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Gerhard Chroust#

Emeritus am Institut für Systems Engineering and Automation an der JKU Linz – ein Portrait#

Von

Dipl.-Ing. Dr. Helmut Malleck

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OCG Journal

Gerhard Chroust

© OCG Journal

Herr Em. O. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Gerhard Chroust, MSc leitete das Institut für Systems Engineering and Automation (SEA) an der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz, wo nun Univ.-Prof. Dr. Egyed die von ihm geleistete Aufbauarbeit fortsetzt. Chroust ist Gründungsmitglied der OCG und seit 1975 in vielen Funktionen engagiert. Mit Chroust verbindet wohl jeder zur Informatik die Themen Arithmetische Ausdrücke, PL/I und die Beschreibung von Vorgehensmodellen für die Software-Entwicklung, kennt seine Begeisterung für mesopotamische Kunst sowie den Namen seines langjährigen Chefs und Lehrers Herrn O. Univ.-Prof. Dr. Zemanek. Chroust ist Jahrgang 1941 und begann 1959 mit dem Studium der Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Wien, der damaligen Technischen Hochschule. Parallel dazu belegte er den viersemestrigen Hochschulkurs „Moderne Rechentechnik“, in dem an der TU-eigenen IBM 650 Computertechnik gelehrt wurde; Informatik kam erst ein Jahrzehnt später. Für Chroust waren die herausragenden Vorträge des jungen Universitätsdozenten Zemanek spannend, was alle leicht nachvollziehen können, die je in den Bann von Zemaneks Ausführungen gezogen wurden. Diese Faszination ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los.

Bereits Chrousts Diplomarbeit "Kybernetisches Modell: Mühlespiel", am Institut für Niederfrequenztechnik der TU Wien ausgeführt und im Mai 1964 fertig gestellt, war ein Computerprogramm. Dabei implementierte er das Spiel TIC-TAC-TOE als eigenständigen Automat in konventionellerSchaltkreistechnik mit Transistoren. Wegen der im Vergleich zu Go, Dame oder Schach verschwindend geringen Anzahl an Spielverläufen und Spielsituationen war das auch möglich. Nach Abschluss seines Studiums in Wien setzte er an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia, USA, seine Studien fort. Dort erstaunte ihn die IBM 7090, die zweite Computergeneration nach der IBM 650, als Maschine von (damals) unglaublicher Mächtigkeit. Er erwarb sich damals die Basis seines Informatik-Wissens: Logik und höhere Programmiersprachen (FORTRAN, LISP, IPL-V usw.). Mittels IPL-V entwickelte Chroust damals ein Programm zum Finden und Beweisen von Sätzen der Aussagenlogik, dokumentiertin seiner im September 1965 fertig gestellten Masters Thesis "A Heuristic Derivation Seeker for Uniform Prefix Languages".

