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„Großes Gefahrenpotenzial“ #

Drohnen ermöglichen ein anonymes Töten. Sie sind auch das ideale Instrument für Terroristen. Technikforscher Michael Nentwich warnt vor den möglichen Folgen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 28. Juli 2016).

Das Gespräch führte

Sylvia Einöder


Drohne
Drohne
Foto: Dedrone/© Jens Distelberg

Nicht nur über sensiblen Arealen wie Atomkraftwerken könnten Drohnen großen Schaden anrichten. Auch der kommerzielle Drohneneinsatz könnte unsere Privatsphäre und Sicherheit gefährden, meint Michael Nentwich, Direktor des Instituts für Technikfolgenabschätzung.

Die Furche: Überlagert beim Thema Drohnen die Begeisterung für Innovationen derzeit noch rechtliche und ethische Debatten?

Michael Nentwich: Kann man so sagen. Der Enthusiasmus ist ziemlich groß, man sieht viel Potenzial, vor allem weil Drohnen heute noch als Spielzeug und Freizeitbeschäftigung wahrgenommen werden.

Die Furche: Seit 2004 sollen durch US-Militärdrohnen, ferngelenkte, unbemannte Flugkörper, hunderte von Zivilisten getötet worden sein. Setzt der Einsatz von Drohnen die Hemmschwelle zu töten herab?

Nentwich: Die Drohnen der Amerikaner im Irak sind ja fast kleine Flugzeuge, bepackt mit Waffen und Bomben. Die Drohnenpiloten des US-Militärs erfüllen ferngesteuert über tausende Kilometer Entfernung Operationen, sehen das sehr technisch und werden so abgestumpft. Aber viele Drohnenpiloten halten das nicht allzu lange durch, dann kommen die nächsten. Nach einer bestimmten Zeit wird einem offenbar doch bewusst, was man hier tut und wie spielerisch man vernichtet. Es gibt aber auch abseits des Krieges kriminelle Einsatzmöglichkeiten, etwa Drogen oder Waffen zu schmuggeln. Ein großes Bedrohungspotenzial bietet das Ausspionieren von Terrormöglichkeiten.

Die Furche: Drohnen haben über französischen Atomkraftwerken für Alarm gesorgt. Braucht es im Kampf gegen den Terror eigene Drohnen-Abwehrsysteme für sensible Bereiche wie Flughäfen, AKWs oder bei Großveranstaltungen?

Nentwich: Daran wird bereits gearbeitet. Mittels Störung von Funkfrequenzen sollen unerwünschte Drohnen auf den Boden gebracht werden. Aber es ist immer noch problematisch, eine Drohne über einem AKW zum Absturz zu bringen, wenn diese eine Bombe trägt.

Die Furche: Über deutschen Gefängnissen entdeckte man mit Drogen und Handys beladene Drohnen.Was kann die Justiz tun?

Nentwich: Auch Gefängnisse installieren bereits eigene Abwehrsysteme. Die Polizei ist international gut vernetzt. Es gibt Firmen, die spezialisiert sind, solche Abwehrsysteme zu installieren.

Die Furche: Was kann man tun, wenn Drohnen gestohlen werden?

Nentwich: Das ist gut möglich, etwa wenn teure Kameras oder Pakete auf Drohnen platziert sind. Man wird sich überlegen müssen, wie man sich da künftig schützt.

Die Furche: Hat die USA mit dem massiven Einsatz von Drohnen eine Büchse der Pandora geöffnet?

Nentwich: Edward Snowden warnt vor einer Totalüberwachung durch autonome, solarbetriebene Drohnen. Laut ihm arbeiten die USA an Drohnen, die über Wochen in der Luft bleiben, um eine permanente Überwachungsstruktur zu bilden, genaue Bewegungsprofile von Personen ermöglichen – Experten warnen zu Recht davor, da könnte noch einiges auf uns zukommen.

Michael Nentwich
Michael Nentwich
Foto: OEAW/ITA

Die Furche: Welche Entwicklung erwarten denn Sie?

Nentwich: Es kommt sehr drauf an: Wird die Lobby für Drohnen so stark werden, dass Drohnen in den USA bald über bewohntem Gebiet fliegen dürfen? Autonom fliegende Drohnen könnte es dann sehr viele geben. Viele Techniker arbeiten intensiv daran, es könnte tatsächlich schon in ein paar Jahren so weit sein.

Die Furche: Was bedeutet das für unsere Sicherheit?

Nentwich: Im dreidimensionalen Luftraum wird es noch komplizierter als im Straßenverkehr. Aus dem Luftverkehr kennen wir ja die Ausweichmanöver mit strengen Regeln und großen Sicherheitsabständen durch Autopiloten. Technisch ist es sicher lösbar, früher oder später bestimmte Korridore in den Städten einzuführen. Die Frage ist, auf welcher Höhe sich diese befinden.

Die Furche: Kritiker ziehen Vergleiche zur Entwicklung des Internets: Wir haben uns zuerst vernetzt und dann erst die Gefahren realisiert.

Nentwich: Dieses Thema darf man nicht nur den Technikern und Konzernen überlassen. Es braucht jetzt dringend eine gesellschaftliche Debatte, wenn zu privaten Zwecken der Luftraum der Allgemeinheit mit Lärm und Gefahrenpotenzial belastet wird. Es sollte schnell ordentliche Regelungen geben, noch bevor diverse Unfälle passieren. Auch Firmen bräuchten so bald wie möglich klare Spielregeln, um nicht falsche Investitionen zu tätigen.

Die Furche: Was halten Sie von Drohnen zur Postzustellung?

Nentwich: Eine Drohne kann derzeit maximal ein Paket tragen, aber der Markt wäre ja eine urbane Gegend, wo viele Leute wohnen. Das würde bedeuten, dass im Luftraum unglaublich viele Drohnen unterwegs sind. Das wäre eine Horrorszenario. Wollen wir wie auf der Südosttangente den Stau der Drohnen ein paar Meter über uns haben? In den USA will man gerade beschließen, dass Drohnen nur sechs Meter über Menschen und drei Meter entfernt von Menschen fliegen dürfen.

Die Furche: Für die nicht-zivile Verwendung gibt es aber auch interessante Einsatzmöglichkeiten.

Nentwich: Absolut. Die österreichische Polizei hat zur Überwachung von Veranstaltungen Drohnen mit Kameras eingesetzt. Sie erzielen mit weniger Lärm und Energieaufwand denselben Effekt wie Helikopter. Ob man aber Streifenpolizisten durch Drohen ersetzen sollte, wage ich zu bezweifeln.

DIE FURCHE, Donnerstag, 28. Juli 2016

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