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Gibt es einen Fortschritt der Zivilisation? (Essay)#

Ernst Bruckmüller

Zunächst einmal: Was ist „Zivilisation“? Nach Norbert Elias ist der Prozess der Zivilisation jene gravierende Veränderung der Scham- und Peinlichkeitsstandards, die seit der frühen Neuzeit zu beobachten ist. Dadurch wurde etwa das Essen mit den Fingern, das Rülpsen und öffentliche Erbrechen ebenso wie das Erzählen von Zoten oder das unmäßige Trinken an der Tafel langsam zurückgedrängt.

Diese Bewegung war Teil der „Verhöflichung“ des Adels. Sie ging von den Höfen des Absolutismus aus und verbreitete sich langsam in andere adelige und bürgerliche Milieus. Dort bildeten sich im 17. Jahrhundert aus ökonomischen und religiösen Gründen (zuerst und besonders bei Calvinern) neue Standards des alltäglichen Verhaltens heraus: ein genauerer, rechenhafter Umgang mit der Zeit, durchgehende Arbeitsamkeit und steter Fleiß. Die stetige Beobachtung solcher Verhaltensweisen ebensowie der daraus resultierende Erfolg brachten zunehmend Sicherheit darüber, dass man zu den von Gott Auserwählten zählte.

In diesem Sinne bedeutet „Zivilisation“ eine lang anhaltende Verhaltensänderung, die zu einem immer rücksichtsvolleren Umgang der Menschen miteinander führen sollte, gleichzeitig aber zur Entstehung unserer modernen Arbeitsgesellschaft, in der die schlimmste Plage „Arbeitslosigkeit“ heißt.

Ein weiterer Zivilisationsbegriff bezieht die technischen Innovationen mit ein, die das Leben seit etwa 150 Jahren in vieler Hinsicht immer mehr erleichterten. Schließlich wird auch der europäische Sozialstaat mit seiner umfassenden Absicherung gegen bedrohliche Situationen als bedeutender Fortschritt empfunden.

Gleichzeitig mit den unleugbaren Fortschritten der „Zivilisation“ ist ein gegenläufiger Trend zu beobachten, was die Achtung vor der Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens betrifft. Während frühere Jahrhunderte eine nur kurze Lebenserwartung und zahlreiche Todeskrankheiten kannten, stieg im 20. Jahrhundert zwar die Lebenserwartung, gleichzeitig gab es aber noch nie so viel an gewaltsamer Lebensverkürzung, sei es in den Lagern Stalins, in den Massenvernichtungseinrichtungen der Nationalsozialisten, auf den „killing fields“ im Campuchea der Roten Khmer oder in Rwanda. Sehr vergröbert handelt es sich bei den Getöteten um Menschen, die sich der jeweils herrschenden Tendenz des „Fortschritts“ (zugunsten der „russischen Arbeiterklasse“, zugunsten der „arischen Rasse“ usw.) widersetzten oder als deren Feinde definiert wurden. Mit dem Tod dieser Menschen sollte offensichtlich ein wachsendes Glücksbefinden der „anderen“, der glücklichen russischen „Werktätigen“ oder deutschen „Arier“ oder der klassenbewussten Kambodschaner erreicht werden.

Die Opferzahl aller dieser Massaker ist unbekannt, sie liegt aber sicher bei weit über 20 Millionen Menschen (konservativste Schätzung!) und übertrifft daher jede historisch bekannte Scheußlichkeit (von den Schlächtereien Tamerlans bis zu den Hexenprozessen) um ein Vielfaches. Ob der Fortschritt der Zivilisation notwendig von diesem Wachstum an Grauen begleitet wird? Das entzieht sich einer seriösen Antwort.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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