Ein wesentlicher Lebensabschnitt Chrousts war von 1966 bis 1991 seine Tätigkeit im Wiener IBMLaboratorium,in dem parallel zur technischen Arbeit für IBM auch die wissenschaftliche Aufarbeitung ihren Platz fand. Damals wurden wesentliche Meilensteine der Informatik erreicht, an denen Chroust wesentlichen Anteil hatte: zum einen die formale Beschreibung der Semantikvon PL/I, zum anderen die Mikroprogrammierung. IBM wollte kommerzielle, ingenieurtechnische und wissenschaftliche Anwendungsbereiche mit einer Rechnerfamilie abdecken, ein wegweisendes Konzept. Dazu wurde 1964 das IBM System/360 auf den Markt gebracht, eine Rechnerfamilie mit gleicher Rechnerarchitektur und gleichartigem Betriebssystem. Das Konzept benötigte eine logische Zwischenschicht, die Mikroprogrammierung, auch als Firmware bezeichnet. Firmware implementierte auf aus Geschwindigkeits- und Kostengründen unterschiedlichen Hardware- Architekturen dieselbe Rechnerarchitektur: IBM System /360. Für das IBM System/360 wurde Mikroprogrammierung zur Schlüsseltechnologie, die sich in der Folge auch als Forschungsthema etablierte. Auch für die Anwenderprogrammierung dieser Computerfamilie wurde eine neue gemeinsame Sprache angestrebt (statt COBOL für kaufmännische, FORTRAN für ingenieurwissenschaftliche und ALGOL 60 für wissenschaftliche Zwecke) und 1964 unter dem Namen PL/I veröffentlicht. Eine breite Verwendung von PL/I hatte dasklare Verständnis von Syntax und Semantikder einzelnen Sprachkonstrukte zur Voraussetzung. Das IBM-Laboratorium Wien erhielt den Auftrag, die formale Beschreibung der Semantik von PL/I zu erstellen, und Chroust war in der ersten Reihe mit dabei. Auf Basis dieser Vienna Definition Language wurde nach einer ersten Version Ende 1964 die finale Version 1969 veröffentlicht. Diese formale Definition von PL/I war 1976 die Basis für einen ANSI-Standard, der 1979 als ISO-Standard akzeptiert und 1978 als erster nicht-deutschsprachiger Standard in der Informatik als ÖNORM eingeführt wurde. Chroust war als Mitglied des zuständigen Arbeitskreises „Programmiersprachen“ im Österreichischen Normungsinstitut (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Arno Schulz) maßgeblich beteiligt, was 1976 zur Entwicklung eines PL/I Compilers für die IBM 8100 führte. Auch an der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz erkannte man rasch die Bedeutung der neuen Programmiersprache PL/I. Daher wurde PL/I, und damit verbunden die Methoden der Software-Entwicklung, theoretisch gelehrt. Für praktische PL/I-Übung gelang es Prof. Dr. Schulz unter Chrousts tatkräftiger Mithilfe, 1974 einen eigenen „Informatik-Rechner“ an die JKU nach Linz zu bringen. Dieser Rechner, eine IBM/370 Modell 115 war mikroprogrammierbar.Das Mikroprogramm und somit auch die Rechnerarchitektur konnten vor Ort geändert werden. Chroust erforschte damals Variationen von Rechnerarchitekturen, Laufzeitanalysen des Rechnerverhaltens, Firmware-Monitoring, Verlagerung von Funktionen aus der Software in die Firmware und die daraus resultierende Laufzeit-Beschleunigung. Die im November 1979 an der JKU Linz abgeschlossene Habilitationsschrift "Mikroprogrammierung als Werkzeug der Praktischen Informatik" ist nur eines der Dokumente über seine Arbeiten.

Insbesondere prägten ihn aber die Jahre 1972 bis 1976, in denen er sich als persönlicher Assistent von Professor Dr. Zemanek fachübergreifende Sichtweisen zu eigen machte. Höhepunkte seiner Tätigkeit waren: Gründung der OCG im Jahre 1975, die Erstellung einer Geschichtswand der Informatik und im Jahre 1974 die Konferenz ‚Human Choice and Computers’ und, wie erwähnt, die Installation des Informatik-Rechners an der JKU.

Nachdem Chroust seit 1975 an der JKU Linz in Lehre und Forschung im Bereich Mikroprogrammierung und später auf dem Gebiet des Software-Engineering tätig war und sich dort für das Gebiet der Praktischen Informatik habilitierte, folgte 1992 seine Berufung zum Ordinarius an das damalige Institut für Systemwissenschaften (Leitung Univ.-Prof. Dr. F. Pichler), Abteilung ‚Systems Engineering and Automation’. 2004 entstand aus der Abteilung das Institut für Systems Engineering and Automation. Es zeigte sich, dass das Durchdringen aller Gebiete mit Software einen Wandel in der Ausrichtung der Informatik von der reinen Technik zur Systemsicht und hin zum Menschen erforderte. Er brachte daher besonders systemwissenschaftliche und menschenorientierte Betrachtungsweisen im Studium zur Blüte. Bei seinen Studenten, Diplomanden – einer davon war Jürgen Million, späterer Direktor Hardware von IBM Österreich – und Dissertanten war er deshalb sehr geachtet. Bei seinen Forschungsinteressen zeichnet sich ab 1986 als neuer Schwerpunkt die Softwaretechnik ab, wobei er bereits mit dem Beitrag zum 3rd International Software Process Workshop "Backtracking in the Software Development Process" ein deutliches Zeichen setzte. 1992 veröffentlichte er unter dem Titel "Modelle der Software-Entwicklung -- Aufbau und Interpretation von Vorgehensmodellen" eines der ersten deutschen Lehrbücher im Bereich Vorgehensmodelle und 2000 "Software Process Models: Structure and Challenges". Seit dieser Zeit liegen die Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit bei den frühen Phasen von Softwareprojekten, besonders bei der Unterstützung der Interaktionen zwischen Kunden und Entwicklern. Weitere zentrale Themen sind die Qualitätssicherung im Software Engineering, insbesondere Messen, Zertifizieren und Verbessern der Prozessqualität (Stichwort ISO 15504) sowie Software-Inspektionen und die Wiederverwendung von Software. Hervorzuheben ist sein 2005 erschienener fachübergreifender Beitrag „Software-Archäologie – Eine interdisziplinäre Betrachtung“, den er seinem Mentor Professor Dr. Zemanek zum 85. Geburtstag widmete. In zahlreichen Projekten mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft behandelte Chroust die Themen Software Process Improvement und Software Inspection, wobei sein besonderes Engagement dem Wissenstransfer von Forschungsergebnissen zu kleinen und mittleren Unternehmen galt. In seiner Forschungstätigkeit griff Chroust immer wieder neue Themen des Software Engineerings auf, wie etwa komponentenbasierte und agile Softwareentwicklung, Software- und Produktlinien-Entwicklung. Neben Software Engineering gilt sein Interesse der Systemlehre. In diesem Zusammenhang darf an den beeindruckenden Vortrag "Dichotomic Architectural Alternatives in Software Design and their Historical Origins" erinnert werden, den er 2007 auf der Konferenz "30 Jahre Informatik in Graz" hielt.

