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Der entmündigte Autofahrer?#

AVL-Chef Helmut List wünscht sich mehr Investitionen in Österreichs Forschungsinfrastruktur#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Herbert Hutar


Die Technik macht’s möglich: Künftig gibt es auch einen "Kurvenassistenten".#

Die Autos der Zukunft
Die Autos der Zukunft wurden bei der "Motor und Umwelt" Tagung in Graz ausgestellt.
© RP Photography

Graz. Helmut List, Chef des Hightech-Forschungsunternehmens AVL, ist mit der Steiermark als Standort für seine Firma zufrieden: "Die Forschungsquote ist mit 4,3 Prozent vom Regionalprodukt die höchste in ganz Österreich, und das ist auch in der EU ein sehr hoher Wert." Die Kooperationen zwischen der TU Graz, der Montanistischen Hochschule Leoben, den Fachhochschulen und der Privatwirtschaft, darunter AVL, haben - wie List es nennt - ein "artenreiches Innovations-Ökosystem geschaffen". Folgerichtig investiert AVL in Graz in zwei neue Labors für ein Antriebsstrangprüffeld und für Sensorenfertigung, die 2014 in Betrieb gehen sollen.

Die Forschungsinfrastruktur sei in der Steiermark und in Österreich noch auf einem guten Level, meint List im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er wünsche sich aber künftig mehr Investitionen in Anlagen, Versuchsgeräte und Messeinrichtungen, etwa ein Batterietestzentrum für die Weiterentwicklung der Fahrzeugantriebe.

"Heute sind wir noch in einer tragbaren Situation, aber wir müssen laufend die Produktivität des Standortes verbessern", sagt List. In den vergangenen Jahren sei die Forschungsquote erfreulich gestiegen, doch jetzt drohe ein Stillstand, meint er, "jetzt müssten wir wieder mehr Gas geben".

Dass Microsoft mit der Handyfertigung das Herzstück von Nokia gekauft hat, findet List beunruhigend: "Werkzeugmaschinen, Fahrzeugtechnik oder Chemie, da ist Europa stark, aber in der Informationstechnologie sind die Amerikaner immer schon führend gewesen. Das Beunruhigende daran ist, dass IT eine Schlüsseltechnologie ist und die anderen Industriezweige wesentlich beeinflusst. Überall ist Software drinnen, überall sind Sensoren, überall sind Computerbausteine drinnen", sagt er. Zum Gegensteuern sei der Ansatz der Technologiepolitik in der EU gut, meint List, sie will die Forschung bündeln und auch Geld dafür bereitstellen.

"Kurve jetzt anbremsen"#

Die AVL, die dieser Tage 250 Experten aus 17 Ländern aus Industrie und Forschung in Graz zur Tagung "Motor und Umwelt" versammelt hat, ist längst nicht mehr nur eine "Anstalt für Verbrennungskraftmaschinen". Verbrennungsmotor, Getriebe, Elektromotor, Batterie und Steuerungselektronik sind bei AVL und in den Forschungsabteilungen der Autoindustrie zur Einheit des Antriebsstranges zusammengewachsen. Und der wiederum wird nicht nur in sich optimiert, um Effizienz zu steigern und Treibstoff zu sparen, sondern auch mit der Umgebung vernetzt. Einfach ausgedrückt: Tempomat, Navi, Schaltautomatik, Abstandsmesser, Einparkautomat und Start-Stopp-Automatik werden sowohl untereinander als auch mit GPS-Daten und allen verfügbaren Strecken- und Verkehrsinformationen verbunden. Schaltpunkte etwa werden bereits vor der Fahrt programmiert. Neu wird der Kurvenassistent sein, der - wie der Kopilot beim Rallyefahren - nicht nur dem Fahrer, sondern auch dem Auto die Information gibt: "Die Kurve jetzt anbremsen und mit 45 km/h durchfahren." Dabei spielt die Datensicherheit eine immer größere Rolle.

Elektrifizierung der Antriebe#

Die Automatisierung soll, so Herbert Kohler, Forschungschef der Daimler AG, nicht nur Treibstoff sparen, sondern auch die Batterie schonen. Denn die Batterie ist schwer, teuer und ziemlich empfindlich. Die Elektrifizierung der Antriebe mit den unterschiedlichen Hybridstufen gilt als unaufhaltsam. Immerhin reduziert die EU die CO2-Emissionen von 130 g/km im Jahr 2015 bis 2020 auf 95 g/km.

Wichtig dabei ist die Akzeptanz durch die Fahrer, die sich der Technik ausgeliefert, in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt oder gar entmündigt fühlen, wenn sie beim programmierten Autofahren vielleicht gerade noch am Lenkrad drehen dürfen. Stefan Kampmann von Robert Bosch will das durch Technologie lösen, ähnlich wie der künstliche Widerstand im Joystick bei der elektronischen Steuerung von Passagierflugzeugen. Robert Fischer, Spitzenmanager bei AVL, stellt fest: "Verbrennungsmotor und Elektromotor ergänzen sich im Fahrverhalten sehr gut. Aber letzten Endes entscheidet der Kunde, der sein sauer verdientes Geld ins Auto steckt, wie er fahren will."

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. September 2013