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Mozart über Elektroden hören#

Erfinderin elektronischer Hörimplantate erhält Ludwig-Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 20./21. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


Cochlea-Implantat
Ein Cochlea-Implantat hat zwei Teile: Außen liegt ein magnetisch haftender Ton-Prozessor. Er verwandelt von einem Mikrofon aufgenommene Geräusche in Signale, die durch die Haut übertragen werden können und von der Elektronik im schneckenförmigen Innenohr aufgenommen werden.
© MED-EL

"Wiener Zeitung":Die von Bund und Ländern getragene Österreichische Forschungsgemeinschaft hat Ihnen am Freitag den mit 7500 Euro dotierten Ludwig Wittgenstein-Preis verliehen. Die Auszeichnung wird "höchstens einmal im Jahr" für hervorragende Leistungen einer Persönlichkeit oder für eine wissenschaftliche Leistung von Bedeutung zugesprochen. Wie reifte in Ihnen als Elektroingenieurin die Idee eines Hör-Implantats?

Ingeborg Hochmair-Desoyer: Ich studierte Elektrotechnik an der Technischen Universität Wien, wo mein Mann lehrte. Die Idee für ein Cochlea-Implant kam von Kurt Burian von der Wiener Universitätsklinik, der an uns herantrat, um mit ihm ein Cochleaimplantat zu entwickeln. Im Dezember 1975 begannen wir, im Rahmen von geförderten Forschungsprojekten daran zu arbeiten - das Ganze ist ein Beispiel für die Hebelwirkung der Förderung von Grundlagenforschung durch den Wissenschaftsfonds FWF. 1977 setzt Martin Burian das erste mikroelektronische Mehrkanal-Implantat in ein Innenohr ein. Heute ist das Cochleaimplantat lebensverändernd, weil es taub geborenen, ertaubten und schwer hörgeschädigten Personen ermöglicht, zu hören, zu kommunizieren und am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Österreichs Innovationskraft fällt gerade deswegen zurück, weil hierzulande zu wenige Forschungsergebnisse zu neuen Produkten werden. Sie aber verkaufen Ihr Produkt in 103 Ländern. Wie haben Sie es geschafft?

Damals gab es noch keine Programme zur Förderung von Projekten an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung an Instituten und der Entwicklung in Unternehmen mit dem Ziel einer Vertriebsstruktur. Für uns war der Weg zum Markt somit mit hohem Risiko und großem Durchhaltevermögen verbunden. Von der Entwicklung des aktiven elektronischen Implantats bis zur Erstellung des Prototyps ging es noch relativ schnell, aber bis zur Zulassung dauerte es sehr lange. Zuerst wollten wir als Industriepartner die Firma 3M mit ins Boot holen. Doch das wurde kein durchschlagender Erfolg, denn dieses Unternehmen war viel zu groß - wir hätten eine spezialisiertere Firma gebraucht. Dann haben wir uns entschlossen, es selbst und über Banken zu machen: 1990 haben wir die ersten Mitarbeiter eingestellt und ich habe die Geschäftsführung übernommen. Mit viel Glück ist es rasch gewachsen. Heute haben wir 1500 Mitarbeiter und sind ein Privatunternehmen geblieben.

Was hat sich seither in Ihrem Bereich der Forschung getan?

Anfangs wurden nur komplett taube Erwachsene implantiert. Es ging um das reine Wahrnehmen von Tönen und Umweltgeräuschen mit dem Ziel, Sprache zu verstehen. Mittlerweile haben wir eine ganze Familie an Geräten: Es geht um Sprachverständnis in den schwierigsten Hörsituationen mit Hintergrundgeräuschen und darum, Musik zu hören. Die Patienten sind im Alter von wenigen Monaten bis 100 Jahre. Auch die Indikationen haben sich erweitert hin zu Personen, die besser hören: Wenn man sich am Telefon nicht mehr mit einem Unbekannten zu einem unbekannten Thema verständigen kann, ist man vermutlich ein Kandidat für ein Cochlea-Implantat. Chirurgen können flexible Elektroden so sanft ins Innenohr operieren, dass eine dort vorhandene Restfunktion erhalten bleibt, wodurch die elektrische Stimulation zur Ergänzung für ein Restgehör wird.

Hört man wie ein normal Hörender?

Es hängt davon ab, wie lange man taub war - in günstigen Fällen hört es sich so an wie vorher. Bei taub geborenen kleinen Kindern ist es wieder etwas anders: Sie müssen über das Hören mit dem Implantat das Sprechen lernen, so wie ein neu geborenes Kind: Sie fangen also dort an, wo ein normal hörendes Kind bei der Geburt beginnt. Aber viele holen das auf, und wenn sie schon zwischen sechs Monaten und drei Jahren implantiert werden, haben sie eine sehr gute Chance, in eine normale Schule zu kommen.

Verändern sich durch das Implantat Strukturen im Gehirn?

Die Plastizität des Gehirns ist sehr viel größer, als man annehmen könnte. Wenn man sehr lange nichts hört, verändern sich die Hirnregionen, ebenso wie sie es tun, wenn man dann wieder hört. Wer also erst ertaubt ist, nachdem er zu sprechen gelernt hat, dem nützt ein Implantat auch noch mit 80 Jahren. Wenn jedoch jemand taub geboren wurde und erst mit 30 Jahren ein Cochlea-Implantat bekommt, haben die Hörbahnen, und damit das Gehirn, nicht mehr ausreichend Plastizität, die diesem Menschen erlauben würde, noch zu einem wirklich guten Sprachverständnis zu kommen. Alles hängt an den ersten Lebensjahren der höchsten Plastizität. In Österreich werden heute nahezu alle taub geborenen Kinder - das ist eines von 1000 - implantiert.

Woran forschen Sie derzeit?

Ein Thema ist die Abgabe von Wirkstoffen aus den Elektroden zur verlässlichen Erhaltung des Restgehörs, ein anderes die weitere Miniaturisierung der Geräte. Zudem dehnen wir unsere Technologie auf andere Anwendungen aus, etwa auf einen Larynx-Schrittmacher für Menschen mit beidseitiger Lähmung der Stimmbänder, die beim Atmen Schwierigkeiten haben.

Ingeborg Hochmair-Desoyer

Zur Person#

Ingeborg Hochmair-Desoyer (61) ist Elektroingenieurin und Unternehmerin. Sie entwickelte mit ihrem Ehemann Erwin Hochmair das erste mikroelektronische Mehrkanal-Cochlea-Implantat und gründete zu dessen Vermarktung mit ihm das Medizintechnikunternehmen MED-EL, das den Staatspreis für Innovation 2014 erhielt.

Wiener Zeitung, Sa./So., 20./21. September 2014