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Schmutzige Gesellschaft #

Mit dem Schmutz haben wir täglich zu tun - aber es gilt für ihn, was schon über die Pornografie gesagt wurde: Man kann es nicht definieren, aber man weiß, was es ist, wenn man es sieht. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 21. März 2013).

Von

Manfred Prisching


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Relativiert. In der luxuriösen Welt haben wir ein hohes Maß an Sensibilisierung gegen jenen Schmutz entwickelt, den wir in den Slums der Dritten Welt als allgegenwärtiges Phänomen sehen. Aber auch die eigene Vergangenheit war schmutzig.
© Die Furche

Natürlich gibt es gelehrte Schriften, in denen man die Bedeutung des Wortes „Schmutz“ nachschlagen kann, etwa im Grimmschen Wörterbuch. Demzufolge handelt es sich um eine fette oder klebrige Masse, um Kot oder Dreck; um eine schmierige Unreinigkeit. Aber jenseits der Darlegungen der gelehrten Brüder, in der heutigen Welt, ist es auch der Staubschleier auf der Kommode, sichtbar gemacht durch den vorwurfsvoll darüberwischenden Finger. Es sind die eingetrockneten Regentropfen auf dem Fensterglas. Die auf der Straßenbahnhaltestelle vor der Pädagogischen Hochschule, ausgerechnet, in Mengen verstreuten Zigarettenstummel.

Abfall ist Schmutz, aber nur teilweise – der meiste Abfall ist gar kein Schmutz. Es sind überschüssige Lebensmittel, alte Fernseher, unmodische Schuhe. Mit einem Vorgriff auf das nachhaltige Zeitalter gesagt: Abfall ist Wertstoff am falschen Platz. Denn der schmutzige Abfall soll zu einem sauberen Rohstoff verarbeitet werden. Und die schmutzige soll zur sauberen Energie werden. Darauf warten wir.

Stinkende Körper und Städte #

In der luxuriösen Welt haben wir ein hohes Maß an Sensibilisierung gegen jenen Schmutz entwickelt, den wir in den Slums der Dritten Welt als allgegenwärtiges Phänomen sehen. Aber auch die eigene Vergangenheit war ziemlich schmutzig, bis vor wenigen Jahrzehnten. Unvorstellbar, wie alle Körper, auch jene der Könige, seinerzeit gestunken haben müssen. Oder noch die Städte des 19. Jahrhunderts: Exkremente, Essensreste, Pferdekot, Ausdünstungen.

Heute herrscht Angst vor dem Dreck: ein „verfeinertes“ Verhältnis zur Körperlichkeit, sagt Norbert Elias; man darf nicht mehr riechen, da darf kein Schweiß sein, nur noch die Düfte der Deodorants sind zugelassen. Schon landen wir, nur einen kleinen Schritt weiter, bei den übertriebenen Hygienestandards einer Welt auf Lysoform-Niveau; mit der Folge, dass die Allergieprobleme der Kinder gravierend steigen. Da unsere Immunabwehr auf eine schmutzige Welt eingestellt ist, macht uns Schmutz lebensfähig, sorgt für die Fitness des Immunsystems. Schmutz ist gesund. Und Schmutzfurcht ist, Alexander Mitscherlich zufolge, ohnehin Ausdruck einer Beziehungsstörung. Damit befinden wir uns schon im Bereich des unsichtbaren Schmutzes, bei der Verunreinigung durch Bakterien und Viren. Jared Diamond hat die Gewöhnung einer europäischen Bevölkerung, die sich der Viehzucht zugewandt hatte, an den Dreck beschrieben, den Aufbau ihrer Immunisierung durch das Zusammenleben mit dem Vieh; und als die Europäer in die Neue Welt zogen, mussten sie gar nicht so viele Einheimische umbringen, weil die meisten an den fremdartigen Krankheitserregern starben – die dortigen Jäger und Sammler haben einfach zu sauber gelebt und keine Resistenz entwickelt.

Man sieht: Mit Schmutz kann man sogar die Welt erobern. Das waren freilich noch die üblichen Bazillen, nicht die multiresistenten Krankheitserreger, an denen zu erkranken man bei jedem Spitalsaufenthalt gute Chancen hat. Schließlich sterben an diesem Krankenhausschmutz in Europa mehr als 50.000 Menschen pro Jahr.

In Spannung zur Allgegenwärtigkeit des Schmutzes stand immer der Gedanke der Reinheit. Sigmund Freud sagt uns, dass gegenüber dem eigenen Schmutz, dem Kot, erst Ekel aufgebaut werden muss. (Dafür kehrt das Verdrängte auf andere Weise, wenigstens in sprachlicher Form, wieder: diese Sch…-Politik, dieses Sch…-Lokal.) Reinheit bedeutet auch Tugendhaftigkeit, Unschuld, Keuschheit. Reinheitsvorstellungen waren schon in der ältesten Zeit oft mit Sexualität verknüpft – die Vestalinnen sind rein, das älteste Gewerbe der Welt ist „schmutzig“. Einschlägige Verklemmtheiten gibt es noch in der katholischen Kirche. Früher einmal hätte man pornografische als „schmutzige Bilder“ bezeichnet, den Begriff verwendet man nicht einmal mehr für die selbstproduzierten Nacktbilder der Schülerinnen.

