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Ein Stück tschechischer Heimat#

Tschechische Exilanten fanden sich Ende der 80er Jahre im Wiener Nachtasyl ein#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 1. Februar 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernd Vasari


Nach seinem ersten Staatsbesuch ging Vaclav Havel ins Nachtasyl.#

Jiri Chmel
Nachtasyl-Gründer Jiri Chmel geht bald in Pension, aber Pensionist will er keiner werden.
© Jenis

Wien. "Nachdem ich 18 Monate im Gefängnis gesessen bin und danach zwei Jahre lang Probleme hatte, Arbeit zu finden, musste ich fahren", erinnert sich Jiri Chmel, Gründer des Kellerlokals "Nachtasyl" in Wien-Mariahilf. "Wäre ich nicht ausgereist, hätte ich weitere drei bis fünf Jahre sitzen müssen." Das gehe auch aus seinem Stasi-Akt hervor, den er unlängst erstmals zu Gesicht bekam, betont er.

Chmel war einer jener tschechischen Aktivisten, die 1977 die "Charta 77" unterschreiben, eine Petition gegen die Menschenrechtsverletzungen des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei. Verfolgungen und Repressalien der damaligen Regierung waren die Folge. Mit der "Staatssicherheitsaktion Asanace" (tschechisch: Sanieren) sollte die Bewegung der Aktivisten zerschlagen werden, man steckte sie ins Gefängnis und versuchte sie zur Ausreise zu zwingen. Bruno Kreisky garantierte den Aktivisten Asyl in Österreich, woraufhin etwa 400 Personen die Tschechoslowakei Richtung Wien verließen. Wie die meisten Exilanten wollte auch er weiter nach Übersee, doch er blieb wegen seiner Familie und arbeitete die ersten vier Jahre als Werkzeugmacher in einer kleinen Firma.

Täglich 200 Besucher#

Danach eröffnete er 1987 das "Nachtasyl" als Ort für Redaktionssitzungen der Exil-Zeitung "Paternoster" und vor allem als Treffpunkt für die tschechische Diaspora. 80 Prozent der Besucher waren Tschechen, der restliche Anteil verteilte sich auf Slowaken und Österreicher, bestätigt Chmel. Er blickt zurück: "Wir hatten Glück, dass die damaligen Lokale Flex und Chelsea gerade drei Jahre geschlossen hatten. So kamen täglich durchschnittlich 200 Leute zu uns", er fügt stolz hinzu: "Alle waren hier. Das war eine schöne Zeit."

Prominente Gäste#

Viele bekannte tschechische Exilmusiker wie etwa Karel Kryl oder Vlastimil Tresnak traten auf, viele Maler konnten ausstellen. Unter den Stammgästen waren unter anderem der Schriftsteller Pavel Kohout und Karel Schwarzenberg, derzeitiger Außenminister der Tschechischen Republik und zweiter Sieger bei den Präsidentschaftswahlen am vergangenen Wochenende. Jiri Chmel hätte seinen langjährigen Freund gerne als Präsidenten gesehen, denn: "Die Macht von Geld und Politik verdirbt die Menschen. Es gibt heute wenige anständige Leute in der tschechischen Politik." Schwarzenberg sei einer der letzten, denen man vertrauen könne, und: "Ich kenne ihn schließlich seit 30 Jahren." Voriges Jahr bekam der Betreiber des "Nachtasyls" vom tschechischen Außenminister den Staatspreis "Gratias Agit". Chmel gehört damit zu jenen Tschechen, die sich im Ausland besonders verdient um die Tschechische Republik gemacht haben.

Als am 24. November 1989 die gesamte Parteiführung der tschechoslowakischen kommunistischen Partei zurücktrat, strömten die Tschechoslowaken in Prag zum Wenzelsplatz und in Wien ins Nachtasyl. Karel Schwarzenberg, der kein Visum für die Tschechoslowakei hatte, war im Kellerlokal ebenfalls dabei. Bei seiner ersten Reise nach Wien war ein anderer Unterzeichner der Charta 77 bereits tschechoslowakischer Präsident: Vaclav Havel. Nach seinem ersten Staatsbesuch in Österreich machte er sich nach der Audienz bei Bundespräsident Thomas Klestil in der Hofburg gleich auf den Weg zu Jiri Chmel. In einem Interview erzählt Havel: "Ich selber musste erst Präsident werden, um das Nachtasyl besuchen zu dürfen." Der ehemalige Dissident bekam erst als Präsident wieder einen Reisepass und ein Visum. Er verbrachte viereinhalb Jahre im Gefängnis und war einer der führenden Persönlichkeiten im Kampf gegen die Diktatur. Jiri Chmel kannte Vaclav Havel bereits seit den 1970er Jahren. "Vor Gericht durfte man damals zwei Vertrauensleute wählen. Ich wählte Havel und einen anderen. Der Rest waren Stasileute."

Nach dem Umbruch 1989 konnten nun Bands des tschechischen Untergrundes nach Wien kommen und im "Nachtasyl" auftreten. Jiri Chmel nennt die "Plastic People of the Universe", "D6 307" oder "Iva Bittova". Auch österreichische Bands wurden eingeladen. In den 1990er Jahren kehrten viele Tschechen zurück, seitdem kommen hauptsächlich Österreicher ins "Nachtasyl".

Eröffnung des Tagasyls#

Chmel kaufte sich ein Landhaus in Znojmo und eröffnete 1993 das ebenerdige Pendant "Tagasyl", wo heute Ausstellungen stattfinden. Bis 22. März läuft derzeit die Fotoausstellung "Gesichter des Underground" von David Tesar.

Nach einer Schwächephase ab Mitte der 1990er Jahre kommen seit den vergangenen sechs, sieben Jahren wieder mehr Gäste, darunter viele tschechische und slowakische Studierende, die das Lokal neu für sich entdeckt haben. Heute herrscht eine eher lockere Atmosphäre als noch am Anfang, analysiert Chmel, die Leidenschaft der Gäste habe sich aber nicht verändert. Er selber steht nur noch selten hinter der Bar, sondern ist hauptsächlich für das Programm zuständig. Viele Stammgäste, die von Anfang an dabei sind, kommen noch immer.

Politik interessiert ihn heute weniger. Man habe schließlich Demokratie und könne tun und lassen, was man will. "Damals reichte ein Witz in der Kneipe und man landete im Gefängnis."

Jiri Chmel ist fast 60 Jahre alt. Ein paar Jahre noch möchte er das "Nachtasyl" führen, "vielleicht noch fünf, sechs Jahre, bis ich in Pension bin." Er fragt mit einem Kopfschütteln: "Klingt das nicht schrecklich?" Und stellt fest: "Ich werde sicher kein Pensionist!"


Wiener Zeitung, Freitag, 1. Februar 2013