unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Das schmutzigste Geschäft#

Am 8. Februar 1815 wurde auf dem Wiener Kongress der Sklavenhandel abgeschafft - die Sklaverei existierte weiter.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 5. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Afrikaner wurden verschleppt und in die Sklaverei verkauft
Afrikaner wurden verschleppt und in die Sklaverei verkauft.
© Sammlung Rauch / Interfoto / picturedesk.com

Dass Klemens Wenzel Lothar von Metternich, Außenminister der Habsburgermonarchie, an jenem 8. Februar vor 200 Jahren vor die auf dem Wiener Kongress versammelten Staatsmänner trat und verkündete, es sei ein kleiner Schritt für die Menschheit gewesen, aber ein großer für die Menschlichkeit, ist nicht einmal eine Legende. Es wurde ad hoc erfunden. Aber er hätte es sagen können. Denn mit dem von Großbritannien betriebenen Übereinkommen der europäischen Großmächte, den Sklavenhandel abzuschaffen, wurde das Ende eines der ältesten und unmenschlichsten Geschäftszweige der Geschichte eingeleitet.

Obwohl - ganz so schnell, wie es den Briten lieb gewesen wäre, ging es nicht. Das Übereinkommen verzichtete auf ein konkretes Datum. Und wenn auch die europäischen Großmächte auf Sklaven in Europa verzichteten, so war es eine ganz andere Frage, wie sie es in den Kolonien handhabten. Frankreich etwa gab die Sklaverei auf Martinique erst 1848 auf. Die USA, die am rein europäisch ausgerichteten Wiener Kongress nicht teilnahmen, hatten den Sklavenhandel 1808 verboten, nicht aber die Sklaverei. Mithilfe juristischer Tricks und illegaler Unternehmungen florierte der Sklavenhandel in der Neuen Welt, bis, ja: Literatur vermag viel, Harriet Beecher Stowes Roman "Uncle Tom’s Cabin" ("Onkel Toms Hütte") 1852 ein Umdenken einleitete und die militärische Niederlage der Konföderation im Sezessionskrieg (1865) der Sklaverei selbst ein Ende bereitete.

"Schwarzes Gold"#

Das europäische Land, das vom grausamen Geschäft mit Menschen am meisten profitierte, war Schweden. Die von 1785 bis 1877 schwedische (davor und danach französische) Antillen-Insel Saint-Barthélemy fungierte mit ihrem zollfreien Hafen als eines der Zentren des karibischen Sklavenhandels. "Schwarzes Gold" nennt man die aus Afrika verschleppten Menschen. Tausende kommen auf den Schiffen um, aber es bleiben immer noch genug übrig, um den Händlern die Taschen zu füllen. Auf dem Sklavenmarkt in Lissabon klingeln die Goldstücke - und nicht nur dort.

1807 hatten die Briten den Sklavenhandel (nicht die Sklaverei) verboten. Viele Staaten folgten dem britischen Vorbild, so auch Schweden im Jahr 1813. Doch auch Schweden verbot nur den Handel mit Sklaven, die Sklaverei selbst (inklusive allen juristischen Knowhows zu derer Aufrechterhaltung) blieb bis 9. Oktober 1847 erlaubt. Österreich kann diesbezüglich auf eine tricklose Vorreiterrolle stolz sein: 1782 wurde in allen Ländern der Habsburger-Monarchie jegliche Form der Leibeigenschaft aufgehoben.

Und diese Leibeigenschaft ist es, über die sich Sklaverei rein lexikalisch definiert, egal, ob es nun das Internet-Lexikon Wikipedia ist ("Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen als Eigentum anderer behandelt werden") oder Brockhaus‘ Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1898 ("die Stufe menschlicher Dienst- und Abhängigkeitsverhältnisse, auf der bei voller Einbuße der persönlichen Freiheit ein Mensch zur Sache und damit zum Eigentum eines andern wird, das beliebig veräußert werden kann"). Jene inferioren Arbeitsbedingungen, unter denen speziell in Teilen Asiens die Billigtextilien für den westlichen Markt hergestellt werden, sind der Definition nach keine Sklaverei, obwohl sie von Menschen der westlichen Welt, die wenig dabei finden, solche Produkte zu tragen, immer wieder so bezeichnet werden.

Nicht nur die genaue Definition des Wortes hat ihre Tücken, auch die Herleitung ist ungesichert: Ob das griechische Wort "skyleúo" ("Kriegsbeute machen") dahintersteckt oder das lateinische "sclavus" für jene Völker, die man heute als "Slawen" bezeichnet, ist fraglich. Auch der arabische Begriff "Saqaliba" bezieht sich auf hellhäutige Völker, vor allem Slawen, die von den Arabern versklavt wurden.

