so fern – ein „ferner Spiegel“ eben, wie die große amerikanische Geschichtserzählerin Barbara Tuchman das Mittelalter genannt hat. Die Spannung zwischen Regel und Realität, zwischen Ethos und Norm auf der einen, Welt und Wirklichkeit auf der anderen Seite, mit der auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns abmühen, ist jedenfalls nichts gänzlich Neues.

DIE FURCHE, Donnerstag, 22. September 2016