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Bleiben technische Katastrophen für immer im Gedächtnis?#

Andreas Vormaier

Im Unterschied zu Naturkatastrophen sind technische Katastrophen hausgemacht, vom Menschen und seinen technischen Aktivitäten verursacht. Zu den klassischen technischen Katastrophen zählen Tankerunglücke – eine Begleiterscheinung des weltweiten Hungers nach Erdöl, der jährlich mit fast 4 Milliarden Tonnen Rohöl gestillt wird. Supertanker mit einer Ladekapazität von bis zu 500.000 Tonnen Erdöl sind die größten beweglichen technischen Objekte der Erde. Einige Tankerkatastrophen, etwa die der Tanker Torrey Canon 1967 bei Cornwall, Amoco Cadiz 1978 an der bretonischen Küste oder Exxon Valdez 1989 an der ökologisch besonders sensiblen Küste Alaskas, blieben in Erinnerung. Im „Normalbetrieb“ – vor allem durch das Auswaschen der Tanks – gelangt allerdings mehr Erdöl ins Meer als durch Tankerunfälle.

Ob technische Katastrophen ins kollektive, von Medienberichten geprägte Gedächtnis eingehen, kann nicht allein mit dem Ausmaß der dadurch verursachten menschlichen Tragödien erklärt werden. Entscheidend dürfte eher sein, ob ein technisches Prestigeprojekt damit gescheitert ist und welcher sozialen Schicht die betroffenen Menschen angehört haben.

Berühmt wurde die Titanic, ein riesiges Passagierschiff für denTransatlantikverkehr zwischen England und den USA. Sie galt 1912 als technisches Meisterwerk. Die Untergliederung in sechzehn wasserdichte Abteilungen brachte ihr den Ruf ein, unsinkbar zu sein. Als sie aber auf ihrer Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidierte, versank sie innerhalb von zwei Stunden und 40 Minuten im Nordatlantik. 1.504 Menschen starben, darunter viele prominente Reisende der Luxusklasse.

Während die Titanic als Inbegriff einer technischen Katastrophe gehandelt wird und Thema zahlreicher Romane, Sachbücher und Filme ist, ist die General Slocum, ein Ausflugsschiff vom East River, dessen Brand acht Jahre vorher 1.100 Menschen, vor allem Frauen und Kindern armer deutscher Einwanderer, das Leben kostete, nur sehr wenigen bekannt, obwohl diese Katastrophe das Ende eines New Yorker Stadtteils, „Klein- Deutschland“, bedeutete.

Auch die Raumfähre Challenger, die 1986 aufgrund defekter Dichtungsringe zwischen zwei Treibstofftank-Abschnitten explodierte, wurde zum Mythos einer Katastrophe der Technik; weniger wegen der sieben Astronauten, die dabei ums Leben kamen, als wegen des Schadens am US-amerikanischen Selbstbild als führende Nation in der Weltraumforschung.

Im Vergleich dazu ist der Unfall in einer Chemiefabrik von Union Carbide/Dow Chemical in Bhopal, Indien, weniger im Gedächtnis geblieben. 1984 wurden dort 40 Tonnen Methylisocyanat in die Atmosphäre freigesetzt und trieben als Giftgaswolke dicht über dem Boden durch ein angrenzendes Elendsviertel. 1.600 Menschen starben sofort, bis heute ist die Zahl der Todesopfer auf über 20.000 gestiegen. Ein Fünftel der 500.000 Menschen, die dem Giftgas ausgesetzt waren, sind erblindet oder leiden an unheilbaren chronischen Krankheiten.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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