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Der Ingenieur aus Primör#

Zweimal gefeiert, zweimal vergessen: Zum 150. Todestag des Bahn- und Kanalbauers Luigi Negrelli oder: Wie Mehrsprachigkeit instrumentalisiert wurde.#


Von der Zeitschrift DIE FURCHE freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Wolfgang Bahr


Für den Ingenieur aus Primör ist nichts zu schwör: Man ist versucht, den Kalauer auf Luigi Negrelli anzuwenden, der am 23. Jänner 1799 im Welschtiroler Ort Fiera di Primiero das Licht der Welt erblickte und seine Augen am 1. Oktober 1858 in Wien für immer schloss. Denn den vielseitigen Mann auf das Projekt des Suezkanals zu reduzieren, greift zu kurz. „Deutsch ist Deine Muttersprache, / welsch des Vaters Art und Blut, / herrlich sich in Dir entfalte, / was in beiden Völkern ruht!“ Dies schrieb Negrellis Mutter ins erste Heft seines Tagebuchs. Der Vater mit genuesischen Wurzeln war begütert, doch kaum waren alle elf Kinder geboren, geriet das Dolomitental in die napoleonischen Wirren, und die Mitorganisation des Landsturms gegen die Franzosen brachte dem Vater einen fünfjährigen Gefängnisaufenthalt ein. Das Klischee des Danks vom Hause Habsburg bewahrheitete sich angesichts der nun verarmten Familie nicht: Kaiser Franz bedachte Luigi mit einem Stipendium, mit dessen Hilfe er in Feltre, Padua und Innsbruck ein Gymnasial- und Ingenieursstudium absolvieren konnte. Schon mit 19 Jahren trat Negrelli in den Dienst der Innsbrucker Baudirektion, deren Einzugsbereich damals vom Garda- bis zum Bodensee reichte. Nach Einsätzen etwa im Pustertal zog Negrelli 1826 nach Bregenz und erwarb sich bei der Rheinregulierung und anderen Kanalisierungen sowie Kirchenbauten rasch hohes Ansehen auch in der benachbarten Schweiz.

Die alemannischen Jahre#

1832 übersiedelte Negrelli mit seiner Familie nach Sankt Gallen, wo er als Straßen- und Wasserbauinspektor dreimal so viel verdiente wie in Vorarlberg. Der ehrgeizige Ingenieur hatte zwar in die Familie des Klagenfurter Fabrikanten Pircker von Pirkenau eingeheiratet, doch dessen Firma ging kurz danach pleite. 1835 wechselte Negrelli nach Zürich, wo er die Münsterbrücke entwarf und später die erste Schweizer Eisenbahn, die Spanisch-Brötli- Bahn nach Baden, konzipierte. Negrellis alemannische Jahre haben bewirkt, dass sein Name im deutschen Sprachraum heute vor allem in der Eidgenossenschaft und im Ländle präsent ist, und auch das heurige Gedenken hat dort seinen Schwerpunkt: In der Eisenbahn- Erlebniswelt „Locorama“ lief bis 28. September eine Negrelli-Ausstellung, die in adaptierter Form auch in Schwarzach und Lustenau gezeigt werden soll, und am 25. September referierte in Romanshorn Carla Camilleri vom Technischen Museum Wien über den dort lagernden Negrelli-Nachlass. 1840 verlagerte sich Negrellis Schwerpunkt nach Wien. Als Generalinspektor der Nordbahn und ab 1842 der Staatseisenbahn war er verantwortlich für den Ausbau der Strecken von Wien nach Stockerau, nach Olmütz und von dort nach Prag, von Brünn nach Böhmisch Trübau sowie von Lundenburg nach Oderberg; darüber hinaus leistete er Vorarbeiten für die Verlängerung von dort nach Auschwitz, Krakau, Lemberg und Czernowitz. In Prag ist der Negrelli-Viadukt nach der Karlsbrücke die älteste erhaltene Moldauüberquerung, und als der Kanal- und Bahnbauer 1850 nobilitiert wurde, wählte er im Hinblick auf Moldau und Elbe das Adelsprädikat „von Moldelbe“. Zwar benutzen die Züge nach Dresden heute eine andere Bahntrasse, doch nach 1989 wurde ein zwischen Wien und Prag verkehrender Euro City „Alois Negrelli“ benannt.

