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"Mailüfterl"-Erfinder Heinz Zemanek ist tot#

Österreichischer Techniker und Computerpionier mit Weltruf baute einen der ersten vollständig transistorisierten Computer.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 17. Juli 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gregor Kucera / WZOn, APA


Heinz Zemanek
Heinz Zemanek im Dezember 1999 im Technischen Museum vor seinem ersten Transistorencomputer "Mailüfterl".
© APAweb, Harald Schneider

Zemanek ist am 16. Juli 2014 in Wien im Alter von 94 Jahren verstorben.#

Wien. "Es war ein halb illegales Unterfangen eines kleinen Hochschulassistenten, ohne offizielle Genehmigung und somit auch ohne finanzielle Unterstützung der Universität, nur mit einer Gruppe von Studenten realisiert", so beschrieb der österreichische Techniker und Computerpionier Heinz Zemanek einmal sein "Mailüfterl"-Projekt.

Hinter der so melodisch leichten Bezeichnung verbarg sich der erste vollständig mit Transistoren arbeitende Computer auf dem europäischen Festland. Die offizielle Bezeichnung klang da schon weniger einprägsam, lautete sie doch – typisch-technisch "binär dezimaler Volltransistor-Rechenautomat".

Durch die Entwicklung einer der ersten vollständig transistorisierten Computer, des berühmten "Mailüfterl", in den 1950er Jahren wurde der Techniker Heinz Zemanek zum Pionier der Computerwissenschaften. Durch seine Forschungsarbeit in einem eigens für sein Team geschaffenen IBM-Laboratorium in Wien erlangte er Weltruhm. Zemanek ist am 16. Juli 2014 in Wien im Alter von 94 Jahren verstorben.

1950 begann der am 1. Jänner 1920 in Wien geborene Zemanek als Assistent an der damaligen Technischen Hochschule, heute Technischen Universität (TU) Wien, mit dem Bau seines ersten Rechners. Sein Projekt fiel in eine Zeit der Umbrüche, weg von den Elektronenröhren mit ihrer enormen Hitzeentwicklung hin zu Transistoren. "Wenn man damals in einen Raum mit einem solchen Gerät kam, hat einen die Hitze fast zurückgeworfen", so Zemanek in einem Vortrag im vergangenen Jahr.

Ohne offiziellen Auftrag#

1954 nahm er deshalb mit einem Team von Studenten die Entwicklung eines vollständig transistorisierten Computers in Angriff. Ohne offiziellen Auftrag musste sich Zemanek das Geld und die Bestandteile zusammenbetteln. Dass er mit seinem Team schließlich zwei Jahre später beginnen konnte, einen der ersten voll-transistorisierten Computer weltweit und den ersten Kontinentaleuropas zu bauen, war auch der Tatsache zu verdanken, dass er damals an der TU Wien "keinen Chef" hatte. Eigentlich war Zemanek nur Assistent, de facto aber in der Rolle des Institutsleiters. "Ich nahm mir einfach die Freiheit, einen Computer zu bauen und es hat mich niemand aufgehalten", schilderte Zemanek einmal.

Der Bau des Computers war Handarbeit, musste doch jeder einzelne der rund 3.000 Transistoren und die 5.000 Dioden, die er mangels Budget aus den Niederlanden und den USA zusammengebettelt hatte, auf 1.500 etwa 15 mal zehn Zentimeter große Platten aufgelötet werden. Die Arbeit war mühsam: "Es gab ja noch keine Computerzeitschriften und nur ganz wenige Bücher über Computer, man musste sich die Information also einzeln zusammenholen, damit man genügend weiß, um einen Computer zu bauen." Dadurch sei er aber auch ganz rasch vom Elektroingenieur zum Programmierer geworden.