Putzkübel
© Die Furche

Die Bewertung von „Schmutz und Schund“ ist aus dem Publikationsjargon verschwunden, da man die Zuweisung eines Schund-Status bloß als elitären Hochmut einstuft. „Schmutzige Gedanken“ braucht man nicht mehr zu hegen, wenn alles visualisiert im Internet verfügbar ist. Die Geschlechterauseinandersetzung wird eher darüber ausgetragen, wer die „schmutzige Wäsche“ wäscht – oder ein wenig später, in einer „schmutzigen Scheidung“, die vornehmer auch als „Rosenkrieg“ bezeichnet wird. Wenn es überhaupt so weit kommt, in einer Gesellschaft, die (bei aller partiellen Liberalität) schon jeden Flirt als schmutzige Anmache zu verstehen tendiert.

Der Schmutz an sich ist eher ins Immaterielle abgewandert: Die „innerliche“ Verschmutzung wollen wir loswerden, deshalb sollen wir im Frühling Kräuter essen und Zaubertränke schlucken, um eine nach den Wintermonaten erforderliche „Entschlackung“ des Körpers herbeizuführen. Ein bisschen schmutzig, gerade deshalb auch reizvoll, war das Mondäne ja immer, aber selbst das Rauchen ist zur verschmutzenden, gesundheitsgefährdenden Handlung umdefiniert geworden.

Mit der Entschlackung des Geistes, mit der geistigen Hygiene, haben wir es ohnehin weniger als mit jener des Körpers, auch im Wellness-Urlaub. Denn in einer durchkommunizierten Gesellschaft gibt es auch eine akustische Umweltverschmutzung, zu der hartnäckige Handy-Telefonierer in Bus und Bahn tatkräftig- geschwätzig beitragen, und eine visuelle Umweltverschmutzung, durch die allgegenwärtige Werbung, die Plakate, die Screens. Die qualitative Degenerierung aller elektronischen Kanäle, die sich mit „Informationsschrott“ anfüllen, kommt hinzu.

Gewisse Verschmutzungskategorien werden als Befreiung gepriesen. Die Spraykultur, bei der es sich um das farbintensive Wändebeschmieren handelt, bietet selten ästhetische Qualität. Meist handelt es sich dabei um bloße Schmierereien, um eine in Anspruchshaltung, mit Progressivgestus und Selbstüberschätzung vollzogene Beschmutzung, als Gag und Mutprobe. Der Beschmutzungsanspruch tritt öfter auf: etwa bei der Überheblichkeit der Kids, die am Schulhof ihr Jausenpapier fallen lassen und auf Vorhaltungen entgegnen, die Putzfrau sei ja schließlich dazu da, den anfallenden Dreck wegzuräumen.

Geld „veredelt“ das Schmutzige #

Die metaphorische Bedeutung des Schmutzes, die auch schon im Grimmschen Wörterbuch zu finden ist, verweist auf Unsittliches und Unanständiges in Äußerungen und Handlungen. Aber die „schmutzigen Hände“ haben mittlerweile eine semantische Aufwertung erfahren: Wenn eine schmutzige Hand die andere wäscht, dann nennt man das heutzutage „Netzwerk“. Man lernt „networking“ in den Managerseminaren.

Früher war das Heilige rein, jetzt ist es die „reine Vernunft“, die in manchen Kontexten als reine Geldgier aufgefasst wird. Wenn Geld im Spiel ist, wird das Schmutzige gerne „veredelt“. Wenn Schweinereien auffliegen, dann wird allerdings in aller Öffentlichkeit die „schmutzige Wäsche“ gewaschen, das heißt, die eine oder andere Person muss geopfert werden, zur „Reinwaschung“ der übrigen, in der Hoffnung, dass es so weitergehen kann. Die Informationen können aber auch in eine „Schmutzkübel-Kampagne“ einfließen, für welche die Wählerschaft anfällig ist. Populisten glauben zu wissen, dass ohnehin die ganze Politik ein „schmutziges Geschäft“ ist – jedenfalls solange sie nicht selbst in die Kasse greifen dürfen.

Aber auch jenseits der persönlichen Bereicherung ist es fast nicht machbar, Politik zu betreiben, ohne sich irgendwo die Hände schmutzig zu machen – von Pilatus bis Obama nennt man das Staatsraison. Schmutz, den man wegdefiniert, ist kein Schmutz mehr. Das wird aber beim Frühjahrsputz nicht helfen.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz.

DIE FURCHE, 21. März 2013