Sklaven in der Antike#

Wenn der alte Brockhaus darüber hinaus schreibt: "Die Sklaverei ist so alt wie der Ackerbau", hat er mit dieser betrüblichen Feststellung wohl recht. Zweifellos kam irgendwann ein Ackerbaubetreibender auf die Idee, das mühsame Werk von jemand anderem verrichten zu lassen, nach Möglichkeit ohne Vergütung und nach Maßgabe der eigenen Vorstellung. Vielleicht fanden sich Schuldner unter den ersten Sklaven, die ihre Schuld nur mit dem eigenen Körper begleichen konnten. Zweifellos waren auch Gefangene darunter. Zumindest aus späterer Zeit gibt es eindeutige Zeugnisse für Kriegsgefangene, die in die Sklaverei verkauft wurden. Der Formulierung des amerikanischen Historikers Ira Berlin folgend, hatten nahezu sämtliche antiken Gesellschaften Sklaven, waren aber, anders als die amerikanischen Südstaaten, keine Sklavengesellschaften, also Gesellschaften, in denen zentrale Produktionsprozesse auf der Sklaverei beruhen und die Beziehung Herr-Sklave als Modell auf die gesamte Gesellschaft Anwendung findet.

Für die Antike argumentiert der griechische Politiker und Philosoph Xenophon das Recht auf Sklaven: "Denn es ist ein ewiges Gesetz in der ganzen Welt: wenn eine feindliche Stadt erobert wird, so ist die Person und die Habe der Einwohner Eigentum der Eroberer." Der griechische Philosoph Aristoteles definiert, der Sklave sei "von Natur aus" ein Besitzstück. Die Rechtsstellung hing vom jeweiligen Stadtstaat ab, entsprach im Wesentlichen dem Recht eines Besitzers auf die Unbeschädigtheit seines Besitzes. Die Verletzung des Sklaven war also die Schädigung seines Besitzers.

Im Rom der Antike wird es weitestgehend ebenso gehandhabt - Sklaven können allerdings wichtige Funktionen bekleiden, etwa als Hauslehrer, und sie können sich freikaufen. Nichtsdestoweniger behauptet der römische Redner und Philosoph Cicero, Juden und Syrer seien "Menschen, die zu Sklaven geboren wurden" und meint, einigen Völkern tue es gut, wenn sie sich in einem Zustand totaler Unterwerfung befänden.

Die Ansichten von Aristoteles und Cicero wirken sich auf das Christentum aus: Das Alte Testament erlaubt Sklaverei, nicht aber die willkürliche Tötung eines Sklaven. Aus dem Neuen Testament lässt sich ableiten, dass die Sklaverei Teil der göttlichen Ordnung sei. In Kombination mit den Theorien der Griechen und Römer ergibt sich daraus die mühelose Akzeptanz der Sklaverei. Nicht einmal eine moralische Verbiegung ist notwendig. Im 15. Jahrhundert erlaubt Papst Nikolaus V. ausdrücklich in seinen Bullen "Dum Diversas" und "Romanus Pontifex" den Christen, Menschen zu versklaven, wenn es sich um "Sarazenen", "Heiden" und "andere Feinde des Christentums" handelt.

Vice versa versklaven muslimische Gesellschaften Nicht-Muslime. Während die zunehmende Distanz zur Sklaverei in Europa mit der Aufklärung Hand in Hand geht, hält sich in der nicht aufgeklärten muslimischen Welt die Sklaverei bis heute. So schätzt der algerisch-französische Anthropologe Malek Chebel in seinem Buch "L’Esclavage en Terre d’Islam" (2007), dass in der islamischen Welt 21 bis 22 Millionen Menschen in einer im engen Sinn als Sklaverei definierbaren Leibeigenschaft leben.

Wankelmütige Aufklärer#

Ganz aufgeräumt mit der Sklaverei hat aber auch die europäische Aufklärung nicht von Anfang an: Voltaire, immerhin einer ihrer Bannerträger, investierte in den Sklavenhandel, Diderot, Montesquieu und Rousseau billigten die Sklaverei in den Kolonien. Lediglich der Marquis de La Fayette war eine rühmliche Ausnahme. Der "Code noir" aus dem Jahr 1685, in dem Ludwig XIV. das Los weitestgehender Rechtlosigkeit der Schwarzen in den Kolonien geregelt hatte, galt bis 1848.

Die wohl zynischste Aussage über Sklaverei stammt indessen vom US-amerikanischen Sozialtheoretiker George Fitzhugh (1806-1881), der in seinem Buch "Sociology of the South, or the Failure of Free Society" noch 1854 schrieb: "Einige Menschen sind mit einem Sattel auf dem Rücken geboren, und andere sind gestiefelt und gespornt, um diese zu reiten. Und es tut ihnen gut!"

Einer, der ritt, war George Washington, Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee im Unabhängigkeitskrieg und einer der Gründerväter der USA. 10 Sklaven erbte er, während seines Lebens vergrößerte der Gegner der Sklaverei seinen eigenen Bestand an Sklaven auf 390. Freud hätte seine Freud‘ gehabt angesichts solcher Schizophrenie. Das hätte zum Wien-Klischee gepasst. Aber auf die Großtat im Sinn der Menschlichkeit kann man ohnedies viel eher stolz sein.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 5. Februar 2015