Wenig gemein mit heutigen Computern#

Der entstandene Rechner hatte äußerlich nicht viel mit heutigen Computern gemein: Ohne Bildschirm und Tastatur erfolgte die Ein- und Ausgabe über Lochstreifen, die Ausmaße waren mit mehreren Metern Länge und Höhe beträchtlich. Den Namen "Mailüfterl" wählten die Techniker aufgrund "der eher langsamen Transistoren, die uns zur Verfügung standen", erinnerte sich Zemanek im früheren Gespräch mit der APA. Damit hätte man keinen Wirbelwind wie den Rechner "Whirlwind"des MIT, sondern eben nur ein "Mailüfterl" zustande gebracht, so der Pionier.

Nach der Konstruktion der Hardware erfolgte von 1958 bis 1961 die Programmierung "und der Übergang der ganzen Gruppe von der Hard- zur Software". Am 27. Mai 1958 bestimmte das "Mailüfterl" in 66 Minuten die Primzahl 5073548261. 1959 wurde für den Zwölfton-Komponisten Hanns Jelinek ein musiktheoretisches Programm entwickelt und die Aufgabe in 60 Stunden gelöst. Um für diese langen Rechenzeiten nicht ständig am Institut sein zu müssen, hatten die Techniker den Hauptakkumulator des "Mailüfterls" an das Telefon gekoppelt. Sie konnten dadurch von zu Hause anrufen und anhand der hörbaren "Melodie" feststellen, ob das Programm läuft. Heute ist das "Mailüfterl" noch im Technischen Museum Wien zu bewundern.

"Bald haben auch die amerikanischen Kollegen gelernt, 'Mailüfterl' auszusprechen", zeigte sich der Forscher stolz. Er besuchte aber auch oft die damalige Sowjetunion, um persönliche Kontakte zu knüpfen. Ihm sei immer klar gewesen: "Der Computer ist ein Weltgebilde und das kann man nicht in Hütteldorf zusammenbauen."

1961 übersiedelte Zemanek, der inzwischen habilitiert war, mit seiner Gruppe von der TU zum Computerkonzern IBM, der angeboten hatte, für das "Mailüfterl"-Team ein Laboratorium in Wien aufzubauen. Diesem stand Zemanek bis 1976 vor. Ab 1964 war er außerordentlicher und ab 1983 ordentlicher Professor an der TU Wien. Seit 1985 war er in Pension.

Der Techniker war außerdem einer der ersten, der die Bedeutung der Software für die Computertechnologie erkannte. Seine Forschergruppe konzentrierte sich daher bald auf Programmiersprachen und entwickelte die "Vienna Definition Language", die damals größte Programmiersprache, sowie in weiterer Folge die "Vienna Definition Method" und erlangte damit Weltruf. 1976 wurde Zemanek zum IBM-Fellow ernannt, eine Auszeichnung, die nur wenigen Europäern zuteilwurde. Vollständig frei in seiner Aufgabenwahl konzentrierte sich der Wiener auf die Theorie des Systementwurfs und nannte sie "Abstrakte Architektur".

Als reine Rechenmaschine hat Zemanek den Computer nie gesehen, "für mich war er immer ein nachrichtentechnisches Gerät". Trotz aller Fortschritte, die die Technologie seit ihren Anfängen gemacht hat, habe der Computer "kein Bewusstsein und kriegt auch nie eines", erklärte Zemanek 2013.

Im Laufe seiner Karriere erhielt Zemanek zahlreiche Auszeichnungen und bekleidete hohe Positionen. Er war Präsident der International Federation for Information Processing (IFIP) mit Sitz in Laxenburg bei Wien und Gründungspräsident der Österreichischen Computergesellschaft, die seit 1985 den "Heinz-Zemanek-Preis" vergibt, weiters Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich. 2003 wurde er für sein wissenschaftliches Lebenswerk mit dem Kardinal-Innitzer-Preis ausgezeichnet. Erst im vergangenen Jahr wurde Zemanek von Google im Rahmen des "Computer Heritage Program" als einer der Pioniere der frühen Computerwissenschaften geehrt.

In einer Aussendung der TU Wien heißt es zum Tod von Heinz Zemanek:#

"Dass Österreich einen Platz in der frühen Geschichte der Computertechnik einnimmt, ist ganz maßgeblich Prof. Heinz Zemanek zu verdanken: Der Computerpionier, der in den 1950er Jahren einen der ersten mit Transistoren betriebenen Computer baute und später Computersprachen mitentwickelte, verstarb am 16. Juli 2014 in Wien, im Alter von 94 Jahren.