Von Prag bis Venetien#

Seine Tätigkeit im Arbeitsministerium der Revolution von 1848 wurde ihm vom Kaiserhof nicht angekreidet, und 1849 dankte ihm Radetzky überschwänglich für die rasche Wiederherstellung der Eisenbahnlinien im Königreich Lombardo-Venetien, die erst die Wiedereroberung Venedigs ermöglicht habe. Dass umgekehrt die Italiener Negrelli seine Hilfeleistung für die Konterrevolution nicht übel nahmen, verdankte der nunmehr in Verona Stationierte wohl dem Umstand, dass er in seinen Planungen das geeinte Italien vorwegnahm und die Wiener Politik zur Mäßigung mahnte. Die Kombination von Umgänglichkeit und Entschlossenheit, von fachlicher Qualifikation und Mehrsprachigkeit prädestinierte Negrelli schließlich für die Mitwirkung an jenem Projekt, mit dem er weltbekannt wurde und das er schon Metternich vorgelegt hatte: am Durchstich der Landenge von Suez. Hanni Helps formuliert es so: „Wenngleich das Ausmaß von Negrellis Beitrag zur tatsächlichen Erbauung des Kanals ungewiss ist, so steht fest, dass dieser in Übereinstimmung mit seinen Plänen aus dem Jahr 1847 ohne Schleusen und entlang der von ihm festgelegten Route gebaut wurde.“ Kurz vor seinem Tod wurde Negrelli, zuletzt Generaldirektor der österreichischen Staatseisenbahnen, vom ägyptischen Vizekönig Said zum Chefingenieur des Kanalbaus ernannt. Nach seinem Tod jedoch erlitt der hoch Geehrte das Gegenteil des sprichwörtlichen österreichischen Schicksals und geriet in eine Vergessenheit, aus der ihn erst Jahrzehnte später seine Tochter Maria Grois reißen sollte. Nur allzu österreichisch hingegen war der Kampf der Nationalitäten, die Negrelli nach seiner Wiederentdeckung für sich beanspruchten. Auf italienischer Seite kehrte zunächst Cesare Battisti in seinem 1912 erschienenen Führer durch das Valle di Primiero die Bedeutung des großen Landsmannes heraus. Unter Mussolini wurde Negrellis Name unverhohlen zur Legitimierung der Annexion Südtirols benutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte das Trentino mit kaum vermindertem Pathos an den faschistischen Negrelli-Kult an und forderte die Überführung des Leichnams in seinen

Wie die italienische Negrelli-Rezeption Aufschluss über den Bewusstseinswandel im Trentino gibt, so die deutschsprachige über jenen in Österreich. 1914 widmete die Stadt Wien dem auf dem Sankt Marxer Friedhof ruhenden Negrelli ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof; zur Beisetzung in dem ägyptisierenden Monument kam es freilich erst 1929. Das einflussreichste Dokument einer Vereinnahmung Negrellis für die deutsche Sache stellt zweifellos der „Tatsachenroman“ von Nikolaus Negrelli- Moldelbe dar, den dieser 1940 unter dem Titel „Die Lüge von Suez“ herausbrachte.

Der Urenkel des kosmopolitischen Ingenieurs ging über die Pflichtübungen, die nach dem Anschluss von einem früheren Mitglied der Vaterländischen Front gefordert waren, weit hinaus und betrachtete sein Werk als „Baustein zur Wiederaufrichtung der deutschen Weltgeltung“. In der Zweiten Republik sollte die Erinnerung an Negrelli zunächst genau von dieser Verirrung ablenken. Doch heute ist der „große Österreicher“ mit Ausnahme einiger Straßenbezeichnungen von der Bildfläche beinahe verschwunden.

Symptomatisch ist die Entfernung der Negrelli-Koje im Wiener Technischen Museum, bei dessen Neugestaltung man bewusst vom Kult der verkannten österreichischen Genies abrückte. Und als in Wien just an Negrellis 150. Todestag der einstige Baggerschlepper „Alois Negrelli“ seine Pforten zu der auf ihm installierten Dauerausstellung über die Donau öffnete, war kein Gedenken an den Namensgeber vorgesehen. Vielleicht also doch ein österreichisches Schicksal?