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Kleidung – selbst genäht oder Made in China?#

Hubert Weitensfelder

Kleidung schützt uns vor Frost und Regen, Wind und Sonne, vor Verletzungen und neugierigen Blicken. Als unsere zweite Haut reguliert sie das Verhältnis zwischen uns und der Umwelt und hält vor allem jene Wärme zurück, die der Körper benötigt.

Die Textilherstellung war jener Gewerbezweig, der am frühesten von der industriellen Revolution erfasst wurde; sie hat diese auch wesentlich mitbestimmt. Maschinen zum Spinnen, Weben, Wirken und Nähen zählten seit dem 18. Jahrhundert zu den beeindruckendsten technischen Errungenschaften. Ihre Einführung wurde vielfach erbittert bekämpft, da sie viele Arbeitsplätze kosteten.

Neben der Herstellungstechnik wechselten auch die verwendeten Fasern: Vor der Industrialisierung bestanden 70 Prozent der Kleidung aus Wolle und 30 Prozent aus Leinen. Sie wurden in hohem Maß von der Baumwolle abgelöst. Diese eignete sich nämlich besser für den Maschineneinsatz, war – obwohl sie importiert werden musste – kostengünstiger, hautfreundlich, weich und geschmeidig sowie einfach zu pflegen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden schon 80 Prozent der Textilien aus Baumwolle gefertigt. Bis heute ist Baumwolle die wichtigste Faserpflanze. Sie wird in riesigen Monokulturen angebaut, ist daher anfällig gegen Schädlinge und benötigt intensive Düngung. Nicht weniger als ein Fünftel der weltweit verbrauchten Düngemittel und Insektizide werden auf Baumwollfeldern eingesetzt.

Um 1900 tauchten auch erstmals künstliche Fasern auf dem Markt auf: Die Viskose, durch chemische Prozesse aus Baumwollabfällen und Holz gewonnen, erlebte in den 1920er und 1930er Jahre eine Glanzzeit. In den 1950er Jahren revolutionierten erste synthetische Chemiefasern den Textilmarkt: „Nylons“ ersetzten nun teure Damenstrümpfe aus Naturseide. Sie vergilbten allerdings rasch.

Heute sind die meisten Arbeitsplätze der europäischen Textilindustrie nach Asien abgesiedelt, wo niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten zur Preisdrückung dienen. Obwohl Textilien seit langer Zeit in Massen produziert werden, ermöglichen sie eine Vielfalt wie kaum ein anderes Konsumgut. Dazu tragen unter anderem 7.000 Textilhilfsmittel sowie mehr als 4.000 Farben und Farbhilfsmittel bei. Nichts eignet sich so gut wie Kleidung, Individualität und Stil auszudrücken.

Das Bedürfnis nach Schutz und Wärme ist inzwischen jenem nach Abwechslung gewichen: Eigentlich würden Textilien ihre Funktion sieben bis zehn Jahre lang bewahren, ehe sie abgenutzt sind. Zehn bis fünfzehn Prozent der gekauften Kleidung werden jedoch nie oder nur einmal getragen und sind damit eine reine Fehlinvestition.

Kleidungsexport aus China in Milliarden Dollar:

19864,05199625,03
19875,79199731,80
19886,99199830,04
19898,16199930,07
19909,66200036,07
199112,24200136,65
199216,70200241,30
199318,44200352,06
199423,73200461,85




Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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