Zemanek forschte an der TU Wien und später auch in dem von ihm aufgebauten Wiener IBM Labor. Mit seiner Alma Mater und dem auf seine Initiative hin gegründeten Institut für Computertechnik blieb er bis zu seinem Tod eng verbunden. Sechzig Jahre lang - von 1947 bis 2007 - hielt er an der TU Wien Vorlesungen. Die TU Wien verliert mit ihm einen ihrer bedeutendsten Wissenschaftler.

"Mit Prof. Heinz Zemank verliert die Technische Universität Wien einen herausragenden Techniker und Visionär", sagt Rektorin Sabine Seidler. "Mit seinem Innovationsgeist hat er Technikgeschichte geschrieben und bleibt dadurch der Scientific Community in höchst respektvoller Erinnerung. Das gesamte Kollegium verabschiedet sich in tiefer Trauer und wird das Wirken und Forschen Heinz Zemaneks in ehrenvollem Andenken weitertragen."

Heinz Zemanek studierte an der TU Wien und schloss sein Studium 1944 mit der Diplomarbeit "Über die Erzeugung von kurzen Impulsen aus einer Sinusschwingung" ab. Von 1947 bis 1961 arbeitete er an der TU Wien. Während dieser Zeit promovierte er (1950) und habilitierte sich schließlich 1958.

"Ich bin meinem Kern nach ein Ingenieur - und das heißt: wahr ist, was funktioniert."#

Heinz Zemanek sah sich selbst nicht in erster Linie als Theoretiker, sondern als Mann der Praxis: Unter seiner Führung wurde an der TU Wien von Mai 1956 bis Mai 1958 das "Mailüfterl" gebaut - einer der weltweit ersten Computer, die nicht mit Röhren, sondern ausschließlich mit Transistoren arbeiteten. Der Name "Mailüfterl" wurde von Zemanek in Anspielung auf die amerikanischen Röhrenrechner dieser Zeit gewählt, die Namen wie "Taifun" oder "Whirlwind" trugen. Der Wiener Rechner werde nicht deren Geschwindigkeit erreichen, meinte Zemanek, doch "für ein Mailüfterl werde es reichen."

"Heinz Zemanek war ein unglaublich motivierender Mensch", sagt Prof. Richard Eier, der in den Fünfzigerjahren bei Heinz Zemanek seine Diplomarbeit schrieb. "Er war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, sondern auch ein wichtiger Förderer für Generationen von Studierenden, an die er seine Begeisterung für die Computertechnologie weitergegeben hat."

Wien und IBM#

Die Computerfirma IBM kaufte der Republik Österreich den an der TU Wien gebauten Rechner ab und übernahm wesentliche Teile der Technik für die Entwicklung des ab 1964 sehr erfolgreichen 360er-Rechners. In Wien stellten sie Zemanek ein eigenes Labor zur Verfügung, wo er sich in weiterer Folge vor allem auf Programmiersprachen konzentrierte. Die "Vienna Definition Language" (VDL) und die "Vienna Development Method" erlangten in den 1970er Jahren internationale Bedeutung.

1976 wurde Zemanek vom damaligen Computerriesen zum IBM-Fellow ernannt und hatte dadurch die Möglichkeit, seine Aufgaben völlig frei zu wählen. 1964 wurde Zemanek an der TU Wien zum außerordentlichen Professor ernannt, 1983 zum ordentlichen Professor berufen. Mitte der 80er Jahre trat Zemanek in den Ruhestand - allerdings nur formal. Seinen Enthusiasmus für Forschung und Lehre behielt er bis ins hohe Alter. Zemanek hinterlässt ein wissenschaftliches Werk aus rund 500 Aufsätzen und sieben Büchern, darunter etwa "Weltmacht Computer" (1991) oder "Vom Mailüfterl zum Internet" (2001). "

Wiener Zeitung, Donnerstag, 17. Juli 2014