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Abschied vom Homo automobilis#

Wien kommt der Utopie einer autofreien Gesellschaft ein Stück näher#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 22. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Solmaz Khorsand


Immer mehr Wiener verzichten aufs Auto und gehen zu Fuß oder fahren Rad.#

Schrottautos
Gehört der fahrbare Untersatz bald der Vergangenheit an? Viele Wiener verzichten bereits heute auf ein Auto.
© apa

Wien. Der Autofahrer gehört einer bedrohten Spezies an. Zumindest in Wien. Das beweist eine aktuelle Studie des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ). Demnach legten im Vorjahr nur noch 27 Prozent der Wiener ihre Wege mit dem Pkw zurück, im Jahr 2000 waren es noch 37 Prozent. "Die Annahme, dass es ohne Auto nicht geht, ist falsch", sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer.

41 Prozent der Wiener Haushalte besitzen überhaupt kein Auto. Seit 2005 ist die Zahl der Autos in elf Bezirken trotz Bevölkerungswachstum gesunken, Spitzenreiter ist der Alsergrund. Hier hat sich trotz eines Bevölkerungsanstiegs von 423 Bewohnern die Zahl der Autos um 1167 reduziert.

Mit dem richtigen Mix in das Jahr 2030#

Der Autofahrer ist tot, lange lebe also der Fußgänger, Fahrradfahrer und Benützer von Straßenbahn, U-Bahn und Co.? Ist die autofreie Stadt zum Greifen nah?

"Mit Anreizen sicher, aber erzwingen lässt sich das nichts", sagt Thomas Woitsch, Pressesprecher des Autofahrerclubs Arbö. Ganz ersetzen werde man das Auto nicht können, vor allem wegen der Pendler. Zu wenig und zu teure Parkplatzmöglichkeiten würden es ihnen nicht erlauben ihren fahrbaren Untersatz an der Stadtgrenze stehen zu lassen und sich aufs Rad zu setzen oder die Straßenbahn zu benutzen. Auch das Gewerbe wird nicht auf das Auto verzichten können. Dass Lieferanten schwere Güter mit dem Fahrrad durch die Gegend transportieren, liege noch in weiter Ferne.

Auch Gratzer glaubt nicht an das Ende des Autofahrens. "Das wird es nicht geben, das ist auch nicht das Ziel", sagt Gratzer. Es ginge nur um den richtigen Mix.

Denn Wien steht vor großen Herausforderungen. Die Stadt wächst. Das Jahr 2030 bereitet Stadtentwicklern schon lange Kopfzerbrechen. Um 110.000 Menschen wird die Bevölkerung in Wiens Umland ansteigen, prognostiziert die Statistik Austria. Das sind 110.000 Männer und Frauen mehr, die in die Stadt pendeln werden - mit oder ohne Auto wird dann eine Frage ihrer Möglichkeiten sein. Wird es die entsprechenden Bahnverbindungen geben? Wie teuer kommt der Fahrschein? Oder gibt es gar einen Radhighway nach Londoner Vorbild? Auch die Stadt selbst wird um weitere 300.000 Einwohner anwachsen. Und für sie muss Platz gemacht werden. Zu ebener Erde und selbst in der Luft sind Projekte geplant, wie Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou ankündigt: "Wir müssen Platz zurückgewinnen und neuen Platz schaffen."

Neue Initiativen für das Wiener Fußvolk#

So befindet sich das Projekt "U4-Trasse" bereits in seiner ersten Phase. Geplant sind vier Decks, "vier schwebende Plätze", so Vassilakou, die zwischen Pilgramgasse und Margartengürtel entstehen sollen. Als Vorbild diente die New Yorker High Line, eine stillgelegte Hochbahntrasse im Westen Manhattans, die zu einem Park umgebaut wurde. Das Wiener Modell soll 2015 fertiggestellt sein - die "Wiener Zeitung" hat berichtet.

Doch mit schwebenden Plätzen allein ist es für Wiens urbane Bevölkerung nicht getan, befindet Gratzer. Er plädiert für breitere Gehsteige, so breit, dass zwei Zwillingskinderwägen problemlos nebeneinander Platz haben und man immer noch durchgehen kann. Außerdem müssten die Rotphasen bei Ampeln verkürzt werden, schließlich sei es "unzumutbar" für Fußgänger, bis zu zwei Minuten auf das grüne Gehsignal zu warten.

Der Fußgänger steht auf Vassilakous Agenda. Nach dem diesjährigen Fahrradjahr sollen in den nächsten Jahren ähnliche Initiativen für das Fußvolk gestartet werden. Mit der Erneuerung von Fußgängerzonen, wie die Meidlinger Hauptstraße, dem umstrittenen Projekt "Fußgängerzone Mariahilfer Straße" sowie weiteren Neugestaltungen des Südtiroler Platzes und des Schwedenplatzes, sind bereits die ersten Impulse für die urbanen Wiener gesetzt worden. In Zukunft sollen laut Vassilakou weitere Fußgängerrouten geschaffen werden, die nicht nur einzelne Bezirke miteinander, sondern verstärkt auch die Peripherie mit dem Zentrum verbinden sollen.

Kommt Wien damit der Vision einer autofreien Stadt näher?

Vassilakou lächelt: "Es wird immer private Autos geben." Vielleicht wird Wien keine autofreie Stadt, aber zumindest wird es autofreie Grätzel haben. Ein Modell gibt es bereits. Seit den Neunziger Jahren ist die Nordmanngasse in Floridsdorf eine autofreie Siedlung. Vielleicht ist es bald mehr als nur ein Modell.

Wiener Zeitung, Freitag, 22. März 2013