Als Generalsekretär der International Federation for Systems Research (IFSR) bemüht er sich im internationalen Rahmen um eine Verbreiterung des Wissens und Verständnisses von systemischen Zusammenhängen in Technik und Gesellschaft. Er organisiert auch die zweijährlichen Fuschl Conversations, ein Treffen prominenter Systemwissenschafter in Fuschl bei Salzburg.

Bis 1988 arbeitete Chroust vor allem in den Bereichen formale Sprachen, Compilerbau und Mikroprogrammierung. In den 1980er Jahren verlagerte sich sein Wirken stärker in den Bereich Software-Engineering und Vorgehensmodelle. Bei IBM war er auch an der Entwicklung der CASE-Umgebung ADPS beteiligt. Seine Forschungsinteressen sind jedoch weiter gefasst, sie erstrecken sich auf Repräsentation and Ausführung von Vorgehensmodellen,Qualitätsfragen und Verbesserung, Improvement of Development Processes, Software Inspections, Software Engineering Environments, Information Engineering, Systems Science and Systemic Aspects of Engineering, History of Computers and Information Technology, Human Aspects of SoftwareDevelopment. Besonders Fragen der Anpassung von Software (sowohl Entwicklungsprozesse als auch Software-Produkte) an unterschiedliche Kulturkreise stehen heute im Vordergrund ('Lokalisierung'). Chroust hat seine richtungweisenden Überlegungen in 100 Fachartikeln, in 160 Konferenz- und Sammelbandbeiträgen sowie in mehr als 60 Forschungsberichten niedergelegt. Darüber hinaus ist er ein gefragter Autor von Monographien – insgesamt sind sieben Bücher von ihm erschienen – und eifriger Mitherausgeber von Tagungsbänden und wissenschaftlichen Sammelwerken. Insgesamt trat Chroust mit mehr als 430 spannenden Veröffentlichungen bisher hervor.

Chroust ist als Komiteeleiter der OCG-Schriftenreihe Mitglied des Erweiterten Präsidiums der OCG. Als Generalsekretär der International Federation for Systems Research (IFSR) organisiert er alle zwei Jahre ein Treffen führender Wissenschaftler im Bereich des Systems Research und ist Chefredakteur des IFSR Newsletters. Chroust ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Informatik (ÖGI), einem Zweigverein der OCG, und Vice-President der Österreichischen Studiengesellschaft für Kybernetik (ÖSGK), ist Berater beim Österreichischen Normungsinstitut in der Arbeitsgruppe für Informationsverarbeitung und Mitglied in Editorial Boards mehrerer Zeitschriften (z. B. Journal of Systems Research and Behavioral Science). Er ist aktives Mitglied vieler Organisationen (OCG, ÖGIG, IEEE, IEEE Computer Society, EUROMICRO, ACM, ACM SIGSOFT, BCSSS, FG WI-VM der GI) und hat zahlreiche Konferenzfunktionen inne, beispielsweise organisiert er gemeinsam mit der Uni Prag die jährliche Konferenz Interdisciplinary Information Management Talks (IDIMT). Dem nimmer müden Emeritus und Multifunktionär wünscht die OCG weiterhin viel Schaffenskraft, Glück und Lebensfreude.

Pioniere der Informatik, OCG-Journal, Ausgabe 3/2008