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„Daten helfen, die Welt besser zu verstehen“ #

Viktor Mayer-Schönberger sieht einen Wettstreit zwischen Mensch und Maschine kommen und drängt auf mehr Demut und Pragmatismus im Umgang mit Daten. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Sonntag, 31. Juli 2016)

Interview

Klaus Höfler


Symbolbild: Daten
„Je mehr Wissen in den Daten steckt, desto weniger Wissen muss in den Analysemodellen stecken“, wirbt Mayer-Schönberger für Big Data
Foto: FOTOLIA

Das Sammeln, Speichern und Analysieren von Datenmengen ist ein globales Phänomen der digitalen Gesellschaft. Aber was haben wir eigentlich von Big Data?

VIKTOR MAYER-SCHÖNBERGER: Ich sehe Big Data als eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit. Aus diesem neuen Blick auf die Welt lassen sich neue Einsichten gewinnen und damit auch bessere Entscheidungen treffen. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel, wie es ihn zuletzt durch die Aufklärung gegeben hat. Damals wurde den Menschen klar, dass sie nicht die ganze Welt verstehen können, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Heute können wir aber die ganze Welt in ihrer Komplexität und Dynamik verstehen. Das heißt aber auch, dass wir manche Verständnismuster von gestern überdenken und uns von ihnen trennen müssen.

Von welchen zum Beispiel?

MAYER-SCHÖNBERGER: Dass man Daten nur verwendet, um eine Frage zu beantworten. Mit Big Data ist es möglich, nicht nur Fragen zu beantworten, sondern ganz neue Fragen zu stellen.

Aber stellen wir immer die richtigen Fragen?

MAYER-SCHÖNBERGER: Das ist der Punkt. Wir Menschen sind nicht gut im Fragenstellen, weil wir immer die Fragen stellen, die wir eh schon kennen. Big Data kann uns helfen, den großen Blick zu haben, uns von unseren eigenen Vorlieben mithilfe von Algorithmen wegzubewegen.

Es gibt Warner, die sagen, Algorithmen seien gefährlich.

MAYER-SCHÖNBERGER: Die verkennen, um was es im Kern geht. Nicht der Algorithmus ist das Entscheidende, sondern die Daten. Sie beinhalten die neuen Einsichten in die Wirklichkeit. Den Algorithmen so viel Bedeutung zuzuschreiben, ist so, als würde ich sagen, die Verpackung eines Medikaments sei wichtig und nicht der Inhaltsstoff. Aus diesem Grund glaube ich viel mehr an die Bedeutung der Daten als an die Werkzeuge der Analyse, die sich daraus ergeben.

Deuten wir immer richtig?

MAYER-SCHÖNBERGER: Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hat das richtig beschrieben, nämlich dass wir Menschen dazu neigen, uns die Welt ständig durch Ketten von Ursachen und Wirkung zu erklären. Aber bei genauerem Hinsehen müssen wir oft erkennen, dass die Ursachen, die wir als solche ausgemacht haben, gar nicht die Richtigen sind. Wir glauben immer nur, die Welt zu verstehen – aber wir verstehen sie gar nicht. Wir müssen lernen, demütiger zu sein, und sagen, ich verstehe weniger, als ich glaube zu verstehen.

Nach Sokrates’ Zitat „Ich weiß, dass ich nichts weiß“?

MAYER-SCHÖNBERGER: Zumindest sollte man sich manchmal pragmatisch fragen, ob es nicht reicht, dass man weiß, dass dies passiert, wenn man jenes macht. Muss man immer ganz genau die Ursachen wissen?

Haben Sie manchmal Angst, was mit den Daten passiert?

MAYER-SCHÖNBERGER: Das wäre die richtige Frage. Im Moment haben wir aber Angst davor, dass Daten überhaupt generiert werden. Das ist hochproblematisch, weil es eine Angst der Unaufgeklärten vor der Aufklärung ist. Die Daten sind nicht das Problem – es ist deren Anwendung.

Ist der Datenmissbrauch eine zunehmende globale Bedrohung?

MAYER-SCHÖNBERGER: Ja. Jeder bessere Blick auf die Welt ist unglaublich mächtig, der immer auch missbraucht werden kann. Dank eines Radars kann ein Verkehrsflugzeug sicher durch die Wolken fliegen, man kann aber auch eine Rakete damit ausstatten. Daten sind also mächtig. Der, der sie wählt, hat einen Vorteil gegenüber dem, der sie nicht verwendet. Das heißt auch: Die gescheiteren Terroristen verwenden in Zukunft Big Data. Da passiert ein Wettrüsten. Es ist daher notwendig zu schauen, was man von Big Data verwen den kann, um die Gefahren in den Griff zu bekommen. Aber: Je mehr wir Big Data verwenden, um Risiko einzuschätzen und Verhalten vorherzusagen, desto weniger Freiheit gibt es. Die Frage ist: Wie viel Absicherung wollen wir? Wie genau wollen wir es wissen? Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben? Oder wie viel Ignoranz wollen wir akzeptieren?

. . . um noch Mensch zu bleiben. Weil Empathie oder Emotionen lassen sich ja wohl nicht durch Daten voraussagen. Oder doch?

