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Fassaden-Energie #

TU Wien eröffnete weltweit erstes Plus-Energie-Bürohochhaus. Sanierter Bau soll mehr Energie liefern als verbrauchen.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 7. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Gebäude am Getreidemarkt
Das Gebäude am Getreidemarkt ist einzigartig.
Foto: © TU/Matthias Heisler

Wien. Die Technische Universität (TU) Wien hat am Donnerstag mit dem neuen Plus-Energie-Hochhaus am Getreidemarkt (Mariahilf) das nach eigenen Angaben weltweit erste Bürogebäude eröffnet, das mehr Energie ins Netz liefern soll, als es für Nutzung und Betrieb braucht. Für die nächsten drei Jahre wird der Bau zum Forschungslabor – dabei werden prognostizierte und reale Verbrauchsdaten verglichen.

Von der Grundsubstanz des ehemaligen Chemie-Laborgebäudes, in dem nun die Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften untergebracht ist, ist nach der zwei Jahre dauernden Generalsanierung praktisch nur mehr das Skelett geblieben: Das Hochhaus wurde fast vollständig entkernt, in eine wärme- und sonnenschutztechnisch optimierte Fassadenkonstruktion mit integrierter Photovoltaik gehüllt und mit einem hochtechnisierten und bis ins kleinste Detail auf Energieeffizienz maßgeschneiderten Innenleben ausgestattet.

Gesamtenergie über das ganze Jahr gedeckt #

„Es ist tatsächlich das einzige Bürogebäude weltweit, das einen so niedrigen Gesamtenergieverbrauch hat, dass er über die normale Nutzung übers Jahr gedeckt werden kann“, erklärte der wissenschaftliche Projektleiter Thomas Bednar, Forschungsbereichsleiter für Bauphysik und Schallschutz an der TU. Ein normales Bürogebäude hätte demnach mit dieser Geometrie einen Energieverbrauch von rund 460 Kilowattstunden pro Quadratmeter (kWh/m2) Primärenergie. Das Plus-Energie-Hochhaus soll hingegen nur 56 kWh/m2 verbrauchen und gleichzeitig über das Jahr gerechnet 61 kWh/m2 an Energie erzeugen.

Größte fassadenintegrierte Photovoltaik-Anlage #

Der Großteil der Primärenergie wird durch die mit knapp 2000 Quadratmetern „größte fassadenintegrierte Photovoltaik-Anlage Österreichs“, aber auch von der Serverabwärmenutzung und der Energierückgewinnung aus der Aufzugsanlage abgedeckt. Der produzierte Strom wird direkt im Gebäude verwendet, der Überschuss zur Gänze am Areal durch Nachbargebäude der TU verbraucht. Auch der komplette Heizbedarf im Winter wird durch die Abwärme des Serverraums hausintern abgedeckt.

Mit dem Wintersemester ist der Betrieb im neuen Hochhaus voll angelaufen, inklusive Hörsälen und Seminarräumen ist Platz für bis zu 1800 Personen. Die Nutzer wurden dabei in die Planung integriert. Es galt dabei teilweise auch grundsätzliche Überzeugungsarbeit zu leisten, etwa Bildschirme und Laptops gegen energieeffiziente zu tauschen, anstatt eine Gebäudekühlung zu installieren. „Das ist ein kompletter Bruch mit Gewohnheiten“, so Bednar.

Bereits im Vorfeld der Sanierung wurden 9300 einzubauende Komponenten in 280 Kategorien akribisch auf ihre Energieeffizienz hin geprüft. Aber vieles, was an Forschung und Technologie in dem Gebäude steckt, ist für den Besucher nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Erst wenn man durch einen Gang geht und das Licht automatisch an- und ausgeht, es einen also „verfolgt“, bemerke man laut Bednar, dass das Gebäude „ein gewisses Eigenleben“ besitzt. Auch wenn man einen Raum verlässt, schaltet sich das Licht von selbst aus. Wie die Beleuchtung ist auch das Raumklima automatisiert, aber individuell einstellbar.

Langzeitmonitoring über drei Jahre #

Neben vielen Adaptionen bestehender Technik-Komponenten und Systeme hat die TU Wien auch einen eigenen Bewegungsmelder entwickelt. Hier habe sich etwa die Möglichkeit ergeben, durch geschickte Auswahl der Elektronik den Energieverbrauch stark zu senken, ohne an der Funktionalität etwas zu ändern. Generell schlummere in solchen Einzelteilen noch Potenzial, auch das sei Bestandteil des nun anlaufenden Langzeit-Monitorings. Nach drei Jahren wird ein Bericht über den realen Verbrauch dieses Demonstrationsprojekts des Förderprogramms „Haus der Zukunft“ erstellt.

„Wir hoffen, dass wir wenigstens irgendwo gescheitert sind, weil sonst wäre es ja keine Forschung mehr“, so der Projektleiter, der damit auch die Hoffnung verknüpft, „dass sich viele Leute damit auseinandersetzen und darüber nachdenken, ob sie es nicht noch besser nachmachen wollen.“

Gesamtkosten rund 19,4 Millionen Euro #

Die Gesamtkosten für die Sanierung betrugen exklusive Fördermittel circa 19,4 Millionen Euro, die sich gerechnet auf den geplanten Lebenszyklus von 50 Jahren amortisieren sollen.

Das Projekt ist Teil des Programms „TU Univercity 2015“, das eine „Standortverdichtung“ der TU vorsieht. Finanziert wurde das neue Hochhaus von TU Wien, Wissenschaftsministerium und Bundesimmobiliengesellschaft (BIG).

Wiener Zeitung, Freitag, 7. November 2014