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Alter und Technik - geht das zusammen? #

Gerade ältere Menschen brauchen mehr technische Unterstützung als Junge. Was häufig fehlt, ist die entsprechende Aufklärung. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 15. Mai 2014).

Von

Johann Günther


Seniorenhandy gefällig? Einfache Viertasten-Mobiltelefone bieten für manche Ältere Vorteile.
Seniorenhandy gefällig? Einfache Viertasten-Mobiltelefone bieten für manche Ältere Vorteile. Andere empfinden sie als stigmatisierend. „Warum soll ich nicht mit einem normalen Handy umgehen können?“
Foto: © Shutterstock

Im Konzert läutet ein Mobiltelefon. Ein älterer Mann versucht verzweifelt, es abzustellen – aber es will und will ihm nicht gelingen. Das Teufelsding klingelt munter vor sich hin, während der Unmut in den benachbarten Sitzreihen spürbar wächst.

Szenen wie diese fügen sich perfekt ins Klischee vom älteren, technologisch überforderten Menschen. Alter und Technik, das passt für viele einfach nicht zusammen. Doch wieviel Wahrheit steckt dahinter? Nach Ansicht des St. Gallener Sozialwissenschafters Reto Eugster gibt es zwar noch immer einen „deutlichen digitalen Generationengraben“, doch dass ältere Menschen mit Technik grundsätzlich nicht umgehen könnten, sei ein „altersdiskriminierendes Vorurteil“. Alte Menschen lernten nicht prinzipiell schlechter, so Eugster, sondern einfach anders.

Dass sich Jüngere und Ältere ganz unterschiedlich an neue Geräte herantasten, haben zahlreiche Versuche im Usability- Labor der Donau-Universität Krems bestätigt. Dabei wurde den Versuchspersonen ein Helm mit zwei Kameras aufgesetzt: Eine filmte, was gerade beobachtet wurde – und die andere nahm die Pupille auf (siehe Foto unten). Tatsächlich zeigten sich klare Unterschiede zwischen den Generationen.

Systematisch statt spielerisch #

Junge „Digital Natives“, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es als Werkzeug längst nicht mehr hinterfragen, erforschen das System demnach durch Trial und Error; sie probieren also am Gerät selbst herum, agieren spielerisch. Zugleich gehen sie gezielter mit ihren Zeitressourcen um: Sie lesen keine Mails mehr, die länger als drei Seiten sind. Mit ihrer von Generation zu Generation steigenden Lesegeschwindigkeit (die derzeitige liegt bei 200 bis 250 Wörtern pro Minute, mit speziellem Training sind 500 Worte pro Minute möglich) scannen sie Schriftstücke und Mails gezielt nach Absender und „Betreff“; in Fachbüchern werden nur mehr jene Kapitel voll gelesen, die von speziellem Interesse sind. Ihre Auswahlkriterien für ein Buch sind der Titel, das Inhaltsverzeichnis und die Summary.

Ältere „Digital Immigrants“ hingegen gehen meist eher systematisch vor. Sie lesen lieber (dicke) Bedienungsanleitungen und probieren das Erlernte schließlich am Gerät aus. Folglich brauchen sie länger, um ans Ziel zu gelangen, und ihr Weg ist auch etwas schwieriger. Sie sind aber zugleich häufig genauer im Umgang und können oft mehr Funktionen bedienen als Junge.

Die „Pioniere“ der digitalen Revolution sind aber zweifellos die Jungen. Hier zeigt sich eine wesentliche, gesellschaftliche Änderung: Haben früher zuerst ältere Menschen neue Dinge verwendet – etwa eine neue Hobelmaschine, die in einer Tischlerei selbstverständlich dem Chef vorbehalten blieb, bevor sie ein jüngerer Mitarbeiter verwenden durfte – so ist es heute umgekehrt. Kommt ein neues, technisches Gerät, so betraut man damit einen jungen, engagierten Mitarbeiter, damit er es erlernt und dann sein Wissen an die meist älteren Kollegen weitergibt. Zugleich verlieren Neuerungen, die von älteren Menschen verwendet werden, für die Jungen leicht an Reiz. Das zeigt sich derzeit gut auf der Social-Media-Plattform Facebook.

Johann Günther/Donau-Universität Krems
Foto: © Donau-Universität Krems

Dass Internet, Handy, Tablet-Computer und andere technologische Innovationen gerade älteren Menschen in der Alltagsbewältigung und im sozialen Austausch riesige Chancen bieten, ist jedoch offensichtlich. Umso mehr, als es in der Internet-Comunity von heute längst nicht mehr nur um Informationsabfragen geht („Access Age“), sondern auch und besonders um aktive Teilnahme („Participation Age“). Diese aktive Teilnahme geht über alle Altersgruppen, bietet aber gerade älteren, selbst nicht mehr mobilen Menschen besondere Möglichkeiten: Sie können virtuell Museen besuchen, bei nächtlicher Schlaflosigkeit Bridge spielen, Entscheidungen für Urlaubsreisen im Internet treffen oder online nach Partnern suchen. Das Internet kann so gegen Vereinsamung helfen und Kontakt zu anderen Menschen und Institutionen herstellen.

Zudem können technische Tools auch Schutz und Unterstützung im Haushalt bieten (siehe unten). Sie können die Heizung steuern, Fenster überwachen, Rollläden dem Sonnenstand anpassen, die Beleuchtung automatisch ein- und ausschalten – und der automatische Rasenmäher und Staubsäger erledigt Arbeiten, die ein älterer Mensch nicht mehr so leicht erledigen kann.

Von den Jungen lernen #

Alte Menschen brauchen demnach mehr technische Unterstützung als junge. Doch was benötigen sie, um sie auch für ihren Alltag nutzbar machen zu können? Unter anderem dieser Frage haben sich Expertinnen und Experten im Rahmen der Veranstaltung „Dem Alter begegnen“ Anfang Mai in Mariazell gewidmet – und in „Worldcafés“ diskutiert. Technik wird demnach gerade von Älteren als „Werkzeug“ gesehen, um die eigenen Defizite zu kompensieren. Doch leider werden sie vielfach mit einem Überangebot an technischen Möglichkeiten konfrontiert, ohne die entsprechende Aufklärung zu erhalten. Die Medien nehmen diese Aufgabe nicht wahr. Sie informieren zu wenig – und zu manipulativ.

Die wohl beste Alternative besteht darin, von den Jungen zu lernen. Ein möglicher Weg (zumindest für finanzkräftige Senioren) könnte so aussehen: „Wenn ein älterer Mensch eine neue Kamera kaufen will, soll er seinen Enkel fragen, was dieser kaufen würde – und dann zwei Kameras kaufen: Eine für sich selbst und eine für den Enkel, der als Gegenleistung das Gerät erklären muss.“

Der Autor ist Professor an der Jianghan University in Wuhan (China) und Gastprofessor an der Donau-Universität Krems.

--> www.demalterbegegnen.at

DIE FURCHE, Donnerstag, 15. Mai 2014