Viktor Mayer-Schönberger
Viktor Mayer-Schönberger
Foto: HÖFLER

MAYER-SCHÖNBERGER: Natürlich müssen wir uns einen Platz fürs Menschliche reservieren, für das, was die Roboter nicht können, diese Art von verrückter Kreativität, von radikaler Innovation, von völligem Um-die- Ecke-Denken. Wobei: Wenn ich bei Amazon einkaufe, bekomme ich Empfehlungen für Produkte. Das empfinde ich manchmal als langweilig, weil ich ja abseits des Mainstreams auch überrascht werden will. Nur: Ama zon weiß, wie oft ich überrascht werden will – und überrascht mich eben. Weil auch die Menschen, die überrascht werden wollen, nach Mustern handeln, die Daten liefern.

Die ökonomische Macht der Daten wird weiterwachsen?

MAYER-SCHÖNBERGER: Dass sich Daten in Geld ummünzen lassen, ist nichts Neues. Der Unterschied zur Small-Data-Welt ist, dass dort die Daten meistens – wenn überhaupt – nur einmal verwendet wurden. In der Big- Data-Welt können sie immer wieder neu verwendet werden.

Wer regiert also die Welt: Die Politik oder Unternehmen, die die Daten haben?

MAYER-SCHÖNBERGER: Die bessere Einsicht in die Welt gewinnen jene, die einen Zugang zu den Daten haben und sie auch auswerten können.

Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?

MAYER-SCHÖNBERGER: Es wird dramatisch. Weil mithilfe von Daten und Datenanalyse bessere Entscheidungen getroffen werden können und damit menschliche Aktivität besser koordiniert werden kann. Es gibt eine Automatisierung der Erkenntnis und Entscheidungen. Das führt dazu, dass wir weniger Menschen als Entscheidungsfinder und Koordinatoren brauchen. Die Menge an verfügbarer Arbeit wird also zurückgehen. Das ist ein hochsensibler Punkt, an dem es um nichts anderes als um Aufklärung geht. Vor 250 Jahren hat es an einer ähnlichen Zeitenwende Revolutionen auf der ganzen Welt gegeben. Es ist dabei immer darum gegangen, wer was über die Welt verstehen darf und wer darüber entscheiden darf. Jetzt geht es wieder darum. Nur ist es dieses Mal kein Wettstreit zwischen Menschen, sondern es geht darum: Mensch oder Maschine?

Wer gewinnt?

MAYER-SCHÖNBERGER: Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir akzeptieren, dass wir mithilfe der Daten einen neuen Erkenntnissprung machen können. Es braucht die grundsätzliche Bereitschaft, diese neue Perspektive anzunehmen. Und da habe ich große Bedenken.

Warum?

MAYER-SCHÖNBERGER: Weil es vielerorts Tendenzen oder Bewegungen gibt, die sich gegen Rationalität einsetzen. Da meine ich nicht nur Autokraten oder Populisten, man sieht das auch in jeder Buchhandlung. Schauen Sie sich an, wie groß dort die Esoterik-Abteilungen sind. Das sind alles Versuche, sich die Welt schön- und einfachzureden. Ich halte das für ganz dramatisch, weil es eigentlich darum geht, ob wir uns Menschen auf die nächste Stufe heben und uns zugestehen, sachlich die Welt mithilfe der Daten verstehen zu wollen. Das wird nicht einfach sein. Trotzdem sehe ich es als einzige Strategie, dass wir als Menschen in 50 Jahren auf dieser Welt überhaupt noch eine Rolle spielen können.

Weil es uns sonst gar nicht mehr gibt?

MAYER-SCHÖNBERGER: Nein, aber wenn wir nur ignorant sind, dann sagen die Maschinen: „Dich brauchen wir nicht mehr.“ Wir sind das schwächste Glied. Das heißt, dass wir ein Upgrade brauchen. Aber das fällt uns schwer, weil wir eine Wahrheit wollen, die ewig gilt.

Eine kirchliche Tradition . . .

MAYER-SCHÖNBERGER: . . . und auch ein typisch menschlicher Ansatz, weil wir nicht besonders gut in der Veränderung des Status quo sind.

Macht uns unser Wohlstand zu träge für Veränderungen?

MAYER-SCHÖNBERGER: Ja, denn das Faktum, dass es uns so lange so gut gegangen ist, macht uns Veränderungen gegenüber viel weniger aufgeschlossen. Wenn wir glauben, wir könnten über bessere Datenschutzgesetze oder eine bessere Steuergesetzgebung dieses Problem lösen, dann ist das, als ob man glaubt, man könne den Untergang der Titanic verhindern, indem man die Sonnenstühle am hinteren Deck anders arrangiert und dem Klavierspieler sagt, er soll eine andere Musik spielen. Das wird nicht funktionieren. Es geht darum, den Leuten zu erklären: Die Welt besser zu verstehen, macht es nicht schlimmer, sondern besser. Sich selbst mit Blindheit zu strafen, ist kein Erfolgsrezept für die Zukunft.

ZUR PERSON #

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute. Der 1966 in Zell am See geborene Jurist erforscht die Rolle von Information in einer vernetzten Wirtschaft. Autor des Bestsellers „Big Data. Die Revolution, die unser Leben verändern wird“. Darin sagt er eine Automatisierung von Erkenntnis und Entscheidungen voraus.

Kleinen Zeitung, Sonntag, 31. Juli 2016